Kriegsende (III): Amerikaner besetzten am 17. April 1945 die Stadt und ordneten das öffentliche Leben

Besetzung am 17.4.45 Spitaltor

Amerikanische Soldaten am 17. April 1945 an der Spitalbastei

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Von Hans Wirsching (†)

Gegen 9 Uhr früh hatten die amerikanischen Truppen die Stadt von Osten, Norden und Westen umgangen und rückten sternförmig zum Markt­platz vor. Am Rathaus unter der Altane war die Schutz­polizei in Linie aufgestellt und der Führer der­selben stellte sie dem amerikanischen Offizier zur Verfügung. Dieser ließ sofort die Waffen ablegen. Die Polizeiwache wurde von den Truppen besetzt. Weiterlesen

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Kriegsende (VI): Kreisleiter E. Höllfritsch evakuierte Frauen und Kinder, um die Stadt bis zum letzten Mann zu verteidigen – doch mit dem Rückzug der Wehrmacht verschwand auch er

Vorbemerkung: Dieser Text wurde am 8. April 1958 in der „Stuttgarter Zeitung“ veröffentlicht. Der Autor Karl Seeger war „Standortoffizier“ in Rothenburg und schildert aus eigenem Erleben die damaligen Ereignisse. Widersprüche in den in dieser Online-Dokumentation veröffentlichten Aussagen und Schilderungen der Beteiligten von damals zum Thema Kriegsende in Rothenburg sind unverkennbar und bemerkenswert. – Der Zeitungsartikel hier ist ungekürzt wiedergegeben. Wir haben lediglich die Rechtschreibung der inzwischen erfolgten Reform angepasst und wegen einer besseren Lesbarkeit Zwischenzeilen gesetzt. Weiterlesen

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Kriegsende (V): Der frühere Standortoffizier Karl von Seeger schildert seine Auseinandersetzungen mit dem Kreisleiter in den Tagen vor der amerikanischen Besetzung Rothenburgs

Vorbemerkung: Diesen Text verfasste der damalige Standortoffizier Karl von Seeger am 14. Juni 1946. Darin schildert er aus eigenem Erleben die damaligen Ereignisse. Der Autor war Offizier der Wehrmacht. In der Nachkriegszeit betonten ehemaligen Stabsoffiziere und Generale in Veröffentlichungen und Zeugenaussagen vor den Gerichten immer wieder, wie ehrenvoll die Wehrmacht gekämpft und sich auch so der eigenen und besiegten Bevölkerung und Soldaten gegenüber verhalten hätte. Darüber gibt es Nachkriegs-Absprachen. Mit dem Zeigen auf die Verbrechen der anderen (SS) wollten die ehemaligen Wehrmachtsoffiziere von den eigenen Verbrechen ablenken, sie vertuschen, was ihnen schließlich auch über Jahrzehnte hinweg gelang. Ohne der Person des Berichterstatters etwas unterstellen zu wollen, erinnern doch einige seiner Formulierungen an solches Verhalten früherer Wehrmachtsoffiziere. – Der Zeitungsartikel hier ist an zwei Stellen gekürzt wiedergegeben. Die Kürzungen sind an anderer Stelle thematisch eingeordnet (Lynchmorde). Zudem haben wir die Rechtschreibung der inzwischen erfolgten Reform angepasst und wegen einer besseren Lesbarkeit Zwischenzeilen gesetzt (W. St.). Weiterlesen

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Die Verhinderung der Zerstörung der Stadt bei der Einnahme am 16. und 17. April 1945 ist in den Darstellungen einiger der Beteiligten widersprüchlich

