„Dies ist ein niemals geschriebenes und niemals zu schreibendes Ruhmesblatt unserer Geschichte“ – Rede Himmlers 1943 vor SS-Gruppenführern

Himmler-Rede„Ich will hier vor Ihnen in aller Offenheit auch ein ganz schweres Kapitel erwähnen. Unter uns soll es einmal ganz offen ausgesprochen sein, und trotzdem werden wir in der Öffent­lichkeit nie darüber reden. […] Ich meine jetzt die Judenevaku­ierung, die Ausrottung des jüdischen Volkes. Es gehört zu den Dingen, die man leicht ausspricht – »Das jüdische Volk wird ausge­rottet«, sagt ein jeder Parteigenosse, »ganz klar, steht in unserem Programm, Ausschaltung der Juden, Ausrottung, machen wir«. Und dann kommen sie alle an, die braven 80 Millionen Deutschen, und jeder hat seinen anständigen Juden. Es ist ja klar, die anderen sind Schweine, aber dieser eine ist ein prima Jude. Von allen, die so reden, hat keiner zugesehen, keiner hat es durchgestanden. Von euch werden die meisten wissen, was es heißt, wenn 100 Leichen beisammen liegen, wenn 500 daliegen oder wenn 1.000 daliegen. Dies durchgehalten zu haben, und dabei – abgesehen von Aus­nahmen menschlicher Schwächen – anständig geblieben zu sein, das hat uns hart gemacht. Dies ist ein niemals geschriebenes und niemals zu schreibendes Ruhmesblatt unserer Geschichte. Weiterlesen

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Die deutsche Industrie produzierte und lieferte der SS das Schädlingsbekämpfungsmittel Zyklon B zur Vergasung von mindestens einer Million Juden

Telegramm über die Beschaffung von Giftgas für Auschwitz

Telegramm über die Beschaffung von Giftgas für Auschwitz

Auschwitz ist das Synonym für Vergasung. Vergasung als industriell organisierte schnelle und grausame Tötungsart von über einer Million Menschen – in Auschwitz. Auch etliche Juden aus Rothenburg starben in den Gaskammern von Auschwitz. Zyklon B ist die Bezeichnung für ein 1922 bei der Firma Degesch entwickeltes Schädlingsbekämpfungsmittel, dessen Wirkstoff Blausäure („Cyanwasserstoff“, HCN) als Gas aus Pellets austritt und beim Menschen vorwiegend durch Einatmen des Gases wirksam wird, indem es nach wenigen Atemzügen die Zellatmung der Körperzellen zum Stillstand bringt (innere Erstickung). Zwischen 1942 und 1944 wurde es im Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau in großem Umfang zu industriell organisiertem Massenmord benutzt. Eine Million Menschern jüdischer Abstammung oder jüdischen Glaubens wurden allein dort vergast. Die Bezeichnung für das Gift ist zu einem der Synonyme für die Technik und Systematik des Holocaust geworden. Über das Töten in Auschwitz berichtete der Lagerkommandant Rudolf Höß, der 1947 in Polen zum Tode verurteilt und im ehemaligen Stammlager Auschwitz gehenkt wurde, in seinen Erinnerungen: Weiterlesen

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Paul Celans „Todesfuge“ thematisiert den Holocaust und spricht das Unaussprechliche aus – Lesung in Rothenburg führte 2010 zum Eklat

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Schwarze Milch der Frühe wir trinken sie abends
wir trinken sie mittags und morgens wir trinken sie nachts
wir trinken und trinken
wir schaufeln ein Grab in den Lüften da liegt man nicht eng
Ein Mann wohnt im Haus der spielt mit den Schlangen der schreibt
der schreibt wenn es dunkelt nach Deutschland
dein goldenes Haar Margarete
er schreibt es und tritt vor das Haus und es blitzen die Sterne
er pfeift seine Rüden herbei er pfeift seine Juden hervor
läßt schaufeln ein Grab in der Erde
er befiehlt uns spielt auf nun zum Tanz Weiterlesen

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Hinter dem Begriff „Judenfrage“ steckte die Emanzipation, bei Nationalisten die Ablehnung – die Nationalsozialisten gaben mit der Ermordung der Juden ihre Antwort

