Kurznachrichten aus dem Alltag in Rothenburg: Selbstmorde, Wetterbericht, Unfälle, Radioprogramm, Gefängnisausbruch, prominente Besucher, Kartoffeleinsäuerung für Schweine u. a.

Pferdemusterung auf dem Judenkirchhof 1937 (Schrannenplatz)

Pferdemusterung auf dem Judenkirchhof 1937 (Schrannenplatz)

Pferdemarkt. Der diesjährige Frühjahrspferdemarkt fand am Montag, den 13. März 1933, auf dem Judenkirchhof (Schrannenplatz) statt. Ein starker Zutrieb und lebhafter Handel wurden registriert, da der Markt von einheimischen wie von auswärtigen Handelsfirmen mit „bestem Pferdematerial reich beschickt“ wurde und keine Marktgebühren erhoben wurden.

Älteste Wählerin. Die älteste Wählerin in Franken, die bei den Wahlen 1933 ihre Stimme in die Wahlurne geworfen hatte, war die Rothenburgerin Sophie Rüger von der Klingenschütt 5. Sie stand im 99. Lebensjahr.

Salat niemals wässern. Der „Fränkische Anzeiger“ gab am 12. Juni 1934 die Empfehlung: „Salat beim Waschen niemals wässern, da durch dieses Verfahren der Salat vollkommen wertlos wird, weil ja das Wasser alle Nährsalze aus den Blättern auslaugt. Zweckmäßiges Waschen muss gründlich, aber  k u r z , am besten auf einem großen Sieb geschehen, wenn kein Salatwäscher zur Verfügung steht.“

Prominenter Besuch. Im Mai 1935 besuchten trotz andauernder schlechter und nasskalter Witterung wieder eine Reihe prominenter Persönlichkeiten die Tauberstadt und nächtigten im Hotel „Eisenhut“. Das waren u. a. der General der Infanterie Erich von Tschischwitz, ein Militärschriftsteller von Ruf, mit seinem Adjutanten Major Leuze, Madeleine Fürstin von Sayn-Wittgenstein-Berleburg mit Familie, der britische Botschafter James Cuningham Durham, der indische Prinz Sarabha von Ahmedabad mit Geschwistern, die in der indischen Nationaltracht in den Straßen Rothenburgs Aufsehen erregten. Zu Besuch waren auch der Gründer und Führer des Bundes nationalsozialistischer Eidgenossen, Theodor Fischer-Zürich, der bekannte französische Frontkämpferführer Jean Boissel, der kurz vorher in Nürnberg zusammen mit Gauleiter Julius Streicher sprach, sowie der Führer der griechischen nationalsozialistischen Bewegung Dr. August Kyritzki.

Todesfall. Der verwitwete Invalidenrentner Balthasar Unbehauer aus Detwang fiel am 1. Dezember 1937 gegen 21 Uhr die an dem Fußweg bei der Straße Hindenburgsteig befindliche Steintreppe hinunter. Er starb an seinen Schädelbruchverletzungen.

Herzschlag des Hoteldieners. Der langjährige Hausdiener des Hotels „Eisenhut“, Johann Georg Hanger, starb am 4. Juni 1935 an einem Herzschlag. Das war dem Fränkischen Anzeiger eine redaktionelle Meldung wert. „Der Heimgegangene konnte vor wenigen Wochen sein 35-jähriges Berufsjubiläum im Hotel Eisenhut begehen, aus welchem Anlass er Gegenstand mannigfacher Ehrungen war. Noch gestern Abend versah er seinen ihm liebgewordenen Dienst. Nun ist er, der nie ein Ausruhen, sondern immer nur Pflichten und Arbeit kannte, zur ewigen Ruhe eingegangen. Möge ihm die Erde leicht sein!“

Weihnachtsmarkt auf dem Marktplatz

Weihnachtsmarkt auf dem Marktplatz

Weihnachtsmarkt 1935. Die Einnahmen durch den Rothenburger Weihnachtsmarkt 1935 brachten der Stadt insgesamt (Platzgeld usw.) 621,60 Reichsmark ein. Die Gesamtausgaben (mit Ausnahme der Kosten für Reklame, die vom Verkehrsverein getragen wurden) beliefen sich auf 1.469,10 Reichsmark. Die Mehrausgaben beliefen sich auf einmalige Kosten für Material.