Eintrag William M. Dwyers in das Goldene Buch der Stadt 1951

Eintrag William M. Dwyers in das Goldene Buch der Stadt 1951

Von Wolf Stegemann

Nach der Durchsicht vorliegender Berichte derer, die in der Mitte April 1945 dabei waren, als es um die Bewahrung Rothenburgs vor dem zerstörerischen Beschuss der Amerikaner unmittelbar vor ihrem Einmarsch in Rothenburgs ob der Tauber mit Panzern und Infanterie ging, kommt man im Vergleich und in der Abwägung aller Aussagen zu dem Schluss, dass die zeitnahen Schilderungen zumindest verworren sind und den Verdacht nähren, dass der eine oder andere sich selbst zu sehr in die Mitte des Geschehens rückte und sich als „Retter der Stadt“ vor weiterer Zerstörung gesehen hat. Retter der Stadt waren sicherlich nicht der Rothenburger Stadtamtmann Hans Wirsching und schon gar nicht der SS-General Max Simon, der sich später vor Gericht in Ansbach von seinem Verteidiger so nennen ließ.

US-Parlamentäre nötigten den deutschen Stadtkommandanten

Vielmehr waren es die Amerikaner selbst, von denen der geglückte Versuch ausging, die Reste der mittelalterlichen Stadt vor der weiteren Zerstörung zu bewahren. Dies glückte, weil die mit einer weißen Fahne am 16. April losgeschickten sechs US-Parlamentäre in dem Regimentskommandeur des 79. Grenadier-Regiments, Stadtkommandant Major Fritz Thommes, auf einen Mann stießen, der auf die Unterhandlung mit Nötigung der Parlamentäre einging (siehe: „Sechs US-Parlamentäre überredeten den Kommandanten von Rothenburg kampflos abzuziehen…“ in dieser Dokumentation). Er sagte zu den Parlamentären, dass er die Stadt zwar nicht kampflos übergeben dürfe, sicherte aber durch Rückzug aller militärischen Kräfte zu, dass Rothenburg kampflos und somit ohne Zerstörung anderntags besetzt werden könne.

Diese Aktion wurde in amerikanischen politischen und militärischen Kreisen als „Aktion McCloy“ bekannt, die mit einem Gespräch zwischen John McCloy, zu dieser Zeit stellvertretender US-Kriegsminister und nach dem Krieg US-Hochkommissar für Deutschland, und General Jacob Devers, Kommandant der 6. US-Armee, zu­stande gekommen war. In einem Brief McCloys vom 10. August 1950 beschreibt er die damalige Situation:

„Im Hauptquartier von General Devers wurden mir die Pläne für den bevorstehenden An­griff auf Rothenburg dargelegt. Sie sahen schwerstes Artilleriefeuer vor. Ich gab dem General zu bedenken, welche Schande es sei, in den letzten Tagen des Krieges eine Stadt von solchem historischen Interesse und von solch seltener Schönheit zu zerstö­ren … Ich schilderte General Devers die Rolle der Stadt im 30-jährigen Krieg und die Geschehnisse des Meistertrunks. Der General erklärte ohne Zögern, er glaube nicht, dass es nötig sei, die Stadt zu zerstö­ren, und gab mit Bestimmtheit den Befehl, ihre Übergabe zu erwirken.“

Diese Zeilen schickte McCloy an William M. Dwyer, der in Lawrenceville, New Jersey, wohnte, und der einer von sechs Sol­daten der 4. US-Infanterie-Division war, die am 16. April 1945 „unter weißer Fahne nach Rothenburg ob der Tauber beordert“ worden waren, um „die Übergabe zu ver­handeln“. An diese Mission erinnerte sich Dwyer, der 1951 Rothenburg als Tourist besuchte, und sich ins Goldene Buch der Stadt einschreiben durfte:

„An jenem Nachmittag im April schritten wir in ein Tal, in dem ein Feuergefecht stattfand. Nach fast drei Stunden trafen wir auf Ma­jor Fritz Thommes, einen Offizier der 79. Grenadier-Division.“

Der Major habe ihm später berichtet, so Dwyer, dass er zu diesem Zeitpunkt vom XIII. SS-Panzerkorps (SS-General Max Simon) den Befehl erhal­ten hatte, „jedem Angriff des Feindes Wi­derstand“ zu leisten. Major Thommes hat nach der Unterhandlung mit den US-Parlamentären seinen direkten Vor­gesetzten in Nürnberg über das Treffen mit den sechs Amerikanern folgendes berichtet:

