Entnazifizierung (10): Marga Schübel trat in die Partei ein und aus der Kirche aus. Zwölf Jahre lang will sie Nazi-Gegnerin und nur widerwillig Kreisfrauenschaftsleiterin gewesen sein

Frauen der Rothenburger Ortsgruppe

Frauen der Rothenburger Ortsgruppe

Von Wolf Stegemann

Eine der wenigen Frauen, die nach den hier vorhandenen Unterlagen sich vor der Spruchkammer Rothenburg zu verantworten hatten, war die 1891 in München als Marga Schilffarth geborene und verheiratete Marga Schübel. Verheiratet war sie mit einem Lehrer, der wegen einer starken Herzerkrankung 1922 auf das Land versetzt wurde, nach Schillingsfürst, wo sie den Schuldienst verließ und Hausfrau wurde. Nach dem Zusammenbruch des Reichs kam sie vor die Spruchkammer, weil sie u. a. über zwölf Jahre lang NS-Kreisfrauenschaftsleiterin war und verließ die Spruchkammer am 13. Mai 1948 als Mitläuferin der Gruppe (IV). Sühnemaßnahmen wurden nicht gefordert da, Marga Schübel als nationalsozialistische Amtsträgerin über zwei Jahre lang in Ludwigsburg  interniert war. Die Kammer bewertete ihre Einsicht, einen „Fehltritt“ begangen zu haben, als entlastend. Eigentlich war das Verfahren bereits vorher angesetzt gewesen. Aber der Verteidiger von Marga Schübel, Rechtsanwalt Weber, legte sein Mandat ohne Angabe von Gründen nieder. An seiner Stelle übernahm Rechtskonsulent Josef Bocklet aus Würzbug-Heidingsfeld die Verteidigung.  Weiterlesen

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Entnazifizierung (11): Am Fall Edwin Böhms sind die Probleme zu sehen, nach welchen Maßstäben die Spruchkammern ihre oft widersprüchlichen Urteile bildeten

NSDAP-Führer-Schule Krössinsee

NSDAP-Führer-Schule Krössinsee

Von Wolf Stegemann

Einer, der sich anfangs besonders verwerflich als Antisemit und Nationalsozialist schon 1933 hervorgetan hat, war gerade 18 Jahre alt. Der 1915 in Neusitz geborene Edwin Franz Böhm war damals bereits ein Jahr Kameradschaftsführer in der Hitlerjugend, in die Partei trat er erst 1937 ein, in die SA 1939, wo er den Rang eines Obertruppführers ohne Funktion hatte. Zudem war der spätere Kaufmann noch in zwei weiteren NS-Organisationen und war Träger des HJ-Ehrenabzeichens und von 1937 bis 1945 Ordensjunker, vorher von 1933 bis 1937 Angehöriger des Reichsarbeitsdienstes (RAD), zuletzt im Rang eines Obertruppführers. Vom September 1939  bis Kriegsende war er mit kurzen Unterbrechungen bei der Wehrmacht, zuletzt als Leutnant. Von Oktober 1945 bis November 1946 befand er sich im Internierungslager Hammelburg. In den Akten der Militärregierung Rothenburg wurde er als hauptamtlicher Politischer Leiter, Kreisstabsamtsleiter und Kreisredner geführt, was bei der Entnazifizierung den Öffentlichen Kläger veranlasste, Edwin Böhm in seiner Klageschrift als Hauptschuldigen nach Gruppe I zu bezeichnen. Weiterlesen

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Entnazifizierung (12): Emil Reichel verwandelte sich 1933 vom Sozialdemokraten zum strammen SA-Mann – 1945 wollte er als Werwolf kämpfen

Ausriss aus der Akte Reichel

Ausriss aus der Akte Reichel

Von Wolf Stegemann

Er war von 1921 bis 1933 eingeschriebener Sozialdemokrat, Mitglied in der Freien Gewerkschaft und nach eigenen Aussagen ein fanatischer Gegner des Nationalsozialismus. Das war er mit Sicherheit nicht, denn als Adolf Hitler 1933 Reichkanzler wurde, drehte sich der Justiz-Sekretär um 180 Grad, wurde uniformierter Nationalsozialist in der SA und trat 1935 in die NSDAP ein, wo er das Amt eines Blockleiters übernahm. In der SA blieb Emil Reichel als Truppführer bis 1944, in der Partei bis zum Zusammenbruch. Als Grund gab er 1948, als er entnazifiziert wurde und die Mär vom „fanatischen“ Nazi-Gegner erzählte, die lange Arbeitslosigkeit und die Sorge um seine Familie an. Er glaubte den Versprechungen des Nationalsozialismus und hoffte, durch ihn in besseren wirtschaftlichen Verhältnissen leben zu können. Von diesem Glauben ließen sich 1933 viele beeinflussen. Ein „Fanatiker“ gegen den Nationalsozialismus aber war der 1896 in Bayreuth geborene Emil Reichel sicherlich nicht, zumal er noch 1945 mit Unterschrift als Werwolf die Alliierten hinterrücks bekämpfen wollte.  Weiterlesen

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Entnazifizierung (13): Oberstudiendirektor Dr. Konrad (Kurt) Hoffmann, Leiter der Oberschule bis 1939 – vom Belasteten zum Entlasteten, vom Mitläufer zum Gegenläufer

