Ernst Unbehauen – Seine NS-Verstrickung und antisemitischen Hetz-Plakate wirkten sich für ihn nach 1945 nicht negativ aus. Doch ist er ein Stück umstrittener Rothenburger Kultur

Bronze-Büste von Ernst Unbehauen; Foto Johann Ehmes

Bronze-Büste von Ernst Unbehauen; Foto Jochen Ehnes

Von Ulrich Herz

Redaktionelle Vorbemerkung: Er gehört mittlerweile zweifellos zu den umstrittensten Persönlichkeiten in der Stadt Rothenburg. Das war nicht immer so. In nationalsozialistischer Zeit erfreute er sich großer Beliebtheit, denn er produzierte für die Partei als Künstler Antisemitisches, das in seiner Hässlichkeit den Darstellungen im „Stürmer“ und in der nationalsozialistischen Juden-Hetze in nichts nachstand. Nach 1945 blieb der Gewerbelehrer und anerkannte Künstler Ernst Unbauen weiter beliebt, denn das Hässliche in seiner Leben wurde einfach unter den Teppich gekehrt – von ihm und den Rothenburgern, wie so vieles andere auch, was diese Touristenstadt um ihren guten Ruf bringen könnte. So geriet auch lange in Vergessenheit, dass er es war, der an den Stadttoren jene abscheulichen Hetzplakate gestaltet hatte, die 1937 aufgehängt wurden. Wer war dieser Mann Ernst Unbehauen? Ulrich Herz hielt über seinen Großonkel im Verein Alt-Rothenburg einen bemerkenswerten Vortrag. Dieser Text basiert auf diesem Vortrag, ist aber gekürzt und gerafft.

Ausmalung des Ratskellers in Rothenburg 1935

Ausmalung des Ratskellers in Rothenburg 1935

Unbehauen prägte die Rothenburger Zeitgeschichte mit

Er war immer ein Mensch der Öffentlichkeit, engagierte sich im Sektor Kunst, brachte sich in diversen Vereinen und Gremien ein. Seine Biografie mag oft genug exzentrische Züge aufweisen, was man augenzwinkernd als „typisch Künstler“ beurteilen mag. Über weite Strecken war Unbehauens Auftreten nicht ungewöhnlich für Männer seiner Generation, zumal wenn sie im protestantischen ländlichen Milieu aufwuchsen und lebten. Seine Vita lässt immer wieder den Zeitgeist erkennen, sie steht, was ihre Grundstrukturen anbelangt, exemplarisch für viele um 1900 geborene, im protestantischen Franken beheimatete Männer mit ihrem national-konservativen Denken, ihren Enttäuschungen über den verlorenen Ersten Weltkrieg, ihrer Distanz zur Weimarer Republik, ihrem Liebäugeln mit dem Nationalsozialismus, ihrer ablehnenden Haltung zur Entnazifizierung.

Ernst Unbehauen war vieles – vor den zwölf Jahren Nationalismus, in dieser Zeit und danach: Wandervogel, Kriegsteilnehmer, Freikorpskämpfer, Kunstmaler, Graphiker, Gewerbelehrer, Buchillustrator, Autor, freier Mitarbeiter in der Feuilleton-Redaktion des „Fränkischen Anzeigers“ sowie engagiertes Mitglied in zahlreichen städtischen Gremien und Rothenburger Vereinen.

Mit national-konservativer Einstellung der völkischen Tradition verpflichtet

Ernst Unbehauen wurde am 19. März 1899 als drittes Kind von Babette und Johann Michael Unbehauen in Rothenburg geboren. Die drei Jungen wuchsen in einem kleinbürgerlichen, protestantischen Elternhaus auf. Der Vater war Volksschullehrer und Kantor in Zirndorf, wo Ernst Unbehauen auch die Volksschule besuchte. Als der Vater 1907 starb, kehrte die Mutter mit ihren Kindern nach Rothenburg zurück. Hier und im Hause Unbehauen dachte man national-konservativ. Zur Naturverbundenheit Ernst Unbehauens in der Ortsgruppe der „Jungwandervögel“ kam in der „Jugendwehr“ die Vaterlandsliebe dazu. Seine Lehrerausbildung wurde im Ersten Weltkrieg unterbrochen, an dem Ernst Unbehauen von 1917 bis 1918 teilnahm. Danach schloss er sich dem nationalistischen, antidemokratischen und antisemitischen Freikorps Oberland an.
1924 kam er als Gewerbehauptlehrer für kunsthandwerkliche Berufe an die Berufsschule nach Rothenburg. In der ländlichen Struktur der Stadt verlief das Leben weitgehend in den durch die Kaiserzeit vorgezeichneten Bahnen: bodenständig, konservativ, national gesinnt und aufgeschlossen für militärische Traditionen. Dass der Feldmarschall Paul von Hindenburg bei der Reichspräsidentenwahl von 1925 mit 90 Prozent der Wählerstimmen im Bezirksamt Rothenburg Zustimmung fand, zeigt auch, wie weit fortgeschritten die „Re-Militarisierung der öffentlichen Meinung“ (Manfred Kittel) in Rothenburg und Umgebung war. Hier hatten die völkischen Kräfte großen Einfluss. In zahlreichen Orten und Dörfern existierten Ortsgruppen des Wehrverbandes „Reichsflagge“. Diesen Einflüssen konnte sich kaum jemand entziehen, auch nicht Ernst Unbehauen.