„Im Lau­fe der Verhandlungen gaben die Amerika­ner zu verstehen, dass bei einer Verweige­rung der Übergabe der Stadt diese dem Erdboden gleich gemacht werden würde. Da ich … der sofortigen Übergabe der Stadt nicht zustimmen konnte, gab ich fol­gende Antwort: Ich stimme Ihnen zu, muss jedoch darauf bestehen, dass alle Kampf­handlungen in der Nähe der Stadt einge­stellt werden, während ich die Erlaubnis zur formellen Übergabe bei meinen Vorge­setzten einhole. Ich nahm es auf mich, Be­fehle zu erteilen und Schritte zu ergreifen, die diesen zeitweiligen Waffenstillstand er­möglichten, und die dazu führten, dass die amerikanischen Truppen die Stadt am nächsten Morgen kampflos in Besitz nah­men.“

Hans Wirschings andere Erinnerungen

Die am 8. September 1947 erstellten Aufzeichnungen des Stadtamtmanns Hans Wirsching, den die Amerikaner nach der Besetzung zum Landrat machten, widersprechen der Version des amerikanischen Offiziers. Der amtierende Stadtamtmann Hans Wirsching erinnerte sich, dass bereits zwei oder drei Tage vor der Besetzung der Stadt der „Buchdruckereibesitzer und Führer des NS-Reitersturms Hermann Schneider“ ihn „flehendlichst“ bat, er, Wirsching, möge sich bei den Amerikanern einsetzen, dass die Stadt kampflos übergeben werde. Hans Wirsching meinte daraufhin, dass sich Schneider an den NSDAP-Kreisleiter wenden müsse, denn er, Wirsching, sei hier machtlos. Dann machte sich Hans Wirsching, der als Stadtamtmann dem NS-Regime im Rathaus zwölf Jahre lang treu diente, zum Widerstandskämpfer, indem er seinem Gesprächspartner Schneider den unglaublichen Satz sagte: „Ich sei ja an und für sich einer von den Leuten, die als Miesmacher und Verräter auf der schwarzen Liste stehen.“

Amerikanischer Jeep angeblich alleine auf der Doppelbrücke

Sicherlich erleichtert, in Rothenburg einen solchen Mann gefunden zu haben, machten ihn die Amerikaner nach der Besetzung zum Landrat, setzten ihn aber einige Wochen später wieder ab und brachten ihn ins Zuchthaus Amberg, als sich herausstellte, dass er im berüchtigten Entnazifizierungs-Fragebogen falsche Angaben zu seiner Nähe zur NSDAP gemacht hatte.
Zurück zu den Widersprüchen. Hans Wirsching verlegte das Eintreffen eines amerikanischen Jeeps auf der Doppelbrücke mit weißer Flagge und nur einem Parlamentär auf den 14. April. Die amerikanischen Parlamentäre waren nachweislich aber zu sechst und sind am 16. April in einem deutschen Militärfahrzeug und mit verbundenen Augen in die Stadt und im Wildbad zum Stadtkommandanten gebracht worden. Hans Wirsching schreibt, dass der in dem US-Jeep sitzende Offizier verlangte, vor den Kampfkommandanten geführt zu werden, was auch geschah. Und alles Weitere will der Zivilist Hans Wirsching bei den Militärs veranlasst haben. Er forderte die Wehrmachtsstellen in Rothenburg auf, „in Anbetracht der feindlichen Übermacht, der drohenden Umklammerung und im Interesse der alten Stadt die Verteidigungslinie“ zurück zu nehmen.
Zwei Tage später hätte ihn der Standortoffizier Karl von Seeger informiert, dass die Wehrmacht in der Nacht zum 17. April abziehen werde. Daraufhin habe er, Wirsching, einen französischen Zwangsarbeiter als Parlamentär zum amerikanischen Kommandanten in Tauberzell mit der Meldung geschickt: „Die Stadt Rothenburg sei von allen Verteidigungstruppen geräumt und werde kampflos übergeben.“