Einwohnerzahl 1936. Am 10.Oktober 1936 hatte Rothenburg 9.089 Einwohner, davon 4.272 Männer und 4.817 Frauen. Am gleichen Stichtag im Jahr 1933 betrug die ortsansässige Bevölkerung 9.040. Hinzugekommen waren die Angehörigen des Reichsarbeitsdienstes mit 100 Personen. So dass die Gesamtzahl im Oktober 1936 9.337 betrug. Gegenüber der Stadt von 1933 betrug der Rückgang gerade drei Personen. Interpretiert wurde die mangelnde Zunahme der Bevölkerungszahl damit, dass „etwa 100 bis 150 junge männliche Personen bei der letzten Zählung ihrer Wehr- und Arbeitsdienstpflicht genügten“

Schulvorstand Berufsschule. Dem Schulvorstand der Berufsschule gehörten 1936 an: Kaufmann Haller (für Industrie und Handel), Schlossermeister Pflüger (Handwerk), Erbhofbauer K. Korn (Landwirtschaft), Direktor Burkhardt und Oberlehrer Unbehauen (Berufsschule), Heinrich Erhard (Deutsche Arbeitsfront), Chr. Erhard (Kreishandwerkerschaft), Hotelbesitzer Pirner (Industrie- und Handelsgremium), Stadtpfarrer Müller (Ev. Kirche), Dekan W. Müller (kath. Kirche) und Unterbannführer Fink (Hitlerjugend).

Beiräte. Entsprechend den Bestimmungen der deutschen Gemeindeordnung wurden 1936 für die städtischen Anstalten Beiräte berufen. Bürgerheim: Stadtamtmann Wirsching, Pfründe, Waisenhaus und Kinderschule: Verwaltungsoberinspektor Enßner, Krankenhaus: städt. Kämmerer Neubert, Zuchttieranstalt: Ratsherr Hörner.

Marktbericht Juni 1936. Der Zutrieb zum Schweinemarkt betrug 178 Stück. Bei schlechtem Geschäftsgang wurde für das Paar 39 bis 53 Reichsmark bezahlt.

Besuch in KZ Dachau. Rothenburger NSDAP-Leiter, darunter Kreisleiter Karl Steinacker, besuchten mit einer Gruppe von rund 120 anderen Politischen Leitern Anfang Dezember 1937 das Konzentrationslager Dachau. Dieser Besuch gehörte zu einer Schulungsfahrt des Nürnberger Gauschulungsamtes Franken nach München. Die Fahrt diente in erster Linie dem Besuch der in München eröffneten Ausstellungen „Der ewige Jude“ und „Entartete Kunst“.

Schulungsfilm. Der Reichsinnungsverband des Schneiderhandwerks zeigte in einem Lehrfilm Modelle, die auf der Herbstmodetagung München im November 1937 ausgezeichnet und gezeigt wurden. In diesem Film wurde auch das „Ulstermodell“ des Rothenburger Schneidermeisters Fritz Brunner gezeigt. Von den auf dem Laufsteg im München gezeigten 250 Modellen wurden nur 22 in dem Schulungsfilm aufgenommen.

Nichts Wertloses. Die erste WHW-Kleider- und Hausratssammlung (Winterhilfswerk) 1937 fand vom 16. bis 19. November durch Angehörige der Wehrmacht, SA usw. in Franken und Rothenburg statt. Es wurden außer Kleidungsstücken und Hausgeräte auch Öfen und Möbel aller Art entgegengenommen. „Dagegen soll von der Abgabe wertloser Gegenständen abgesehen werden.“

Das Waldschwimmbad im Siechenwald wurde 1935 eröffnet

Das Waldschwimmbad im Siechenwald wurde 1935 eröffnet

Wassertemperaturen. Die Wasserwärme im städtischen Freibad im Siechhauswäldchen betrug am 13. August 1938, abends 20 Grad, am andern Tag morgens 19 Grad. Der Wetterbericht prognostizierte: Verbreitete Regenfälle, besonders in Südbayern von Gewitterbildungen begleitet, Temperaturrückgang.

