Die jüdische Gemeinde in Rothenburg seit 1870: Toleriert und geachtet, aber auch starken antisemitischen Anfeindungen ausgesetzt

Jüdische Familie Lehmann am Burgtor in den 1910er/20er-Jahren

Jüdische Familie Lehmann am Burgtor in den 1910er/20er-Jahren

Von Dr. Oliver Gußmann

Jüdische Familien aus dem Umland ließen sich in Rothenburg ob der Tauber nieder und gründeten hier im Jahr 1875 eine jüdische Gemeinde. Sie bestand bis zur Vertreibung der jüdischen Bürger am 22. Oktober 1938, also bis zwei Wochen vor dem Novemberpogrom am 9. November 1938. Seit der Ausweisung der Juden aus Rothenburg am 2. Februar des Jahres 1520 auf Betreiben des Predigers Johannes Teuschlein wohnten 350 Jahre lang keine Juden mehr in Rothenburg, so wie in vielen anderen Reichsstädten. Ausnahmen wurden gemacht, wenn Juden gegen Zollzahlungen durch die Stadttore ziehen wollten, um in der Stadt Handel zu treiben. Die Erinnerung an die mittelalterliche jüdische Gemeinde war in der Neuzeit nur mehr durch als Spolien verbaute jüdische Grabsteine im Schrannengebäude oder im Burggarten vorhanden oder durch Lokalisierungen kenntlich wie den „Judenkirchhof“ oder die „Judengasse“.

Toleranzedikt von 1813 gab den Juden Niederlassungs- und Bürgerrechte

Die Wiederansiedlung von Juden in Rothenburg ist auf dem Hintergrund des rechtlichen Gleichstellungsprozesses der Juden in Bayern zwischen den Jahren 1808 und 1871 zu sehen. Seit dem Bayerischen Judenedikt vom 10. Juni 1813 durften Juden Bürgerrecht und Grundbesitz erwerben und es wurde ihnen Glaubensfreiheit zugesprochen. Am 10. November 1861 wurde der so genannte Matrikelparagraph des Bayerischen Judenediktes aufgehoben, der die Ansiedlung jüdischer Bevölkerung beschränkte. 1868 wurde durch das Gesetz über Heimat, Verehelichung und Aufenthalt die Einwanderung von Juden nach Bayern und ihre Bewegungsfreiheit vergrößert. 1871 erreichte die Bayerische Reichsverfassung zumindest auf dem Papier die rechtliche Gleichstellung für Juden. Der Anschluss Rothenburgs an das Eisenbahnnetz im Jahr 1873 bot eine wichtige infrastrukturelle Rahmenbedingung für Gewerbetreibende, zu denen auch die meisten jüdischen „Neu-Rothenburger“ zählten, darunter auch die Viehhändler.

Die Herrngasse wurde zum neuen jüdischen Wohnviertel der Stadt

Das jüdische Geschäft Heumann & Strauss

Das jüdische Geschäft Heumann & Strauss um 1900

Die ersten Juden, die in Rothenburg in den Jahren nach 1870 sesshaft wurden, waren acht Familien mit Kindern, die noch nicht das Schulalter erreicht hatten: Isaak Heumann (1843–1906) ließ sich als Erster im Mai 1870 in Rothenburg nieder, kurz nach seiner Eheschließung mit seiner Frau Ricke, geborene Strauß in Niederstetten. Bald zog die Familie ihres Bruders David Strauß aus Niederstetten nach. Beide Familien wohnten in der Herrngasse 2. Heute ist in diesem Gebäude neben dem Rathaus der Christkindlmarkt „Käthe Wohlfahrt“. Sie gründeten 1874 das Tuchwarengeschäft Heumann & Strauß. 1874 zog der Pferdehändler Samuel Löwenthal (1837–1904) mit seiner damals noch fünfköpfigen Familie in das Haus Herrngasse 26. Heute befindet sich dort das „Hotel Burggartenpalais“. Mit ihm kamen seine Frau Mina, geborene Kahn, und drei Kinder: Carl (5 Jahre), Alfred (3) und Ludwig (2). In Rothenburg wurde drei weitere Kinder geboren: Pauline, Isidor und Ida. In das gleiche Haus zog auch die Familie seines jüngeren Bruders, Leopold Löwenthal (geb. 1839) mit seiner Frau Babette, geborene Emrich. Sie hatten im Jahr 1875, dem Jahr der Gemeindegründung drei kleine Kinder: Lina (3), Selma (1) und Gretchen (Neugeborenes). Die Löwenthals betrieben am unteren Ende der Herrngasse gemeinsam den Pferdehandel „Samuel & Leopold Löwenthal“. Ursprünglich stammte die Familie aus Archshofen. Weitere Familienmitglieder zogen 1882 von dort nach Rothenburg: Moses Löwenthal (geb. 31. Dezember 1838) und Julius Löwenthal (geboren 16. April 1848).

