Die jüdische Gemeinde in Rothenburg seit 1870: Toleriert und geachtet, aber auch starken antisemitischen Anfeindungen ausgesetzt

Jüdische Familie Lehmann am Burgtor in den 1910er/20er-Jahren

Jüdische Familie Lehmann am Burgtor in den 1910er/20er-Jahren

Von Dr. Oliver Gußmann

Jüdische Familien aus dem Umland ließen sich in Rothenburg ob der Tauber nieder und gründeten hier im Jahr 1875 eine jüdische Gemeinde. Sie bestand bis zur Vertreibung der jüdischen Bürger am 22. Oktober 1938, also bis zwei Wochen vor dem Novemberpogrom am 9. November 1938. Seit der Ausweisung der Juden aus Rothenburg am 2. Februar des Jahres 1520 auf Betreiben des Predigers Johannes Teuschlein wohnten 350 Jahre lang keine Juden mehr in Rothenburg, so wie in vielen anderen Reichsstädten. Ausnahmen wurden gemacht, wenn Juden gegen Zollzahlungen durch die Stadttore ziehen wollten, um in der Stadt Handel zu treiben. Die Erinnerung an die mittelalterliche jüdische Gemeinde war in der Neuzeit nur mehr durch als Spolien verbaute jüdische Grabsteine im Schrannengebäude oder im Burggarten vorhanden oder durch Lokalisierungen kenntlich wie den „Judenkirchhof“ oder die „Judengasse“. Weiterlesen

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Martin Weigels viel gelobte „Rothenburger Chronik“ von 1923 verschweigt mittelalterlichen Judenmord und die Existenz einer jüdischen Gemeinde in neuer Zeit gänzlich

Titelseite der Chronik von 1923

Titelseite der Chronik von 1923

Von Wolf Stegemann

Bei der national-patriotischen Gesinnung Martin Weigels, die schon 1925 durch Mitgliedschaft in die NSDAP zum offenen Bekenntnis führte, bietet sich an, seine 1923 erschienene „Rothenburger Chronik“ nach überhöhten nationalistischen oder sogar antisemitischen Spuren in seiner Sprache und Darstellung durchzusehen. Die Chronik wurde damals und wird heute noch hoch gelobt, so wie es Hans Ottin der städtischen Festschrift zum 700-jährigen Stadtjubiläum 1974 tat: „Vielleicht hat unser liebenswerter Chronist Martin Weigel nicht ganz so unrecht, wenn er in seiner mit so viel Liebe zur Stadt und verzeihender Toleranz meint: Rothenburg könne alles und in allem eine aristokratische Note nicht verbergen.“ Weiterlesen

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Moses Hofmann, Lehrer am Gymnasium und an der Realschule, prägte 50 Jahre lang die jüdische Gemeinde in Rothenburg

Im jüdischen Gemeindehaus in der Herrngasse war neben der Synagoge auch die Schule untergebracht HofmannsDie letzte Synagoge in der Herrngasse, in der Moses Hofmann wohnte; Foto: Rolf Schreglmann

Im jüdischen Gemeindehaus in der Herrngasse war neben der Synagoge auch die Schule untergebracht;  Foto: Rolf Schreglmann

Von Dr. Oliver Gußmann

Für die etwa 15 bis 20 jüdischen Kinder der 1875 neu in Rothenburg angesiedelten Juden musste eine religiöse Erziehung gewährleistet werden. So schrieb am 18. Februar 1875 der Rothenburger Israelitenverband in der Zeitschrift „Der Israelit“ eine Stelle für einen unverheirateten Vorbeter, Schächter und Religionslehrer aus. Man entschied sich für den seit vier Jahren in Zeckendorf wirkenden 24-jährigen Religionslehrer Moses Hofmann und stellte ihn am 21. September 1875 an. Der Lehrer war auch Schächter (Schlachter), leitete den Gottesdienst als Vorsänger und war für karitative Aufgaben zuständig. So leitete er die 1876 gegründete und bereits genannte „Unterstützungskasse für arme durchreisende Juden“. Die Erlaubnis zur Anstellung wurde vom Stadtmagistrat in Rothenburg unter dem Vorbehalt erteilt, dass die Religionsstunden „nicht mit den Unterrichtsstunden der deutschen Schulen collidieren“. Neben dem Religionsunterricht nahm Moses Hofmann in der Gemeinde zahlreiche weitere Aufgaben wahr. Das Gehalt des Religionslehrers wurde von den jüdischen Familien bezahlt, dazu kam ein Zuschuss der Stadt Rothenburg. Weiterlesen