Theodor Fritschs vielbeachtetes Buch

Von Wolf Stegemann

Als der stellvertretende Franken-Gauleiter Karl Holz im Rahmen der Eröffnung des NSDAP-Kreishauses 1936 in Rothenburg von der „Judenfrage“ sprach, griff er als Nationalsozialist diese Metapher auf, die seit dem 19. Jahrhundert im Schrifttum und später in antisemitischen Schriften herumgeisterte. Vorläufer der „Judenfrage“ war schon nach der Französischen Revolution 1790 und in deutschen Ländern danach das Wort „Judensachen“.  Die Nationalsozialisten übernahmen den philosophisch, literarisch, politisch-theoretisch diskutierten Begriff und benutzten ihn in ihren antisemitischen Reden, in Schriften und  Vorgaben für Zeitungen stets in Verbindung mit der „Lösung der Judenfrage“ – nicht auf theoretischer Basis sondern mit Taten. Sie ließen auch keinen Zweifel daran entstehen, wie sie das meinten: Ausmerzung des Judentums. 1942 schritten sie mit der Ermordung der europäischen Juden in den Todeslagern im Osten, hinter den Fronten mit Erschießungskommandos der Wehrmacht, SS- und SD-Einsatzgruppen sowie von Polizei-Regimentern zur Tat. Wenn der eingangs erwähnte Karl Holz in Rothenburg die Lösung der Judenfrage als eine „heilige Aufgabe“ hinstellte, so meinten die Nationalsozialisten damit den von ihnen als von Gott vorgegebenen Weg zur Ermordung der Juden als einen „heiligen“ Weg. In Rothenburg, so schreibt es die Lokalzeitung „Fränkischer Anzeiger“, wurde dieser Weg von den Zuhörern mit „heiliger Begeisterung“ aufgenommen. Allerdings war in der Mythologie des Nationalsozialismus’ fast alles heilig: die Fahnen, die Schwüre, der Kampf, der Krieg und nicht zuletzt Adolf Hitler selbst. Auch legten die Nationalsozialisten stets großen Wert darauf, allerdings mehr vor 1933, dass ihre SA-Fahnen in groß angelegten feierlichen und propagandistisch aufgemotzten Weiheakten in Kirchen von Pfarrern gesegnet wurden. In Rothenburg verweigerten dies die Geistlichen und verschlossen 1929 ihre Kirchen. Daher holten sie aus Ansbach Pfarrer Sauerteig nach Rothenburg, der als NSDAP-Parteigenosse die Standarten in der historischen Blasiuskapelle weihte. – Doch was steckt tatsächlich hinter dem Begriff „Judenfrage?“ Weiterlesen

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Was im Verbrechen gegen die Menschen endete, begann mit der Ausgrenzung – Das Ende der deutsch-jüdischen Symbiose

Von Prof. Dr. Hans Mommsen

Mit dem Holocaust ging eine Jahrhunderte­ lange Symbiose zwischen Deutschen und Juden unwiderruflich zu ende. Dass die extreme antisemitische Propaganda der NSDAP zu dem verbrecherischen Versuch führte, das Judentum in Europa auszulö­schen, hat niemand vorhergesehen und nicht vorhersehen können. Zwar verstieg sich die antisemitische Hetze bereits im 19. Jahrhundert vielfach zu Drohungen, aus denen die Absicht sprach, zur physischen Ausrottung der Juden überzugehen. Dass sich dies als Konsequenz der stufenhaften Radikalisierung der nationalsozialistischen Judenverfolgung ergab, vermochten nicht einmal die von der Mordabsicht Betroffe­nen frühzeitig zu begreifen, und die weni­gen, die die wahre Natur der Deportation in den Osten durchschauten, hielten wie der Rabbiner Leo Baeck mit dieser Einsicht zurück, um den Überlebenswillen ihrer Mit­gefangenen nicht zu zerstören. Aber bis zum Wendepunkt, den die nationalsozialistische Machteroberung für das Zusammen­leben von Juden und Deutschen brachte, blieb der extreme Antisemitismus auf gesellschaftliche Randgruppen beschränkt. Selbst die NSDAP sah sich veranlasst, die antisemitische Agitation in den entschei­denden Wahlkämpfen von 1930 bis 1932 zu begrenzen, da sie ihr keine weiteren Wähler eintrug. Weiterlesen

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1946 erschien erstmals das „Jüdische Gemeindeblatt“, aus dem die heutige „Jüdische Allgemeine“ entstand

