Paul Celans „Todesfuge“ thematisiert den Holocaust und spricht das Unaussprechliche aus – Lesung in Rothenburg führte 2010 zum Eklat

Todesfuge.Tote.obenTodesfuge

Schwarze Milch der Frühe wir trinken sie abends
wir trinken sie mittags und morgens wir trinken sie nachts
wir trinken und trinken
wir schaufeln ein Grab in den Lüften da liegt man nicht eng
Ein Mann wohnt im Haus der spielt mit den Schlangen der schreibt
der schreibt wenn es dunkelt nach Deutschland
dein goldenes Haar Margarete
er schreibt es und tritt vor das Haus und es blitzen die Sterne
er pfeift seine Rüden herbei er pfeift seine Juden hervor
läßt schaufeln ein Grab in der Erde
er befiehlt uns spielt auf nun zum Tanz

Schwarze Milch der Frühe wir trinken dich nachts
wir trinken dich morgens und mittags wir trinken dich abends
wir trinken und trinken
Ein Mann wohnt im Haus der spielt mit den Schlangen der schreibt
der schreibt wenn es dunkelt nach Deutschland
dein goldenes Haar Margarete
Dein aschenes Haar Sulamith
wir schaufeln ein Grab in den Lüften da liegt man nicht eng

Er ruft stecht tiefer ins Erdreich ihr einen ihr andern singet und spielt
er greift nach dem Eisen im Gurt er schwingts seine Augen sind blau
stecht tiefer die Spaten ihr einen ihr andern spielt weiter zum Tanz auf

Schwarze Milch der Frühe wir trinken dich nachts
wir trinken dich mittags und morgens wir trinken dich abends
wir trinken und trinken
ein Mann wohnt im Haus dein goldenes Haar Margarete
dein aschenes Haar Sulamith er spielt mit den Schlangen

Er ruft spielt süßer den Tod der Tod ist ein Meister aus Deutschland
er ruft streicht dunkler die Geigen dann steigt ihr als Rauch in die Luft
dann habt ihr ein Grab in den Wolken da liegt man nicht eng

Schwarze Milch der Frühe wir trinken dich nachts
wir trinken dich mittags der Tod ist ein Meister aus Deutschland
wir trinken dich abends und morgens wir trinken und trinken
der Tod ist ein Meister aus Deutschland sein Auge ist blau
er trifft dich mit bleierner Kugel er trifft dich genau
ein Mann wohnt im Haus dein goldenes Haar Margarete
er hetzt seine Rüden auf uns er schenkt uns ein Grab in der Luft
er spielt mit den Schlangen und träumet
der Tod ist ein Meister aus Deutschland
dein goldenes Haar Margarete
dein aschenes Haar Sulamith

(1947)

Das Gedicht „Todesfuge“…

… umfasst in seiner schriftlichen Form sieben Strophen mit insgesamt 36 Versen. Die Strophen und Verse sind jedoch unterschiedlich lang, es liegt kein festes Versmaß vor und auch die Interpunktion fehlt. Das führt dazu, dass je nach Lesart und Betonung ein anderer Sinn in den Text gelegt werden kann.

In dem Gedicht gibt es zwei agierende Parteien: das (lyrische) „Wir“, das schwarze Milch trinkt, und den „Mann“, der schreibt und seine Befehle ruft. Zunächst spricht das Wir noch über die schwarze Milch: Wir trinken sie. Später wird die Milch direkt angesprochen. Doch was ist „schwarze Milch“? Milch in ihrem Naturzustand ist nahrhaft und gesund. Sie ist das Erste, das der Mensch in seinem Leben zu sich nimmt. Doch sie ist weiß. Fasst man die Eigenschaft „schwarz“ als Negation der positiven Eigenschaften auf, die man mit Milch verbinden könnte, so wird hier etwas Schreckliches, Todbringendes und durch und durch Schlechtes konsumiert. Und das Tag für Tag, morgens, mittags, abends und nachts – in einem permanenten Rhythmus, der nur minimale Abweichungen kennt.

Das Wir kann dem nicht entrinnen. So zieht sich auch das Motiv der schwarzen Milch durch das ganze Gedicht. Die Menschen, die sie zu sich nehmen, werden von ihrer Schwärze selbst in einen anderen Zustand versetzt. Sie sind tot oder dem Tod sehr nahe. Die Ansprache „wir trinken dich“ macht deutlich, dass die Betroffenen sich mit dem, wofür „schwarze Milch“ steht, auseinandersetzen. Woher auch immer diese Milch stammt, wofür auch immer sie steht, sie macht aus Gesundem Unheilvolles verkehrt das Vitale ins Tödliche. Sie ist in jedem Fall mit dem Mann korreliert, der die Macht über die geschilderte Situation besitzt. Denn er ist hier der Mächtige, die Personifikation des Bösen.

