Wiederaufbau: Gekonnte Kopie des Mittelalters und perfektes Disneyland. Begeistert sind nicht nur Touristen, auch Gastwirte, Hoteliers und der Stadtkämmerer

Heutiger Blick auf das "Mittelalter"

Heutiger Blick auf das “Mittelalter”

Von Wolf Stegemann

Als der Verfasser, der vor dem Galgentor, also außerhalb der Stadtmauern wohnte, und Anfang der 1960er-Jahre als Jugendlicher ein Mädel gut kannte, das innerhalb der Stadtmauern in der Georgengasse wohnte, waren diese unterschiedlichen Wohnplätze Gesprächsthema. Denn das Mädchen sagte, dass nur diejenigen echte Rothenburger seien, die innerhalb der Mauern wohnten. In diesem Falle stimmte dies sogar. Ansonsten mag diese Aussage natürlich schmunzelnd in Frage gestellt werden.

Das Thema Stadtmauer griff auch der Schriftsteller Vincent Mayr in dem Buch „Rothenburg ob der Tauber“ 1978 auf und befasste sich mit der Frage, warum die Stadt ihr Aussehen im Laufe der Jahrhunderte augenscheinlich nicht verändert habe. Auch nicht nach dem Wiederaufbau der rund 40-prozentigen Zerstörung in den letzten Kriegswochen 1945. Er schrieb, dass die rundum vollständige Stadtmauer ein wichtiger Faktor sei. „Die Mauer schließt das Draußen ab und vermittelt noch heute den Eindruck des Geborgenseins. Jeder Besucher sollte vor den Toren der Stadt sein Motorgefährt verlassen. Erst dann wird ihm das Hineingehen und Aufgehobensein zum Erlebnis.“ Dieses „Erlebnis“ von heute war im Mittelalter Schutz der Stadtbewohner und gehörte zum Überleben. Dies alles wird bei der Besichtigung Rothenburgs heute auch dem wenig Geschichtskundigen klar.

Der zerstörte Stadtteil Rothenburgs

Der zerstörte Stadtteil Rothenburgs

Möglichst wenig oder keine Informationen über die Zerstörung der Stadt

Dieser schaut dann auch nicht hinter die Kulissen und sieht nicht, wie das Mittelalter in Rothenburg inszeniert ist, seit die Stadt ab Mitte des 19. Jahrhunderts zuerst von Dichtern und Malern, dann von Touristen als „Kleinod des Mittelalters“ wieder entdeckt und im Dritten Reich zur Vorzeigestadt des urbanen Nationalsozialismus’ gemacht worden war. Danach ist Rothenburg auch ohne Nationalsozialismus und mit der teilweisen Zerstörung mittelalterliche Vorzeigestadt geblieben. Doch was ist noch historisch an und in dieser Stadt? Immerhin wurden 1945 über 40 Prozent der Altstadt zerstört, darunter 306 Häuser total, 52 teilweise und 750 Meter Stadtmauer mit ihren Türmen.

Vincent Mayr meinte, dass es eine „tiefere Begründung für das heutige Aussehen dieser Stadt geben“ müsse, „die sich nicht so leicht fassen“ lasse. Er glaubt auch zu wissen, warum das so ist, wenn er schreibt: „Es sind die Bürger dieser Stadt!“ Sie wären nach der Katastrophe von 1945 „stillschweigend übereingekommen, […] alles so schnell wie möglich wieder aufzubauen, damit vielleicht niemand merkt, dass hier einmal etwas zerstört war“. Der Gewinn aus zukünftigem Fremdenverkehr könne aber nicht allein die rationale Überlegung des Wiederaufbaus gewesen sein – dazu waren die Opfer zu groß. Vielmehr meint der Autor, dass es zu den Eigenschaften der Bürger gehöre, „so an dem Bild ihrer Stadt zu hängen, dass eine andere Gestalt nicht gedacht, geschweige denn gebaut werden“ konnte.