Ausriss

Ausriss aus dem Vorgutachten zur Entnazifizierung

Von Wolf Stegemann

Er hatte sich gegen vehemente Beschuldigungen und die formalen Anschuldigungen verteidigen müssen, aufgrund seiner Stellung ein Nationalsozialist zu sein. Denn Dr. Konrad (auch Kurt genannt) Hoffmann war als Oberstudiendirektor von 1932 bis 1939 Leiter der Rothenburger Oberschule. Am 7. Januar 1946 ordnete die amerikanische Militärregierung die Entlassung aus dem Schuldienst an, bzw. am 28. Januar das Ministerium. Als Schulleiter war er grundverdächtigt, die Schüler und Schülerinnen im Sinne des Nationalsozialismus gelehrt und sein Lehrerkollegium genauso geführt zu haben. Zudem war er Parteimitglied und gehörte der SA und neben dem NS-Lehrerbund noch sechs anderen NS-Organisation an. Auch hatte er in den Organisationen Ämter. Einem solchen in Führungspositionen gestandenen Mann misstrauten die Mitglieder der Spruchkammer natürlich. Entsprechend groß war die Fülle des Materials, das sie über den 1890 geborenen Pädagogen Konrad Hoffman aus der Widmannstraße 1 gesammelt hatten. Der Kläger beantragte in der Klageschrift die Einreihung Hoffmanns als Belasteter in Gruppe II. Doch das alles reichte nicht aus. Sie Spruchkammer sah die Entlastungen dann doch als so gewichtig an, dass sie ihn am 30. Mai 1947 als „Entlastet“ in die Gruppe V einreihten. Die Kosten fielen der Staatskasse zur Last und der Spruch wurde am 9. Juni rechtskräftig. Weiterlesen

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Entnazifizierung (14): Das Spruchkammerverfahren gegen den NSDAP-Ortsgruppenleiter und Lehrer Friedrich Götz war ein Schmierentheater

Von Wolf Stegemann

Der Entnazifizierungs-Vorprüfungsausschuss für den Geschäftsbereich des Bayerischen Staatsministeriums für Unterricht und Kultus in München erklärte am 29. Februar 1948 in seinem von dem Rothenburger Schulrat Ernst Keller erstellten Gutachten, dass der Rothenburger Hauptlehrer Friedrich Götz, in offiziellen Urkunden auch Fritz genannt, „ein überzeugter Nationalsozialist“ war. Als NSDAP-Ortsgruppenleiter erläuterte er vor der Schuljugend anlässlich des Judenpogroms vom Oktober 1938, warum die Juden „als diebisches Gesindel“ aus der Volksgemeinschaft der Stadt und des Reiches verschwinden müssen. Und weiter heißt es, dass er als „guter Nationalsozialist naturgemäß auch antikirchlich eingestellt“ war. – Guter Nationalsozialist? Welch ein Begriff, der 1948 noch gebraucht wurde! Weiterlesen

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Entnazifizierung (15): Schulleiter Eugen Haas, Kirchengegner und Antisemit, meinte 1948, dass an ihm jetzt „ein teuflisches Verbrechen“ ausgeübt werde!

Spruchkammerakten (Symbolbild)

Spruchkammerakten (Symbolbild)

Von Wolf Stegemann

Er gehörte zu denen, die als Lehrer die Schuljugend mit nationalsozialistischer Ideologie schon von Anfang an geimpft hatten, sie dadurch zu intoleranten und aggressiven Menschen verführten und sie schließlich als Hitlerjugend „dem Führer zum Geschenk“ machten. Das taten viele Lehrer, die meisten jedenfalls. Und in Rothenburg waren es besonders viele Lehrer. In den Entnazifizierungsakten stehen dann die jämmerlichen Entschuldigungen dieser Lehrer, sie hätten für ihre Familie sorgen müssen, sie wären sonst woanders hin versetzt worden, sie wären gezwungen worden, sie hätten die Rektorenstelle nicht bekommen, sie wären den Schülereltern verantwortlich gewesen oder sie stritten alle Vorhalte ab. Etliche Entlastungsschreiben früherer Schüler und Eltern und von ehemaligen NS-Behördenvertretern taten dann das ihre dazu, den braunen Lehrer innerhalb von zwei Stunden weiß zu waschen – und eventuell wieder auf die Schuljugend loszulassen. Weiterlesen

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Entnazifizierung (16): Adolf Meyer, NSDAP-Kreisleiter von Neustadt verweigerte sich dem Gauleiter. Als Schulrat kam er dann nach Rothenburg

Von Wolf Stegemann

Im Internet wird sein 1934 erschienenes Buch zwischen 380 und 500 Euro gehandelt. Es hat nur 109 Seiten. Herausgeber und hauptsächlicher Autor ist der damalige NSDAP-Kreisleiter von Neustadt an der Aisch, Adolf Meyer, der ab 1937 in Rothenburg wohnte. In dem in Neustadt verlegten Buch mit dem Titel „Mit Adolf Hitler im Bayerischen Infanterie-Regiment 16 List?“ beschreibt Adolf Meyer seine Begegnungen mit dem späteren Führer im Ersten Weltkrieg. Er war Offizier in dem Regiment, in dem Hitler Gefreiter war. Als Adolf Meyer schwer verwundet wurde, war Hitler bei seiner Bergung aus der Feuerlinie dabei. Bei einer Rede Hitlers in einer geschlossenen Versammlung nach dem Krieg hatte sich der Pädagoge Meyer entschlossen, der Partei Hitlers beizutreten. Weiterlesen

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