Widerspruch zur den präzisen Erinnerung Dwyers

Diese Darstellung Wirschings steht nicht nur im Widerspruch zur Logik militärischer Ablaufe bei solchem Handeln, sondern auch zu den präzisen Erinnerungen der amerikanischen Parlamentäre, die über ihr Funkgerät ihren Kommandeur vor Rothenburg benachrichtigt hätten, sowie zu den späteren Veröffentlichungen der 1945 in Rothenburg beteiligten deutschen Offizieren Thommes und Karl von Seeger.

Früherer Kampfkommandant lehnte Rettungslorbeeren ab

Der damalige Oberstleutnant Fritz Thommes, der eigentlich die Räumung der Stadt befohlen hatte, war der einzige, der sich nach 1945 am Wettrennen um ihre Rettungslorbeeren, nicht beteiligte. Er schrieb am 8. April 1950 an Oberbürgermeister Hörner:

„Meine grundsätzliche Einstellung zu den Zusammenhängen der Übergabe Ihrer Stadt ist die, … (dass ich) für meine Person keinerlei Verdienste in Anspruch nehme und auch die Nennung meines Namens im Zusammenhang mit Rettung Ihrer Stadt vor der Zerstörung unter keinen Umständen wünsche. Ich habe nur das getan, was  mir angesichts der damaligen Lage mein Gewissen und mein Verantwortungsbewusstsein … zu tun geboten (hat).“

Männer der ersten Stunde nach „Null“ standen für den zivilen Aufbau bereit

Nach der Besetzung der Stadt und Einrichtung der amerikanischen Militärregierung meldeten sich die Männer der ersten Stunde des Überlebens der Bevölkerung. Stadtamtmann Wirsching nennt dabei den Kaufmann Schürer und bezeichnet ihn als „angeblichen KZ-Insassen“ aus Steinsfeld, den Kaufmann Thinius, den Mechanikermeister Brühschwein, den Verwaltungsführer Boas (vorher Flugmodellbauschule), den Kunsthändler Ernst Geißendörfer jun., den Rentier John Friedle (längere Zeit in San Franzisko) und den Schlosser Hans Tripps. Damit begann der zivile Aufbau einer Verwaltungsstruktur unter Aufsicht der Amerikaner, wo Hans Wirsching seine Verdienste hat, die hier nicht in Abrede gestellt werden. Lediglich seine selbsternannte Rolle als „Retter der Stadt“, in der er noch viele Jahre danach, zuletzt 2013, auch zu einem Zeitpunkt, als diese schon nicht mehr haltbar war, gesehen wurde. Eine andere Darstellung der Ereignisse William M. Dwyers aus den USA in Briefen an den Bürgermeister und in Artikeln des „Fränkischen Anzeigers“ in den 1950er- und 1960er-Jahren blieben in Rothenburg unwidersprochen. Auch revidierte Hans Wirsching, mittlerweile Ehrenbürger der Stadt, seine Retter-Rolle nicht.

Zivilisten mischten ergebnislos beim Militär mit

Hans Wirsching ist nicht der einzige, der diese Rolle direkt oder indirekt für sich beanspruchte.  Auch der Standortoffizier Dr. Karl von Seeger tat dies bereits am 30. Juni 1946 in einem Schreiben an die Stadt Rotheburg:

„Ich war mir völlig bewusst, dass jeglicher Widerstand zwecklos sei und dass das Ganze mit der Zerstörung der Stadt enden würde. Ich erwog deshalb alle Möglichkeiten zur Rettung der bereits so schwer geprüften Stadt. So erwog ich den Gedanken, auf eigene Faust zu handeln und unmittelbar den Amerikanern die Übergabe anzubieten. … Ich setzte deshalb meinen ganzen Einfluss dafür ein, dass Rothenburg sofort geräumt würde. Nach langen Verhandlungen am 16. April mit dem Kommandeur der 79. Volksgrenadier-Division wurde endlich erreicht, dass Rothenburg in der Nacht vom 16. auf den 17. April zu räumen sei.“