Unbehauen-Notgeld (1)

Vorderseite eines Notgeldscheins von 1921, den Unbehauen mit einem Schäfer-Motiv entworfen hat.

Er entwarf 1921 die Notgeldscheine der Stadt, malte 1922 das so genannte Krebsloch im Rothenburger Ratskeller aus, studierte 1925/26 an der Staatsschule für angewandte Kunst und der Akademie der bildenden Künste in München, war auf Ausstellungen des deutschen Malergewerbes in München, Nürnberg, Schweinfurt und Würzburg vertreten, nahm an Wettbewerben teil und wurde Redaktionsmitglied mehrerer Maler-Zeitungen. In Rothenburg war er 1921 Gründungsmitglied der Hans-Sachs-Spiele und engagierte sich in vielen anderen Traditionsvereinen und im Künstlerbund. Er heiratete. 1929 wurde eine Tochter geboren, seine Frau starb und Ernst Unbehauen heiratete 1932 erneut. 1938 wurde ein Sohn geboren.

Unbehauen-Notgeld

Rückseite mit den historischen Schäfertanz

Durch  seine nationale Gesinnung liebäugelte der parteilose Unbehauen mit der NSDAP.  Im Februar 1932 schrieb er einen längeren Artikel im „Fränkischen Anzeiger“ mit dem bezeichnenden Titel „Rothenburg erwache!“ Hier sah er sich veranlasst davor „dringend zu warnen, auf der abschüssigen Bahn der Zerstörung, der Technik, der Modernisierung weiter zu schreiten“. Er setzte sich wiederholt für die Wahrung alter deutscher Traditionen ein, für eine weitgehend autofreie, ihrer modernen Anbauten entkleidete Altstadt, forderte einen farblich verhältnismäßig einheitlichen, dezenten Anstrich ohne schreiende Reklamen, die Rückbesinnung auf angeblich alte deutsche Schriften, deutsche Tänze und alte deutsche Musik und propagierte im Interesse eines florierenden Fremdenverkehrs die mittelalterlichen Vorzüge Rothenburgs. Er tangierte Bereiche, die auch im Sinne der NS-Ideologie verstanden werden konnten: Vereinheitlichung, Reglementierung, Ordnung, Betonung des Deutschtums, Ablehnung der Moderne, Rückbesinnung auf die mittelalterlichen Wurzeln, Akzentuierung Rothenburgs als „deutsche“ Stadt. Unbehauen formulierte seine Sichtweise im Sprachgebrauch der Zeit und begab sich somit sprachlich und inhaltlich in eine gefährliche Nähe zur NS-Weltanschauung.

Antisemitische Judentafel am Rödertor, die Unbehauen mit einem Spruch von Gauleiter Julius Streicher gefertigt.

Antisemitische Judentafel am Rödertor, die Unbehauen mit einem Spruch von Gauleiter Julius Streicher gefertigt.

Nach der Machtübernahme der Nazis in die NSDAP eingetreten

1933 ließ sich Unbehauen auf den Nationalsozialismus ein. Am 1. Mai wurde er Mitglied in der NSDAP, SA und später in weitere Parteiorganisationen wie dem Deutschen Frauenwerk, der NS-Volkswohlfahrt, dem Reichsbund der Deutschen Beamten, NS-Lehrerbund, Volksbund für das Deutschtum im Ausland, Kolonialbund, Sängerbund und der Reichskulturkammer. Zu diesem Zeitpunkt hatte sich die NSDAP im westlichen Mittelfranken längst etabliert: Die Saalschlacht im „Bären“ in Rothenburg zeigt, dass die „mentale Machtergreifung“ (Kittel) zu der Zeit bereits vollzogen war. Auf einer SPD-Versammlung provozierten zahlreich erschienene Nationalsozialisten eine Schlägerei. Damit hatte sich die NSDAP in Rothenburg etabliert, wie alle Wahlergebnisse der Jahre 1929 bis 1932 zeigen. Die Region Rothenburg war bereits lange vor 1933 eine absolute Hochburg der Nationalsozialisten – und sollte das bis 1945 bleiben.

