Wiedergutmachung (8): Jüdischer Friedhof an der Würzburger Straße wurde nach und nach auch unter Beteiligung der Stadt zerstört – Leichenhaus als Wohnung vermietet

Der jüdische Friedhof heute

Der jüdische Friedhof heute

Von Oliver Gußmann und Wolf Stegemann

Nachdem die Rothenburger Juden 1938 aus der Stadt vertrieben waren, bestand die Israelitische Kultusgemeinde Rothenburg ob der Tauber formal weiter, obgleich es keine Mitglieder mehr gab. Ihr gehörte noch der 660 Quadratmeter große jüdische Friedhof mit Leichenhaus an der  Würzburger Straße. Rechtlich wurde die jüdische Gemeinde Rothenburg von der Bezirksstelle Bayern der Reichsvereinigung der Juden in Deutschland (sieh zur Sache weiter unten) vertreten, diesen wiederum vertrat Ernst Israel Oppenheimer, Assessor in München. Dieser musste nach Rothenburg kommen, um am 26. Oktober 1939 im Büro des Notars Ludwig Joetze am Kapellenplatz 7, der von Rechtsanwalt Fritz Zeuschel vertreten wurde, den 364 Quadratmeter großen noch nicht belegten Teil des Friedhof an das Vertreter-Ehepaar Heinrich und Ludmilla Feeß aus der Heugasse 12 zu verkaufen. Weiterlesen

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Wiedergutmachung (9): Die Anwesen in der Herrngasse und im Feuerkesselgässchen wurden von der Stadt freiwillig an die Töchter Adolf Heumanns zurückgegeben

Geschäft Heumann & Strauss um 1900 in der Herrngasse 2

Geschäft Heumann & Strauss um 1900 in der Herrngasse 2

Von Wolf Stegemann

Im Protokoll der Stadtratssitzung vom 22. November 1949 steht mit der Bezeichnung des Beratungsgegenstandes „Rückerstattung der Anwesen Herrngasse 2 und Feuerkessel(gässchen) 1“:

„RR. (Rechtsrat) Dr. Wirsching führte aus, dass der Stadtrat von Anfang an den Standpunkt vertreten hat, das Unrecht, das im 3. Reich an der Familie Heumann begangen wurde, wieder gut zu machen. Die Angelegenheit ist nunmehr so weit fortgeschritten, dass zwischen dem Vertreter der Familie Heumann und der Stadt Rothenburg ein Vergleich über die Rückgabe abgeschlossen werden kann. Der Vergleich bedarf jedoch noch der Zustimmung des Stadtrates. RR. Dr. Wirsching setzte den Stadtrat von dem Vergleich in Kenntnis. – Der Stadtrat stimmte diesem in allen Punkten einstimmig zu.“ Weiterlesen

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Wiedergutmachung (10): US-Bürger John M. Friedle stellte 1948 Rückerstattungsantrag, um die vom Finanzamt abgepressten Häuser wieder zu bekommen. Die Witwe hatte wenig Erfolg

Schreiben der Witwe Irma Friedle, wiederverheiratete Wolf, an die Wiedergitmachungskammer

Schreiben der Witwe Irma Friedle, wiederverheiratete Wolf, an die Wiedergitmachungskammer (Ausriss)

Von Wolf Stegemann

Dies ist der einzige bislang bekannte Fall in Rothenburg ob der Tauber, wo die NS-Behörden unter Zuhilfenahme der Justiz und des Rothenburger Finanzamts einem Einwohner rechtswidrig sein Vermögen entzogen haben, der kein Jude war. Es handelt sich um den 1876 geborenen Rothenburger Johann (anglisiert John) Martin Friedle, der 1895 nach Amerika auswanderte, US-Bürger und in San Francisco wohlhabend wurde, 1929 nach Deutschland zurückkehrte und von den nationalsozialistischen Finanz- und Justizbehörden unter dem Vorwand von hohen Steuerschulden und Devisenvergehen zwischen 1937 und 1941 seines in Deutschland befindlichen Vermögens beraubt wurde. Seine Häuser in Rothenburg ob der Tauber, in der Klingengasse und am Nuschweg, wurden ihm abgepresst, wobei ihm und seiner Frau Irma des Öfteren vom Finanzamt und der Stadtverwaltung erklärt wurde: weil er Amerikaner sei. John M. Friedle starb 1950 in San Francisco. Weiterlesen

