Jüdischer Friedhof an der Wiesenstraße: Die Stadt „arisierte“ ihn. Nach dem Krieg verpflichtete sie die Friedhofschänder, die Gräber wieder herzurichten

Blick in den steril anmutenden Friedhof

Blick in den steril anmutenden Friedhof

Von Dr. Oliver Gußmann

Der unscheinbare Friedhof der letzten jüdischen Gemeinde liegt etwa einen halben Kilometer nordöstlich der Altstadt in der Wiesenstraße 46. Das Areal von 2.960 Quadratmetern ist zum Teil von einer hohen weißen Mauer umgeben. An der Ecke zur Würzburger Straße steht das Tahara-Haus (Leichenwaschhaus) aus roten Ziegelsteinen. Von der ursprünglichen Einrichtung, Leichenwaschstein, Ofen, Bahre ist heute nichts mehr erhalten. 1945 war allerdings noch der Leichenwaschstein vorhanden. Weiterlesen

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Der jüdische Kaufmann Bruno Westheimer beschwerte sich mit Erfolg über den Stadtrat, worauf Bürgermeister Dr. Schmidt ihn von der Polizei beobachten ließ, um ihn als „Rassenschänder“ bei der Gestapo melden zu können

Brüder Ivan und Bruno (re.) Westheimer

Brüder Ivan und Bruno (re.) Westheimer

Von Wolf Stegemann

Dass die Stadtbehörden im Rathaus mit der NSDAP-Kreisleitung bei der Drangsalierung und Entrechtung der jüdischen Einwohner an einem Strang zogen, mochten nach dem Krieg und mögen auch heute noch viele Rothenburger nicht hören. Auch die Stadtverwaltung und deren politische Vertreter taten nach 1945 so, als hätte sie mit den antisemitischen Ereignissen bis 1945 nichts zu tun. Die Akten sagen anderes. Die Verwaltung war von 1933 bis 1945 stets folgsamer Erfüllungsgehilfe der Partei und musste dafür sorgen, dass Gesetze und Anordnungen verwaltungsrechtlich zum Erfolg geführt wurden. Darüber hinaus beteiligte sich die nationalsozialistische Stadtverwaltung als Nutznießer auch an der Arisierung jüdischen Besitzes und mit eigener Initiative an der Drangsalierung der jüdischen Einwohner. Wie jetzt bekannt wurde, war sogar Rothenburgs Bürgermeister Dr. Friedrich Schmidt persönlich dabei, als SA-Rohlinge 1938 in das Wohnhaus der Jüdin Fanny Loewenthal in der Herrngasse 26 eindrangen und alle Zimmer nach Wertvollem durchsuchten und es für die Stadt beschlagnahmten. 1952 saß dieser Bürgermeister wieder im Stadtrat und vertrat dort lautstark seine rechten Ansichten und erhielt schließlich für seine Verdienste die Bürgermedaille. Stadtamtmann Hans Wirsching „arisierte“ für die Stadt den jüdischen Friedhof, ein großen Gartengrundstück und ein Haus in der Klingengasse und verbesserte damit die städtischen Einnahmen. Nach dem Krieg wurde Wirsching Ehrenbürger. Hier ist auch der Fall des jüdischen Kaufmann Leopold Westheimer einzureihen, der am 6. August 1933 von nationalsozialistischen Bürgern öffentlich misshandelt und durch die Stadt getrieben wurde. Nach den 1933 noch geltenden Gesetzen hätte die Stadt und die der Stadt unterstellte Polizei dies nicht zulassen dürfen oder es sofort unterbinden müssen. Doch die Weisungsberechtigten, Oberbürgermeister Dr. Liebermann und sein Stadtamtmann Wirsching, hielten sich zurück. Das war offener Rechtsbruch. Erst der Polizist Hörber machte dem schandhaften Treiben ohne Befehl dazu ein Ende. Dafür erhielt der Stadtpolizist bei den Nazis fortan den Namen „Judenknecht“. Die Reihe ließe sich fortsetzen. Auch mit dem hier geschilderten Fall des jüdischen Lederwaren-Kaufmanns Bruno Westheimer, Sohn von Leopold Westheimer, der 1905 in Rothenburg geboren wurde. Weiterlesen