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Alexander Kann: seine Bank, seine Familie, seine Geschäfte – Ein Lebensweg von Oberzell über Rothenburg ob der Tauber, Sandhausen, Essen und Paris bis Auschwitz

Inserat Bankhaus Kann aus dem Jahr 1924

Inserat Bankgeschäft Alexander Kann aus dem Jahr 1924

Von Wolf Stegemann

Beruflich ist er zu einer schillernden Figur geworden wie so viele andere aus seinem Gewerbe. Doch ihm haftet zudem etwas Tragisches an. Dies lag nicht alleine an ihm, sondern auch an seinen Söhnen, die für das Bankgeschäft ihres Vaters tätig waren, als es der Bank des Vaters in der Wirtschaftskrise Anfang der 1930er-Jahre nicht mehr gut ging. Kriminelles überlagerte Reelles. Der Vater, der dafür seinen Namen hergab und als Person und Firmenchef dafür einstehen musste, war allerdings nicht nur wissend, sondern schwamm im Strudel aktiv mit, der die Familie und das Bankhaus nach unten wirbelte. Doch er war sicher nicht die treibende Kraft in dieser tragischen Familien- und Bankengeschichte, die über das Jahr 1933 andauerte. Weiterlesen

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Lebensstationen der Rothenburger Familie Mann: Ermetzhofen, Rothenburg ob der Tauber, London, Argentinien, Sydney, New York, Chula Vista und Sausalito in Kalifornien

Besuch von Mitgliedern der 1938 vertriebenen Familie Mann aus der Adam-Hörber-Straße im Jahr 1956: rechts vorne Justine Mann , dahinter als 2. v. l. Martha Mann, zusammen mit der Familie Wack.

Besuch von Mitgliedern der 1938 vertriebenen Familie Mann aus der Adam-Hörber-Straße im Jahr 1956: rechts vorne Justine Mann , dahinter als 2. v. l. Martha Mann, zusammen mit der Familie Wack.

Von Dr. Oliver Gußmann

Es ist selten genug, dass es von jüdischen Familien in Deutschland – mit Ausnahme berühmter jüdischer Dynastien wie die der Mendelssohns oder Rothschilds – weitgehend durchgängige Stammbäume gibt. Denn der Holocaust hat Erinnerungen und Informationen zerstört. Vereinzelt gibt es aber Stammbäume der so genannten einfachen Leute. Den Stammbaum der in Rothenburg ansässig gewesenen jüdischen Familie Mann, deren Herkunft zumindest ab 1796 im „Descendants of Samuel Mann“ dokumentiert ist, bringen wir hier beispielhaft, auch wenn er durch das glückliche Überleben von einigen Familienmitgliedern nach der Vertreibung aus Rothenburg und Auswanderung weit über die Zeit des Holocaust hinausgeht. Die Familiengeschichte beginnt mit Samuel Mann und dessen Geschwister Alfred, Pauline und Adolf. Weiterlesen

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Brutale Rothenburger SA-Männer überfielen in der Nacht zum 27. März 1933 die jüdische Familie Mann in ihrem Haus – Es wurde geschlagen und geschossen

Justin Mann (r. vorne) mit Lina Mann und Martha Mann (dahinter 2.v.l.) 1956 zu Besuch in Rothenburg

Justin Mann (r. vorne) mit Lina Mann und Martha Mann (dahinter 2.v.l.) 1956 zu Besuch in Rothenburg