Hörfunk-Programm. Wie die Programme der Rundfunksender aussahen, lässt sich am Beispiel des Reichssenders München am Samstag, den 24. April 1938, zeigen. Rothenburg konnte diesen und den Reichssender Stuttgart empfangen. Reichssender München: 6 Uhr: Morgenspruch, Wetterdienst, Morgengymnastik. – 6.30 Uhr: Italienischer Sprachunterricht. – 7 Uhr: Nachrichten, Frühkonzert. – Morgenspruch, Gymnastik für die Hausfrau. – 8.20 Uhr: Hausfrauen aufgepasst! – 8.30 Uhr: Froher Klang zur Arbeitspause. – 9.30 Uhr: Sendepause. – 10 Uhr: Volk und Staat. – 10.30 Uhr: Sendepause. – 11 Uhr: Für den Bauern. – 12 Uhr: Mittagskonzert. – 13 Uhr: Zeit, Wetter, Nachrichten, Zeitfunk. – 13.15 Uhr: Mittagskonzert. – 14 Uhr: Wetter, Nachrichten, Börse. – 14.10 Uhr: Die Sportwoche. – 14.20: Glückwünsche an Kinderreiche. – 14.25 Uhr: Steig m auffi aufs Beygele. – 14.45 Uhr: Es spielt der Akkordeon-Klub „Preißler“. – 15.20 Uhr: Schachfunk. – 15.50 Uhr: Zeit, Wetter, Landwirtschaftsdienst. – 16 Uhr: Von Leipzig: Froher Funk für alt und jung!. – 18 Uhr: Buntes Wochenende. – 18.20 Uhr: Der Acker ruft. – 18.50 Uhr: Die Welt im Umbruch. – 19.10 Uhr Deutsche Volkslieder. – 1920 Uhr: Griff in die Zeit. – 19.30 Uhr: Cosi fan tutte. Komische Oper von W. A. Mozart (Übertragung aus dem Nationaltheater München). In der Pause etwa 21 – 21.20 Uhr: Zeit, Wetter, Nachrichten. – 22.35 Uhr: Zeit, Wetter, Nachrichten, Sport. – 22.55 Uhr: Von Hamburg: Tanzmusik.

Selbstmord auf der Schiene. An der Überfahrt der Eisenbahnstrecke Schweinsdorf-Hartershofen wurde am 12. Januar 1939 die Leiche einer etwa 25 Jahre alten Frau aufgefunden. Das Mädchen war von Zug überfahren und getötet worden. Es handelte sich hier um eine von Nordenberg gebürtige und in Hornau bedienstete Bauerntochter, die aus „unbekannten Gründen ihrem Leben ein Ziel setzte“.

Maul- und Klauenseuche. Unter dem Viehbestand des Landwirts Leonhard Wiegner, in der Johannitergasse 13 brach am 1. Februar 1939 die Maul- und Klauenseuche aus. Der wöchentliche Schweinemarkt wurde bis auf weiteres gesperrt. Im Mai brach die Seuche in der vom Viehhändler Assel arisierten früheren Viehhandlung Mann in der Adam-Hörber-Straße 23 aus.

Alltagsanzeige-SchalkTouristen geschröpft. Ein Rothenburger Kraftfahrtunternehmer (Taxi) hatte sich bei einer Fahrt von der Innenstadt zum Bahnhof einer „erheblichen Preisüberforderung“ schuldig gemacht. Statt des vorgeschriebenen Höchstpreises von 1,70 Reichsmark, forderte er 3 Reichsmark. Die Preisüberwachungsstelle der Regierung von Ober- und Mittelfranken in Ansbach belegte ihn am 17. Februar 1939 mit einer Ordnungsstrafe von 100 Reichsmark. Außerdem musste er die Kosten des Verfahrens tragen. Ihm wurde „gemeinschaftsschädigendes Tun“ vorgeworfen, da er den Fremdenverkehr der Stadt „erheblich beeinträchtigte“.

Letzter Geburtstag. Beim Nachhauseweg kam der Schreinermeister Johann Heindel aus Dombühl am Abend seines 73. Geburtstages am 22. Februar 1939 zu Tode, nachdem er mit Freunden in der Gastwirtschaft gefeiert hatte. Als er die Tür seines Haus öffnen wollte, fiel er rücklings die Haustreppe hinunter. Er verstarb zwei Tage später ohne das Bewusstsein wiedererlangt zu haben.

Kartoffeleinsäuerung für Schweine. Im Landkreis Rothenburg begann Mitte April 1939 die Einsäuerung von Kartoffeln, die vom Reichsnährstand gefördert und bezuschusst wurde. Im Kreisgebiet standen dafür 21 „Kartoffeldämpfkolonnen“ hilfreich zur Verfügung, eine Zahl, die weit über dem Durchschnitt lag. Auf 882 Schweine kam im Kreis Rothenburg eine Kartoffeldämpfkolonne, in Eichstätt waren es beispielsweise pro Apparatur 2.300 Schweine. Auch die Anzahl der Einssäuerungsgruben (Silos) stieg, die über 2.500 Kubikmeter umfassten. Der statistische Wert: Auf eine Apparatur kamen 116 cbm Einsäuerungsgruben und einem Schwein standen demnach bereits 0,13 cbm eingesäuerte Kartoffeln zur Verfügung.

Neue Touristen-Kutsche. Mit Kutschen Touristen durch die Stadt zu fahren, hat eine lange Tradition. Zur ersten Probefahrt in einer „alten, prächtigen Postkutsche“, bespannt mit zwei Rössern und geleitet von einem schmucken Postillon in farbenprächtiger Uniform, fuhr die Kutsche im Juni 1939 durch die pflasterholprigen Gassen. Später wurde der dauernde Fahrbetrieb mit der Postkutsche aufgenommen.