Jüdischer Gemeinde-Anzeiger vom 3. März 1875

Jüdischer Gemeinde-Anzeiger vom 3. März 1875

Der Metzger Moses Goldberger (1842–1922) aus Ermershausen kam im Jahr 1874 ebenfalls mit seiner jungen Familie nach Rothenburg und zog in das Haus Nr. 743 (Klingengasse 17/Alte Nr. 743). Zur Zeit der Gemeindegründung hatte das Ehepaar Moses Goldberger und Caroline geborene Weil drei kleine Kinder: Mina (7), Ida /5) und Josua (4). Nicht weit davon, in die Klingengasse 10, zog ein Jahr später das Ehepaar Hirsch (1837–1906) und Hanna (1844–1902) Wurzinger mit einer fünfköpfigen Familie. Die Frau war eine geborene Gutmann aus Colmberg. Ihre Kinder waren Samson (7), Getta (5), Albert (4), Ida (3) und Clara (1). Samson wurde später Synagogendiener. Auch die Wurzingers betrieben einen Pferdehandel. Der Viehhändler Salomon Bär Levi, schon 54 Jahre alt, und seine Frau Gitta kamen 1874 ebenfalls aus Archshofen und wohnten mit ihren fünf Kindern zuerst in der Herrngasse 24 (früher Haus Nr. 22). Das Haus war seit 1874 im Besitz der Familie. Ihre Kinder hießen: Aaron (jeweils im Jahr 1975: 22 Jahre), Jakob (18), Sophie (15), Ricke (13) und Julius (11). Der Händler Moses Josef Mann (1835–1912) und seine Frau Ernestine stammten aus Ermetzhofen und zogen 1874 mit ihren fünf Kindern in das Haus Rosengasse 22. Die Kinder waren zur Zeit des Zuzugs Sophie (10), Samuel (8), Adolf (6) und Pauline (1). Die ersten Rothenburger Juden waren also junge Familien aus dem Umland und siedelten vornehmlich in der Herrngasse und Klingengasse. Für die Kinder herrschte gemäß dem Judenedikt von 1813 Schulpflicht – außer in der Religionslehre, für die die jüdischen Gemeinden selbst sorgen mussten.

Eine aufblühende jüdische Gemeinde

Aus "Israelit" vom 27. August 1900

Auch ein Rothenburger Jude kämpfte im Boxeraufstand in China; aus “Israelit” vom 27. August 1900

Im Jahr 1875 beantragten die Rothenburger Juden die Genehmigung, eine selbstständige Kultusgemeinde zu gründen. Gründungsmitglieder der Gemeinde waren: Moses Goldberger, Isaak Heumann, Salomon Levy, Leopold Löwenthal, Samuel Löwenthal, Moses Josef Mann (Vorstand), David Strauß und Hirsch Wurzinger. Die Gründung wurde am 27. September 1876 von der königlichen Regierung von Mittelfranken genehmigt. Gleichzeitig wurde der Religionslehrer Moses Hofmann angestellt und übernahm, wie es in den kleinen orthodoxen Landgemeinden üblich war, auch das Amt des Vorsängers und Schächters. Der bereits erwähnte Moses Josef Mann bekleidete das Amt des ersten Gemeindevorstehers. Die Entwicklung der Gemeinde war bei der Besetzung von Funktionsämtern von Kontinuität geprägt: Karl Wimpfheimer beispielsweise hatte 42 Jahre lang das Amt des Kassiers, später des Vorsitzenden der Gemeinde inne. Der Religionslehrer Moses Hofmann, der sich ursprünglich nur kurz für Rothenburg verpflichten lassen wollte, blieb 51 Jahre lang bis zum Ruhestand. Sein Nachfolger als Religionslehrer und Kultusbeamter war von Oktober 1926–1929 Emil Liffgens (geb. 19. Juli.1897) aus Trabelsdorf bei Bamberg. Dieser unterrichtete an der Volksschule acht Stunden und am städtischen Mädchenlyzeum vier Stunden Religion. Er ging 1930 als Religionslehrer nach Memmingen. Sein Nachfolger war Siegmund Marx (1929–1933). Nach Marx wurde in Rothenburg kein ausgebildeter Religionslehrer mehr angestellt.

