Antisemitismus IV: Rothenburger Juden wurden noch vor dem Pogrom im November 1938 aus der Stadt getrieben. Spuren führen nach Auschwitz, Riga, Theresienstadt

Anzeige im "Fränkischen Anzeiger" vom 23. Oktober 1938

Anzeige im “Fränkischen Anzeiger” vom 23. Oktober 1938

In der Zeit zwischen 1933 und 1938 verließen 57 jüdische Bürger ihre Heimatstadt Rothenburg ob der Tauber. Entweder verzogen sie ins Ausland oder sie suchten in einer anderen Stadt, bei Verwandten oder in der Anonymität größerer Städte Zuflucht, die es allerdings nicht gab. Die Rothenburger NSDAP und als Erfüllungsgehilfin auch die Stadtverwaltung wollten ihre Stadt „endlich judenfrei“ bekommen. Daher verschärften sie in den letzten Jahren die Hetze gegen die jüdischen Einwohner durch Boykott, antisemitischer Berichterstattung der Zeitung, stete sich wiederholende Hetze in Reden bei öffentlichen Anlässen, antisemitische Plakatierung „Juden sind unser Unglück“, antisemitische Vorträge und verfälschende Veröffentlichungen zur jüdischen Geschichte Rothenburgs. Wie der Historiker Daniel Bauer herausfand, erhielt der Reichsstatthalter Franz Ritter von Epp (NSDAP) in München ein anonymes Schreiben aus Rothenburg, in dem stand, dass sich manche Rothenbur­ger sorgten, antisemitische Hetzplakate mit der Aufschrift „Die Juden sind unser Unglück“ könnten dem Fremdenverkehr schaden. Allerdings, so Bauer, vermochten die Nationalsozialisten es nicht, die ganze Bevölkerung mit ag­gressivem Judenhass zu erfüllen.

Um den Druck auf die Juden zu erhöhen, griffen Rothenburger sie hin und wieder auch direkt an. Über ein solches Ereignisse im Herbst 1938 schreibt Dieter Balb am 12. November 1988 im „Fränkischen Anzeiger“ und zitiert einen Augenzeugen, den damals 12-jährigen Sepp Büttner, der gesehen hat, wie Joseph Wimpfheimer, in dessen Geschäft noch das Schild „Kauft nicht bei Juden“ hing, nachts im Nachthemd aus dem Bett geholt und aus dem Haus gejagt wurde. SA-Leute seien ihm auf die nackten Füße getreten, dass sie bluteten. Weiter berichtet der „Fränkische Anzeiger“, dass Schulkinder des Lehrers Haas, in dessen Unterricht stets aus dem „Völkischen Beobachter“ vorgelesen wurde, in das Haus Löwenthal (Gasthof „Meistertrunk“, heute Gasthof „Burggartenpalais“) eingedrungen und begeistert zurück gekommen seien mit dem Ausruf „Jetzt hem’ mir der Judensau die Geggele zusammengeschlecht!“

Kauf von Inventar aus jüdischem Geschäft nach Ansbach gemeldet

Im Zuge der Arisierung und im Vorfeld der Vertreibung der Juden aus Rothenburg ob der Tauber schrieb der Kreisleiter Karl Steinacker am 24. September 1938 einen Brief (Az. St./M.), in dem er über einen Ansbacher Geschäftmann Mitteilung macht:

„Betreff: Kaufmann Hummel, wohnhaft in Ansbach, Utzstraße.
Vor wenigen Wochen ist in Rothenburg o/Tbr. das letzte jüdische Geschäft (Jude Wimpfheimer –Textilwaren) verschwunden. Der neue Geschäftsinhaber als auch die Geschäftsinhaber der einschlägigen Branchen im Kreis Rothenburg o/Tbr. haben die Übernahme der von dem Juden Wimpfheimer angebotenen Restbestände ausgeschlagen. Soeben wird mir nun mitgeteilt, dass der Kaufmann Rummel von Ansbach, Utzstraße, einen Teil dieses Wartenbestandes vom Juden Wimpfheimer in Rothenburg käuflich erworben hat. Die Ware wurde am 21. 9. 1938 vormittags 11 Uhr mit Auto von Rummel selbst bei dem Juden Wimpfheimer in Rothenburg o/Tbr. abgeholt. Der Wert der Ware beträgt ungefähr 2000 RM. Von dieser Tatsache gebe ich Ihnen zur weiteren Veranlassung Kenntnis. Heil Hitler! Steinacker, Kreisleiter.“

Die Brüder Steinberger

Die Brüder Steinberger

Die letzten Juden wurden 1938 aus der Stadt gewiesen

Dr. Oliver Gußmann beschreibt das Ende der jüdischen Gemeinde: Der letzte Tag für die Juden in Rothenburg war der 22. Oktober 1938, ein Sabbat: An diesem Tag wurden alle Rothenburger Juden, die noch in der Stadt wohnten, vom Kreisleiter Steinacker aus der Stadt gewiesen. Der Kreisleiter befahl dem Polizeichef, Ferdinand Lieret, alle Juden festzunehmen. Doch dieser weigerte sich. SA-Leute in Zivil und Hitler-Jugendliche drangen in die Wohnungen der jüdischen Familien ein. Sie trieben die Juden in die Synagoge und forderten sie auf, umgehend die Stadt zu verlassen. Auch Mitglieder der oben erwähnten Familie Mann aus der Adam-Hörber-Straße 23 wurden aus den Häusern geholt und in die Synagoge getrieben. Justin Mann hatte sich bis zuletzt im Garten versteckt.