Wenn Karl von Seeger im Gegensatz zu Wirsching den zeitlichen Ablauf richtig darstellte, so unterschlägt auch er die sechs US-Parlamentäre, die am 16. April den Stadtkommandanten ein Ultimatum innerhalb von Stunden zur kampflosen Aufgabe der Stadt gestellt hatten, auf das der Stadtkommandant Thommes eingegangen war.

Legendenbildung um die Retter der Stadt Roethenburg

Am 10. Dezember 1948 schrieb Hans Wirsching in seinem Bericht „Notizen über die militärische Lage der Stadt Rothenburg o. T. im April 1945“ von „Legendenbildung“, die „zu unterbinden“ sei. Daher betonte er nochmals, dass er es war, der, nachdem „der Parlamentär“ weggegangen war, mit dem „Kampfkommandanten sofort die militärische Lage“ besprochen hätte, wobei beide „beschlossen“ hätten, „ohne das Oberkommando weiter zu verständigen, unsere Truppen auf die Frankenhöhe zurückzuziehen, den Obergruppenführer Simon und den Kreisleiter Höllfritsch also vor eine vollendete Tatsache zu stellen“. Der Kampfkommandant in Wildbad gab, es war inzwischen Abend geworden, sofort die nötigen Anordnungen“ für den Ruckzug der deutschen Soldaten.

Diese Aussage steht wiederum im Widerspruch zu der des Standortoffiziers Karl von Seeger, der mit dem Kampfkommandanten dies besprochen und darüber entschieden haben will, was wahrscheinlicher sein dürfte. Erst nach der militärischen Entscheidung sei der Zivilist Hans Wirsching darüber informiert worden.

Hotelier Pirner gab an, auch mit einem US-Parlamentär verhandelt zu haben

Auch betrat der Hotelier Georg Pirner („Eisenhut“) die Bühne des Geschehens. Noch im Mai 1945 schrieb er sein Erlebnis um die Bemühungen mit den Amerikanern auf. Der Polizist Hörber sei zu ihm ins Hotel gekommen und habe ihm mitgeteilt, dass ein amerikanischer Soldat am 17. April 1945 um sieben Uhr bei ihm auf der Wache eingetroffen sei und niemand könne sich mit ihm verständigen. Also ging Georg Pirner mit zur Polizeiwache, wo bereits der amtierende Bürgermeister Erhard und Polizei-Oberleutnant Drossel sowie andere anwesend waren. Der US-Soldat fragte die Anwesenden, „ob die Stadt gewillt war, sich zu ergeben“.  Sowohl Bürgermeister wie auch der Polizei-Oberleutnant glaubten dem Amerikaner nicht und meinten, dass die Amerikaner doch keinen „gewöhnlichen Soldaten“ zur Übergabe schicken würden. Bürgermeister Erhard betonte immer wieder, dass er nicht zuständig sei, was Georg Pirner in dem Schreiben bezweifelte.

