Kriegsende (VI): Kreisleiter E. Höllfritsch evakuierte Frauen und Kinder, um die Stadt bis zum letzten Mann zu verteidigen – doch mit dem Rückzug der Wehrmacht verschwand auch er

Vorbemerkung: Dieser Text wurde am 8. April 1958 in der „Stuttgarter Zeitung“ veröffentlicht. Der Autor Karl Seeger war „Standortoffizier“ in Rothenburg und schildert aus eigenem Erleben die damaligen Ereignisse. Widersprüche in den in dieser Online-Dokumentation veröffentlichten Aussagen und Schilderungen der Beteiligten von damals zum Thema Kriegsende in Rothenburg sind unverkennbar und bemerkenswert. – Der Zeitungsartikel hier ist ungekürzt wiedergegeben. Wir haben lediglich die Rechtschreibung der inzwischen erfolgten Reform angepasst und wegen einer besseren Lesbarkeit Zwischenzeilen gesetzt.

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Ausriss  aus der “Stuttgarter Zeitung” vom 8. April 1958

Die Rettung Rothenburgs ob der Tauber
Ein Bericht des ehemaligen Standortoffiziers über die Vorgänge in den Apriltagen des Jahres 1945 – Von Dr. Karl von Seeger

 Im Prozess gegen den ehemaligen SS-General­leutnant Max Simon hat der als militärischer Sach­verständiger geladene ehemalige Generalfeldmar­schall Albert Kesselring die Behauptung aufgestellt, Simon habe im April 1945 Rothenburg nicht ver­teidigen lassen und hierdurch die Stadt vor Zer­störung gerettet. Als ehemaliger Standortoffizier glaube ich mich verpflichtet, zu der Aussage Kessel­rings Stellung zu nehmen.

„Führerentscheidung“ im Januar: Rothenburg keine Lazarettstadt

Am 1. Januar 1945 war ich zum Standortoffizier ernannt worden. Vom ersten Tage meines Dienst­antritts an versuchte ich, alles zu tun, was zur Er­haltung dieses Kleinods unter den deutschen Städten beitragen könnte. Die fast täglichen Flüge amerika­nischer Luftstreitkräfte waren eine Mahnung, die unbedingt zum Handeln zwang. Sollte Rothenburg vor einem Angriff bewahrt bleiben, so gab es prak­tisch nur eine Lösung: Die Erklärung zur Lazarett­stadt. Schon bei der ersten Besprechung bei der zuständigen Parteidienststelle wurde mir jedoch die Gewissheit, dass dagegen bei der Partei stärkster Widerstand zu erwarten war. Dabei wäre es damals ein leichtes gewesen, die wenigen Einheiten, die zu­dem von geringer militärischer Bedeutung waren, auf verschiedene Ortschaften der Umgebung zu ver­teilen. Auf den eingehenden Bericht der Komman­dantur an das Oberkommando des Heeres kam schon bald die Antwort, die „Führerentscheidung“ sei gegen eine Erklärung Rothenburgs zur Lazarett­stadt ausgefallen. Wieder einmal, wie so oft, hatte die Partei über die Wehrmacht triumphiert.

Feindsender BBC berichtete über Rothenburg

In der letzten Märzwoche 1945 hatte das Stell­vertretende Generalkommando in Nürnberg bei mei­ner Dienststelle telefonisch angefragt, ob es nicht notwendig sei, dass zur Hebung der Stimmung der Bevölkerung der Gauleiter und der Kommandierende General zur Bevölkerung sprechen sollten. Ich ver­neinte und wies darauf hin, dass ein solches Vor­gehen eher zur Beunruhigung der Bevölkerung führen würde.