Architektur-neu-Kummerecksturm 1926

Partie am Kummereck 1926 …

Architektur-Kummerecksturm heute

… und heute

Der Wiederaufbaus war von zwei Gesichtspunkten bestimmt: die Rekonstruktion der amtlichen Gebäude und der Stadtmauer sowie der Wiederaufbau der privaten Häuser. Die bayerische Staatsregierung hatte seit 1908 Rothenburg unter denkmalschützerischen Aspekten unterstützt und gefördert, nachdem der große Kunsthistoriker Georg Dehio über Rothenburg ob der Tauber sagte: „Die ganze Stadt ist ein Denkmal!“ Daher besuchte der Chef des Bayerischen Amtes für Denkmalpflege, Georg Lill, Rothenburg schon am  26. Juli 1945 und erklärte, dass nach München und Würzburg auch Rothenburg ein Schwerpunkt der Arbeit der staatlichen Denkmalpflege sei. In Rothenburg wurde ein Wiederaufbauamt eingerichtet, in das die bayerische Staatsregierung den renommierten Münchner Architekten Fritz Florin als Berater abkommandierte.

Keine Grenzen zwischen alt und neu – Neues wird als alt verstanden

Florins Ideen über den Wiederaufbau von Rothenburg standen im Widerspruch so mancher Rothenburger Institution, die mehr dekorative Gotik-Verzierungen an Fassaden auch bei den Gebäuden anbringen wollte, die vordem diesen Schnickschnack nicht hatten. Ein Beispiel für eine gekonnte Verfälschung historischer Architektur ist die Gerlach-Schmiede an der Stadtmauer, die zum Rödertor führt. Dort stand bis zur Zerstörung 1945 eine unscheinbare  Scheune aus Naturstein. Anfang der 1950er-Jahre wurde an deren Stelle eine Schmiede im Fachwerkstil mit einer interessanten Dachkonstruktion erbaut, eine aufwändige Erfindung, die an mittelalterliche Konstruktionen erinnert. Seitdem gehört diese „Rekonstruktion“ zu den beliebtesten Attraktionen der Stadt – auf Postkarten, Reiseführern, Bierdeckeln und Erinnerungstellern für Touristen vermarktet.

Die angeblich "alte" Gerlach-Schmiede auf dem Merian-Heft von 1954

Die angeblich “alte” Gerlach-Schmiede auf dem Merian-Heft von 1954

Schon 1954 hatte das Monatsheft „Merian“ die Schmiede auf der Titelseite von Heft 12  mit der Erklärung abgebildet: „Das Titelbild zeigt das Rödertor und eine alte Schmiede zu Rothenburg ob der Tauber“. Von wegen „alt“ – da war die Gerlach-Schmiede gerade vier Jahre vorher als solche erfunden worden. Dieses Beispiel mag zeigen, wie Authentizität dem Kommerz des Fremdenverkehrs schnell und wirksam geopfert wurden (und werden), wie auch an anderen Stellen der Stadt. Beispielsweise die baulichen „Tricksereien“ am Röderbogen (FA 28. April 2009).

Erst in den 1970er- und 80er-Jahren begannen Kommentatoren und Denkmalpfleger kommerzialisierte „Rekonstruktionen“ an „marktgängigen“ Standorten öffentlich zu kritisieren. Da war dann die Rede von „kitschigem Bild“ und „Disney-Fantasie“. Das hatte allerdings wenig oder gar keine Folgen, obwohl es seit 1973 ein Denkmalschutzgesetz gibt. Vernachlässigt wurde der bauliche Erhalt von „markttouristisch“ weniger bedeutenden aber historisch weitaus wertvolleren Häusern und Gebäude-Ensembles wie die außerhalb der Fremdenführer-Rundgänge gelegene Judengasse, die erst in den letzten Jahren als historisch wertvoll erkannt wurde und (hoffentlich ohne Schnörkel) restauriert wird.