Ergebnislose Fahrt zum Standortältesten nach Gebsattel

Hans Wirsching bestätigte in einem schriftlichen Bericht („Nachträge und Ergänzungen“) vom 8. September 1947 das Geschehen auf der Polizeiwache und beschriebt den Fortgang dieser Geschichte: Der Parlamentär wurde in ein Auto gesetzt und mit dem Garagenbesitzer Rettinger als Fahrer, Polizei-Oberleutnant Drossel und einem Jungen namens Melzner, der eine große weiße Fahne trug, nach Gebsattel gefahren. Im dortigen Schloss hatte der Standortälteste Wilhelm Rosenau Wohnsitz. Als Dolmetscher fuhr Ernst Geißendörfer mit. Unverrichteter Dinge kamen sie wieder zurück, weil der Kampfkommandant dort nicht aufzufinden war, sondern im Wildbad seinen Gefechtsstand hatte. Dort erfuhren sie, dass sich der Stab in die Haltemühle abgesetzt hatte, wo die drei Rothenburger Zivilisten mit der weißen Fahne auf den berüchtigten SS-General Max Simon stießen. Dieser soll laut Wirsching erklärte haben: „Die Stadt Rothenburg ist geräumt, es sind keine Truppen mehr dort!“ Andere Zeugen sagten aus, dass Simon getobt habe, als er hörte, dass Rothenburg geräumt werde und gesagt haben soll, man müsse zurückgehen, um den Saustall dort zu beenden.
Ob es jemals gelingen wird, diese widersprüchlichen Aussagen, Weglassungen und Verkettungen von Erinnerungen um die „Rettung“ der Stadt vor Artilleriebeschuss zu lösen? Vielleicht wäre dies einer geschichtswissenschaftlichen Analyse vorbehalten.

  • Siehe auch: „Sechs US-Parlamentäre überredeten den Kommandanten von Rothenburg kampflos abzuziehen…“; „Kriegsende I …“  und „Kriegende II …“; „Die ,Befreiung’ 1945. Erstmals sahen wir farbige US-Soldaten…“; Hans Wirsching, ein pflichtversessener Diener der nationalsozialistischen Gewalt …“ in dieser Online-Dokumentation.

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Quellen: Im Text angegeben. Zudem: „Ehemaliger amerikanischer Soldat  … auf der Suche nach der Vergangenheit“ in „Stuttgarter Nachrichten“ vom 13. März 1985. – „Die Rettung Rothenburgs ob der Tauber“ in „Stuttgarter Zeitung“ vom 8. April 1958. – Dieter Balb (diba) „Zeitzeugenbericht: „Der Junge mit der weißen Fahne“ im „Fränkischen Anzeiger“ vom 31. Mai 2013. – Schriftverkehr im Stadtarchiv Rothenburg ob der Tauber. – Telefonische Informationen aus Recherchen von Ulrich Nohl, Bettenfeld, 2015.

 

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Erinnerungen an Rothenburg I – Erika Probst, gerade 20 Jahre alt, konnte nur schwer glauben, dass Hitler ein Verbrecher war. Amerikaner vor die Stadt – sie floh

Wörthmann-BuchtitelVorbemerkung: 19. August 2014. – Dieser Text ist ein Auszug aus dem 2012 erschienenen Buch der 1924 in Rothenburg geborenen Erika Wörthmann, das sie unter dem Titel „Erika lach nicht! Die alltägliche Geschichte einer Kindergärtnerin (1947-1952)“ im „book on demand“-Verfahren herausgegeben hat.  Nach dem Krieg heiratete Erika Probst Richard Wörthmann. Sie starb im Juni 2014 in Rothenburg ob der Tauber. Ihr Vater, Karl Propst, war Vermessungsbeamter bei der Stadt Rothenburg. Die Tochter Erika lernte als Kindergärtnerin und war im erwähnten Zeitraum ihrer Erinnerungen in verschiedenen Gemeinden als Kindergärtnerin tätig wie Nürnberg, Neuendettelsau, Gunzenhausen und Ipsheim. Immer wieder kehrte sie in dieser Zeit nach Rothenburg zurück, um ihre Eltern zu besuchen, im Urlaub, um ihrer Mutter beim Kriegsende beizustehen, als der Vater beim Volkssturm und anschließend kurze Zeit in amerikanischer Gefangenschaft war. Wo sie auch immer war, stets erinnerte sie sich an Geschehnisse in Rothenburg, auch weiter zurückbesinnend an das Jahr 1933. So beschreibt sie aus der Sicht eines jungen Mädchens das, was sie im nationalsozialistischen Rothenburg gesehen und erlebt hat und versucht, es aus zeitnahem Wissen bzw. Nichtwissen einzuordnen. Dabei scheint sie da oder dort auch damaliges Wissen mit dem heutigen vermengt zu haben.