SA-Leute fingen an mit einer Festspielkanone zu schießen, um die verängstigten Juden im Betsaal noch mehr zu erschrecken. Schließlich wurde ihnen freier Abzug gewährt. Synagogendiener Samson Wurzinger schloss die Synagoge ab. Den Schlüssel übergab er den Behörden im Rathaus  Die Vertrieben durften noch einmal im Verlauf einer Woche zurückkommen, um ihre Angelegenheiten zu regeln. Die Einrichtungsgegenstände der Synagoge wurden zerstört. Zwei Tage später, am 24. Oktober, meldete Kreisleiter Steinacker an den Gauleiter Julius Streichen dass Rothenburg „judenfrei“ sei. Am darauf folgenden Donnerstag, den 27. Oktober 1938 gab es organisierte „Freudenfeiern“. Der damalige evangelische Dekan Jelden schrieb nach 1945 in sein Tagebuch:

„Nachdem schon länger durch Bilder und Worte an den Toren gegen die Juden gehetzt wurde, ging man gegen die jüdischen Familien und Häuser vor. Es gab Zerstörungen, es wurde Hausrat zerschlagen und die Juden wurden herausgetrieben. Das Vorgehen wurde durch einen großen Fackelzug als Feier zur Befreiung von den Juden verherrlicht.“

Viele flohen in die nächstgrößeren Städte. Über die Hälfte der damals Geflohenen verlor ihr Leben in einem Konzentrationslager. Die Häuser in Rothenburg wurden zu Schleuderpreisen „arisiert“. Bis heute wohnen keine Juden mehr in der Stadt.

"Stürmer"-Ausgabe von 1939

“Stürmer”-Ausgabe von 1939

Rothenburger feierten ein Freudenfest

Kreisleiter Karl Steinacker gab seinem Gauleiter Julius Streicher in Nürnberg sofort Bericht über die Vertreibung, die Rothenburg fünf Tage später mit einem „Freudenfest“ feierte. Gauleiter Streicher schickte dem Kreisleiter ein Dankes-Telegramm, in dem sich der Frankenführer „für die Mitteilung“ bedankte, „daß die letzten Juden aus Rothenburg verschwunden sind“. Wie der „Fränkische Anzeiger“ am 24. Oktober 1938 schrieb, führte Streicher weiter aus: „Hoffentlich ist damit die Zeit der Schande auch für Ihre schöne altehrwürdige Kreisstadt für immer ausgelöscht.“

Offizielle Freudentage nachdem die Juden weg waren

Der offizielle „Freudentag“ an dem die Rothenburger die „Befreiung von den Juden“ feierten, gestaltete sich zu einem wahren Freudenfest mit Aufmärschen, Fackelzügen und Reden. Fast drei Wochen später wurden reichsweit jüdische Synagogen vernichtet, Juden in Konzentrationslager gebracht, Wohnungen zerstört, Juden erschlagen und verprügelt und zur Emigration genötigt. Rothenburg war Vorreiter dieser Aktion und diente eventuell als Versuch, um festzustellen, wie die Bevölkerung reagiert. Denn für den 9. November 1938 war bereits ein reichsweiter „spontaner“ Pogrom gegen Juden geplant, das wegen der Zerstörung der vielen jüdischen Geschäfte und der Fensterscheiben als „Reichskristallnacht“ Eingang in den Volksmund gefunden hat. Über das Freudenfest der Vertreibung der Juden in Rothenburg recherchierte Dieter Balb am 12. November 1988 für den „Fränkischen Anzeiger“:

„Tatsächlich fand anlässlich der „Judenbefreiung“ am Donnerstag, den 27. Oktober 1938, eine NSDAP-Veranstaltungsreihe statt, die mit einer Kundgebung der Schuljugend früh um 10.30 Uhr in der Judengasse begann, wo Ortsgruppenleiter Götz gesprochen hat. Ein Sirenensignal forderte um 11.30 Uhr zur Beflaggung aller Häuser auf und um 14.30 Uhr lud sie Partei 150 bedürftige Rothenburger Frauen und Männer zum ,frohen Nachmittag’ in den Ochsensaal ein. Abends trafen sich alle Parteigliederungen auf dem Judenkirchhof [heute Schrannenplatz], um von dort in Formation als Fackelzug durch die Stadt zu marschieren, was um 21 Uhr mit einer Kundgebung auf dem Kirchplatz durch Kreisleiter Steinacker abgeschlossen wurde. Wie ernst es die Nationalsozialisten auch mit allen den Juden freundlich gesonnenen Bürgern meinten, wird aus folgender Passage im Bericht über die Kundgebung mit dem Kreisleiter deutlich: ,Denjenigen, die glauben, auch jetzt noch ihre judenfreundliche Gesinnung zeigen zu müssen, erkläre er, der Redner, namens der Bewegung im Kreis Rothenburg, dass, falls sie nicht von diesem Weg abkehren, auch für sie der Tag kommen werde, an dem sie auf ganz legale Art Rothenburg den Rücken kehren werden.’ Die stattliche Menschenmenge auf dem Kirchplatz, so heißt es weiter, sei gekommen, um teilzuhaben an der Freude darüber, ,dass kein Jude mehr die Schritte der Rothenburger kreuzen wird’.“