Keine Hinweisschilder über die Rekonstruktion

In keinem Bundesland wurden so viele Gebäude historisch rekonstruiert wie in Bayern: Neben der Altstadt von Rothenburg wurden die Nürnberger Kaiserburg, Augsburger Fuggerei, Würzburger und Münchner Residenzen zumindest äußerlich in ihren Vorkriegszustand versetzt, damit „wir in einigen Jahrzehnten unser liebes München wieder haben wie es war“ (Oberbaudirektor von München). Diese zuckerwattesüße Verklärung, die aus solchen Äußerungen spricht, wurde heftig kritisiert, denn durch solche Rekonstruktionen wurden auch Spuren verwischt, NS-Geschichte ausgelöscht. Das trifft auch auf Rothenburg  zu, sieht man von zwei Straßennamen ab, die noch heute an zwei Nationalsozialisten erinnern: Ludwig-Siebert-Straße und Martin-Weigel-Straße.

Die Architekten Hanns Berger und Tobias Lauterbach kritisieren in ihrem Buch „Der Wiederaufbau nach dem 2. Weltkrieg“, dass an historischen Gebäuden, wie beispielsweise am Rathaus, keine Hinweisschilder angebracht sind, die an die Zerstörung dieser Gebäude 1945 und den Wiederaufbau in den 1950er-Jahren erinnern. Offensichtlich soll den Touristen der vorgegaukelte Traum, in den Mauern noch  echte Geschichte zu erleben, nicht zerstört werden. Das Rathaus wurde nur teilzerstört, vor allem innen und das Dach. Der nördliche Teil ist nach wie vor Gotik, der südliche Teil Renaissance.

Sponsoren-Tafeln in dem Teil der Stadtmauer, die wieder aufgebaut wurde

Sponsoren-Tafeln in dem Teil der Stadtmauer, die wieder aufgebaut wurde

Sponsoren spendeten meterweise für die Stadtmauer

Zurück zum Wiederaufbau der zerstörten Stadt, der 1948 in großem Maßstab begonnen hatte und dessen Kosten auf 3,19 Millionen D-Mark geschätzt wurden. Spenden von Privatpersonen und Unternehmen halfen bei der Aufbau-Finanzierung eines Teils der Stadtmauer. Die Sponsoren bekamen einen Stein im wiedererrichteten Mauerwerk mit Namen und Meteranzahl. Menschen aus aller Welt spendeten von einem Meter bis zu 40 Metern. Auf diese Weise konnte 1950 die Wiederherstellung von 131 Metern finanziert werden. 1959 hatte auch die Ehefrau des „Retters Rothenburgs“, Ellen McCloy einen Meter gestiftet.

Zerstörte Fassade am Marktplatz Nr. 6

Zerstörte Fassade am Marktplatz Nr. 6

Das ursprüngliche Aussehen der wiedererrichteten historischen Gebäude wie Stadtmauer, Türme und Rathaus hat sich durch den Wiederaufbau nicht geändert. Für den Aufbau der privaten Häuser galten allerdings andere Konditionen. 1950 erließ die Stadt eine Verordnung über die unterschiedlichen Gebäudetypen. Einige der wichtigsten Punkte waren, dass bei der Wiedererrichtung Wert auf Details gelegt wurde, dass keine „Verstümmelungen“ an den Hausfassaden stattfanden. Die Höhe der Gebäude wurde vom Wiederaufbauamt festgelegt. Jeder Neubau innerhalb der Stadtmauer musste so konstruiert werden, dass er zum traditionell typischen Charakter der Gebäude passt und vor allem in der Reihe der Nachbarhäuser nicht stört. Eine Nachahmung ungeeigneter alter Fassaden an Neubauten war grundsätzlich verboten, wie beispielsweise Spitzbogen an Schaufenstern. Hausfassaden sollten nur mit auf Kalk basierenden Farben in lichten Tönen gestrichen werden. Der Bau von Fachwerken war nur zulässig, wenn nachgewiesen werden konnte, dass das zerstörte Haus früher unter dem Putz ein Fachwerk hatte. Zugelassen wurde die Ausstattung mit sichtbaren Fachwerken aber nur dann, wenn dies in das Gesamtstadtbild passte. Jedes Fenster und jede Tür musste einen Rahmen aus Stein haben. Die Aufteilung der Fenster musste proportional ausgerichtet sein. Entlang der Stadtmauer durften neue bzw. zusätzliche Gebäude nicht errichtet werden. Mit dieser und einer Menge anderer Anleitungen begann der Wiederaufbau privater Häuser. In der Aufbauplanung der Stadt selbst als Ganzes durften weder Straßenverläufe noch Plätze verändert werden, auch wenn durch eine Änderung einer Straße dies einer Beschleunigung des Verkehrs nützlich gewesen wäre.