Die Partei machte Ernst Unbehauen Probleme, weil er Mitglied einer Ansbacher Freimaurerloge war. 1935 erklärte das NSDAP-Kreisgericht Rothenburg Unbehauens Parteieintritt von 1933 „für nichtig“. Stadt und Partei stellten sich hinter Unbehauen. So beförderte man ihn, den städtischen Beamten, zum 1. Mai 1935 zum Gewerbeoberlehrer, um ihn in Rothenburg zu halten. Wohl dank der Initiative des Rothenburger Kreisleiter Steinacker durfte Unbehauen in die NSDAP zurückkehren, allerdings entzog ihm das Gericht „auf Lebenszeit die Fähigkeit zur Bekleidung eines Parteiamtes“.

Eine der antisemitischen so genannten Mahntafel am Galgentor

Eine der antisemitischen so genannten Mahntafel am Galgentor

Antisemitische Kunst-Aufträge von der Partei

Nach seinem NSDAP-Eintritt 1933 fertigte er die Ehrenbürgerurkunde für Adolf Hitler und erreicht den Höhepunkt seiner künstlerischen Zuwendung an den Nationalsozialismus in den Jahren 1935 bis 1938. Anfang 1935 zeichnete er im Auftrag der Kreisleitung einen Holzschnitt Michael Wolgemuts über den Mord an dem Kind Simon von Trient aus der „Weltchronik“ von Hartmann Schedel ab. Im Februar 1936 wurde ein weiterer, von Unbehauen gefertigter Parteiauftrag in einer öffentlichen Feierstunde enthüllt, die „Rothenburger Mahntafel“, so die NS-Terminologie. Zu Streichers 51. Geburtstag im Februar 1936 hatte sich die Stadt Rothenburg ein besonderes Geschenk ausgedacht, das dem Gauleiter vom Rothenburger Kreisleiter persönlich überreicht wurde: „Ein herrlicher schwerer Schrein, an dem Rothenburger Künstler und Handwerker gearbeitet hatten, enthielt eine kunstgeschmiedete Kassette mit dem in geschmackvoller Ausführung hergestellten Ehrenbürgerbrief der Stadt Rothenburg o. Tbr.“ (Quelle?) Auf Weisung der Partei übernahm Unbehauen 1937 den Auftrag zur künstlerischen Gestaltung von vier antisemitischen „Judentafeln“, die an einzelnen Stadttoren, dem Klingen-, Galgen-, Spital- und Burgtor, angebracht wurden, nachdem die Rothenburger Juden die Stadt verlassen hatten. Als 1938 das antisemitische Buch „Eine Reichsstadt wehrt sich. Rothenburg ob der Tauber im Kampfe gegen das Judentum“ aus der Feder von Martin Schütz erschien, enthielt es ein von Ernst Unbehauen entworfenes und von ihm wiederum mit seinem Namenskürzel signiertes Titelblatt sowie den Abdruck der antisemitischen Stadttortafeln. Ernst Unbehauen hatte sich viel intensiver auf den Nationalsozialismus als andere Rothenburger Künstler eingelassen, wie Max Ohmayer (1903-1970), Rudolf Schacht (1900-1974), Hans Böhme (1905-1982) oder Peter Philippi (1866-1945).

Unbehauen gestaltete den Einband dieses antisemitischen Buches

Unbehauen gestaltete den Einband dieses antisemitischen Buches

Unbehauen selbst sagte nach dem Krieg, er habe sich seit 1938 vom Nationalsozialismus klar distanziert. Ihm kam der Kriegsausbruch zugute, der ihn aus Rothenburg und damit aus dem Einflussbereich der örtlichen NS-Repräsentanten wegführte. Unbehauen wurde Wetterinspektor in Illesheim und Kriegsmaler in Paris und Berlin. Im Frühjahr 1945 verschlug es Ernst Unbehauen nach Würzburg. Nach Bombardierung der Stadt fand er im April 1945 Aufnahme im Schönbornschen Schloss in Wiesentheid, wo er bis 1955 blieb. Seinen Lebensunterhalt verdiente er als Künstler, da ihm Lehrverbot auferlegt worden war.

