Tagung der Bundeskadetten 1981 in Rothenburg brachte dem Bürgermeister und Volksschullehrer Fritz Gehringer Verdruss, weil er auf seine SS-Vergangenheit stolz war

Prominenz: v. l. Georg Ludwig (Chef der Kadetten-Zentral), BGS-General a. D. K. Voigt, Panzergeneral a. D.  Walther Wenck (Wehrmacht). Prinz Louis Ferdinand von Preussen (Schirmherr) General a. D. Hans Kreppel; Foto: FA Prominz

Prominenz: v. l. Georg Ludwig (Chef der Kadetten-Zentrale), BGS-General a. D. K. Voigt, Panzergeneral a. D. Walther Wenck (Wehrmacht). Prinz Louis Ferdinand von Preussen (Schirmherr) General a. D. Hans Kreppel; Foto: FA

Von Wolf Stegemann

Am Bundeskadettentag Ende September 1981 in Rothenburg ob der Tauber ließen die Tagungsteilnehmer ihre rund 250 ehemaligen Angehörigen des 1716 von Friedrich Wilhelm I. gegründeten Preußischen Kadettenkorps hochleben. Der Schirmherr, Louis-Ferdinand Prinz von Preußen, lobte in der Reichsstadthalle in Anwesenheit von königlichen Hoheiten, Fürsten, Prinzen und altgedienten Offizieren vornehmlich aus der früheren NS-Wehrmacht, die deutsche und preußische Tradition. Insgesamt gab es in den 1980er-Jahen noch rund 700 Kadetten. Bei der Tagung in Rothenburg waren auch jeweils ein hoher Vertreter des Bundeswehr und des Bundesgrenzschutzes dabei. Acht Teilnehmer kamen sogar aus der DDR. Seit über 1920 pflegen die ehemaligen Kadetten ihre Soldatenkameradschaft. In ihren Rothenburger Reden schwelgten die Soldatengreise, der jüngste war 75, im Ewiggestrigen. Der frühere Befehlshaber des Bundesgrenzschutzes, Brigadegeneral a. D. K.-Chr. Voigt sprach wie einst die Nazis vom „Schandvertrag von Versailles“, durch den die Kadettenanstalten aufgelöst werden mussten. Der kaiserlich und preußisch-königlich Schirmherr sagte gar in seiner Ansprache, dass „das preußische und deutsche Soldatentum den Menschen gesund und kräftig erhalte“, wobei er die vielen Soldatenfriedhöfe zu erwähnen vergaß. Und der Bundesgrenzschutzgeneral gab die Parole aus: „Weitermachen!“ Er meinte, dass die Bundeswehr viel zu wenig schmucke Uniform zeige und mehr dafür sorgen müsste, dass die „Werte alter soldatischer Tradition gewürdigt“ werden. Der Vertreter der Bundeswehr, ein Oberst von der Schulenburg, kritisierte seine Bundeswehr ebenfalls, weil von der Kontinuität im Denken vom Kadettenkorps nichts bis in die Streitkräfte hineinreiche. Er sagte, dass das Offizierskorps, die Kirche und die Familie die Bereiche seien, in denen Geborgenheit, Liebe und andere Werte am ehesten erfüllt würden. Weiterlesen

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Bernhard Gehringers Rothenburger Familiensaga aus der NS-Zeit – Die Liebesgeschichte seiner Eltern im Schatten der nationalsozialistischen Propaganda

Bernhard Gehringer

Der Rothenburger Bernhard Gehringer; Foto: Mainpost

Er ist Seminarlehrer für Deutsch in Schweinfurt und lebt in Schwebheim in Unterfranken. Zum Schreiben hat der 1948 in Rothenburg geborene Bernhard Gehringer nur an den Wochenenden und in den Schulferien Zeit. So sind innerhalb von zehn Jahren fünf Bücher im Eigenverlag erschienen, die zunächst nur im Freundeskreis kursierten, inzwischen aber auch im Buchhandel erhältlich sind. Seine anfängliche Zurückhaltung erklärt sich daraus, dass seine Arbeiten stark von persönlichem Erleben geprägt sind. So setzte er sich in seinem Erstling „Forget Anna“ mit dem Ende einer langen Beziehung auseinander. Es folgte „Lendenwirbel“. Die Auseinandersetzung mit dem Vater, der in Gehringers Heimatstadt eine Größe war, der die Familie autoritär führte, was zu den klassischen Vater-Sohn-Spannungen führte. Mit seinem Buch versuchte er, sowohl dem Vater wie dem Sohn gerecht zu werden. Weiterlesen