Solche Spitzdächer hat es vor der Zerstörung hier nicht gegeben

Solche Spitzdächer hat es vor der Zerstörung hier nicht gegeben

Mittelalterlich anmutende Dachlandschaften sind schlichtweg Fälschungen

Dem Thema Wiederaufbau der Stadt unter denkmalschützerischen Aspekten widmeten sich die oben bereits erwähnten beiden Architekten Hanns Berger (Rothenburg) und Tobias Lauterbach (Kulmbach) in ihrer gemeinsamen Masterarbeit (2006 Aufbaustudiengangs Denkmalpflege an der Otto-Friedrich-Universität Bamberg). Die Arbeit, eine städtebaulich-denkmalpflegerische Analyse über die Rothenburger Verhältnisse nach dem Zweiten Weltkrieg, wurde mit „sehr gut“ bewertet und erschien mit Hilfe von Sponsoren 2009 zweibändig als Buch im Verlag des Vereins Alt-Rothenburg. Silvia Schäfer berichtete darüber im „Fränkischen Anzeiger“:

„Mit ihrer Arbeit haben sie ein bis dahin unübersichtliches und mit vielen weißen Flecken versehenes Gebiet der Rothenburger Stadtgeschichte neu vermessen. Damit konnte eine Forschungslücke geschlossen und brauchbares Material für die zukünftige Stadtplanung und -entwicklung in den Stadtvierteln des Wiederaufbaus bereitgestellt werden.“

Seit der Rothenburger Architekt Hanns Berger sich intensiv mit der Zerstörung Rothenburgs und dem Wiederaufbau befasst habe, so die Zeitung, sei er entsprechend sensibilisiert für die baulichen Veränderungen. Manchmal frage er sich, ob die Rothenburger die Touristen beschummeln wollen, weil sie die Zerstörung der Altstadt verschweigen. Durch den Wiederaufbau sei so manche „mittelalterliche“ Straßenfront entstanden, „für die Rothenburg heute ebenso berühmt ist wie für seine ,Dachlandschaften’ mit den steilen Dächern ohne Dachgauben. Vor 1945 sah das teilweise ganz anders aus“.

Gut gelungene Rekonstruktion in der Wenggasse

Gut gelungene Rekonstruktion in der Wenggasse

Zuerst die Bomben dann die Abbruchbirnen

Die gesellschaftspolitischen Veränderungen, die in den späten 1960er-Jahren mit den Studentenunruhen einsetzten, brachten auch den Baudenkmälern ein neues öffentliches Interesse. Proteste von Bürgern und vielerorts gegründete Bür­gerinitiativen forderten den Schutz der Denkmäler, die bis dahin immer und immer wieder den Projekten der Verkehrsplaner und Investoren wei­chen mussten. Auf den vehementen Druck der Bürger hin entstanden in den 1970er-Jahren in allen deutschen Ländern Denkmalschutzgesetze, die den Umgang mit Baudenkmälern auf eine völlig neue rechtliche Basis stell­ten. Dennoch wurden bauliche „Fälschungen“ auch nach dem Wiederaufbau der Nachkriegszeit bis in die Gegenwart fortgesetzt. Wenn Denkmalschützer eingriffen, wurde von der Stadt oft populistisch gekontert. „Man könne schließlich die Stadt nicht unter eine Käserglocke stellen“ (FA vom 28. April 2009). Dadurch wurde weitere historische Bausubstanz zerstört. In die Architekturgeschichte der kriegszerstörten Städte ging dieses Verhalten als „zweite Zerstörung“ ein. Nach den Flugzeugbomben kamen die Abbruchbirnen.