Von Wolf Stegemann

In einer Akte, die sich eigentlich mit dem Ermittlungsverfahren des Anklägers beim Sondergericht Nürnberg gegen den Rothenburger jüdischen Lehrer Siegmund Marx befasst, ist ein achtseitiges Polizeiprotokoll eingebunden, das den Überfall von SA-Männern in der Nacht zum 27. März 1933 auf das Anwesen der Familie Mann in der Adam-Hörber-Straße detailliert schildert. Vom Eindruck her ist dieses noch relativ objektiv. Denn im März 1933 war Polizeiarbeit noch nicht allzu sehr unter die Ideologie der Partei gestellt. In diesem Protokoll sind auch die Vernehmungen des Vaters Josef Mann und seiner Söhne Norbert und Justin wortgetreu geschildert, wie sie dieses brutale Eindringen in ihr Haus und die schweren Misshandlungen erlebten. Die Namen einiger der Beteiligten unter Wortführung von Robert Lassauer sind genannt. Im Verlauf dieser nächtlichen SA-Aktion, die dann von der Polizei übernommen wurde, kamen der Vater und die Söhne Mann in Schutzhaft ins Rothenburger Amtsgerichtsgefängnis. In Teilen der Rothenburger Öffentlichkeit und auch in der Gendarmerie-Station stieß diese „wilde“ Aktion gegen Juden auf Kritik. Bei der Polizei weniger, weil diese Aktion geschah, sondern weil „sie ohne jegliche Führung von Polizei oder ihrer Parteileitung“ durchgeführt wurde. Polizei-Oberkommissar Settler, der die Aktion vor Ort übernahm und später die Vorkommnisse untersuchte, übersandte im April 1933 dem Rothenburger Stadtrat seinen Bericht, der hier vollständig veröffentlicht wird. Die Zwischenüberschriften wurden wegen besserer Lesbarkeit eingefügt: Weiterlesen

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Die jüdischen Bürger Rothenburgs – Eine Übersicht

Von Dr. Oliver Gußmann

Kaddisch der Trauernden: „Erhoben und geheiligt werde sein großer Name auf der Welt, die nach seinem Willen von Ihm erschaffen wurde – sein Reich erstehe in eurem Leben in euren Tagen und im Leben des ganzen Hauses Israel, schnell und in nächster Zeit, sprecht: Amen! Sein großer Name sei gepriesen in Ewigkeit und Ewigkeit der Ewigkeiten. Gepriesen und gerühmt, verherrlicht, erhoben, erhöht, gefeiert, hocherhoben und gepriesen sei der Name des Heiligen, gelobt sei er, hoch über jedem Lob und Gesang, jeder Verherrlichung und Trostverheißung, die je in der Welt gesprochen wurde, sprecht Amen. – Fülle des Friedens und Leben möge vom Himmel herab uns und ganz Israel zuteil werden, sprecht Amen. – Der Frieden stiftet in seinen Himmelshöhen, er stifte Frieden unter uns und ganz Israel, sprecht Amen.“

Judenliste-GottlobFamilie Gottlob (Textilhändler). Karolina Gottlob, geboren am 16. April.1855, starb in Rothenburg am 18. Oktober 1935. Nathan Gottlob, geboren am 13. April 1855, starb schon am 30. März 1933. – Jonas Gottlob wurde am 6. Juli.1853 in Dittigheim/Tauberbischofsheim geboren. Er war Kaufmann. Am 24. Mai 1885 heiratete er Theresia Bär aus Crailsheim. In Rothenburg wohnte er von 1879 bis 1938 (bis 1931 in der Unteren Schmiedgasse 26, zuletzt in der Kirchgasse 1). Das Paar hatte zwei Söhne. Moritz, geboren  am 25. März 1886 in Rothenburg, fiel 1918 im Ersten Weltkrieg. Siegfried wurde am 7. November 1887 in Rothenburg geboren. Er verlobte sich am 30. April 1920 mit Gertrud Stern aus FRabkfurt. Das Paar lebte in Offenbach am Main. – 1871 wanderte Jonas Gottlob in die USA aus und kam 1879 nach Rothenburg wieder zurück. Nach der Vertreibung 1938 wurde er mit der Häftlingsnummer 448 am 22. August 1942 mit dem Transport XIII/1, Zug Da 505 von Stuttgart nach Theresienstadt verschleppt, wo er 89-jährig am 31. August 1942 starb. Weiterlesen

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