Ein paar Tage darauf wurde der Kommandantur mitgeteilt, dass am 31. März um 11 Uhr der Gau­leiter und der Wehrkreiskommandeur nach Rothen­burg kämen. Spät am Abend des 30. März kam ein Vertrauensmann zu mir und brachte die Meldung, der Londoner Sender habe den Besuch von Wehr­kreiskommandeur und Gauleiter angekündigt. Die Nachricht hätte meiner Ansicht nach auch lauten können, morgen erfolge ein Luftangriff. Ich ver­ständigte sofort einige mir als zuverlässig bekannte Rothenburger. Leider sollte ich recht behalten. Am Karsamstag, dem 31. März, vormittags, heulten die Sirenen. Wenn auch der nun folgende Angriff von nur kurzer Dauer war, so war dennoch seine Wir­kung durch Brand- und Sprengbomben verheerend. 306 Häuser wurden völlig zerstört, 46 Scheuern, zwei Fabriken brannten ab und über 700 Bewohner wur­den obdachlos. Von bekannten Kulturbauten waren die beiden Obergeschosse des herrlichen Rathauses aus der Renaissancezeit dem Brande zum Opfer ge­fallen, ferner das Gymnasium, ebenfalls der Re­naissance entstammend, das Judentanzhaus aus dem Ende des 16. Jahrhunderts, Markus- und Weißer Turm, Röder- und Würzburger Tor, ebenso 750 Meter der mittelalterlichen Wehranlagen. Die Zerstörungen bedeuteten einen Verlust von 40 Prozent der Altstadt Rothenburg.

Mir war vollkommen klar, dass entweder ein neuer Luftangriff folgen oder dass bei einem weiteren Vor­rücken der Amerikaner die Stadt einem Artillerie­angriff preisgegeben würde. In der Stadt selbst drängten die Ereignisse zur Entscheidung. Vor allem galt es die Maßnahmen der Partei zu durchkreuzen, mochte der Kampf noch so schwer werden. Leider fand ich bei den zuständigen Wehrmachtsdienst­stellen in Nürnberg und Ansbach nicht die geringste Unterstützung. Inzwischen rückte die Front immer näher und drohte zur tödlichen Umklammerung zu werden.

McCloy wollte eine weitere Zerstörung der Stadt verhindern

In jenen kritischen Tagen nun befand sich McCloy, später der Hohe Kommissar, in seiner damaligen Eigenschaft als stellvertretender Staatssekretär im amerikanischen Kriegsministerium auf einer Fahrt entlang der Front vor Rothenburg. Amerikanischer Abschnittskommandeur war General Devens. Aus einer Besprechung mit diesem erfuhr McCloy, dass ein Angriff geplant sei, dem eine durch die Stadt Rothenburg hindurch gehende Feuerwalze vorangehen sollte. Auf die Frage von McCloy, ob es wohl mög­lich sei, die Beschießung der Stadt zu vermeiden, antwortete General Devens, dass dies geschehen könne, wenn er die Gewissheit habe, dass die Stadt nicht als Stützpunkt für weiteren Widerstand dienen würde.

Der Ring der amerikanischen Armee hatte sich immer enger um Rothenburg zusammengezogen. Blaufelden, Schrozberg, Creglingen, Tauberzell, Tau­berscheckenbach, Neustett. Oberscheckenbach, Steins­feld und Gattenhofen wurden am 15. April durch die Amerikaner besetzt. Der von General Simon an die 79. Volksgrenadierdivision gegebene Befehl lautete: Verteidigung gegen jeden feindlichen Angriff und somit unbedingtes Halten der im linken Divisions­abschnitt zu verteidigenden Stadt Rothenburg.

Kreisleiter empfahl den Abzug von Frauen und Kindern

Die Division umfasste etwa 600 bis 800 Mann. Hierzu kam eine Versprengtenkompanie in Rothen­burg; diese unterstand dem Befehl des Adjutanten der Kommandantur, einem sehr tüchtigen jungen Hauptmann der Panzerwaffe. Der Kampfwert dieser Truppen, wozu der Kreisleiter noch Volkssturm und Hitlerjugend kommandierte, war nach den vorausgegangenen wochenlangen Rückzugskämpfen gering. An Volkssturm, Hitlerjugend und Einwohnerschaft gab die Kreisleitung die Losung aus: „Die Stadt wird bis zum letzten Mann verteidigt.“ Auch wurde der Abzug von Frauen und Kindern empfohlen.

