Der gefräßige Kartoffelkäfer stand stets im Blickfeld politischer Sabotage. In Reih’ und Glied mussten Schüler sie auf den Äckern sammeln – vor 1945 und danach

Kartoffelkäfer-Fibel aus dem Jahr 1941

Kartoffelkäfer-Fibel aus dem Jahr 1941

Von Wolf Stegemann

Anlässlich des beginnenden Bundestagswahlkampfs im Mai 2005 erfand der damalige Bundesinnenminister Otto Schily den neuen Spottnamen „Kartoffelkäferkoalition“:

„Schwarz-gelb ist eine Warnfarbe. […] Der Kartoffelkäfer ist schwarz-gelb. Wenn man vor Gefahren warnt, dient oft schwarz-gelb als Signal.“ Eine CDU/FDP-Koalition habe also die richtigen Farben, die Menschen zu warnen, „dass eine solche Politik besser nicht im Bund vertreten wird.“

Es war nicht das erste Mal, dass der Kartoffelkäfer in das politische Blickfeld trat. Immer wieder hing diesem Käfer, allerdings weniger wegen seiner Farbe als wegen seiner Gefräßigkeit, in den beiden Weltkriegen und deren Folgezeiten der Geruch an, als Sabotagewerkzeug missbraucht zu werden. Generationen von Schülern und Schülerinnen, die heute im letzten Viertel ihres Lebens stehen, ist der Kartoffelkäfer daher ein Begriff. Schüler erinnern sich daran, dass sie sich auf den Äckern in Reih und Glied aufstellen mussten, um den Kartoffelkäfer systematisch aufsammeln zu können, der sich an den Kartoffelpflanzen festfraß. Weiterlesen

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NSDAP-Kreispropagandaleiter Seyfried schrieb für die Kreis- und Gauleitung Lageberichte über die Stimmung in Rothenburg – ein Beispiel vom 22. April 1943

Lagebericht (Ausriss)

Briefkopf des Lageberichts vom 22. April 1943 (Ausriss)

W. St. – Der NSDAP-Kreisleitung Rothenburg war eigens ein Kreispropaganda-Amt zugehörig, das die Aufgabe hatte, regelmäßig die Stimmungslage in der Bevölkerung auszukundschaften und darüber so genannte „Lageberichte“ zu schreiben. Adressat war die Kreisleitung der NSDAP in Rothenburg, im gleichen Haus Herrngasse 17/I. Die Kreisleitung stellte dann eine Zusammenfassung der ihr wichtig erscheinenden Meldungen, darunter auch Banales, zusammen und schickte sie an die vorgesetzte Gauleitung. So verlief der Informationsstrang weiter nach oben, bis er das Berliner Reichspropagandaministerium mit Stimmungsberichten aus dem gesamten Reich erreichte. Weitere solche Lageberichte wurden vom Sicherheitsdienst (SD), der Polizei und Gestapo über die Polizei- und Gestapoämter an Himmler weitergegeben. Der hier wiedergegebene „Lagebericht“ stammt vom 22. April 1943 und wurde vom Rothenburger kommissarisch eingesetzten NSDAP-Kreispropagandaleiter Seyfried für die Kreisleitung angefertigt. Je länger der Krieg anhielt und die anfängliche Siegesstimmung in der Bevölkerung nach immer schneller aufeinanderfolgenden „Frontbegradigungen“, so die Propaganda für Rückzüge der Truppen in pessimistische Stimmung umschlug, desto heftiger propagierte die Partei den Endsieg – sogar bis April 1945. Weiterlesen

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Kurznachrichten aus dem Alltag in Rothenburg: Selbstmorde, Wetterbericht, Unfälle, Radioprogramm, Gefängnisausbruch, prominente Besucher, Kartoffeleinsäuerung für Schweine u. a.

Pferdemusterung auf dem Judenkirchhof 1937 (Schrannenplatz)

Pferdemusterung auf dem Judenkirchhof 1937 (Schrannenplatz)

Pferdemarkt. Der diesjährige Frühjahrspferdemarkt fand am Montag, den 13. März 1933, auf dem Judenkirchhof (Schrannenplatz) statt. Ein starker Zutrieb und lebhafter Handel wurden registriert, da der Markt von einheimischen wie von auswärtigen Handelsfirmen mit „bestem Pferdematerial reich beschickt“ wurde und keine Marktgebühren erhoben wurden.

Älteste Wählerin. Die älteste Wählerin in Franken, die bei den Wahlen 1933 ihre Stimme in die Wahlurne geworfen hatte, war die Rothenburgerin Sophie Rüger von der Klingenschütt 5. Sie stand im 99. Lebensjahr.

