Entnazifizierung (13): Oberstudiendirektor Dr. Konrad (Kurt) Hoffmann, Leiter der Oberschule bis 1939 – vom Belasteten zum Entlasteten, vom Mitläufer zum Gegenläufer

Ausriss

Ausriss aus dem Vorgutachten zur Entnazifizierung

Von Wolf Stegemann

Er hatte sich gegen vehemente Beschuldigungen und die formalen Anschuldigungen verteidigen müssen, aufgrund seiner Stellung ein Nationalsozialist zu sein. Denn Dr. Konrad (auch Kurt genannt) Hoffmann war als Oberstudiendirektor von 1932 bis 1939 Leiter der Rothenburger Oberschule. Am 7. Januar 1946 ordnete die amerikanische Militärregierung die Entlassung aus dem Schuldienst an, bzw. am 28. Januar das Ministerium. Als Schulleiter war er grundverdächtigt, die Schüler und Schülerinnen im Sinne des Nationalsozialismus gelehrt und sein Lehrerkollegium genauso geführt zu haben. Zudem war er Parteimitglied und gehörte der SA und neben dem NS-Lehrerbund noch sechs anderen NS-Organisation an. Auch hatte er in den Organisationen Ämter. Einem solchen in Führungspositionen gestandenen Mann misstrauten die Mitglieder der Spruchkammer natürlich. Entsprechend groß war die Fülle des Materials, das sie über den 1890 geborenen Pädagogen Konrad Hoffman aus der Widmannstraße 1 gesammelt hatten. Der Kläger beantragte in der Klageschrift die Einreihung Hoffmanns als Belasteter in Gruppe II. Doch das alles reichte nicht aus. Sie Spruchkammer sah die Entlastungen dann doch als so gewichtig an, dass sie ihn am 30. Mai 1947 als „Entlastet“ in die Gruppe V einreihten. Die Kosten fielen der Staatskasse zur Last und der Spruch wurde am 9. Juni rechtskräftig.

Nur nominelles Parteimitglied

Wegen seiner Lehrertätigkeit prüfte auch der „Vorprüfungsausschuss des Staatsministeriums für Unterricht und Kultus im Landkreis Rothenburg o/Tbr.“ den Betroffenen und kam im Februar 1947 zu entlastenden Ergebnissen.

„Oberstudiendirektor Dr. Konrad Hoffmann zeigte von Anfang an seine innere Ablehnung zur NSDAP. 1933 wurde er von Ortsgruppenleiter Rahner aufgefordert, der Partei beizutreten, lehnte aber ab. Erst 1935 gelang es Kreisamtsleiter Schmidt-Nordenberg, ihn unter Hinweis auf den eventuellen Verlust seiner Stellung zum Eintritt in die NSDAP zu bewegen. Er blieb aber innerlich nach wie vor den nationalsozialistischen Ideenwelt fremd. Seine laue Einstellung zur NSDAP war bei der Kreisleitung und der HJ-Führung bekannt, weshalb sie den Veranstaltungen der von ihm geleiteten Oberschule fernblieben. Deshalb bestimmte das Ministerium einen Alten Kämpfer mit goldenem Parteiabzeichen  zu seinem Nachfolger. … Seine Schüler beeinflusste er nie im nationalsozialistischen Sinn. Auch der Kirche gegenüber zeigte er größte Toleranz. Die auffallend hohe Anzahl von Gutachten aus allen Kreisen der Bevölkerung lassen erkennen, dass Hoffmann nur dem Namen nach Parteigenosse war.“

Schulleiter Hoffmann (Ausschnitt aus Lehrerfoto 1953)