Er wurde im April 1933 wegen „Beleidigung der Regierung“ in Schutzhaft genommen. Die Gemeindegliederzahl war so drastisch im Rückgang begriffen, dass sich die Gemeinde finanziell keinen eigenen Lehrer mehr leisten konnte. Den Religionsunterricht und die Aufgabe des Vorbeters übernahm nun der Synagogendiener Samson Wurzinger bis zur Übergabe der Synagogenschlüssel an die Stadtverwaltung. Nach der Vertreibung 1938 ging er nach Fürth, wurde von dort nach Theresienstadt deportiert, wo er starb.

Israelitischer Frauenverein der „Heiligen Schwesternschaft“

Die Israelitische Kultusgemeinde Rothenburg gehörte in den ersten drei Jahren zum Distriktrabbinat Welbhausen-Uffenheim bis dieses 1880 aufgelöst wurde. In diese Zeit fällt eine Reihe von eigenständigen Vereinsgründungen der jüdischen Kultusgemeinde: 1876 wurde die „Unterstützungskasse für arme durchreisende Juden“ gegründet. Diese Kasse unterstand der Verfügung des Religionslehrers. Im Jahr 1924 hatte dieser Verein 20 Mitglieder. Vorstandsmitglieder der jüdischen Gemeinde waren auch im städtischen Armenrat vertreten, wie Karl Wimpfheimer 1925. Der israelitische Frauenverein „Heilige Schwesternschaft“ wurde 1878 gegründet und viele Jahre von Helene Löwenthal geleitet. Der Zweck des Frauenvereins war die Krankenpflege und die Bestattung von Frauen. Im selben Jahr gründete sich die Arbeitsgemeinschaft für jüdische Geschichte. Solche Vereine hatten in vielen jüdischen Gemeinden die Aufgabe, Juden und Nichtjuden in die Literatur und Geschichte des Judentums einzuführen.

Das jüdische Gemeindehaus mit Betsaal an der Ecke Herrngasse/Heringsbronnengassej

Das jüdische Gemeindehaus mit Betsaal damals

Die Synagoge der jüdischen Kultusgemeinde (seit 1888)

Die orthodoxe Prägung der jüdische Viehhändler erforderte schon sehr bald eine Synagoge. Gottesdienste wurden seit Gründung der Gemeinde in einem neuen „Betlokal“ gefeiert, für das man auch eine Mikwe baute. Die Ortslage dieses „Betlokals“ von 1875–1888 ist bisher unbekannt. Vermutlich waren die Gemeindeinstitutionen anfangs in Privathäusern untergebracht, ähnlich wie in Uffenheim oder Neustadt an der Aisch. In einem Aufsatz von Abraham Strauß in der Bayerischen Israelitischen Gemeindezeitung vom 6. November 1925 heißt es:

„Die inzwischen durch weiteren Zuzug verstärkte Gemeinde erwarb 10 Jahre später in der Herrngasse ein historisches Haus mit der Inschrift ‚Hier wohnte im Februar 1474 der Erzherzog und spätere Kaiser Maximilian eine Woche lang’, errichtete darin die Synagoge, Lehrerwohnung, Schul- und Beratungszimmer…“.

War in diesem Haus in der Herrngasse die vormalige Synagoge?

War in diesem Haus in der Herrngasse die vormalige Synagoge?

Eine ähnliche Inschrift befindet sich jedoch nicht an dem Betsaal von 1888, sondern am Haus der Herrngasse 15, dem „Wittgensteinhaus“, gelegen zwischen Gotischem Haus und Montessorischule. Das Epitaph an der Hausmauer besitzt einen nahezu gleich lautenden Text: „Hier wohnte im Februar 1474 der Kaiser Friedrich III. eine Woche lang.“ Eine Suche in der Häuserkartei des Stadtarchivs Rothenburg und dem Rothenburger Kalender hat aber keine Hinweise auf jüdische Bewohner ergeben.