Am 16. April gegen 17 Uhr kam ein amerikanischer die beiden Obergeschosse des herrlichen Rathauses aus der Renaissancezeit dem Brande zum Opfer ge­fallen, ferner das Gymnasium, ebenfalls der Re­naissance entstammend, das Judentanzhaus aus dem Ende des 16. Jahrhunderts, Markus- und Weißer Turm, Röder- und Würzburger Tor, ebenso 750 Meter der mittelalterlichen Wehranlagen. Die Zerstörungen bedeuteten einen Verlust von 40 Prozent der Altstadt Rothenburg.

Mir war vollkommen klar, dass entweder ein neuer Luftangriff folgen oder dass bei einem weiteren Vor­rücken der Amerikaner die Stadt einem Artillerie­angriff preisgegeben würde. In der Stadt selbst drängten die Ereignisse zur Entscheidung. Vor allem galt es die Maßnahmen der Partei zu durchkreuzen, mochte der Kampf noch so schwer werden. Leider fand ich bei den zuständigen Wehrmachtsdienst­stellen in Nürnberg und Ansbach nicht die geringste Unterstützung. Inzwischen rückte die Front immer näher und drohte zur tödlichen Umklammerung zu werden.

Gespräch zwischen McCloy und General Devens über Rothenburg

In jenen kritischen Tagen nun befand sich McCloy, später der Hohe Kommissar, in seiner damaligen Eigenschaft als stellvertretender Staatssekretär im amerikanischen Kriegsministerium auf einer Fahrt entlang der Front vor Rothenburg. Amerikanischer Abschnittskommandeur war General Devens. Aus einer Besprechung mit diesem erfuhr McCloy, dass ein Angriff geplant sei, dem eine durch die Stadt Rothenburg hindurch gehende Feuerwalze vorangehen sollte. Auf die Frage von McCloy, ob es wohl mög­lich sei, die Beschießung der Stadt zu vermeiden, antwortete General Devens, dass dies geschehen könne, wenn er die Gewissheit habe, dass die Stadt nicht als Stützpunkt für weiteren Widerstand dienen würde.

Kreisleiter Höllfritsch: „Die Stadt wird bis zum letzten Mann verteidigt!“

Der Ring der amerikanischen Armee hatte sich immer enger um Rothenburg zusammengezogen. Blaufelden, Schrozberg, Creglingen, Tauberzell, Tau­berscheckenbach, Neustett. Oberscheckenbach, Steins­feld und Gattenhofen wurden am 15. April durch die Amerikaner besetzt. Der von General Simon an die 79. Volksgrenadierdivision gegebene Befehl lautete: Verteidigung gegen jeden feindlichen Angriff und somit unbedingtes Halten der im linken Divisions­abschnitt zu verteidigenden Stadt Rothenburg.

Die Division umfasse etwa 600 bis 800 Mann. Hierzu kam eine Versprengtenkompanie in Rothen­burg; diese unterstand dem Befehl des Adjutanten der Kommandantur, einem sehr tüchtigen jungen Hauptmann der Panzerwaffe. Der Kampfwert dieser Truppen, wozu der Kreisleiter noch Volkssturm und Hitlerjugend kommandierte, war nach den voraus­gegangenen wochenlangen Rückzugskämpfen gering. An Volkssturm, Hitlerjugend und Einwohnerschaft gab die Kreisleitung die Losung aus: „Die Stadt wird bis zum letzten Mann verteidigt.“ Auch wurde der Abzug von Frauen und Kindern empfohlen.

Keine Einigung zwischen US-Parlamentären und Kampfkommandanten?

Am 16. April gegen 17 Uhr kam ein amerikanischer Parlamentär mit einem Dolmetscher nach Rothen­burg, um mit dem Kampfkommandanten über die Räumung der Stadt zu verhandeln. Eine Einigung konnte aber nicht erzielt werden. Der Parlamentär gab den Bescheid, dass die Beschießung beginne, wenn bis zum 17. April, 9 Uhr, die Stadt nicht ge­räumt sei. Endlich, am 16. April abends, erhielt die Kom­mandantur den Bescheid, die Stadt von allen, mili­tärischen Einheiten zu räumen. Hierbei wurde mir persönlich aufs strengste verboten, den Räumungs­befehl irgendeiner zivilen Dienststelle oder der Be­völkerung bekanntzugeben. Dieser Schweigebefehl, der doch vollkommen sinnlos war, gab mir die Ver­anlassung, unverzüglich zu handeln. Ich traf mit dem bei der Partei in Ungnade gefallenen Vertreter des Bürgermeisters die Vereinbarung, dass sofort ein paar zuverlässige Bürger mit einem französischen Kriegsgefangenen zum amerikanischen Abschnitts­kommandanten nach Tauberzell geschickt werden sollten, um diesen von der Räumung zu verstän­digen. Nur durch diese Maßnahme konnte die Stadt vor einem Beschuss bewahrt werden.