Schulleiter Dr. Hoffmann 1953

Konrad Hoffmann überließ jüdischem Lehrer israelitische Schriften

Die Spruchkammer Rothenburg legte Konrad Hoffmann allerdings zur Last, dass er „das Vertrauen der HJ gehabt hat“. Dies gelangte auch in einem Artikel des „Fränkischen Anzeigers“ in die Öffentlichkeit, was Hoffmann mit dem Hinweis abtat, dass der Verbreiter dieser Nachricht ein „20-jähriger HJ-Führer gewesen sei, der es sich zur Aufgabe gemacht hatte, in einem Sinne zu schreiben, wie es ihm gerade förderlich erschien“. Dieses Angaben hielt die Spruchkammer für glaubhaft, zumal es auch ähnliche andere Vorkommnisse gab. Die Spruchkammer zählte als entlastend noch auf, dass Dr. Hoffmann stets einen Geschichtsunterricht erteilte, der frei war von gleicher NS-Ideologie, dass er einmal eine Rede vor der angetretenen Hitlerjugend der Schule nicht hielt und dass er keinerlei Begünstigungen als formales Mitglied in der Partei (1935 bis 1939) hatte. Auch wurde ihm zugute gehalten, dass er den jüdischen Schülern ein eigenes Schulzimmer für den Religionsunterricht zur Verfügung stellte und im Sommer 1933 einem jüdischen Lehrer, der von Rothenburg nach Speyer versetzt wurde, die in der Schulbibliothek eingestellten Zeitschriften des „Zentralvereins deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens“ und andere Schriften gegen den Antisemitismus, deren Vernichtung offiziell angeordnet war, überlassen hatte. Der jüdische Lehrer war Prof. Siegmund Marx, der vier Jahre in Rothenburg gewesen war. Im September 1942 wurde er in Auschwitz ermordet.

Anstatt vorgesehener Versetzung Einberufung zum Militär

1939 sollte seine Versetzung erfolgen, die dann wegen seiner Einberufung zur Wehrmacht unterblieb. Im Ministerium war er „schwarz angeschrieben“ und daher als Lehrer und Schulhalter unhaltbar geworden. Nachfolger wurde Studiendirektor Paul Häublein, ein „Alter Kämpfer“ und Träger des „Goldenen Parteiabzeichens der NSDAP“. Dieser betonte in seiner Antrittsfeier in Gegenwart von Dr. Hoffmann, dass unter dessen Leitung „die nationalsozialistische Haltung sehr zu wünschen übrig ließ und nun unter ihm besser werden müsse“. Für Konrad Hoffmann sprach auch, dass ein von ihm geschriebenes und verlegtes Geschichtsbuch von Parteidienststellen abgelehnt wurde, obwohl das Ministerium seine Genehmigung erteilt hatte. Der private finanzielle Schaden für Dr. Hoffmann betrug 3.000 Reichsmark. Außerdem war der Oberstudiendirektor dadurch benachteiligt, dass er zwei Jahre nicht mehr gefördert wurde. Aus den vielen entlastenden Schreiben befinden sich auch solche von ehemaligen Schülern und Kollegen/Kolleginnen. Der ehemalige Schüler Ludwig Eisenmann schrieb am 18. April 1947:

„Parteifeierlichkeiten und nationalsozialistische Schulfeiern waren an unserer Anstalt unter Leitung Herrn Direktor Hoffmanns sehr selten, wennschon, dann wurden die Veranstaltungen auf ein Mindestmaß beschränkt. Ein krasser Gegensatz zum Nachfolger, Herrn Direktor Häublein, der uns fast nicht mehr aus der Uniform kommen ließ…“

Rosemarie Oertel (Lehrerin): Herr Dr. Hoffmann war immer gerecht und in seiner Haltung unantastbar.“ – Elsbeth Neubert (Schülerin): „Sein Geschichts- und Deutschunterricht war objektiv und ohne nationalsozialistische Propaganda!“ – Marianne Probst (Schülerin): „Ein jüdischer Schüler, der unsere Klassen besuchte, wurde von ihm stets in er gleichen Weise behandelt wie alle übrigen Schüler!“ – Oskar Schubert (Schüler): „Auch erinnere ich mich, dass er öfter im Verlauf des Unterrichts seine Unzufriedenheit mit den Grundsätzen der nationalsozialistischen Jugenderziehung zum Ausdruck brachte, … was für ihn sehr gefährlich war.“ – Helmut Schönborn und 17 andere Unterschriften von Schülern: „Sein einziges Bestreben war es, uns zu anständigen und brauchbaren Menschen im Leben zu erziehen!“ – Gertrud Förstner geborene Schlee schrieb:

„Als ehemalige Schülerin erinnere ich mich, dass Herr Oberstudiendirektor Dr. Hoffmann im März 1933 sichtliche widerstrebend der Hissung der Hakenkreuzfahne im Schulhof akzeptierte. … Die Flaggenhissung war von zwei SA-Leuten in Uniform angeordnet worden, die das Schulgebäude nicht eher verließen, bis der Akt vollzogen war.“

Früherer jüdischer Einwohner Rothenburg entlastete Konrad Hoffmann

Konrad Hoffmann betrachtete das Hissen der Fahne als Hausfriedensbruch und sah von der  Direktorats-Altane lediglich zu. – Franz-Josef Fürst zu Hohenlohe Schillingsfürst schrieb, dass sein Sohn Karl-Albrecht im Oktober die Oberschule in Rothenburg wegen einer Äußerung gegen das Dritte Reich verlassen musste und in ganz Bayern keine Oberschule mehr besuchen durfte.

