Moses Hofmann, Lehrer am Gymnasium und an der Realschule, prägte 50 Jahre lang die jüdische Gemeinde in Rothenburg

Im jüdischen Gemeindehaus in der Herrngasse war neben der Synagoge auch die Schule untergebracht HofmannsDie letzte Synagoge in der Herrngasse, in der Moses Hofmann wohnte; Foto: Rolf Schreglmann

Im jüdischen Gemeindehaus in der Herrngasse war neben der Synagoge auch die Schule untergebracht;  Foto: Rolf Schreglmann

Von Dr. Oliver Gußmann

Für die etwa 15 bis 20 jüdischen Kinder der 1875 neu in Rothenburg angesiedelten Juden musste eine religiöse Erziehung gewährleistet werden. So schrieb am 18. Februar 1875 der Rothenburger Israelitenverband in der Zeitschrift „Der Israelit“ eine Stelle für einen unverheirateten Vorbeter, Schächter und Religionslehrer aus. Man entschied sich für den seit vier Jahren in Zeckendorf wirkenden 24-jährigen Religionslehrer Moses Hofmann und stellte ihn am 21. September 1875 an. Der Lehrer war auch Schächter (Schlachter), leitete den Gottesdienst als Vorsänger und war für karitative Aufgaben zuständig. So leitete er die 1876 gegründete und bereits genannte „Unterstützungskasse für arme durchreisende Juden“. Die Erlaubnis zur Anstellung wurde vom Stadtmagistrat in Rothenburg unter dem Vorbehalt erteilt, dass die Religionsstunden „nicht mit den Unterrichtsstunden der deutschen Schulen collidieren“. Neben dem Religionsunterricht nahm Moses Hofmann in der Gemeinde zahlreiche weitere Aufgaben wahr. Das Gehalt des Religionslehrers wurde von den jüdischen Familien bezahlt, dazu kam ein Zuschuss der Stadt Rothenburg.

Besuch der „Israelitischen Präparandenschule“ in Höchberg

Über ein halbes Jahrhundert lang, von 1875 bis 1926 hat Moses Hofmann die jüdische Gemeinde Rothenburgs geprägt. Wer war dieser Mann? Moses Hofmann wurde am 2. November 1851 in dem kleinen unterfränkischen Dorf Dittlofsroda (Rabbinatsgemeinde Bad Kissingen) geboren. Er entstammte einer orthodoxen Familie. Sein Vater Josef Hofmann (geb. 1817 oder 1818) war Viehhändler. In der jüdischen Gemeinde Dittlofsroda war der Vater hoch geachtet und nahm dort auch religiöse Aufgaben wahr. Er war auch verantwortlich für das Schofarblasen an den Hohen Feiertagen. Als der Vater von Moses Hofmann im Alter von fast 90 Jahren am 27. Mai 1907 starb, schrieb die Zeitung „der Israelit“ einen Nachruf:

„Von tiefer Frömmigkeit beseelt, hat der Verblichene noch bis in seine letzten Tage die religiösen Pflichten mit jugendlicher Rüstigkeit erfüllt. Auf seinen Stock gestützt, erschien er regelmäßig trotz seiner großen Schwäche, im Sommer wie im Winter, zum gemeinsamen Gebet.“

Anzeige in der Zeitschrift "Israelit" vom 13. Juni 1900

Anzeige in der Zeitschrift “Israelit” vom 13. Juni 1900

Sein Sohn, Moses Hofmann, sollte Religionslehrer werden. Die Vorbereitung dazu leistete die Präparandenschule in Höchberg und anschließend die Israelitische Lehrerbildungsanstalt in Würzburg. Moses Hofmann besuchte also zuerst drei Jahre (1865–1867) lang die orthodoxe Präparandenschule von Höchberg. Der orthodoxe Rabbiner von Höchberg, Lazarus Ottensoser (1798–1876) hatte die Talmud-Tora-Schule etwa 1840 gegründet. Wenige Jahre bevor Hofmann auf die Schule ging, war sie 1861 zu einer „Israelitischen Präparandenschule“ umgewandelt worden, um Schüler auf die anschließende Seminarausbildung für Lehrer vorzubereiten.