Amerikaner besetzten um 9 Uhr die Stadt

Noch in der Nacht verließen sämtliche militärischen Einheiten die Stadt, auch die Versprengtenkompanie. Ich selbst verließ am Morgen des 17. April um 6.30 Uhr zu Fuß Rothenburg in Richtung Gebsattel. Zu meinem großen Erstaunen traf dort etwa um 8 Uhr ein ame­rikanischer Parlamentär ein. Seine Sendung war überflüssig. Um 9 Uhr besetzten die Amerikaner Rothenburg.

Ereignisse hatten die Partei und ihre Widerstandspropaganda überrollt

Als ich am 18. April nachmittags mit meinem Adjutanten in Feuchtwangen eintraf, fand ich auf dem Dienstzimmer des dortigen Volkssturms nach­stehenden Bericht:

„Meldung über kampflose Aufgabe Rothenburg falsch. Gewährsmänner versagt. Richtig: Kreisleiter und Kreisstabsführer haben heute vom 17./18. April bei mir in Dombühl übernachtet, folgendes an­gegeben: Am 16. April kamen amerikanische Parla­mentäre nach Rothenburg, die zunächst aufschiebend Bescheid erhielten auf 17. früh. Am 17. früh haben Kreisleiter und Kreisstabsführer unmittelbar ein bis 2 km nördlich Rothenburg aufgeklärt und wurden aus nächster Nähe beschossen. Eine Frontlücke wurde festgestellt, die von einer Versprengtenkompanie be­setzt sein sollte, die aber leider ihre Stellung verlas­sen, wodurch überraschend durch feindliche Infanterie Rothenburg besetzt wurde. Kreisleiter mit letzter Wehrmacht abgesetzt. Hauptkampflinie Leuters­hausen-Schillingsfürst.“

Aus diesem Bericht geht eindeutig hervor, dass die darin erwähnten Dienststellen in keiner Weise mit der Räumung Rothenburgs einverstanden waren. Wäre die Versprengten-Kompanie eingesetzt worden, so wäre es selbstverständlich zum Kampfe gekom­men. Rothenburg wäre von Artillerie beschossen und völlig zerstört worden. – (Ende des Artikels)

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Eine Nachbemerkung zu dieser Schilderung ist notwendig, weil einige hier veröffentlichte Details im Widerspruch zu anderen (auch belegten) Veröffentlichungen stehen. Der Autor Dr. Seeger schreibt, dass zwischen dem US-Parlamentär und dem Stadtkommandanten keine Einigung über die kampflose Übergabe der Stadt erfolgt sei. Das ist falsch. Richtig ist, dass es eine Übereinstimmung der Räumung der Stadt gegeben hat. Diese Übereinstimmung teilten die sechs Parlamentäre ihrem Divisionskommandeur per Funk mit. So wurde die Stadt nach Ablauf der vorgegebenen Stundenfrist nicht beschossen, sondern am andern Tag nach nächtens erfolgter Räumung von deutschen Soldaten von amerikanischen Truppen kampflos besetzt. – Der Standortälteste, Oberstleutnant Friedrich Wilhelm Rosenau, war lt. Aktenvermerk des Bayer. Staatsministeriums für Sonderaufgaben „kurz vor seinem Ableben noch Stadtkommandant von Rothenburg“. Rosenau, der seinen Dienstsitz in Gebsattel hatte, fuhr am 18. April 1945, also einen Tag nach der Besetzung der Stadt, mit seinem Fahrrad auf eine Mine und wurde dabei tödlich verletzt.

 

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