Ein weiteres Motiv, das im Gedicht immer wieder auftritt, lautet „dein goldenes Haar Margarethe dein aschenes Haar Sulamith“. Margarete und Sulamith stehen mit ihren typisch deutschen  beziehungsweise typisch jüdischen  Namen stellvertretend für alle Deutschen beziehungsweise Juden. Margarete wird dabei einmal mehr genannt, nämlich dort, wo der Mann an sie schreibt. Das macht deutlich, dass die Deutsche nicht an diesem grauenhaften Ort ist, wo es schwarze Milch zu trinken gibt, sondern in ihrer Heimat. Sie hat aber Kontakt zu dem Mann im KZ, so wird sie zur Kontrastfigur zu den gefangenen Juden. Dies äußert sich außerdem in ihrer Beschreibung: Margarete hat goldenes Haar, entspricht also dem deutschen Ideal im Dritten Reich. Sulamiths Haar ist aschen. Es ist entweder nicht blond, oder aber bereits zu Asche verbrannt.

Am Ende des Gedichts stehen die letzen beiden Sätze der „Todesfuge“. Sie werden nur noch geflüstert: „Dein goldenes Haar Margarete. Dein aschenes Haar Sulamith.“ Sie stehen als Nachhall des Gedichts, als kraftloser Hauch nach einer langen Tortur. Als leise Erinnerung an die Menschenverachtung des Dritten Reiches. Aber auch als Mahnung, nicht zu vergessen (Inga Pflug).

Paul Celan

Paul Celan

Das Leben …

… Paul Celans begann 1920, als er in Czernowitz, der Hauptstadt der Bukowina in Nordrumänien, in einer deutschsprachigen jüdischen Familie geboren wurde. Er besuchte zunächst die deutsche, dann die hebräische Grundschule, dann das rumänische und das ukrainische Staatsgymnasium. 1938 begann er ein Medizinstudium in Tours, kehrte jedoch ein Jahr später nach Rumänien zurück, um dort Romanistik zu studieren. 1940 wurde die nördliche Bukowina und somit auch Celans Heimatstadt Czernowitz von der Sowjetunion besetzt. Celan konnte sein Studium zunächst fortsetzen. Als 1941 rumänische und deutsche Truppen Czernowitz besetzten, wurden die Juden in das örtliche Ghetto gezwungen, von wo Celans Eltern 1942 in ein Lager in Transnistrien deportiert wurden. Dort starb sein Vater an Typhus, seine Mutter wurde erschossen. Die Deportation und der Tod seiner Eltern hinterließen tiefe Spuren in Paul Celan. Er litt für den Rest seines Lebens unter dem Gefühl, seine Eltern im Stich gelassen zu haben. In seinen Gedichten sind zahlreiche Verweise darauf zu finden.

Von 1942 bis 1943 wurde Celan in verschiedenen rumänischen Arbeitslagern festgehalten.  Nach der Befreiung kehrte Celan nach Czernowitz und dann nach Bukarest zurück, wo er sein Studium wieder aufnahm und als Übersetzer und Lektor arbeitete. 1947 floh er über Ungarn nach Wien und siedelte 1948 nach Paris über. Noch im selben Jahr erschien in Wien mit „Der Sand aus den Urnen“ sein erster Gedichtband, der zunächst keine Beachtung fand. 1951 heiratete er in Paris die Künstlerin Gisèle Lestrange. 1952  erschien bei der Deutschen Verlags-Anstalt in Stuttgart sein Gedichtband „Mohn und Gedächtnis“ mit dem vielbeachteten Gedicht „Todesfuge“.

Wegen Wahnzustände wurde Celan mehrmals in psychiatrische Kliniken eingewiesen. 1967 wohnte er deshalb von seiner Frau getrennt. Sie blieben aber weiterhin in Verbindung. 1969, wenige Monate vor seinem Tod, unternahm Celan seine erste und einzige Reise nach Jerusalem. Er traf unter anderem Gershon Sholem und begegnete im Rahmen von Lesungen alten Freunden aus der Bukowina und israelischen Dichtern. Die Umstände und das Datum von Celans Tod sind nicht geklärt. Vermutlich beging er am 20. April 1970 Suizid, indem er sich in die Seine stürzte. Er wurde auf dem Friedhof von Thias beigesetzt.