Entnazifizierung: Revision stufte ihn als „Mitläufer“ ein

Ernst Unbehauen musste sich der Rothenburger Spruchkammer zur Entnazifizierung stellen. Er wurde als „belastet“ in die Stufe II eingeordnet (Übeltäter, Aktivist, Militarist, Nutznießer; Beschlagnahme des Vermögens, Internierung höchstens bis zu zehn Jahren, Sperre des Vermögens und der Konten). Aus der Revisionsverhandlung kam er dank des nahenden  Kalten Krieges mit dem Osten in die Stufe III. Damit war er lediglich eine Minderbelasteter auf Bewährung, aber ohne Strafen oder Sanktionen. 1949 wurde das Verfahren beendet. [Über die Entnazifizierung Ernst Unbebauens siehe unter Entnazifizierungsfälle an anderer Stelle dieser Dokumentation.]

Der erfolgreiche Versuch, in Rothenburg wieder Fuß zu fassen

Als Ernst Unbehauen nach erfolgter Entnazifizierung 1955 wieder nach Rothenburg kam, galt er offiziell zwar noch als Unperson, zu der man formal bis dahin noch Abstand hielt, in Wirklichkeit war Ernst Unbehauen bereits seit 1950 in Rothenburg wieder wohl gelitten.
Noch einmal stand Ernst Unbehauen im Rampenlicht seiner NS-Vergangenheit, als er den Auftrag bekam, Wandgemälde in der neu gegründeten Topplerschule anzubringen. Dieses Ereignis vom Frühjahr 1950 zeigt, wie sich der Zeitgeist nicht einmal fünf Jahre nach Kriegsende gewandelt hatte und wie weit die Bereitschaft, die dunklen Seiten der NS-Zeit zu verdrängen und zu vergessen, in großen Teilen der Bevölkerung fortgeschritten war.
Wandgemälde in der Topplerschule sorgen für Aufregung und Beschämung. [Redaktionelle Anmerkung: In den 50er-Jahren war in Rothenburg die NS-Zeit nicht verdrüngt und vergessen, sondern feierte fröhliche Urständ.]