Vertreibung auf dem Bierdeckel

Vertreibung auf dem Bierdeckel

Gauleiter Julius Streicher lobte die Stadt – Arisierung

Um alle Besucher Rothenburgs auf die Vertreibung der Juden bildhaft hinzuweisen, wurden Tage später an den Stadttoren Schil­der angebracht, auf denen der „jahrhundertelange heldenhafte Abwehrkampf“ gegen das „teufli­sche Parasitentum“ in mit antisemitischen Darstellungen geschildert wurde. Gauleiter Julius Streicher lobte diese Aktion und stellte den NSDAP-Ortsgruppen für den weiteren Abwehrkampf gegen die Juden Propagandamaterial wie Hetzschriften und Plakate zur Verfügung.

An der so genannten Arisierung jüdischen Besitzes beteiligten sich sowohl die Partei, die Stadtverwaltung und Rothenburger Bürger, die ihr „Schnäppchen“ machten. Häuser gingen für wenig Geld in „arischen Besitz“ über, der jüdische Friedhof mit Leichenwaschhaus (Taharahaus) in den der Stadt

Lagebericht der Kreisleitung 1944: Kritik in der Bevölkerung

In den letzten Kriegsjahren war die Bevölkerung gegenüber der harten Judenverfolgung durch Deportationen und Hetze gegenüber den in noch „privilegierten Verhältnissen“ lebenden Juden (so genannte Mischehen) kritischer eingestellt, was aus den „Meldungen aus dem Reich“ und ähnlichen Lageberichten hervorgeht. Auch der weltanschauliche Lagebericht der Kreisleitung in Rothenburg vom 20. Februar 1944 gibt darüber Auskunft (Auszug): „Der Kampf der Partei gegen die Juden war zu scharf, dafür haben wir jetzt den Krieg und den Luftterror gegen unsere Städte und Zivilbevölkerung. Genau so, wie ih­re Synagogen zerstört worden sind, werden jetzt unsere Wohnhäuser zer­stört.“.

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Themenähnliche Artikel in dieser Dokumentation (Auswahl): Antisemitismus in Rothenburg: 1920 wurde die Synagoge in der Herrngasse mit Hakenkreuzen beschmiert… – Antisemitismus I: Juden wurden von Rothenburgern schon früh abscheulich diskriminiert, hart verfolgt und unbarmherzig vertrieben… –  Antisemitismus II: Lehrer und Heimatforscher zeichneten mit ihren pseudowissenschaftlichen Arbeiten ein Zerrbild der Rothenburger Juden im Sinne des Nationalsozialismus – Antisemitismus III:  „Mahntafeln“ an den Ausgangstoren der Stadt mit vulgären Karikaturen im „Stürmer“-Stil  – Freudentag nach der Vertreibung von 1938… – Verdrängung der jüdischen Viehhändler… – Jeglicher Besitz diente der Volksgemeinschaft, zu der Juden nicht gehörten (Arisierung)… – Der gelbe Judenstern…
Quellen: Dr. Oliver Gußmann: „Die Judengemeinde vom Zweiten Kaiserreich bis 1938 und ihre Nachgeschichte“, in: Karl Borchardt, Horst Rupp: Rothenburger Stadtgeschichte, Konrad Theiss Verlag Stuttgart (erscheint 2014). – Ders.: „Jüdisches Rothenburg ob der Tauber. Einladung zu einem Rundgang“, Verlag Medien und Dialog 2003. – Dieter Balb; Dokumentation im Fränkischen Anzeiger: „Antisemitismus fiel auf fruchtbaren Boden“ und „Die Jugend sollte den Rassenhass weitertragen“ vom 12. November 1988. – Daniel Bauer: „„Die nationalsozialistische Herrschaft in Stadt und Bezirk Rothenburg ob der Tauber“, Vortrag im Verein Alt-Rothenburg am 12. März.2010 (Zusammenfassung: http://www.alt-rothenburg.de/unser-engagement/2010/rothenburg-im-nationalsozialismus/index.php). – Ders.: „Antisemitismus in Rothenbhrg ob der Tauber (1933–1945)“, in: Andrea Kluxen (Hg.): Geschichte und Kultur der Juden in Rothenburg ob der Tauber, Franconia Judaica 7, Würzburg 2012, 161–178.  – Weitere Quellen sind im Text angegeben.
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