Ihre Familie war nationalsozialistisch, dennoch mochte sie ihren Vater nicht in der braunen Uniform und in Stiefeln sehen. Da war sie gerade neun Jahre alt. Sie mochte ihn als freundlichen Herrn, der seinen Hut zum Grüßen abnahm, wie sie schreibt. Sie selbst war ebenfalls ns-organisiert, etwas Anderes kannte sie nicht. Als junges Mädchen verehrte sie Hitler zutiefst und konnte nach Kriegsende gar nicht glauben und schon gar nicht begreifen, dass ihr „Parzival“ ein Verbrecher war. Anfangs fragte sie sich, ob die Nachrichten über den millionenfachen Mord an Juden und anderen nicht doch Feindpropaganda seien! Ihre Sprache ist einfach und eindringlich. Faszinierend ist ihre Offenheit in der Darstellung ihrer Sicht auf das, was sie als Mädchen und junge Frau in Rothenburg vor 1945 und danach erlebt und gesehen hat. Eine Sichtweise, die einfach ist und nicht in der Weise geschönt wie bei vielen Politiker und Amtsvertretern. – Für die nachfolgenden drei Artikel haben wir aus 140 Seiten Textpassagen ausgewählt und hier mit angepasster Rechtschreibung unkommentiert veröffentlicht – W. St. Weiterlesen

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Erinnerungen an Rothenburg II: Aus dem US-Gefangenenlager Heilbronn entlassen. Zuhause wartete die Familie mit Freude, aber auch die Entnazifizierung – Brief des Vaters an die Tochter

Wörthmann-BuchtitelVorbemerkung: 19. August 2014. – Die 1924 geborene Rothenburgerin Erika Probst, später verheiratete Wörthmann, lernte und arbeitete als evangelische Kindergärtnerin in verschiedenen Einrichtungen u. a. in Neuendettelsau, Nürnberg, Gunzenhausen, Ipsheim. Danach war sie Flakhelferin im Norden und erlebte die so genannte Stunde Null in ihrer Heimatstadt Rothenburg ob der Tauber. Als sie in den ersten Nachkriegsmonaten wieder in Nürnberg war, erhielt sie von ihrem Vater einen Brief aus Rothenburg, in dem er ihr schrieb, wie es ihm in der kurzen Kriegsgefangenschaft ergangen ist und er nun wieder bei der Familie in Rothenburg sei. Aus seinem Schreiben geht hervor, dass der Vater noch nicht in der veränderten Gegenwart angekommen zu sein scheint. Die Menschen in der Mitte des Jahres 1945 mussten nicht nur in den Trümmern ihrer Stadt leben, sondern auch im Trümmerfeld ihrer Seelen und mussten das erst begreifen – Erika Wörthmann, die Tochter, schrieb ihre Erinnerungen an die Zeit zwischen 1943 und 1952 auf und veröffentlichte sie in dem Buch „Erika lach nicht! Die alltägliche Geschichte einer Kindergärtnerin“. Weiterlesen

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Erinnerungen an Rothenburg III: „Der Krieg ist aus! Der Krieg ist aus!“ – begeistert wirft ein Soldat sein Käppi in die Luft. Nun sind wir besiegt – zurück nach Rothenburg

Vorbemerkung: 19. August 2014. – Dieser Text ist ein Auszug aus dem Buch der in Rothenburg 1924 geborenen Erika Wörthmann (geborene Probst), das sie unter dem Titel „Erika lach nicht! Die alltägliche Geschichte einer Kindergärtnerin (1947-1952)“ im „book on demand“-Verfahren vor wenigen Jahren herausgegeben hat (o. J.).  Nach dem Krieg heiratete Erika Probst Richard Wörthmann. Sie starb im Juni 2014 in Rothenburg ob der Tauber. Weiterlesen

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