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Franz Bi – Architekt, Ingenieur, Kunstmaler, Filmarchitekt und künstlerischer Berater beim Wiederaufbau der zerstörten Stadt

Franz Bi

Franz Bi

Von Wolf Stegemann

Ab 1945 betätigte er sich in Rothenburg als Stadtbaumeister und machte sich um den Wiederaufbau der im Zweiten Weltkrieg teilweise zerstörten Stadt verdient. Denn der 1899 in Berlin geborene Franz Bi, der nach seiner Ausbombung Rothenburg als die Stadt seines Altersruhesitzes gewählt hatte, war studierter Architekt und Ingenieur. Vor allem aber Filmarchitekt. Er wohnte mit seiner ebenfalls aus Berlin stammenden Frau in einem idyllisch gelegenen Häuschen mit Garten und Turm an der Riviera, direkt an der Mauer unter dem Hotel „Goldener Hirsch“ mit Blick ins Taubertal. Weiterlesen

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Georg Lill – Denkmalpfleger, Kunstkenner und Berater beim Wiederaufbau der Stadt Rothenburg

Prof. Lill

Prof. Georg Lill

Als Georg Lill 1951 in Würzburg starb, wo er 68 Jahre zuvor geboren wurde, trauerte auch das offizielle Rothenburg. Denn er schaffte zusammen mit Prof. Schmuderer und Rothenburger Architekten, darunter vor allem Franz Bi, die grundsätzlichen Richtlinien für einen möglichst getreuen Wiederaufbau der zu 45 Prozent zerstörten Stadt. Bereits im August 1945 fing er trotz seines angegriffenen Gesundheitszustands mit der Arbeit für Rothenburg an. In seinem Nachruf im Fränkischen Anzeiger schrieb Willi Foerster, der mit Dr. Lill befreundet war:

„(Er) förderte unseren Wiederaufbau mit liebevoller Hingabe, mit Verantwortungsbewusstsein und der ihm eigenen Sachlichkeit. Gerade der Winter 1945/46 sah die beiden unermüdlichen Kämpfer für die Erhaltung unserer städtebaulichen Schönheit. Lill-Schmuderer, öfters in unserer Stadt, wobei sie bei Schnee und Eis die damaligen strapaziösen Zustände der Beförderungsmittel auf sich nahmen.“

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Wiederaufbau der Stadt in den ersten fünf Jahren: „Deshalb wird Rothenburg wieder atmen und als Kulturstätte von menschlicher Größe und Schlichtheit zugleich künden!“

Neugasse mit Blick auf den Faulturm und den Röderturm im Hintergrund

Neugasse mit Blick auf den Faulturm und den Röderturm im Hintergrund

W. St. – Das Problem des Wiederaufbaus der zerstörten Häuser und Straßen der Stadt war im Vergleich zu anderen Städten komplizierter, weil hier ein Übermaß an denkmalpflegerische Grundsätze beachtet werden mussten und nicht die ganze Stadt zerstört war, sondern „nur“ rund 45 Prozent. Der amerikanischen Militärregierung in Mün­chen musste auf Ersuchen des örtlichen Gouver­neurs Oberleutnant Arthur Bull einen Bericht über die Schäden und deren Behebung vorgelegt werden. Diesem Bericht, dem später noch eine 16 Schreib­maschinenseiten umfassende Denkschrift in eng­lischer Sprache folgte, schilderte die Aufbaumöglichkeiten in technischer, künstlerischen, denkmalschützerischer und finanzieller Hinsicht. Die Kosten wurden in diesem Bericht mit 12 Millionen Reichsmark beziffert. Weiterlesen

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Wiederaufbau: Gekonnte Kopie des Mittelalters und perfektes Disneyland. Begeistert sind nicht nur Touristen, auch Gastwirte, Hoteliers und der Stadtkämmerer

Heutiger Blick auf das "Mittelalter"

Heutiger Blick auf das „Mittelalter“

Von Wolf Stegemann

Als der Verfasser, der vor dem Galgentor, also außerhalb der Stadtmauern wohnte, und Anfang der 1960er-Jahre als Jugendlicher ein Mädel gut kannte, das innerhalb der Stadtmauern in der Georgengasse wohnte, waren diese unterschiedlichen Wohnplätze Gesprächsthema. Denn das Mädchen sagte, dass nur diejenigen echte Rothenburger seien, die innerhalb der Mauern wohnten. In diesem Falle stimmte dies sogar. Ansonsten mag diese Aussage natürlich schmunzelnd in Frage gestellt werden. Weiterlesen

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