Dies geschah in weiteren drei Jahren von 1868–1871 in Würzburg an der erst 1864 gegründeten und orthodox ausgerichteten „Israelitischen Lehrerbildungsanstalt“ (ILBA). Die Aufgabe dieses Seminars war „die Heranbildung jüdischer Lehrer, die auf der Grundlage einer aufrichtigen religiösen Gesinnung und einer streng religiösen Lebensführung mit den erforderlichen Kenntnissen auf dem Gebiet der Religionswissenschaften als Religionslehrer und der allgemeinen Fachbildung als Volksschullehrer ausgerüstet“ wurden. Im Jahr 1868 wurden mit Moses Hofmann sieben Schüler aufgenommen, insgesamt besuchten 22 Schüler das Seminar. Nach dem Examen am Königlichen Schullehrerseminar war Moses Hofmann zuerst vier Jahre (1871–1875) als Religionslehrer in Zeckendorf bei Bamberg tätig. Aus Zeckendorf stammte auch seine spätere Frau Karolina Ansbacher.

Artikel vom 8. September 1926 in der Zeitschrift "Israelit"

Artikel vom 8. September 1926 in der Zeitschrift “Israelit”

Die Familie Hofmann – in Rothenburg vor 1933 angesehen und geehrt

Moses Hofmann und seine Frau „Lina“ geb. Ansbacher (6. April 1854 bis 20. Dezember 1899) heirateten an 15. August 1877 in Würzburg. Moses Hofmann befand sich damals schon zwei Jahre in Rothenburg in einer gesicherten Position. Zehn Monate später, am 16. Juni 1878 wurde den Hofmanns eine Tochter geboren, die sie Emma nannten. Offensichtlich war seit der Geburt des Mädchens der bisherige Wohnraum zu klein geworden, denn 1879 zog die junge Familie in das Haus Herrenmarkt 40 (heute Herrngasse 21). 1888 kaufte die Israelitische Kultusgemeinde dieses Wohnhaus und ließ es zu einem Betsaal mit Lehrerwohnung umbauen. Der Betsaal war im Erdgeschoss eingerichtet, während die Familie Hofmann in der Lehrerwohnung im ersten Stock wohnte. Auch die Unterrichtsräume befanden sich im ersten Stock. Die Hofmanns hatten insgesamt drei Töchter: Emma, Gretchen und Rosa.

Die älteste, Emma Hofmann (1878–1942), besuchte ab dem Alter von elf Jahren die Höhere Töchterschule in Rothenburg. Nach dem Koblenzer Gedenkbuch wohnte sie später in Würzburg, wurde 1942 verschleppt und im Todeslager Majdanek bei Lublin 1942 ermordet. Die zweite Tochter, Gretchen wurde am 5. Dezember 1883 geboren und zog am 13. Juni 1909 nach Würzburg, heiratete 1909 Josef Ansbacher aus Veitshöchheim, und wohnte in der Neubaustraße 32. Ihr Mann besaß zusammen mit Adolf Fränkel die Kurz- und Wollwarengroßhandlung Ansbacher & Fränkel am Marktplatz 15 in Würzburg. Gretchen und ihr Mann flohen 1939/40 in die USA. Sie starb am 18. Mai 1954 in New York. Die jüngste Tochter hieß Rosa. Sie wurde am 20. Februar 1890 in Rothenburg geboren. Rosa heiratete Leo Ansbacher aus Zeckendorf und wohnte in Bamberg. Sie und ihr Mann wurden von dort verschleppt. Sie wurde am 29. November 1941 im KZ Jungfernhof bei Riga ermordet.

Moses Hofmanns Frau Lina starb plötzlich am 21. Dezember 1899. Nach ihrem Tod nahm Moses Hofmann auch Realschüler in sein Haus auf, wobei er in der Zeitung „Der Israelit“ am 13. Juni und 16. August 1900 ein „Schülerpensionat“ inserierte. Fünf jüdische Realschüler, die bei Hofmann wohnten, sind in der Kartei der jüdischen Einwohner Rothenburgs genannt.

Bayerische Gemeinde-Zeitung vom 6. November 1925

Bayerische Gemeinde-Zeitung vom 6. November 1925

Tagung des „Israelitischen Lehrervereins für das Königreich Bayern“

Moses Hofmann unterrichtete von 1879 bis 1923 als israelitischer Religionslehrer an der Lateinschule und der Realschule von Rothenburg. Über sein Wirken heißt es in den Jahresberichten der Schulen 1925/26:

„Am Schluß des Schuljahres 1922/23 schied aus dem Lehrkörper aus der Lehrer für israelitische Religion, Moses Hofmann, der viele Jahrzehnte hindurch die Schüler seiner Konfession treu und eifrig unterrichtet hatte.“