Rotheburg-Jüdisches Gemeindeblat-te8727Von Dr. Michael Brenner

Die ersten jüdischen Zeitungen im Nachkriegsdeutschland erschienen bald nach der Befreiung. Sie waren auf Jiddisch geschrieben und trugen Namen wie Bafrayung, Untervegs oder Unzer Hofenung. Neben den etwa Viertelmillion Displaced Persons (DPs), denen diese Zeitungen als Kommunikationsmittel dienten, gab es auch die wesentlich kleinere Zahl der deutschen Juden, die geschützt durch „Mischehen“, im Versteck oder im Konzentrationslager die Verfolgung überlebt hatten. Es handelte sich wohl um etwa 20.000 Personen, von denen manche erst durch die Nürnberger Gesetze wieder zu Juden gemacht wurden.
Sie gründeten unmittelbar nach der Befreiung wieder jüdische Gemeinden, restaurierten die geschändeten Gräber, richteten Beträume ein – und schufen eine jüdische Presse. Friedo Sachser, langjähriger Redakteur der „Allgemeinen Jüdischen Wochenzeitung“ erinnert sich: „Die in Papier und Druckerschwärze verwandelte Idee lag am 15. April 1946 in Gestalt des Jüdischen Gemeindeblatts für die Nord-Rheinprovinz und Westfalen zum ersten Mal vor.“ Es war „ein rachitisches Produkt zugestandenermaßen, das über vier knappe DIN-A4-Seiten nicht hinausging und sichtlich aus Holzfasern geboren war“.

Viele Namen – ein Blatt

Rachitisch oder nicht – dies war die Geburtsstunde jenes Blattes, das sich im Laufe der Zeit immer wieder umbenennen sollte: Jüdisches Gemeindeblatt für die britische Zone (1946–1948), Allgemeine Wochenzeitung der Juden in Deutschland (1949–1966), Allgemeine unabhängige jüdische Wochenzeitung (1966–1973), Allgemeine Jüdische Wochenzeitung (1973–2001) und schließlich seit 2002 Jüdische Allgemeine.
Der entscheidende Wechsel war die Übernahme durch den aus dem englischen Exil zurückgekehrten Karl Marx im November 1946. Er führt die Geschicke der bedeutendsten deutschsprachigen jüdischen Zeitung bis zu seinem Tod 1966. Gemeinsam mit dem ebenfalls aus England zurückgekehrten Generalsekretär des Zentralrats, Hendrik George van Dam, war Marx während der ersten beiden Nachkriegsjahrzehnte der bekannteste Repräsentant des neuen deutschen Judentums. Marx schaltete sich aktiv in die dringendste Angelegenheit der jüdischen Gemeinden ein: die Frage der sogenannten Wiedergutmachung.
Seine enge Bindung zur Politik – mit Theodor Heuss verband ihn eine vor die NS-Zeit zurückreichende Freundschaft – ermöglichte ihm den Zugang bis in Regierungskreise. Es ist gewiss nicht zufällig, dass sich nur wenige Monate nach Gründung der Bundesrepublik Bundeskanzler Adenauer erstmals systematisch in seiner Zeitung zur Wiedergutmachung äußert. Die „Allgemeine“ berichtete nicht nur über den Wiederaufbau jüdischen Lebens in Deutschland, sie war selbst ein entscheidender Teil dieses Wiederaufbaus.

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Quelle: Mit freundlicher Genehmigung entnommen: Jüdische Allgemeine „Rückblende – 1946: Gründung des „Jüdischen Gemeindeblatts“ vom 4. Januar 2013

 

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Kirchen ab 1933: Zustimmung und Ablehnung der Geistlichen und Gläubigen – Rothenburgs Dekan Jelden grüßte die Fahne nicht und sollte verhaftet werden

Hitler umgarnte die Gläubigen mit Sprüchen

Hitler umgarnte die Gläubigen mit Sprüchen

Von Wolf Stegemann

Schon in den 1920er-Jahren hielt der evangelische Stadtpfarrer in Rothenburg nationalsozialistische und antisemitische Reden, wie der „Fränkische Anzeiger“ am 3. April 1924 berichtet. Pfarrer Fabri sagte wörtlich: „Wir erheben Anklage gegen das Judentum, nicht wie die, welche im blinden Hass gegen die Juden eifern. Das Judentum hat viel Schuld an dem Elend der Gegenwart in unserem Volk…“ Im Fränkischen brauchten die Nazis evangelische Pfarrer in den Städten und auf dem Land nicht von ihren nationalsozialistischen und antisemitischen Ideen überzeugen. Pfarrer waren Meinungsführer vor allem der  ländlichen und kleinstädtischen Bevölkerung. Viele der evangelischen Pfarrer waren bereits Nationalsozialisten. Andere, die sich von der NSDAP fernhielten, begrüßten aus ihrer konservativen und undemokratischen Überzeugung heraus den Nationalsozialismus. Zwei von denen, der sich schon früh zum Nationalsozialismus bekannten, waren der Rothenburger Stadtpfarrer Fabri und sein Vorgänger Dr. Martin Weigel. Auch in Wildenholz bei Rothenburg machte der dortige evangelische Pfarrer Seiler von sich reden, als er auf Einladung der NSDAP in einem Vortrag über „Rasse und Christentum in unserem Volk“ in Rothenburg sprach (FA 19. September 1933). Weiterlesen

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