Interessant ist auch die Frage, wie die Gesetzgeber die Rekonstruktion von Baudenkmälern beurteilen. Als Jurist mit dem Schwerpunkt auf Rechts­fragen in der Denkmalpflege publizierte Werner Schiedermair 1983 einen Aufsatz, in dem er das Verhältnis von Baudenkmal und Rekonstruktion aus der Sicht des Gesetzgebers durchleuchtete. Fasst man die Darlegungen Schiedermairs zusammen, wird deutlich, dass Rekonstruktionen nicht als Baudenkmäler deklariert werden können, da ihnen zwei grundlegende Bedingungen fehlen: Sie stammen nicht „aus vergangener Zeit“, und ihnen fehlt der Begriff der „Echtheit des Gegen­stands“. Auch wenn heute verstärkt um die Kriterien von Echtheit oder Authentizität gerungen wird, gilt noch immer: Rekonstruktionen sind – auch juristisch gesehen – schlichtweg Neubauten, denen eine Denkmal­eigenschaft nicht zukommt. Werner Schiedermair war damals Jurist beim Bayerischen Landesamt für Denkmalpflege.

So manches Wohnhaus wurde höher gebaut als es einmal war 

Auch Vincent Mayr kommt bei seiner Betrachtung über den Wiederaufbau Rothenburgs zu dem Schluss, dass das Kopieren des Alten – außer beim Rathaus und anderer wichtigen historischen Gebäude – nicht echt sei und dass das Wiedererstandene vielmehr dem historischen Stadtbild angepasst und neu konstruiert worden sei. Dies sei eine interessante und schwierige Aufgabe für Architekten gewesen. Trotz der von der Stadt erlassenen Gebote des Wiederaufbaus wurde fast jedes Gebäude höher als es zuvor gewesen war. Um moderne Wohnungen in einer Zeit der großen Wohnungsnot zu schaffen, wurde so manches Haus individuell eine Etage höher gebaut. Der Wiederaufbau in Rothenburg könne erklären, so Mayr, dass Geschichte eine sensible Sache sei, anfällig für Fehlinterpretationen.

„Er kann uns auch lehren, die Geschichte der Denkmäler zu respektieren – doch dabei nicht übertreiben! Rothenburgs Wohnhäuser sind nicht mehr und nicht weniger nur Wohnhäuser. Dazu gehört aber auch die traditionelle Aufgabe von Architekten, Wohnungen zu bauen und dazu Formen zu finden, die sozialen Gesichtspunkten gerecht werden, gerade in einer ehemaligen kaiserlichen Stadt wie Rothenburg, deren wiedererrichtete Gebäude heute ein nicht zu unterscheidender Teil von der Altstadt sind.“

Der Weiße Turm mit dem Judentanzhaus in den letzten 100 Jahren

Der Weiße Turm mit dem Judentanzhaus in den letzten 100 Jahren

In einer Ausschusssitzung des Vereins Alt-Rothenburg 2011 im „Greifen“ ging es in erster Linie um aktuelle Probleme des Denkmalschutzes. Der Verein wurde bereits in den ersten Nachkriegsjahren als Berater in Wiederaufbaufragen hinzugezogen und blieb dies in der Folgezeit auch bei Sanierungen und baulichen Umgestaltungen bis heute. In dieser Sitzung wurde angeregt, der Verein möge mehr Lob für gelungene Sanierungen von Baudenkmälern, besonders auch von Privathäusern öffentlich aussprechen. Als Hauptproblem erschien dem Ausschuss der Umgang mit den Häusern des Wiederaufbaus nach 1945. Dazu ist in der Homepage des Vereins im Jahre 2011 zu dieser Ausschusssitzung nachzulesen:

„Der auch in der einschlägigen Fachliteratur immer wieder gewürdigte und als einmalig einzuordnende ,Rothenburger Weg’ bei der Neugestaltung der im Krieg zerstörten Stadtviertel muss als einzigartiges Exempel der Wiederaufbauarchitektur stärker und beharrlicher im Bewusstsein der heutigen Planer und Hausbesitzer verankert werden.“

Wegsaniert, was für Einwohner liebens- und  lebenswert war

Nicht nur der Wiederaufbau nach 1945 veränderte die Stadt. Auch in den Jahrzehnten nach 1970 wurde ständig geändert und verändert – nicht immer zum Vorteil der Einwohner, denen Stück für Stück der Stadt weggenommen wurde, um sie Stück für Stück den Touristen zu geben. Der Verfasser, der eingangs schilderte, wie die Stadtmauer Bürger in ihrem Heimatverständnis trennt, schrieb 25 Jahre nach seinem Wegzug aus seiner Heimatstadt unter dem Titel „Kleinod in Touristenklauen“ in den „Ruhr-Nachrichten“ (Dortmund):

„Wegsaniert wurden die stillen Winkel in der Stadt zwischen Schrannenplatz und Kummereck, in und außerhalb der Spitalbastei und in der Klingenschütt, die wild wuchernden Gärten in den ehemaligen Wallanlagen, die damals verschlossenen Türme, in die hineinzukommen es für Jungen früher kein Halten gab. Wegsaniert wurde all das, was die Stadt für die Einwohner liebens- und lebenswert machte. Nichts ist übrig geblieben von der natürlichen Schönheit, die von Dichtern besungen und von Malern im Bild festgehalten wurde. Ganz Rothenburg ist eine Sehenswürdigkeit – auch der Vermarktung. Wer hier das Spiel nicht mitmacht, verliert. Das macht die Stadt trotz ihrer winkeligen Gassen, geduckter Häuser und ihres  holprigen Pflasters steril und abweisend, hüllt sie ein in einen Hauch von Disneyland.“

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Quellen: Hanns Berger und Tobias Lauterbach „Der Wiederaufbau nach dem 2. Weltkrieg. Städtebaulich-denkmalpflegerische Analyse“, 2 Bände, hgg. vom Verein Alt-Rothenburg 2009. – L. Woolley „Die Erhaltung der Historischen Architektur im Kriegzonen“, in: Journal der Royal Institut der britischen Architekten, Vol. LIII Dezember 1945 S. 36. – Wolf Stegemann „Kleinod in Touristen-Klausen“ in RN vom 5. August 1989. – Joshua Hagen „Preservation, Tourism and Nationalism. The Jewel of the German Past“, Aldershot Ashgate 2006. – Vincent Mayr: „Rothenburg ob der Tauber“, Deutscher Kunstverlag München/Berlin, 1978. – Ders. „Design of New Additions in Rothenburg after the Year 1945“ (als Manuskript vorliegend) – „Merian – Die Romantische Straße“, Heft 12, Hoffmann und Campe Verlag Hamburg 1954,  S. 111. – Silvia Schäfer „Ein wichtiges Nachschlagewerk. Dokumentation über den Wiederaufbau öffentlich zugänglich gemacht“ vom 28. April 2009 im „Fränkischen Anzeiger“. – Dr. jur. Werner Schiedermair „“Rechtliche und gesetzliche Grundlagen für Kopie und Rekonstruktion in der Denkmalpflege“, Aufsatz in: Denkmalschutz und Denkmalpflege, 1983, nachgedruckt in: „Denkmalpflege statt Attrappenkult. Gegen die Rekonstruktion von Baudenkmälern – eine Anthologie“, Birkhäuser Verlag Basel 2010.

 

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