Die Stadt, der Bildhauer, die Partei: Johannes Oertel arbeitete für das NS-Regime und genoss die Protektion des bayerischen Ministerpräsidenten Ludwig Siebert

Oertel in seinem Rothenburger Atelier

Johannes Oertel in seinem Rothenburger Atelier mit Hitlerbüste und inmitten seiner Nazi-Kunst; Foto: Reichsstadtmuseum Rothenburg ob der Tauber Sammlung Richard Wagner

Von Wolf Stegemann

An der Ecke Marktplatz zur Hafengasse sieht auf einem Sockel ins Mauerwerk eingelassen ein steinerner Sackpfeifenspieler, der vom Aussehen her an die rustikalen Figuren des Hans-Sachs-Spiels erinnert. Die Plastik stammt von dem Rothenburger Bildhauer Johannes Oertel (1893-1976) und zeigt exemplarisch den Stil, dem sich der Künstler verschrieben hatte: Unaufgeregt und handwerklich gut. Seine Kunst ist angepasst. An die Zeit und an die Stadt, dem „mittelalterlichen Kleinod“. Ein Stil, der damals in der Architektur, in der Literatur und bildenden Kunst gepflegt wurde und dessen Ergebnisse die Realität abbilden ohne viel zum Nachdenken und Interpretieren anzuregen. Eine Realität also, die sich auf das sichtbar Schöne und mitunter Heroische beschränkt. Eine solche Kunst fand das Wohlgefallen der Nationalsozialisten, die u. a. ihn, Johannes Oertel, mit Aufträgen und Ausstellungen förderten, wie es beispielsweise der bayerische NS-Ministerpräsident Ludwig Siebert persönlich getan hat, der von 1908 bis 1919 Bürgermeister der Stadt Rothenburg gewesen war. Weiterlesen

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Ernst Unbehauen – Seine NS-Verstrickung und antisemitischen Hetz-Plakate wirkten sich für ihn nach 1945 nicht negativ aus. Doch ist er ein Stück umstrittener Rothenburger Kultur

Bronze-Büste von Ernst Unbehauen; Foto Johann Ehmes

Bronze-Büste von Ernst Unbehauen; Foto Jochen Ehnes

Von Ulrich Herz

Redaktionelle Vorbemerkung: Er gehört mittlerweile zweifellos zu den umstrittensten Persönlichkeiten in der Stadt Rothenburg. Das war nicht immer so. In nationalsozialistischer Zeit erfreute er sich großer Beliebtheit, denn er produzierte für die Partei als Künstler Antisemitisches, das in seiner Hässlichkeit den Darstellungen im „Stürmer“ und in der nationalsozialistischen Juden-Hetze in nichts nachstand. Nach 1945 blieb der Gewerbelehrer und anerkannte Künstler Ernst Unbauen weiter beliebt, denn das Hässliche in seiner Leben wurde einfach unter den Teppich gekehrt – von ihm und den Rothenburgern, wie so vieles andere auch, was diese Touristenstadt um ihren guten Ruf bringen könnte. So geriet auch lange in Vergessenheit, dass er es war, der an den Stadttoren jene abscheulichen Hetzplakate gestaltet hatte, die 1937 aufgehängt wurden. Wer war dieser Mann Ernst Unbehauen? Ulrich Herz hielt über seinen Großonkel im Verein Alt-Rothenburg einen bemerkenswerten Vortrag. Dieser Text basiert auf diesem Vortrag, ist aber gekürzt und gerafft. Weiterlesen

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Oberbürgermeister Walter Hartl ließ 2010 ein Blumengebinde vom Grab des im NS-Antisemitismus verstrickten Künstlers wieder entfernen. Ein Essay zur Debatte um Ernst Unbehauen

Von Dieter Balb

„Die Angst und Verzweiflung, die er malt, haben ihn nicht erdrückt“ – so steht es in der Würdigung des Künstlers Ernst Unbehauen auf unserer Feuilleton-Seite von 1974. Hoch geschätzt und vielfach geehrt ist er am 23. September 1980 verstorben. Jetzt hat nicht nur die Arbeit von Ulrich Herz über seinen Großonkel die umstrittene Persönlichkeit Unbehauens wegen der von ihm gemalten Judentafeln in den Focus der Öffentlichkeit gerückt, sondern auch Oberbürgermeister Walter Hartl sorgte für Diskussionen: Er ließ ein Blumengebinde mit Schleife der Stadt, wie es alle zehn Jahre am Grab des Rothenburger Künstlers niedergelegt wird, wieder entfernen! Weiterlesen