Im Januar 1888 ließ die Jüdische Kultusgemeinde das angekaufte, im Kern mittelalterliche Wohnhaus Herrnmarkt 40 (heute Herrngasse 21) umbauen und richtete im Erdgeschoss einen Betsaal ein. Die Pläne wurden von dem Bauzeichner Georg Andreas Bartelmess (1844–1905) entworfen und sind im Rothenburger Stadtarchiv erhalten. Die Entwürfe („Einrichtung eines Betsaales, Versetzung der Hausthüre, Einsetzung von 2 Fenstern und Verlegung der Aufgangstreppe, für die israelitische Cultusgemeinde, in Hs. Nro. 40 am Herrnmarkt dahier“) enthalten drei Bauzeichnungen, wobei die Änderungen in roter Farbe kenntlich gemacht sind.

Thoraschrein und Bettisch – 5 Bänke für Männer, vier für Frauen

Der Betsaal war mit etwa 95 Quadratmetern Grundfläche sehr eng. Den Platz gewann man durch die Entfernung der Erdgeschosszwischenwände aus Fachwerk. Es blieben nur zwei runde Pfeiler mit Spolienkapitellen aus dem Mittelalter stehen. Der Haupteingang wurde nach Süden verlegt. Von dort aus konnten etwa 40 Männer (im Osten) und 40 Frauen (im Westen) ihre Beträume durch getrennte Eingänge betreten. Beide Räume waren durch eine Holzwand mit Gitter voneinander getrennt. An der Ostwand (Richtung Hofbronnengasse) stand der Thoraschrein, davor, in gerade einem halben Meter Abstand, ebenfalls nach Osten ausgerichtet der „Bettisch“ (Bima). Die Bänke sollen rot bepolstert gewesen sein. Zu beiden Seiten der Bima befanden sich jeweils drei Bänke für die „Knaben“. Westlich davon befand sich der Gebetsraum der Männer mit fünf Bänken und einem freien Gang zur Bima. Die Frauen konnten vier Bänke belegen. Für die neue Treppenanlage, Fenster, Türen und das gesamte synagogale Inventar mit Bänken, Gitter, Toraschrein und Bima müssen umfangreiche Schreinerarbeiten notwendig gewesen sein.

Das ehemalige Waschhaus links der früheren Hofeinfahrt in der Hofbronnengasse baute man zu einer beheizbaren Mikwe (Ritualbad) um. Das erste Obergeschoss wurde mit Beratungs- Schul- und Wohnräumen als Gemeindezentrum hergerichtet. 1913 wurde der Gemeinde eine Torarolle gestiftet.

Nach der Vertreibung der Juden am 22.Oktober 1938 wurde das Gebäude für 4.380 Reichsmark verkauft. Der Betsaal wurde danach von verschiedenen Geschäften genutzt, heute befindet sich dort ein Modegeschäft. Der südliche Komplex und die oberen Stockwerke wurden im Jahr 2000 grundlegend renoviert und werden vom Hotel „Klosterstüble“ genutzt. Über den Verbleib der Ritualien ist nichts bekannt.

Mit städtischem Leichenwagen bis nach Ermetzhofen

Wie die Ansiedlung der Juden von den Einwohnern der Stadt Rothenburg aufgenommen wurde, ist nicht bekannt. 1876 hatte man bereitwillig der jüdischen Gemeinde von Rothenburg, die noch keinen eigenen Friedhof besaß, für eine Beerdigung in dem rund 20 Kilometer entfernten Ermetzhofen den städtischen Leichenwagen zur Verfügung gestellt. Die jüdische Seite war sehr um ein positives Verhältnis zur Stadt bemüht und lobte das Verhalten der Stadt. Zweimal wird bei der Formulierung in „Der Israelit“ vom 19. April 1876 das Wort „Toleranz“ verwendet:

„Diese humane Handlungsweise verdient gewiß in diesen weitverbreiteten Blättern Erwähnung; sie zeigt, daß man hier keinen Unterschied der Confessionen kennt. Die jetzige Generation hat sich über die veralteten Vorurtheile hinweggesetzt; die Bevölkerung ist von Toleranz beseelt und zeigt sich wohlwollend gegen Andersgläubige. Die hiesige Stadt kann jenen Städten, wo die Toleranz noch nicht ganz zum Durchbruch gekommen, als leuchtendes Vorbild aufgestellt werden.“

Im Oktober 1885 schlossen sich die Rothenburger dem Distriktrabbinat Ansbach an. Schon in den Jahren vorher hatte der Distriktsrabbiner von Ansbach, Aron Bär Grünbaum (1841–1893), die Gemeinde von Rothenburg verwaltet. Der höchste Stand der Gemeindezahlentwicklung wurde 1910 mit 100 Personen erreicht.