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„Die verschnürten Briefe“ sind nicht nur Zeugnisse der großen Liebe der Eltern, sondern auch des ungebrochenen Festhaltens Fritz Gehringers an der SS-Ideologie über 1945 hinaus

Der Vater, die Mutter, die Briefe, das Buch: Fotos (...): privat

Der Vater, die Mutter, die Briefe, das Buch: Fotos (…): privat

Von Wolf Stegemann

Es ist ein schwergewichtiges Buch. Nicht, weil es ganze 1,1 Kilogramm auf die Waage bringt, sondern vom Inhalt her, den, in sich aufzunehmen, dem Leser einiges abverlangt. Wie in ein Bild, in das man „hineingehen“ muss, um es zu verstehen, mag es dem einen oder anderen Leser auch bei Bernhard Gehringers Textwerk über die Geschichte der jungen Liebe seiner Eltern zwischen 1939 und 1947 gehen, dem er den Titel „Die verschnürten Briefe“ gegeben hat. Die rund tausend Schreiben, nach dem Tod der Eltern in einem Schuhkarton zufällig entdeckt, sind der Ausgangspunkt eines Rückblicks auf eine Zeit des NS-Regimes und des Krieges, denen die Niederlage folgte. Für manche schmerzhaft und offensichtlich nicht befreiend. So auch für Fritz Gehringer, dem Vater, der an den Werten der SS über 1945 hinaus festhielt. Als er im Sommer 1945 als Kriegsgefangener in einem Lazarettzug von der Normandie in das Kriegsgefangen-Durchgangslager Bad Aibling gebracht wurde, schrieb er am 30. Juli, dass er sich über die Haltung der besiegten Deutschen gegenüber den Amerikanern geschämt hätte und er „traurig berührt“ war, wie deutsche Frauen mit den US-Soldaten anbandelten: „Dafür haben wir also gekämpft und geblutet, dafür sind so viele Tausende gefallen.“ – Ob er auch an die Millionen ermordeter Juden gedacht hatte? Darüber gibt er in seinen Briefen keine Auskunft. Weiterlesen

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Joshua Hagens Buch über Rothenburgs Tourismus und die Verstrickung im Nationalsozialismus: „The Jewel of the German Past“

Vorbemerkung: Zwei wesentliche Arbeiten haben Rothenburgs nationalsozialistische Vergangenheit umfassend und wissenschaftlich aufgearbeitet: Joshua Hagen in seinem englischsprachigen Buch „Preservation, Tourism and Nationalism. The Jewel of the German Past“, das 2006 erschien, und Daniel Bauer in seiner Dissertation „Formen nationalsozialistischer Herrschaft in Rothenburg ob der Tauber“, die 2014 als Buch erscheinen wird. – Die letzten Jahrzehnte hindurch wurde immer wieder von einzelnen „Rufern in der Wüste“ eine umfassende Darstellung über die Rothenburger NS-Zeit vergebens angemahnt.  Nicht unerwähnt bleiben darf in diesem Zusammenhang allerdings die schon früh veröffentlichten Artikelserien von Dieter Balb im „Fränkischen Anzeiger“ und das vorsichtige Sich-an-die-Thematik- herantasten des Vereins Alt-Rothenburg durch thematisch ausschnitthafte Vorträge und Buchveröffentlichungen. – Über die Dissertation von Daniel Bauer berichten wir, sobald sie vorliegt. Weiterlesen

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Anmerkungen zu Daniel Bauers Buch „Das nationalsozialistische Herrschaftssystem in Rothenburg ob der Tauber“: Eine erfolgreiche Spurensuche in den Archiven legte die Fährte der Nazis frei