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Verdrängung der jüdischen Viehhändler – Denunziation und Boykott von Bauern, die mit jüdischen Viehhändlern Geschäfte machten

Von Dr. Stefanie Fischer und Hartwig Behr

Ein spektakulärer Quellenfund aus dem hohenlohischen Wiesenbach, 15 Kilometer von Rothenburg entfernt, klärt ein weiteres Kapitel des Nationalsozialismus auf. Aufgefundene Karteikarten zeigen, wie die Landbevölkerung auf die Verdrängung der jüdischen Viehhändler reagierte. Sowohl Amtsträger wie der Ortsbauernführer (OBF) und Geschäftsleute denunzierten Volksgenossen als „Judenknechte“, wenn sie Umgang oder Handel mit Juden pflegten. Mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten im Januar 1933 setzte eine massive Hetze gegen die jüdische Bevölkerung ein. Weiterlesen

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Antisemitismus I: Juden wurden von Rothenburgern schon früh diskriminiert, hart verfolgt und unbarmherzig vertrieben. Antisemitismus in einer fränkischen Kleinstadt – ein Überblick

Der jüdische Kaufmann Westheimer wird von der Polizei , SA und Hitlerjungs am 6. August 1933 durch die Gassen geführt und dabei getreten

Der jüdische Lehrer Leopold Westheimer wird barfuß mit einem Schild um den Hals am 6. August 1933 von Rothenburgern (neben ihm der Gendarm Hörber) über den Marktplatz geführt, wo er gedemütigt wird. Auf dem Schild soll gestanden haben: „Ich Judenschwein wollte ein arisches Mädchen schänden!“ Westheimer wurde im KZ Theresienstadt ermordet.

Im Jahr der Machtergreifung 1933 hatte Rothenburg rund 9.000 Einwohner. Davon gehörten gerade 45 der jüdischen Religion an. Das waren 0,5 Prozent. Zehn Personen verließen bis 1935 die Stadt und 1937 lebten nur noch 29 Rothenburger Juden. Die letzten 17 Juden wurden im Oktober 1938 mit brutaler Gewalt vertrieben. Weiterlesen

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Antisemitismus III: „Mahntafeln“ an den Ausgangstoren der Stadt mit vulgären Karikaturen im „Stürmer“-Stil

Redaktionelle Vorbemerkung: Wir haben diese Veranstaltung wesentlich nach dem Bericht im „Fränkischen Anzeiger“ vom 13. Februar 1936 zusammenfassend und mit Original-Passagen wiedergegeben, um dem Leser authentisch zu verdeutlichen, mit welchen massenwirksamen Auftritten und geistlosen Reden die NS-Machthaber bei der Bevölkerung hier und anderswo in ihrem Sinne so großen Erfolg hatten.

Von Wolf Stegemann

Die Ermordung des NSDAP-Auslandsgruppenführers Wilhelm Gustloff am 4. Februar 1936 in Davos (Schweiz), der dort von dem jüdischen Studenten Frankfurter erschossen wurde, wertete die NS-Propaganda als „Komplott des Weltjudentums“. Hitler ordnete an, dass ein Schiff der KdF-Flotte, das eigentlich seinen Namen tragen sollte, auf „Wilhelm Gustloff“ zu taufen sei. Die Ermordung Gustloffs nahm auch der „Fränkische Anzeiger“ am 13. Februar 1936 zum Anlass der üblichen und vom Propagandaministerium verordneten antisemitischen Hetze: „Ein Schrei der Entrüstung hallte durch das ganze deutsche Volk.“ Und: Weiterlesen

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Antisemitismus II: Lehrer und Heimatforscher Martin Schütz zeichnete mit seinen pseudowissenschaftlichen Arbeiten ein Zerrbild der Rothenburger Juden im Sinne der Nazis

Bösartiger Antisemitismus: "Eine Reichsstadt wehrt sich"