Überregional war Moses Hofmann im Jahr 1879 an der Gründung des „Israelitischen Lehrervereins für das Königreich Bayern“ beteiligt. 20 Jahre lang, von 1896 bis 1916, war er an der Verwaltung des Vereins beteiligt. Dort engagierte er sich für die Witwen und Waisen der jüdischen Lehrerfamilien. Die 29. Generalversammlung des bayerischen israelitischen Lehrervereins fand auf Einladung von Moses Hofmann am 20. Juli 1908 in Rothenburg statt. Der Berichterstatter der pädagogischen Beilage zur Zeitschrift „Der Israelit“ (30. Juli 1908) hob eingangs die Bedeutung der Stadt Rothenburg für Juden hervor:

„Die diesjährige Konferenz der bayrischen Lehrer stand entschieden unter einem günstigen Stern. Natur und Geschichte weben um das freundliche Tauberstädtchen einen Zauber, dem sich niemand so leicht entziehen kann. Für uns Juden kommt noch die Erinnerung an die hehre Gestalt des Maharam mi Rothenburg [transkribiert aus dem Hebräischen: unser Lehrer Rabbi Meir aus Rothenburg] hinzu, der ja nicht nur eine ragende Geistesgröße, sondern auch ein bewundernswürdiger Charakter war, und so ein leuchtendes Vorbild für jeden Lehrer sein kann.“

Am Vorabend dieser Konferenz saßen jüdische und christliche Lehrerkollegen sowie Mitglieder der israelitischen Kultusgemeinde gesellig beieinander. Dies war die große Stunde des bekannten Rothenburger christlichen Judaisten Heinrich Laible, dessen Klugheit und diplomatisches Geschick auch von jüdischer Seite gelobt wurde. Der eigentliche Konferenztag begann mit einer Stadtführung durch einen christlichen Kollegen, wobei die jüdische Vergangenheit Rothenburgs hervorgehoben wurde. Die Tagung mit 80 Teilnehmern fand dann im evangelischen Vereinshaus statt und dauerte fünf Stunden. Nach den Grußworten, auch von Moses Hofmann, und dem Bericht des Vereinsvorsitzenden, Lehrer Hirsch Goldstein aus Heidingsfeld (1854–1929), warb Simon Dingfelder mit einer Rede für die „rechtliche und materielle Besserstellung der israelitischen Religionslehrer in Bayern“. In seiner Rede beklagte er die völlige Rechtlosigkeit des Religionslehrers dem örtlichen Rabbiner und der jüdischen Gemeinde gegenüber. Außerdem bemängelte er die äußerst geringe Besoldung. Zu einer Aufstockung des Gehalts fühlte der Staat sich nicht verpflichtet. Die Rede gipfelte in der Forderung nach der rechtlichen Gleichstellung der jüdischen Lehrer mit den Volksschullehrern. Wie es zu erwarten war, wurde die Rede unter stürmischem Beifall positiv aufgenommen und nach einer lebhaften Debatte mit einem Resolutionstext einstimmig befürwortet.

Gegenwärtige jüdische Gemeinde ein halbes Jahrhundert in Rothenburg

Die Rothenburger Juden feierten am 31. Oktober 1925 sowohl das 50-jährige Gemeindejubiläum als auch das 50-jährige Dienstjubiläum von Religionslehrer Moses Hofmann. Dabei wurden auch Glückwunschschreiben von der katholischen und der evangelischen Kirchengemeinde überbracht. Auf der Titelseite der Bayerischen Israelitischen Gemeindezeitung vom 6. November 1925 stand: „Ein Doppeljubiläum in Rothenburg o .d. Tauber“. Von Moses Hofmann weiß die Zeitung zu berichten: „Er steht im gesegneten Alter von 74 Jahren noch im Dienste, in seltener körperlicher und geistiger Rüstigkeit.“

Moses Hofmanns Grabstein in Höchberg

Moses Hofmanns Grabstein in Höchberg

Auseinandersetzung Hofmanns mit dem Antisemitismus

Am 19. Dezember 1923 hielt die Propagandistin des antisemitischen deutschvölkischen Schutz- und Trutzbundes, Andrea Ellendt eine dreistündige völkische Hetzrede gegen Juden, die ausführlich im „Fränkischen Anzeiger“ vom 20. und 28. Dezember 1923 paraphrasiert wurde. Eingeladen hatte zu dem Vortrag im Vereinshaussaal die antisemitische Partei „Reichsflagge“. Die in ihrem Wesen charismatische Ellendt erschien während der Jahre 1922/23 in ganz Franken auf antisemitischen Veranstaltungen und hatte tags zuvor einen ähnlichen Vortrag in einer Turnhalle in Schillingsfürst gehalten. In dem häufig von Zustimmungsrufen unterbrochenen Vortrag schob die Rednerin den Juden die Schuld an den Finanzproblemen und Kriegen der Zeit zu. Sie rief dazu auf, sich „unter der großen Fahne Deutschland zusammenzuscharen zum Kampf um die christlich-germanische Weltanschauung“ (FA vom 28. Dezember 1923). Diese „ideale Weltanschauung“ sei der Gegensatz zu dem, was „der Jude“ vertrete. In einem Leserbrief am 4. Januar 1924 wies – wahrscheinlich war es – Moses Hofmann den Judenhass Ellendts zurück:

Es „heften sich an ihre [Ellendts] Sohlen Unfriede, Haß und Verhetzung und nicht selten auch Gewalttat. In der hiesigen Stadt wurde bisher der konfessionelle Friede nicht gestört; soll jetzt der Unfrieden auch hierher getragen werden? Der Vortrag der Rednerin selbst ist ein Musterbeispiel dafür, wie man Wahres und Unwahres, schöne nationale Worte und phantastische Erfindungen durcheinander bringen kann.“

Es kam zu einer Leserbriefdebatte im Fränkischen Anzeiger, bei der sich auch der mit Moses Hofmann befreundete Rothenburger christliche Gymnasialprofessor Heinrich Laible einschaltete.

Hofmanns letzte Lebensjahre in Würzburg

Moses Hofmann ging Ende August 1926 in den Ruhestand, was zehn Tage zuvor mit einer Abschiedsfeier in der Synagoge und im Hotel Eisenhut begangen wurde. Distriktrabbiner Dr. Eli Munk führte dabei seinen Nachfolger, den Religionslehrer Emil Liffgens, in sein Amt ein. Hofmann selbst erhielt die Ehrenmitgliedschaft der Gemeinde. Moses Hofmann verbrachte seinen Ruhestand bei seiner Tochter Emma in Würzburg, wo er am 22. August 1929 im Alter von 78 Jahren an einem Leberleiden starb. Einen Tag später wurde er auf dem israelitischen Friedhof in Höchberg bestattet. Auf seinem Grabstein in Höchberg steht auf Hebräisch geschrieben:

„Hier ruht der fromme Mann, R’R’ Mosche, Sohn von Joseph, genannt Hofmann, Lehrer der Kinder in der Stadt des Mahara”m, Rothenburg, Rabbinatsrichter, Hirte seiner Herde, Vorbeter in seiner Gemeinde, in Redlichkeit führte er die Mitglieder seines Hauses, abberufen zu dem Sitz in der Höhe 15. Menachem 689 nach der kleinen Zählung. Seine Seele sei eingebunden in den Bund des Lebens“.

Moses Hofmann kann als orthodoxer Religionslehrer und Seelsorger seiner Gemeinde betrachtet werden, der nach innen und außen um ein harmonisches Zusammenleben der verschiedenen Konfessionen und Religionen bemüht war.

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Quellen: Bayerische Israelitische Gemeindezeitung vom 15. Sept. 1929. Zur ILBA. – Falk Wiesemann: „Die israelitische Lehrerbildungsanstalt Würzburg (1864–1938). Ein Beitrag des fränkischen Landjudentums zum jüdischen Bildungswesen in Deutschland“ in: Wolf D. Gruner (Hg.): „Wissenschaft – Bildung – Politik. Von Bayern nach Europa“, Festschrift für Ludwig Hammermayer zum 80. Geburtstag. Hamburg 2008, S. 341–359. – Statistisches Amts- & Adress-Handbuch für den königlich-bayerischen Regierungsbezirk Unterfranken und Aschaffenburg, Würzburg 1870, S. 107. – Todesanzeige FA 21. Dezember 1899. – Simon Dingfelder: „Vierzig Jahre Israelitischer Lehrerverein für das Königreich Bayern 1880–1920“, Rockenhausen 1921. – Hans Klemm: „Der Rothenburger Judaist Heinrich Laible (1852–1929)“ in: Reinhard Dobert: „Zeugnis für Zion. Festschrift zur 100-Jahrfeier des Evangelisch-Lutherischen Zentralvereins für Mission unter Israel e.V. Erlangen 1971“, S. 69–81. – Artikel „Jubiläum der Gemeinde Rothenburg“ in: „Bayerische Israelitische Gemeindezeitung“ Nr. 10, 6. November 1925, S. 199; „Der Israelit“ vom  19. November 1925 S. 7. – „Moses Hofmann“ in „Bayerische Israelitische Gemeindezeitung“ vom 15. September 1929. –Artikel in FA vom 23. August 1929. – Naftali Bar-Giora Bamberger: „Der jüdische Friedhof in Höchberg“, Schriften des Stadtarchivs Würzburg 8, Würzburg 1991, S. 262.
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