Bauer-Roth-oben als SonneVon Wolf Stegemann

Wer das Buch in die Hand nimmt, legt es so schnell nicht wieder weg. Es ist ein wissenschaftliches Werk mit einer Struktur, die man von Dissertationen und Studien kennt, deren Aufbau und Durchtextung nach einem akademisch vorgeschriebenen modus vivendi angelegt ist. „Schreiben in einem Elfenbeinturm“ sagen dazu auch akademische Kritiker und der unlängst verstorbene Historiker, Prof. Hans Mommsen, meinte sogar überspitzt, dass in manchen dieser Arbeiten in den Fußnoten oft die spannenderen Inhalte zu lesen seien. Fußnoten sind allerdings auch wichtig, wenn es um notwendige Erklärungen und Nachweise geht, die der Autor im Text selbst nicht unterbringen will. – Dem Rezensenten sei dieser kleine Einstieg erlaubt, denn Dr. Daniel Bauers Buch, seine Doktorarbeit aus dem Jahre 2013, mit dem Titel „Die nationalsozialistische Herrschaft in Stadt und Land Rothenburg ob der Tauber 1933-1945. Eine regionalgeschichtliche Untersuchung“, erschienen als Band 7 in der Geschichtsreihe „Bibliotheka Academica“ im Ergon-Verlag 2017, ist das Buch – wie eingangs vermerkt –, das der Leser nicht mehr aus der Hand legen wird, auch wenn einiges von dem eingangs Gesagten auch auf dieses Buch zutrifft. Und in die Hände werden es viele nehmen, denn der Verein Alt-Rothenburg hat eine Teilauflage als Jahresgabe für seine Mitglieder aufgekauft und mit einem eigenen Vorwort, genannt Grußwort, versehen. Auf 432 Seiten führt der Autor den Leser erst durch die strukturellen Grundlagen des politischen Zusammenhangs in der Stadt Rothenburg der 1920er-Jahre mit Wahlkämpfen und Saalschlachten, mit vorzeitig ausgeprägter nationalsozialistischer Gesinnungsmehrheit in der Stadt über die „Gleichschaltung“ und Etablierung der NS-Herrschaft ab 1933 bis hin zur Vereinnahmung allen Lebens in der Stadt und hin zum Krieg und dessen Folgen in der Zeit danach. Eine umfassende Forschungsarbeit, welche die Vielzahl der Seiten auch für die 15 Hauptkapitel benötigt und ihnen gerecht wird. Weiterlesen

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Ein wissenskundiger Lesespaziergang durch die Jahrhunderte der Rothenburger Geschichte mit ihren hellen und dunklen Jahren bis in die jüngste Zeit – ein wichtiges Buch

Buchvorstellung:  xxxxxxx

Buchvorstellung, v. l.: Stefan Brückner, Prof. Dr. Rupp, OB Hartl, Prof. Dr. Borchardt; Foto: Dieter Balb

Von Wolf Stegemann

Mit den Büchern und Schriften, die von hoch- und weniger politischen, meist militärischen Geschehnissen berichten, denen die einstmals freie Reichsstadt Rothenburg ob der Tauber ausgesetzt war – oder selbst initiiert hat –, ließen sich meterweise Regalbretter füllen. Einige der bekannteren Autoren sind Weigel, Schnitzlein und Ude-Bernays. Sie alle gehören schon selbst der Geschichte an und haben eins gemeinsam: Sie schrieben ausschnitthaft aus ihren Blickwinkeln mit Anhaftungen der Zeit, in der sie lebten. Entsprechend sind ihre Einschätzungen, Formulieren, Weglassungen, Überhöhungen und Unterschätzungen. Die in jüngster Zeit erschienenen Geschichtsbücher über Rothenburg, deren Autoren einer anderen Generation entstammen, sind wünschenswert umfassender und objektiv geschrieben. Auch sie haben allerdings wieder etwas Gemeinsames. Kaum einer der Autoren widmet sich in seinen Rückblicken auf die Stadtgeschichte umfassend dem Nationalsozialismus, der in den Städten und Gemeinden wie Rothenburg handfeste und teilweise nachhaltige Unterstützung hatte. In der Literatur wird zwar auf die Jahre von 1933 bis 1945 eingegangen, aber nur marginal und mit oberflächlicher Betrachtung. Einfacher hatten es die Herausgeber des nun vorliegenden Sammelbandes „Rothenburg ob der Tauber – Geschichte der Stadt und ihres Umlandes“, Horst F. Rupp und Karl Borchardt. Denn Daniel Bauer, Oliver Gußmann und Joshua Hagen hatten bereits über die NS-Zeit bzw. das Judentum in Rothenburg veröffentlicht Auf diese drei Autoren konnten die Herausgeber zurückgreifen, welche dann die abscheulichsten Jahre der Stadt in neuerer Zeit dokumentierten. Weiterlesen

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Schicksale ans Licht bringen – Sara Katz erzählt von einer Zeit, über die in Rothenburg bisher kaum gesprochen wurde

Von Dieter Balb und „JH“

Eine bilderbuchhafte Vorstellung: das Enkelkind sitzt auf dem Schoß des Großvaters und lauscht den Geschichten von damals. Wie die Eltern aufwuchsen, wie Opa und Oma sich kennen lernten. Doch was, wenn die Großeltern ermordet wurden und die Eltern nicht über ihre Kindheit sprechen. So ging es Sara Katz, deren jüdische Vorfahren 1938 aus Rothenburg vertrieben wurden. „Wie konnte es dazu kommen?“ – damit setzten sich Schüler im Sozialkundeunterricht auseinander. Weiterlesen

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