An einem sonnigen Sonntagmorgen im Mai 1936 verdunkelte sich der Himmel und es prasselten Hagelkörner in der Größe von Hühnereiern auf die Stadt und das Land

"Spitalgasse unter" hieß es im Mai 1936; Foto: Reichsstadtmuseum Sammlung Richard Wagner

“Spitalgasse unter” hieß es 1936; Fotos (3): Reichsstadtmuseum Rothenburg ob der Tauber Sammlung Richard Wagner

Von Wolf Stegemann

Wer im Burggarten zu Rothenburg die allegorischen Figuren der vier Elemente und dabei die Skulptur des Wassers betrachtet, dem mag Friedrich Schillers „Bürgschaft“ in den Sinn kommen, wo es heißt  „Da gießt unendlicher Regen herab, / Von den Bergen stürzen die Quellen, / Und die Bäche, die Ströme schwellen…“ Den Rothenburgern mochten im schönen Mai solche literarischen Gedanken nicht gekommen sein, als „die Himmel brachen“ und weite Teile der Stadt und umliegende Gehöfte und Mühlen unter Wasser standen und die ansonsten friedliche Tauber zu einem reißenden Fluss angeschwollen war.

Größte Naturkatastrophe seit 50 Jahren

Gewitter und Hagelschlag richteten am 10. Mai, „einem ungewöhnlich heißen Sonntag-Vormittag“ eine große Verheerung an, ebenso waren weite Teile des Rothenburger Landbezirks verwüstet. Das Unwetter wird vom „Fränkischen Anzeiger“ als die schlimmste Naturkatastrophe seit 50 Jahren bezeichnet.

„Der Tag wurde buchstäblich zur Nacht, als die ersten Blitze zuckten und der Donner rollte. Plötzlich öffneten sich die Schleusen des Himmels und der Regen goß mit ungeahnter Wucht auf die Stadt und ihre Umgebung.“

Aufräumen im Taubertal

Aufräumen im Taubertal

Ein zwanzig Minuten lang andauernder Hagelschlag folgte. Die Hagelkörner seien so groß wie Hühnereier gewesen. Dächer und Fensterscheiben gingen zu Bruch. Mitten im sonnigen Mai verwandelte der Hagelschlag Straße und Plätze in eine Winterlandschaft. Der damals noch stellvertretende Bürgermeister Dr. Friedrich Schmidt machte sich mit seinen städtischen Mitarbeitern auf den Weg, sich über das Ausmaß der Naturkatastrophe in seiner Stadt zu informieren. Das wollte die NSDAP nicht dem Bürgermeister allein überlassen und machte sich in Begleitung der Zeitung ebenfalls auf Inspektionsreise. Der Berichterstatter der Zeitung schrieb:

„Sofort nachdem der Hagelschlag aufgehört hatte, unternahmen wir zusammen mit Kreisleiter Steinacker eine Fahrt in das vom Unwetter heimgesuchte Gebiet, und was sich auf dieser Fahrt unseren Augen bot, ist unbeschreiblich.“ Dann beschrieb er es doch: „An vielen Stellen in der Stadt waren die Kanalisationen nicht in der Lage, die plötzlich auftretenden Wassermassen aufzunehmen, so dass da und dort Überschwemmungen größeren Ausmaßes vorkamen.“

Spitalgasse: Feuerwehrleute standen bis zum Bauch im Wasser

Vor allem war die äußere Spitalgasse betroffen, die einen einzigen großen See bildete, der von der von der Einmündung zur Roßmühlgasse bis zum Krankenhaus reichte, das damals im Spitalhof war. Und überall schossen meterhohe Fontänen aus dem Wasser bzw. den Wasserschächten, die eigentlich da waren, um Wasser abfließen zu lassen. Feuerwehrleute, die bis zum Bauch im Wasser standen, hatten alle Hände soll zu tun.