Grabstein des Josef Sohn des Eleasar aus dem Jahr 1384

Grabstein des Josef Sohn des Eleasar aus dem Jahr 1384

Klagestein aus dem Mittelalter entdeckt

Bei Straßenbauarbeiten entdeckte man im April 1914 am Judenkirchhof (heute Schrannenplatz) mittelalterliche Grabsteine aus den Jahren 1297 bis 1399 und den Pogrom-Gedenkstein, der an die Ermordung von Rothenburger Juden während des Rintfleisch-Pogroms im Jahr 1298 erinnert. In den Jahren nach der Entdeckung der mittelalterlichen Grabsteine wurde Rothenburg deshalb zu einem Anziehungspunkt für jüdische Forscher und Besucher. Die Steine haben heute einen Platz in der Judaica-Abteilung des Reichsstadtmuseums gefunden.

Hans Löwenthal und Moritz Gottlob fielen im Ersten Weltkrieg

Im Ersten Weltkrieg fielen auch zwei Mitglieder der jüdischen Gemeinde: Hans Löwenthal (gefallen 12. März1915) und Moritz Gottlob (gefallen 19. September 1918). Für beide wurde im Jahr 1922 eine Ehrentafel in der Synagoge aufgestellt. Außerdem hat man sie später auf die Tafeln der Gefallenen der Weltkriege in der Blasiuskapelle im Burggarten aufgenommen.

Niedergang der jüdischen Gemeinde bis zur Vertreibung 1938

1926 gab es 28 jüdische Haushaltsvorstände in der Stadt. Vierzehn davon waren Viehhändler. Außerdem gab es das „Stoffwarengeschäft“ Heumann & Strauß“ in der Herrngasse 1, das Lederwarengeschäft von Leopold Westheimer in der Oberen Schmiedgasse 1, das „Kurz- Weiß- und Wollwarengeschäft“ von Karl Wimpfheimer in der Unteren Schmiedgasse 5. Der Metzger und Viehhändler Moritz Lehmann wohnte in der Oberen Schmiedgasse 18. Außerdem wohnte der jüdische Architekt Siegfried Goldberger in der Galgengasse 41. Von 1923 bis 1932 unterrichtete am Rothenburger Gymnasium der Zionist Professor Dr. David Tachauer als Lehrer für Mathematik und Physik.

Stolperstein

Stolperstein für Jonas Gottlob

Wegen der Abwanderung in größere Städte, der niedrigen Geburtenrate, der Weltwirtschaftskrise 1929 und wegen zunehmender antisemitischer Vorkommnisse, gingen die Gemeindegliederzahlen drastisch zurück auf 45 Personen im Jahr 1933. Die Zahlen der jüdischen Bevölkerung ab 1875 sehen so aus: 1875: acht Familien, 1891: 18 Familien, 1910: 100 Personen, 1925: 79 Personen, 1933: 45 Personen, 1935: 35 Personen, 1937: 29 Personen, September 1938: 22 Personen, Oktober 1938: 0 Personen. Mit dem zahlenmäßigen Rückgang und der damit verbundenen Verarmung stand die Rothenburger jüdische Gemeinde nicht alleine da. Um die finanziellen Verhältnisse der Gemeinde stand es im Jahr 1930 katastrophal. Der Niedergang der israelitischen Kultusgemeinde hatte sich schon in den Jahren nach dem Ersten Weltkrieg abgezeichnet. Bis etwa 1919 kann man davon sprechen, dass die jüdischen Bürger zumindest toleriert wurden. Als Indiz dafür mag gelten, dass auf dem Fächer einer  Tanzschul-Teilnehmerin am 29. April 1919 Sinnsprüche geschrieben wurden, wozu auch vier jüdische Tanzpartner beigetragen hatten.