Bösartiger Antisemitismus: „Eine Reichsstadt wehrt sich“

Von Wolf Stegemann

Der traditionelle Antijudaismus der Kirche, der in den Kreuzzügen des 11. bis 13. Jahrhunderts seinen fanatischen Höhepunkt fand, dauerte die folgenden Jahrhunderte lang bis zum 2. Vatikanischen Konzil Anfang der 1960er-Jahre an. Erst dann milderte die katholische Kirche ihren Fluch gegen die Juden, so der Historiker Friedemann Bedürftig. In der evangelischen Kirche wurde die Wandlung im Verhältnis gegenüber Juden erst in der Rheinischen Synodenerklärung von 1980 manifest. Auch die weltliche Macht verfolgte Jahrhunderte lang die Juden, schränkte deren Rechte ein, so dass Juden nur noch im Handel und Finanzwesen tätig sein konnten, da Christen im Mittelalter eine Zinsnahme verboten war. So kam zur religiösen Judenfeindschaft ein Neid-Antisemitismus dazu, was die Juden veranlasste, sich dem christlichen Umfeld der europäischen Völker mehr und mehr anzupassen (Assimilation). Sie erreichten damit seit der Aufklärung im 18. Jahrhundert eine formale rechtliche Anerkennung (Emanzipation). Als Reaktion der Judengegner entwickelten sich daraufhin im 19. Jahrhundert der „literarische Antisemitismus“ und wenig später parallel dazu der „rassische Antisemitismus“. Dieser sah Juden als „Rasse“ an, die wie Schädlinge auf die Zerstörung der „Wirtsvölker“ und deren Kultur aus sei. Obwohl der biologistische Ansatz bereits im ausgehenden 19. Jahrhundert als falsch erkannt worden war, übernahm der Nationalsozialismus den „Rassen-Antisemitismus“ und machte diesen zu seinem Programm. Das führte bekanntlich zur physischen Vernichtung eines Großteils der europäischen Juden und ihrer Kultur in den von Deutschen besetzten Ländern („Endlösung der Judenfrage“). Bei Kriegsende waren sechs Millionen Juden ermordet, davon waren ein Drittel Kinder. Weiterlesen

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Antisemitismus IV: Rothenburger Juden wurden noch vor dem Pogrom im November 1938 aus der Stadt getrieben. Spuren führen nach Auschwitz, Riga, Theresienstadt

Anzeige im "Fränkischen Anzeiger" vom 23. Oktober 1938

Anzeige im „Fränkischen Anzeiger“ vom 23. Oktober 1938

In der Zeit zwischen 1933 und 1938 verließen 57 jüdische Bürger ihre Heimatstadt Rothenburg ob der Tauber. Entweder verzogen sie ins Ausland oder sie suchten in einer anderen Stadt, bei Verwandten oder in der Anonymität größerer Städte Zuflucht, die es allerdings nicht gab. Die Rothenburger NSDAP und als Erfüllungsgehilfin auch die Stadtverwaltung wollten ihre Stadt „endlich judenfrei“ bekommen. Daher verschärften sie in den letzten Jahren die Hetze gegen die jüdischen Einwohner durch Boykott, antisemitischer Berichterstattung der Zeitung, stete sich wiederholende Hetze in Reden bei öffentlichen Anlässen, antisemitische Plakatierung „Juden sind unser Unglück“, antisemitische Vorträge und verfälschende Veröffentlichungen zur jüdischen Geschichte Rothenburgs. Wie der Historiker Daniel Bauer herausfand, erhielt der Reichsstatthalter Franz Ritter von Epp (NSDAP) in München ein anonymes Schreiben aus Rothenburg, in dem stand, dass sich manche Rothenbur­ger sorgten, antisemitische Hetzplakate mit der Aufschrift „Die Juden sind unser Unglück“ könnten dem Fremdenverkehr schaden. Allerdings, so Bauer, vermochten die Nationalsozialisten es nicht, die ganze Bevölkerung mit ag­gressivem Judenhass zu erfüllen. Weiterlesen

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