Toppler-Schulhaus (2008), Blivck von der Stadtmauer; Foto: Stegemann

Toppler-Schulhaus (2008), Blivck von der Stadtmauer; Foto: Stegemann

Wandgemälde in der Topplerschule

Im Januar 1950 war die Topplerschule als Volksschule für Knaben feierlich eingeweiht worden, die den neuen demokratischen Geist atmen sollte. Entsprechende Wandgemälde sollten diese demokratische Ausrichtung symbolisieren. Zu dem Zweck waren Stadtschulrat und Stadtbaumeister an die Rothenburger Kunstmaler Constantin von Collande und Hans Böhme herangetreten. Den Auftrag erhielt aber nach einem etwas dubiosen Vergabeverfahren schließlich Ernst Unbehauen, der zwei lebensgroße Fresken im Eingangsbereich der Schule und im Treppenhaus fertigt. Er hatte zugesichert, quasi zum Selbstkostenpreis zu arbeiten, was für die politisch Verantwortlichen angesichts beschränkter Finanzmittel den Ausschlag gab. Am 2. Februar nahm sich die von den Amerikanern in ihrer Besatzungszone herausgegebene „Neue Zeitung“ in einem umfangreichen Artikel des Themas an. Sie stellte den Sachverhalt dar, warf den Entscheidungsträgern und der Lokalpresse vor, sie hätten Absprachen getroffen, um die Entscheidung für Ernst Unbehauen nicht publik werden zu lassen, und warf schließlich die Frage auf, ob Unbehauen mit seiner NS-Vergangenheit der richtige „Repräsentant dieses neuen Geistes“ sei.
Der Bericht zeitigte vor Ort natürlich große Resonanz und Aufregung. Der „Fränkische Anzeiger“ und die „Fränkische Landeszeitung“ verwahrten sich in längeren Artikeln gegen diese Vorwürfe. Der Rothenburger Künstlerbund, dem Ernst Unbehauen vor dem Zweiten Weltkrieg und dann wieder seit 1956 angehörte, votierte gegen ihn. Seine Mitglieder vertraten die Ansicht, „Unbehauen als auswärtiger Künstler hätte sich nicht einmischen sollen [, die] Bearbeitung des Auftrages [könne] von ortsansässigen Künstlern durchgeführt werden“. Auch im Stadtrat wurde ausgiebig diskutiert. Im Sitzungsprotokoll finden sich acht Stellungnahmen des Oberbürgermeisters, einzelner Stadträte und des Schulrats zu dieser Angelegenheit. Das Stadtoberhaupt bezeichnete die „Affaire“ als „äußerst bedauerlich“, weil der Stadt dadurch ein „ungeheuere[r] Schaden zugefügt“ worden sei, einzelne Stadträte artikulierten ihren Unwillen darüber, dass „das [Stadtrats-]Plenum nicht über den Gang der Verhandlungen informiert worden sei“, sondern über den Sachverhalt „lediglich dem 1. Ausschuss ganz formlos [...] Mitteilung gemacht worden“ sei. Der Schulrat beteuerte, ihm sei es einzig darum gegangen, „der Bevölkerung und den Kindern dieser Stadt ein schönes Schulhaus zu erstellen“. Der Oberbürgermeister wies noch auf „einige irrtümliche Auffassungen des Artikelschreibers der NZ“ bezüglich der Auftragserteilung hin, die korrekt erfolgt sei. Zum Abschluss der Aussprache führte er aus, „dass den Initiatoren des NZ-Artikels der Vorwurf gemacht werden muss, dass sie nicht ein einziges Mal versucht haben, sich mit dem Stadtrat ins Benehmen zu setzen, der von sich aus gewiss bereit gewesen wäre, die Streitfrage in einer alle Beteiligten zufrieden stellenden Weise zu lösen“. Dies zeigt viel vermeintliche Unschuld, die sich von der „Neuen Zeitung“ zu Unrecht an den Pranger gestellt sah, dagegen wenig Selbsterkenntnis der politischen und moralischen Dimensionen der Affäre. Lediglich ein Stadtratsmitglied vertrat die Auffassung, „dass es politisch unklug gewesen sei, Unbehauen mit der Wandbemalung zu betrauen“. Mit Fragen der politischen Klugheit, die die Zeit des „Dritten Reichs“ tangierten, wollte man sich anscheinend 1950 im Rothenburger Stadtrat mehrheitlich nicht mehr befassen.

Ernst Unbehauen wollte die beanstandeten Bilder wieder entfernen

Die „Lösung“ des Problems kam schließlich von Ernst Unbehauen, der, wie der Stadtschulrat das Plenum informierte, darum „gebeten habe, diese Bilder sofort entfernen zu lassen“. Das nahm der Stadtrat „zufrieden“ zur Kenntnis „und beschloss, in dieser Angelegenheit vorerst abzuwarten“. Unbeeindruckt von den Rothenburger Reaktionen legte die „Neue Zeitung“ am 12. März 1950 nach. Sie bekräftigte ihre Einschätzung der Dinge, indem sie die bis ins Jahr 1920 zurückreichenden Verbindungen des örtlichen Stadtschulrates zur NSDAP offen legte.

Bürgermeister Heinrich Toppler (13./14. Jh.), Gemälde von Ernst Unbehauen

Bürgermeister Heinrich Toppler (13./14. Jh.), Gemälde von Ernst Unbehauen

Auch bezüglich Ernst Unbehauen wartete das Blatt mit folgender neuer Information auf: „Um der Jugend in einem erzieherischen Fresko demokratische Ideen zu vermitteln, hat Unbehauen  wie er schriftlich erklärt – ein passendes Bild etwas umgestaltet’. Dieses ,passende Bild’ ist ein Gemälde von Arthur Kampf ,Hitlerjungen vor Ruine’. Der Zynismus dieses Verfahrens sollte eigentlich bei den Beteiligten nichts als Beschämung auslösen.“ Dem Rothenburger Stadtrat warf die „Neue Zeitung“ angesichts dieser Sachverhalte eine etwas wehleidige, am Wesentlichen vorbeigehende Reaktion vor. Schulrat und Stadtrat hätten, so die Bilanz des Redakteurs, „ihrer Stadt einen schlechten Dienst erwiesen“.

War das Fehlverhalten allen Beteiligten in Rothenburg nicht bewusst ?

Die Episode belegt zweierlei: Sie zeigt zum einen, dass sich die maßgeblichen politischen Kreise in Rothenburg, ja selbst die lokale Presse, unterm Strich keines Fehlverhaltens bewusst waren. Es scheint, als habe man 1950 in der Tauberstadt die NS-Zeit fast vergessen bzw. erfolgreich verdrängt. Wirtschaftliche Überlegungen hatten Vorfahrt vor moralischen Bedenken, wenn denn solche bei den Entscheidungsträgern überhaupt existierten.