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Rothenburger Künstlerbund überstand die zwölf NS-Jahre als gleichgeschaltete NSDAP-Organisation

W. St. – Gegen Ende des 19. Jahrhunderts, so schrieb Ernst Unbehauen in der Festschrift zum 700-jährigen Stadtjubiläum 1974, habe sich die Entdeckung der Stadt zum Künstlerparadies endgültig vollzogen. Neben Schriftstellern und Dichtern gaben sich Maler und Kunstkenner aus dem In- und Ausland in den folgenden Jahrzehnten ein Stelldichein in der Tauberstadt: Georg Dehio, Arthur Wasse, Toulouse-Lautrec, Elias Bancroft, Wassili Kandinsky, Hans Thoma, Anton Hoffmann, Richard Corelli, S. M. Rooseveld, A. de Fried, Olaf Gulbransson, Hugo Steiner, um nur einige zu nennen. „Dazwischen ragten die Rothenburger Maler heraus“, so Unbehauen,  bzw. die, die sich im Laufe der Jahrzehnte in Rothenburg niedergelassen hatten. Das waren u. a. Peter Philippi, Wilhelm Schacht, Adolf Hoße, Paul Sollmann, Constantin von Mitschke-Collande und Franz Bi. Weiterlesen

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Hegereiterhäuschen wurde von der Reichskammer für bildende Kunst 1939 zum Erholungsheim für Künstler umgestaltet

Das Hegereiterhaus im Spitalhof wurde 1939 ein Erholungsheim für Künstler

Das Hegereiterhaus im Spitalhof wurde 1939 ein Erholungsheim für Künstler

In den 1950er-Jahren stellte Oberbürgermeister Dr. Erich Lauterbach die Erdgeschossräume des historischen Hegereiter-Häuschens im Spitalhof dem Pfadfinderstamm „Heinrich Toppler“ als Heim zur Verfügung. Das erste Obergeschoss war bewohnt. Das vom Renaissance-Baumeister Leonhard Weidmann 1591 erbaute Haus mit rundem Treppenturm mit Glocke und Uhr hat mit den früheren städtischen Bediensteten, den Hegereitern, die Rothenburgs Landhege zu umreiten hatten, nichts zu tun. Vielmehr war das Haus Wohnung des Spital-Bereiters, der für das Gesinde das Essen zu bereiten hatte. Danach diente es unterschiedlichen Zwecken: Wohnhaus, Flüchtlingsunterkunft, Magazin, Jugendheim sowie  als Altenbegegnungsstätte und wegen seines schönes Aussehens schon immer als eine von Touristen viel fotografierte Attraktion. Weiterlesen

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Hitler sollte nach seinem Tod als Christus II. in der Gralsburg verschwinden – Über die missglückte NS-„Religion“

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Das Hakenkreuz als lebensspendende Sonne dargestellt

Von Wolf Stegemann

Die Erkenntnis, dass Nationalsozialismus und Christentum unvereinbar sind, dürfte heute wohl allgemein verbreitet sein. Damals, vor und nach 1933, konnte in Deutschland diese Einsicht nur haben, wer auf der einen Seite eine klare Vorstellung vom Wesen der nationalsozialistischen Welt­anschauung hatte und auf der anderen Seite um den Anspruch des christlichen Glaubens wusste. Weiterlesen

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Weihnachten wurde ideologisch umgedeutet, am Baum hingen Hakenkreuzkugeln, Weihnachtslieder bekamen andere Texte und Hitler sollte als Weltenerlöser vergöttlicht werden

Weihnachten-TitelfotoVon Wolf Stegemann

An nationalsozialistischen Weihnachtsbaumschmuck hat der Verfasser eigene Kindheitserinnerungen aus der Zeit Anfang der 1950er-Jahre: „Wir wohnten vorm Würzburger Tor. Der Dachboden des Hauses war im spitzen Winkel des Dachfirstes niedrig, für alle Hausbewohner zugänglich, doch die Bewegung in diesem Hausbereich für Erwachsene sehr beschwerlich. Dort wurden Kisten und alte Lampen aufbewahrt, auch eine entschärfte Stielhandgranate vom letzten Krieg und aus der gleichen Zeit noch Feuerpatschen und anderes Löschgerät, falls Brandbomben in das Dach geschlagen wären. Als Kind war dieser enge Dachboden ein Eldorado für Spannung, Spiel und Neugierde. In einer großen unverschlossenen Holzkiste lagen verstaubte Bücher, alte Bilderrahmen mit Fotos aus scheinbar uralter Zeit. Weiterlesen

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