Salat niemals wässern. Der „Fränkische Anzeiger“ gab am 12. Juni 1934 die Empfehlung: „Salat beim Waschen niemals wässern, da durch dieses Verfahren der Salat vollkommen wertlos wird, weil ja das Wasser alle Nährsalze aus den Blättern auslaugt. Zweckmäßiges Waschen muss gründlich, aber  k u r z , am besten auf einem großen Sieb geschehen, wenn kein Salatwäscher zur Verfügung steht.“ Weiterlesen

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An einem sonnigen Sonntagmorgen im Mai 1936 verdunkelte sich der Himmel und es prasselten Hagelkörner in der Größe von Hühnereiern auf die Stadt und das Land

"Spitalgasse unter" hieß es im Mai 1936; Foto: Reichsstadtmuseum Sammlung Richard Wagner

„Spitalgasse unter“ hieß es 1936; Fotos (3): Reichsstadtmuseum Rothenburg ob der Tauber Sammlung Richard Wagner

Von Wolf Stegemann

Wer im Burggarten zu Rothenburg die allegorischen Figuren der vier Elemente und dabei die Skulptur des Wassers betrachtet, dem mag Friedrich Schillers „Bürgschaft“ in den Sinn kommen, wo es heißt  „Da gießt unendlicher Regen herab, / Von den Bergen stürzen die Quellen, / Und die Bäche, die Ströme schwellen…“ Den Rothenburgern mochten im schönen Mai solche literarischen Gedanken nicht gekommen sein, als „die Himmel brachen“ und weite Teile der Stadt und umliegende Gehöfte und Mühlen unter Wasser standen und die ansonsten friedliche Tauber zu einem reißenden Fluss angeschwollen war. Weiterlesen

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Luftschiff „Graf Zeppelin II“ tauchte 1938 über Rothenburg auf, drehte eine Schleife und verschwand nach Nordosten

Luftschiff "Graf Zeppelin II" über Niederstetten

Luftschiff  „Graf Zeppelin II“ über Niederstetten

Von Wolf Stegemann

Er war nicht so bekannt wie der Zeppelin mit dem Namen „Hindenburg“ (LZ 129), der 1937 bei der Landung im Lakehurst (New Jersey, USA) zerstört wurde, weil sich die Wasserstofffüllung entzündet hatte und dabei 36 Menschen starben. Aber er war der namentliche Nachfolger des durch seine spektakulären Fahrten berühmt gewordenen Luftschiffs „Graf Zeppelin“ (LZ 127). Folglich hatte es den Namen „Graf Zeppelin II“ (LZ 130). Es war aber das Schwesterschiff der zerstörten „Hindenburg“. Wenn auch das Luftschiff „Graf Zeppelin II“ überhaupt nicht bemerkenswert war, so war es für die Rothenburger spektakulär, als der Zeppelin am 31. Oktober 1938 gegen 16 Uhr über den Dächern, Türmen und Mauern Rothenburgs auftauchte. Weiterlesen

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Eröffnung des Waldschwimmbads im Siechenwäldchen 1935: Stadtnähe, Kabinen für 2.000 Personen, Liegewiese, Spielplatz und Bewirtung, Schwimm- und Planschbecken

Das Waldschwimmbad im Siechenwald wurde 1935 eröffnet

Das Waldschwimmbad im Siechenwald wurde 1935 eröffnet

Von Wolf Stegemann

„Sommerzeit! Du bist Erfüllerin des Sehnens des Menschen nach Licht, Luft und Wasser! Du lässt eine Natur die einzige und wahre Freundin des Menschen, in herrlichster Schönheit entfalten, lässt die Natur in tausendfältiger Weise zu den Menschen sprechen, zum inneren Erleben werden. Unter deiner Herrschaft lebt alles auf, meidet, wer kann für Wochen das Leben des Alltags, um irgendwo an einem schönen Flecken in unseren deutschen Vaterland sich der Ruhe und Erholung hinzugeben, um in Licht, Luft und Wasser, Geist und Körper zu stählen und zu kräftigen für kommende Taten…“ Weiterlesen

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Der Verlag Schneider hat den Kaiser, zwei Kriege, Weimar und Hitler überstanden – und behauptet sich in der demokratischen Gegenwart

Von Wolf Stegemann

Für die starke Hinwendung des „Fränkischen Anzeigers“ zum Nationalsozialismus bereits vor 1933 und die Vereinigung mit ihm danach zeichnete vor allem der 1879 geborene Hans Schneider verantwortlich. Er war der Sohn des Rothenburger Druckereibesitzers Conrad Schneider. Seine Berufslaufbahn begann schon als 16-Jähriger in der väterlichen Buchdruckerei und im „Fränkischen Anzeiger“. 1908 wurde er Prokurist und 1912 Chefredakteur des „Fränkischen Anzeigers“. Letzteres blieb er bis 1936. Ein sich verstärktes Augenleiden zwang ihn, den Posten des Chefredakteurs abzugeben, die Geschäfte der Druckerei in der Hofbronnengasse leitete er – zusammen mit Hermann Zwedling („Onkel Hermann“) – bis zum Herbst 1945 weiter. Weiterlesen

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