Anfrage mit „Heil Hitler“, ob die Rothenburger Seifenfirma jüdische sei 

Am 12. Februar 1932 erhielt die NSDAP-Ortsgruppe Rothenburg von dem Reisenden Heinrich Günther aus Wolfstein (Pfalz) einen Brief, in dem sich der Absender über die Firma Aula Seifenfabrik in Rothenburg erkundigte. Der Vertreter fragte an:

„Obengenannter Pg. und S.A. Mann [damit meinte er sich selbst] ersucht höflichst um Auskunft über nachgenannte Firma ,Aula G.m.b.H., Seifenfabrik in Rothenburg’. Ich habe seit einigen Wochen die Vertretung der Firma und möchte mich nun vergewissern, ob die Firma nicht jüdisch ist und ob Nationalsozialisten dort beschäftigt sind. Ich bitte um baldige Erledigung meiner Anfrage. Mit Hitler Heil.“

Unter dem Brief steht eine Bestätigung, versehen mit dem Stempel der „Nat. Soz.  D. A. P. Ortsgruppe Wolfstein-Pfalz“:

Es wird bestätigt, dass obengenannter Günther als S.A. Mann unserer Bewegung angehört u. seine obigen Angaben der Wahrheit entsprechen. Wolfstein, den 12. Februar 1932. Mit Hitler Heil, Fr. Rochion, Ortsgruppenleiter.“

Die Rothenburger Ortsgruppe antwortete am 14. Februar 1932:

„Werter PG. Auf Ihre Anfrage vom 12.ds. Mts. diene Ihnen zur Kenntnis, dass die Firma Aula Seifenfabrik Rothenburg o. Tbr. ein rein deutsches Unternehmen ist, ein SA-Mann der hiesigen Ortsgruppe ist dort als Laborant beschäftigt. Ich hoffe Ihnen damit gedient zuhaben. Heil  H i t l e r !“

Eine der antisemitischen Tafeln an den Toren der Stadt

Eine der antisemitischen Tafeln an den Toren der Stadt

Antisemitismus war das Aushängeschild der Stadt Rothenburg

Das erste öffentlich gewordene antisemitische Ereignis läutete um 1920 eine Phase zunehmender Ausgrenzung ein: Bereits am 4. August 1920 wurden nachts Häuser jüdischer Bürger, die Synagoge und andere Häuser mit Hakenkreuzen in Teerfarbe beschmiert. Mit Zahlen greifbar ist die Stimmung im Ergebnis der Reichstagswahl vom 14. September 1930 als die NSDAP in Rothenburg 33,6 Prozent der Stimmen erhielt, während die NSDAP in anderen Bezirken nur 18,3 Prozent erreichte. Das letzte größere Ereignis nach einer Serie von antisemitischen Aktionen bis zur Vertreibung am 22. Oktober 1938 war im August 1937 die Aufstellung der von dem Rothenburger Maler Ernst Unbehauen gestalteten „Mahntafeln“ an den Stadttoren von Rothenburg mit ihrer massiven antisemitischen Ikonographie. Touristische Besucher erfuhren so bereits an den Toren in Bild und Wort den Antisemitismus als Aushängeschild Rothenburgs.