„Todesfuge“ als Fußballspiel umgedichtet und in Rothenburg vorgetragen

Celans Gedicht „Die Todesfuge“ führte 2010 in Rothenburg zu einem Eklat, der allerdings ziemlich unbemerkt blieb, da dieser unter den Teppich gekehrt wurde und somit die Öffentlichkeit nicht erreichte. Was war geschehen?

Karl-Heinz Schreiber trägt die "Todesfuge" als Fußballspiel vor

Karl-Heinz Schreiber trägt die “Todesfuge” als Fußballspiel vor

Der Autorenverband Franken lud in diesem Jahr auf Anregung des Mitglieds Wolf Stegemann zur Mitglieder-Jahresversammlung nach Rothenburg ein. Bei einer Stadtführung erläuterte er den Schriftstellern und Dichtern die weit zurückreichende jüdische Geschichte der Stadt. Bei der abendlichen Lesung am 24. September 2010 in der Johanniterscheune trug auch der Vorsitzende des Autorenverbandes einen eigenen Text vor. Karl-Heinz Schreiber hatte unter Beibehaltung des Textflusses und der Vortragsweise Celans die „Todesfuge“ umgetextet und vorgetragen. Aus dem Todeslager machte er einen Fußballplatz, aus den gepeinigten Juden Fußballer und aus dem Ganzen ein Fußballspiel. Dass niemand die Unmöglichkeit eines solchen Vortrags aufgefallen zu sein schien, ist nach Ansicht von Wolf Stegemann zumindest unerklärlich. Bemerkenswert dabei war die Unsensibilität der anwesenden fränkischen Literaten und Literatinnen, die den Text Schreibers sogar mit Applaus bedachten. Auch die anwesenden Rothenburger Zuhörer, darunter offizielle Vertreter der Stadt und der Zeitung, überhörten offensichtlich das Unmögliche.

In einem Schreiben vom 27. September 2010 an den Vorsitzenden des Autorenverbandes zugleich Texter des „Todesfugen“-Fußballspiels brachte Wolf Stegemann seinen Protest zum Ausdruck und trat mit sofortiger Wirkung aus dem Autorenverband Franken aus. Er schrieb u. a.:

Es betrifft die Verhunzung und Lächerlichmachung der Todesfuge Paul Celans durch Ihre Umdichtung. Die Lächerlichmachung wurde durch den stimmlich nachgemachten Celan, der dieses Gedicht in seinem Duktus bekanntmachte, noch verstärkt. Wenn ich jetzt höflich zu Ihnen sein möchte, dann würde ich Ihren Vortrag als unsensibel und die Grenzen des guten Geschmacks als überschritten bewerten. Dies wäre aber verharmlosend, daher kann ich nicht höflich sein. …  In Paul Celans Gedicht „Todesfuge“ ist die Qual und der Tod jüdischer Menschen m. E. unübertrefflich und zu Herzen … gehend dargestellt und setzt den ermordeten Juden eine Erinnerung.

Diese Erinnerung darf weder der Verhunzung noch dem spaßigen Vergleich mit einem Fußballspiel ausgesetzt werden. Celans „Meister aus Deutschland“ muss der Mörder bleiben, der er war, und darf nicht zum „Meister des Fußballs“, die Ermordung der Juden nicht zum Fußballspiel und das KL nicht zur Sportarena umgedichtet werden. Sie, Herr Schreiber, haben das alles getan. Ich verabscheue dies. Und das umso mehr, da Sie als Lehrer wissen sollten, dass man über dieses Thema nicht scherzt. … Dass ich nicht protestierend die Lesung verlassen habe, was ich gerne getan hätte, ist dem Umstand geschuldet, dass ich die ansonsten gut gelungene, von Frau Kistenfeger-Haupt … moderierte Veranstaltung … nicht beschädigen wollte …

_______________________________________________________________

Anmerkung: Karl-Heinz Schreiber trat aus dem Autorenverband Franken aus, allerdings zwei Jahre danach und vermutlich aus einem andern Grund. Er starb im Mai 2014.

 

Dieser Beitrag wurde unter Jüdisches Leben, Literarisches, Personen, Rückschau / Heute, Verschiedenes abgelegt und mit , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Hinterlasse eine Antwort

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *

Du kannst folgende HTML-Tags benutzen: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>