Richtet man den Fokus auf Ernst Unbehauen, so fällt auf, dass er in Rothenburg kaum etwas von seiner ursprünglichen Bedeutung eingebüßt hatte, handelte es sich bei der Topplerschule doch um „die erste ,Versuchsvolksschule für demokratische Erziehung’“, d. h. ein exponiertes Projekt mit Symbolcharakter. Dass sich Ernst Unbehauen angesichts dieser Ausgangslage ein bekanntes Gemälde des dem Nationalsozialismus sehr nahe stehenden Historienmalers Arthur Kampf zum Vorbild für ein eigenes Fresko nahm, war über die Maßen unklug. Hier verkannte der Künstler die dem ganzen Vorgang zugrunde liegende moralisch-historische Dimension völlig – was aber wiederum sehr gut passt zu der Art und Weise, wie er sich zu seiner eigenen Entnazifizierung gestellt hatte. Allerdings war er es dann auch, der eine weitere publizistische Eskalation verhinderte, indem er dem von der „Neuen Zeitung“ ausgeübten Druck nachgab und von sich aus die Entfernung seiner Wandmalereien erbat. Oberbürgermeister und Stadtrat, die sich in dieser Kontroverse denkbar ungeschickt verhielten, mussten ihm für seinen Verzicht dankbar sein, weil er so weiteren Imageschaden von der Tauberstadt abwendete.

Ernst Unbehauen

Ernst Unbehauen; Foto: Jochen Ehnes

Wiedereinstieg in das Rothenburger Kulturleben

Es wird Ernst Unbehauen durch diese Kontroverse wohl klar geworden sein, dass in Rothenburg in den entscheidenden Gremien durchaus Leute saßen, die ihm wohlgesonnen waren. Zwar scheiterte 1950 Unbehauens offizieller Wiedereinstieg in das Kulturleben seiner Heimatstadt, aber die dort herrschende Stimmung dürfte ihm Hoffnung auf eine baldige Rückkehr gemacht haben. Ernst Unbehauen kehrte Ende 1954 als Lehrer an die städtische Berufsschule zurück und wurde mit Wirkung vom 1. Mai 1955 Beamter auf Lebenszeit. Er zog nach Rothenburg zurück und baute in der Heckenackersiedlung ein Haus.

In seiner Heimatstadt Rothenburg knüpfte Ernst Unbehauen nahtlos an sein Engagement der 20er- und 30er-Jahre an. In den acht Jahren bis 1963, als er aus dem aktiven Schuldienst in den Altersruhestand trat, leistete Unbehauen im Rothenburger Kulturleben Vortreffliches, fungierte als kultureller Motor und Ideengeber – kurz, er wurde, noch mehr als in den 30er-Jahren, durch sein vielfältiges Engagement zu einer festen Größe in Sachen Kultur.  Begünstigt wurde diese Re-Integration durch das Wohlwollen, das die Öffentlichkeit und politische Mandatsträger ihm gegenüber an den Tag legten. Seine NS-Verfehlungen wirkten sich für ihn nicht mehr negativ aus, sie waren zu der Zeit kein diskussionswürdiges Thema – typisch.
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Anmerkung: 1966 gestaltete Ernst Unbehauen das Historiengewölbe für den „Meistertrunk“, war von 1966 bis 1974 Stadtheimatpfleger, erhielt die Bürgermedaille, bekam 1977 das Bundesverdienstkreuz und verbrachte seinen Ruhestand (ab 1963) absolut aktiv. Als unbequemer Zeitgenosse war er öffentlich hoch geschätzt, erhielt 1980 den Fränkisch-Hohenlohischen Kulturpreis. Unbehauen  starb 1980 nach einem operativen Eingriff. Seine Büste steht in Anerkennung seiner Arbeit für den Meistertrunk im Historiengewölbe in Rothenburg. – Quellen: Manfred Kittel: „Mentale Machtergreifung“ in H.-Ch. Täubrich: „Bilderlast. Franken im Nationalsozialismus, Nürnberg 2008. – Ulrich Herz: Der Maler und Mensch Ernst Unbehauen (1899–1980). Auch ein Stück Rothenburger Zeitgeschichte, hg. v. Verein Alt-Rothenburg, Rothenburg 2011.

 

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