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Die Quellenlage für die letzte Rothenburger Gemeinde ist dürftig, weil kaum greifbare Zeugnisse vorhanden sind. Einzelne Quellen existieren nur im Staatsarchiv Nürnberg und im Stadtarchiv von Rothenburg.  Einige Archive gaben auf Nachfrage an, über keine Bestände im Blick auf Rothenburg zu verfügen. Noch niemand hat die Geschichte der letzten jüdischen Gemeinde aufgearbeitet, ein Schwerpunkt lag bisher auf der mittelalterlichen jüdischen Geschichte, für die Rothenburg wegen des Rabbi Meir ben Baruch berühmt ist. Die 2007 erschienene Bibliographie von Falk Wiesemann über die Geschichte der Juden in Bayern („Judaica-Bavarica. Neue Bibliografie zur Geschichte der Juden in Bayern, Essen 2007) verzeichnet etwa 25 Titel zur letzten Jüdischen Gemeinde von Rothenburg, davon sind die meisten Gemeindenachrichten aus deutsch-jüdischen Zeitschriften vor 1945. Es existieren zusammenfassende Artikel: beispielsweise in dem Buch jüdischer Gemeinden in Bayern seit 1918 von Ophir und Wiesemann, in dem Lexikon der jüdischen Gemeinden im deutschen Sprachraum: von Alicke sowie kürzlich der Eintrag von Berger-Dittscheid aus dem Synagogengedenkband Bayern Band 2 „Mehr als Steine…“. Daneben gibt es auf der Homepage der „Alemannia Judaica“ einen Ortsartikel über die jüdische Gemeinde in Rothenburg im 19. und 20 Jahrhundert, der aber einige Fehler bei der Zuweisung von Namen enthält. – Quellen: Jakob Kohn „Denkwürdige Überreste der alten Judengemeinde Rothenburg o. T.“ in: „Bayerische Israelitische Gemeindezeitung“, München 1928, S. 101–103 – Stefan Schwarz: „Die Juden in Bayern im Wandel der Zeiten“, München/Wien 1963.  –„Bayerisches Judenedikt vom 10. Juni 1813, § 32 und 33“ in: Claudia Prestel: „Jüdisches Schul- und Erziehungswesen in Bayern 1804–1933. Tradition und Modernisierung im Zeitalter der Emanzipation“, Schriftenreihe der Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften 36, Göttingen 1989, S. 387–392. – Hilde Merz „Die mittelalterliche Jüdische Gemeinde in Rothenburg o.d.T.“ in: Dies. (Hg.): „Judaika im Reichsstadtmuseum. Zur Geschichte der mittelalterlichen jüdischen Gemeinde in Rothenburg ob der Tauber. Rabbi Meir ben Baruch von Rothenburg zum Gedenken an seinen 700. Todestag“, Rothenburg 1993, S. 9–28, besonders S. 25f. – Barbara Eberhardt, Cornelia Berger-Dittscheid: Artikel „Uffenheim“ in: Wolfgang Kraus, Berndt Hamm (Hg.), erarb. v. Barbara Eberhardt u. a.: „Mehr als Steine… Synagogen-Gedenkband Bayern Bd. 2: Mittelfranken“, Lindenberg 2010, Seite 691–704, hier: Seite 693 f. – Abraham Strauß: „Ein Doppeljubiläum in Rothenburg o .d. Tauber“ in: Bayerische Israelitische Gemeindezeitung Nr. 10, 6.11.1925, S. 187. – Rainer Strätz: „Biographisches Handbuch Würzburger Juden 1900–1945“, Veröffentlichungen des Stadtarchivs Würzburg Bd. 4/2,  Würzburg 1989, S. 630. – Rainer Hambrecht: „Der Aufstieg der NSDAP in Mittel- und Oberfranken 1925–1933“,  Nürnberger Werkstücke zur Stadt- und Landesgeschichte 17, Nürnberg 1976, S. 190 f. – Ulrich Herz: „Der Maler und Mensch Ernst Unbehauen (1899–1980). Auch ein Stück Rothenburger Zeitgeschichte“, Rothenburg 2011, S. 38–49. – Falk Wiesemann: „Judaica-Bavarica. Neue Bibliographie zur Geschichte der Juden in Bayern“, Essen 2007, Nr. 10967–11008. – Baruch Ophir, Falk Wiesemann: „Die jüdischen Gemeinden in Bayern 1918–1945. Geschichte und Zerstörung“, München 1979, S. 220–221. – Baruch Ophir: “Rothenburg ob der Tauber” in: „Pinkas Hakehillot: Encyclopedia of Jewish Communities from their foundation till after the Holocaust, Germany – Bavaria“, Hg. von Yad Vashem. Jerusalem 1972, S. 359–362 (Hebräisch). – Israel Schwierz: „Steinerne Zeugnisse jüdischen Lebens in Bayern. Eine Dokumentation“, Bayerische Landeszentrale für politische Bildungsarbeit. München 1992, S. 185–187. – Klaus-Dieter Alicke: Artikel „Rothenburg ob der Tauber (Mittelfranken/Bayern)“ in: Ders.: Lexikon der jüdischen Gemeinden im deutschen Sprachraum, Bd. 3: Ochtrup – Zwittau,  Gütersloh 2008, Sp. 3575–3579. – Oliver Gußmann: „Jüdisches Rothenburg ob der Tauber. Einladung zu einem Rundgang“, Haigerloch, 2. Aufl. 2011, S. 24–31. – StaR NA 166.3. – Zur Synagoge des 19. Jahrhunderts s. Cornelia Berger-Dittscheid, Die Synagogen in Rothenburg o.d.T., in: Kluxen und Krieger, S. 67–97, 91–97.
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