Tötungsversuch und Selbstmord. In der Wohnung seiner Mutter hatte sich am 5. Juli 1939 ein 20-jähriger lediger Mann durch Erschießen das Leben genommen. Als Motiv wurde eine Beziehungstat in Betracht gezogen. Ein Mädchen aus Ansbach, angeblich die Freundin des jungen Mannes, konnte nach der Tat nicht mehr aufgefunden werden. Die Polizei vermutete bereits, dass das Mädchen ein Opfer des jungen Mannes geworden sein könnte. Der Fall klärte sich anderntags auf: Der junge Mann hatte am 5. Juli (Mittwoch) das Mädchen im Burgbernheimer Wald spazieren geführt. Plötzlich erklärte er, dass beide nun sterben müssten. Er brachte dem Mädchen und sich selbst Schnittwunden an den Armen bei und wollte die Pulsadern öffnen. Das gelang nicht. Der junge Mann hatte nun Mitleid mit seiner Freundin und verband ihr die Wunden und eilte zu einem Arzt nach Burgbernheim. Der Arzt machte sich auf die Suche, fand das Mädchen aber nicht. Währenddessen fuhr der junge Mann per Anhalter nach Rothenburg und beging Selbstmord. Das Mädchen irrte nachts im Walde umher und kam morgens um 5 Uhr nach Steinach. Von dort fuhr es mit dem Zug nach Ansbach zu seinen Eltern.

Heinz Rühmann. Im ersten Kriegsmonat, September 1939, wohnte der Schauspieler Heinz Rühmann mit seiner Frau, der Schauspielerin Herta Feiler, in Rothenburg, um Szenen für den Spielfilm „Lauter Liebe“ zu drehen. Rühmann war der Regisseur und seine Frau spielte die Hauptrolle. Gedreht wurde u. a. im Burggarten.

Alltagswerbung-neu-TeeHerbstmesse. Vom 22. bis zum 29. Oktober 1939 fand auf dem Rothenburger Marktplatz die Herbstmesse statt – wegen des Krieges diesmal mit weniger Verkaufsständen also sonst.

Nusch- und Tilly-Fenster kaputt. Die Meistertrunk-Kunstuhr mit den beiden Fenstern an der früheren Ratstrinkstube am Marktplatz, in denen Nusch und Tilly Tag für Tag die Zuschauer begeisterten (und begeistern),  gab am 1. November 1939 seinen Geist auf. Da der Betreuer dieses Werkes zum Kriegsdienst einberufen war, blieb die Uhr bis auf weiteres kaputt.

Postbote totgefahren. In der Nacht zum Donnerstag (23. November 1939) wurde gegen 22 Uhr auf der Straße zwischen dem Siechhaus und Gebsattel ein 58 Jahre alte Postbote aus Gebsattel tot aufgefunden. Er befand sich mit dem Fahrrad auf dem Weg von Rothenburg, wo er beschäftigt war, nach Gebsattel. Dabei wurde er von einem nachfahrenden Lastwagen überfahren.

Verdunkelungananzeige7.12.39Verdunkelungswoche. In jeder Woche wurden amtlicherseits neue Verdunkelungszeiten herausgegeben, nach denen in den Kriegsjahren kein Licht in den Fenstern der Häuser sichtbar sein durfte. In der „Verdunkelungswoche“ vom 10. bis einschließlich 16. Dezember 1939 war dies von 16.50 Uhr bis 7.30 Uhr vorgeschrieben.

Gefängnisausbruch. Der im Rothenburger Gerichtsgefängnis einsitzende vorbestrafte 28 Jahre alte Gottlieb Hartmann aus Prag brach am 4. Dezember 1939 filmreif aus dieser Unterkunft mit Tauberblick aus: Vor der Flucht stahl er in einem Verwaltungszimmer des Gefängnisses eine Pistole mit Munition. Außerdem entwendete er einen größeren Geldbetrag und Kleidung. Damit ausgestattet flüchtete er aus dem Gefängnis. Wie – ist hier nicht bekannt. Er fuhr nach Tirol. Auf der Fahrt stahl er einem Mitreisenden den Wehrpass. Wieder mittellos überfiel er in Schwaz einen Apotheker in seinem Bett, bedrohte ihn mit der Pistole, entwendete ihm 150 Reichsmark. In München  nahmen ihn Beamte der Fahndungsabteilung fest. Er wurde dem Sondergericht Innsbruck überstellt und zum Tode verurteilt.

 

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