Eröffnung des Waldschwimmbads im Siechenwäldchen 1935: Stadtnähe, Kabinen für 2.000 Personen, Liegewiese, Spielplatz und Bewirtung, Schwimm- und Planschbecken

Das Waldschwimmbad im Siechenwald wurde 1935 eröffnet

Das Waldschwimmbad im Siechenwald wurde 1935 eröffnet

Von Wolf Stegemann

„Sommerzeit! Du bist Erfüllerin des Sehnens des Menschen nach Licht, Luft und Wasser! Du lässt eine Natur die einzige und wahre Freundin des Menschen, in herrlichster Schönheit entfalten, lässt die Natur in tausendfältiger Weise zu den Menschen sprechen, zum inneren Erleben werden. Unter deiner Herrschaft lebt alles auf, meidet, wer kann für Wochen das Leben des Alltags, um irgendwo an einem schönen Flecken in unseren deutschen Vaterland sich der Ruhe und Erholung hinzugeben, um in Licht, Luft und Wasser, Geist und Körper zu stählen und zu kräftigen für kommende Taten…“

Eöffnung mit OB Liebermann (Mitte); Foto: Reichsstadtmuseum Rothenburg Sammlung Richard Wagner

Eöffnung mit OB Liebermann (Mitte); Foto: Reichsstadtmuseum Rothenburg Sammlung Richard Wagner

In diesem Stil ging es in dem Artikel im Fränkischen Anzeiger“ vom 29. Juli erst einmal so weiter, bis der Verfasser (A. M.) endlich dazu kam, dem Leser zu berichten, dass im Siechenwäldchen ein neues und idyllisch gelegenes Schwimmbad eröffnet wurde. Dies war notwendig, denn die vordem gegebenen Bademöglichkeiten in der Tauber waren unzureichend. Schon lange strebten die Rothenburger nach einem Freibad, was immer wieder vor 1933 vom Rat abgelehnt wurde, weil angeblich nicht durchführbar. „Wenn es gerade am aussichtsloseren erscheint, in solchen Momenten gibt es dann Gott sei Dank immer wieder beherzte Männer, die mit Mut und Zuversicht an einem Gedanken festhalten, an ein Werk herangehen, nach dem Grundsatz: Was ich für gut und recht erkannt, das will ich auch verfechten! So war es auch in der Geschichte um die Erstehung unseres Rothenburger Schwimmbades.“

Einer der an dem Gedanken festhielt und Mitstreiter fand, war Arzt Dr. Arnold Holstein. Im Siechenwäldchen fanden sie einen Platz, der für die Errichtung eines Waldschwimmbades geeignet war. Mit dem Bau, an dem der Reichsarbeitsdienst beteiligt war, begannen in dieser Idylle ein Krachen und Bersten, ein Abhauen der Bäume und ein Gedröhn der Äxte. Der „Fränkische Anzeiger“ beobachtete dazu im schönsten Ganghofer-Stil:

„Ein Baum nach dem andern fällt, ein Tannenwipfel nach dem anderen küsst die Mutter Erde… Die kleinen Waldvögelein flattern unruhig hin und her und zuweilen stößt ein Buntgefiederter einen ängstlichen Schrei aus.“

Mit Schwimmbad jetzt ein Kurort?

Was mit kräftigen Axtschlägen und Erdbewegungen mit Bagger und Schaufeln entstand, war das von Tannen umgebende Waldschwimmbad mit Schwimmbecken, Fußwaschrinne, zwei Planschbecken mit Springbrunnen, Brausen mit Frischwasserzufluss, eine Liegewiese für Sonnenbadende, ein 5.000 Quadratmeter großer Spielplatz mit Rutschbahn und anderen Spielgeräten. Duschen und Umziehkabinen mit Platz für 2.000 Personen, ein Wirtschaftgebäude mit Terrasse zum Speisen und Kaffeetrinken. Und als Information ein kleines Wetterhäuschen mit Uhr, Barometer und Angaben über die Wassertemperatur. Am Eingang war ein Schild angebracht, auf dem stand: „Zutritt von Juden verboten!“ Der „Fränkische Amzeiger“ schwärmte:

„Rothenburg, da du stolz in Franken stehst, jetzt besitzt du ein Licht-, Luft- und Schwimmbad, das deiner würdig ist, das dir als weltbekannte Fremdenstadt Ehre bereitet. Dein Schwimmbad kann man wohl mit gutem Gewissen als das schönste in Franken bezeichnen… Wessen Auge von Deiner Stätte aus das malerische Landschaftsbild, dich alte Feste mit deinen trutzigen Mauern und Türmen, deiner wehrhaften Spitalbastei gesehen hat, wird entzückt und begeistert sein! Er wird zum Künder für dich, alte Tauberstadt, die du mit deinem Schwimmbad zu einem wundervollen Kurort emporgestiegen bist.“

Ankündigung des ersten Spatenstichs für das Schwimmbad

Ankündigung des ersten Spatenstichs für das Schwimmbad am 1. Mai 1935 (FA)

Festzug mit Fahnen, Trommeln und Pfeifen zum Schwimmbad

Während sich der Verfasser in seinem Artikel im „Fränkischen Anzeiger“ in dieser poetischen Stil mit „Vögelein“ und „Waldidylle“ seiner Freude über das Schwimmbad den Lesern zum Ausdruck brachte, informierte auf derselben Seite die Zeitung über den martialischen Festzug, der sich zur Einweihung des Schwimmbads auf dem Marktplatz formierte, wo es nicht so naturverbunden zuging. Auf dem Marktplatz sammelten sich die im Reichsverband für Leibesübungen zusammengeschlossenen sporttreibenden Verbände Rothenburgs, SA- und SS-Formationen, der Arbeitsdienst, der einen Hauptanteil an der Entstehung es Bades hatte, Polizei, Hitlerjugend und Bund Deutscher Mädels, die Amtsvorstände sämtlicher Rothenburger Behörden sowie Ehrengäste wie der Oberbürgermeister und Kreisleiter aus Ansbach, Hänel, Bürgermeister Fuchs aus Feuchtwangen, ein Vertreter der Regierung von Ober- und Mittelfranken, ein Vertreter des Verkehrsverbandes Nordbayern, außerdem Abgeordnete der Stadt Bad Mergentheim.

Mit einem Fahnenblock der SA und NSDAP-Kreisleiter Zoller und Oberbürgermeister Dr. Liebermann, Oberstabsarzt Dr. Holstein an der Spitze zog der Festzug mit Fahnen und Marschmusik des SA-Spielmannszuges durch die Spitalgasse hinaus zum neuen Bad im Siechenwäldchen, das über und über mit Hakenkreuz-Fahnen und bunten Blumen geschmückt war.

Eöffnungstag; Foto: Reichsstadtmuseum Rothenburg Sammlung Wagner

Eöffnungstag; Foto: Reichsstadtmuseum Rothenburg Sammlung Wagner

Vom Wannenbad, Volksbad, Tauber-Bad zum Waldschwimmbad

Oberbürgermeister Liebermann sah in dem Bad nicht nur das Vergnügen der Benutzer, sondern auch deren Gesundheitspflege und somit die „Gesundheitspflege in Rothenburg“. Er erinnerte an die Badesituation in der Stadt vordem. Bis 1931 war im Schrannenhof ein öffentlichen Wannen- und Brausebad untergebracht, dann ein Volksbad im ehemaligen Töchterschulgarten und an das Schwimmbad unten an der Tauber, das vor allem wegen der Wasserbeschaffenheit völlig ungeeignet als Schwimmbad war. Dann sprachen, wie bei solchen Anlässen üblich, auch Kreisleiter Zoller und andere von der Partei und von den Ehrengästen und jede Rede klang aus mit einem kräftigen „Sieg Heil“ auf den Führer, der den Bau „dieses schönen Schwimmbads erst ermöglicht“ hatte. Mit den beiden Nationalhymnen (Deutschlandlied und Horst-Wessel-Lied) klang die Feierstunde aus und heitere Schwimmvorführungen begannen.

Nach 1945

In den Nachkriegsjahren war das Waldschwimmbad im Siechenwäldchen im Sommer Treffpunkt von Familien, Erwachsenen und der Schuljugend. Denn das ebenfalls noch bestehende Freibad im „Steinbächle“ war wegen seiner schattigen Lage und weiten Entfernung von der Stadt nicht mehr „in“. – Heute ist im Siechenwäldle die Idylle verschwunden. Alles verbaut, auch mit einem Hallenbad, hinter dem sich noch das alte inzwischen aber mehrmals renovierte alte Schwimmbad befindet.

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Quelle: „Fränkischer Anzeiger“ vom 29. Juli 1935.
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