„Leider war Herr Direktor Hoffmann in den Tagen dieses Vorfalles nicht in Rothenburg anwesend. Herr Direktor Dr. Hoffmann hat durch seine Intervention verhindert, dass ein grober Vorstoß gegen meine Familie seitens der nationalsozialistischen Partei gemacht wurde, der sehr empfindliche Schläge für mich und meine Familie gehabt hätte. Persönlich war mir Herr Dr. Hoffmann schon seit längerem als Feind des nationalsozialistischen Systems bekann.“

Aus New York kam ein am 19.Oktober 1946 datierter Brief von dem früheren jüdischen Einwohner Rothenburgs, Joseph Wimpfheimer:

„Ich bestätige hiermit, dass Herr Dr. Hoffmann sich mir und meiner Familie gegenüber hilfsbereit und freundlich erwiesen hat. Herr Dr. Hoffmann versuchte, meiner Tochter Hildegard, die die Realschule in den Jahren 1932/33 besuchte, alle Unannehmlichkeiten fern zu halten, die auf Grund ihres Glaubens an sie herantraten. Ich wünsche Herrn Dr. Hoffmann das Beste für die Zukunft.“

Auch Richard Wagner, bekannt von vielen von ihm aufgenommener Fotografien von nationalsozialistischen Ereignissen in der Stadt, setzte sich am 28. März 1947 für Dr. Hoffmann ein, den er aus der gemeinsamen Zeit von 1932 im „Stahlhelm“ kannte:

„Wenn ich von meinen Auslandsreisen zurückkam, wunderte ich mich bei Gesprächen mit ihm oft über seine guten Kenntnisse, mit denen er die Verlogenheit und die Gewalttaten der nazistischen Machthaber in das richtige Licht setzte. So habe ich mit ihm über die nazistische Brandstiftung des Reichstagsgebäudes 1934(sic? 1933!) und die beschämenden Vorgänge vom November 1938 u. ä. gesprochen. Herr Dr. Hoffmann verurteilte schärfstens das schamlose Vorgehen Hitlers und den fortgesetzten Betrug am Volke…“

Antifaschistisches Schriftenmaterial verteilt

In der mündlichen Verhandlung am 30.Mai 1947 in den Amtsräumen der Spruchkammer im Finanzamt belegte Konrad Hoffmanns Verteidiger, Rechtsanwalt Dr. Weber, dass der frühere Schulleiter auch Angehörigen der jüdischen Konfession geholfen hatte und zwei Kinder antifaschistischer Eltern Stipendien in der Schweiz verschafft hatte. Weber sagte:

„Weiter verbreitete er aus der Schweiz stammendes antifaschistisches Schriftenmaterial.“

Als der Ankläger Kurt Holstein in seinem Antrag darauf verzichtete, Direktor Hoffmann zu kategorisieren und dies dem Ermessen der Kammer überließ, der Betroffene im Schlusswort sagte: „Ich habe das Vertrauen, dass Sie erkennen, dass ich kein Mitläufer sondern ein Gegenläufer war und bitte daher um gerechte Einreihung in die Gruppe der Entlasteten.“ Dem entsprach die Kammer. Dr. Kurt Hoffmann wurde entlastet.

Nachbemerkung: Dr. Hoffmann wurde danach wieder Schulleiter der Oberschule mit Gymnasium (bis 1955). Sein Nachfolger von 1939, Paul Häublein, blieb nur bis 1940 Schulleiter, ihm folgte Oskar Wellner (bis 1945).

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Quelle: Staatsarchiv Nürnberg, Spruchkammer Rothenburg, 8 T 60. – Foto entnommen „450 Jahre Reichsstadt-Gymnasium Rothenburg“ (Ausschnitt), 2004
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