Das mit Druck in die Keller und Wohnungen der Erdgeschosse eingedrungene Wasser spülte kleine Möbelstück weg, die jetzt im Wasser schwammen, manche auch draußen. Autos, die die Spitalgasse befuhren, blieben in den Wasserüberfluten stecken, andere wurden von der Feuerwehr angehalten, damit ihnen „in den auf und abwogenden Wassermassen“ nicht desgleichen widerfuhr. Erst als das Tor zum Spitalgarten geöffnet werden konnte, floss das Wasser langsam ab, wobei nun der Garten verwüstet wurde. Am Kobolzeller Tor konnten sich die Bewohner nur mit Mühe aus dem Häuschen retten. In der Gärtnerei Schletterer wurden über 60.000 junge Pflanzen vernichtet. Und weiter stellten der Zeitungsreporter und der NS-Kreisleiter fest:

„Unsere Fahrt führte uns sodann in das Taubertal. Bereits vor dem Kobolzeller Tor mussten wir sehen, welch ungeheuren Schaden die Wassermassen dort anrichteten. Auf einer Breite von etwa zehn Metern wälzten sich die Wassermassen von den Anlagen am Tor herunter auf die Serpentine. […] Die Straße selbst war dicht besät mit vom Hagel angeschlagenen Blüten, Blättern und Resten der Bäume, während die Hagelkörner in unheimlichen Massen in den Niederungen lagen. Welche Gewalt das Wasser hatte, beweist die Tatsache, dass aus einem auf dem Weg von der Doppelbrücke zum Essigkrug liegende Wasserschacht das Wasser meterhoch empor geschleudert wurde…“

 

Aufräumarbeiten auf der Taubertalstraße

Aufräumarbeiten auf der Taubertalstraße

Grafenruh: Der harmlose Blinkbach wurde zum strömenden Fluss

Bei Ansicht der Grafenruh, schrieb der Journalist, habe sich ihm ein „grässliches Bild“ aufgetan. Denn der Weg von der Tauberbrücke bei der Steinmühle bis zu diesem Anwesen sei überschwemmt gewesen von Möbelstücken aus Küche, Wohn- und Schlafzimmer. „Verzweifelt versuchten die Bewohner der Wassermassen Herr zu werden, mussten jedoch alles dem rasenden Element überlassen.“ Der harmlose Blinkbach war zu einem strömenden Fluss geworden, der große Steine mit sich führte. „Die Grundstücke, die am Zusammenfluss des Blinkbaches und der Taubert lagen, glichen einem einzigen wogenden See.“ Weiter ging die Fahrt des FA-Berichterstatters mit dem Kreisleiter. Aus der Taubertalstraße von der Doppelbrücke bis zum Kaiserstuhl befand sich nun ein großer See. Von den Hängen waren Steine und Buschwerk, dicke Äste und Geröll herabgeschwemmt worden. Die Tauber selbst war ein reißender und „riesig angeschwollener“ Fluss geworden, dessen schmutzigbraunes Wasser sich dahinwälzte.

Detwang: 60 Männer des Reichsarbeitsdienstes im Einsatz

In der Detwanger Kirche waren Teile des Daches und viele Fenster zertrümmert und der Friedhof stand unter Wasser. In der Langenmühle und Walkmühle gab es großen Schaden. An manchen Stellen bedeckten 10 Meter hohe Geröll- und Erdmassen tiefliegende Bereiche an der den Mühlen. Die Freiwillige Feuerwehr Detwang arbeitete ununterbrochen und der Reichsarbeitsdienst hatte dort 60 Mann im Einsatz, die erst einmal einen Durchbruch zur Tauber schaffen mussten, damit das Wasser abfließen konnte. Auch in den Feldern und Bergen von Steinbach richtete das Wasser großen Schaden an. Kürzlich erst eingesteckte Kartoffeln wurden herausgeschwemmt und lagen überall herum. Säckeweise wurden sie wieder eingesammelt. Nicht anders sah es in den Gemarkungen Bettwar, Gattenhofen und Steinsfeld aus, ebenso in den württembergischen Nachbargemeinden wie Schrozberg und Niederstetten. Als verheerend wurden die Schäden auch in Burgstall und in Leuzenbronn bezeichnet. – Der Stadtrat stellte Wochen später den Schadenssumme fest:  …….

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Anmerkung: Fotos von dieser Naturkatastrophe waren bislang leider nicht aufzufinden. Quelle: Fränkischer Anzeiger: „10. Mai – furchtbare Unwetterkatastrophe“ vom 11. Mai 1936.
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