Oberbürgermeister Walter Hartl ließ 2010 ein Blumengebinde vom Grab des im NS-Antisemitismus verstrickten Künstlers wieder entfernen. Ein Essay zur Debatte um Ernst Unbehauen

Von Dieter Balb

„Die Angst und Verzweiflung, die er malt, haben ihn nicht erdrückt“ – so steht es in der Würdigung des Künstlers Ernst Unbehauen auf unserer Feuilleton-Seite von 1974. Hoch geschätzt und vielfach geehrt ist er am 23. September 1980 verstorben. Jetzt hat nicht nur die Arbeit von Ulrich Herz über seinen Großonkel die umstrittene Persönlichkeit Unbehauens wegen der von ihm gemalten Judentafeln in den Focus der Öffentlichkeit gerückt, sondern auch Oberbürgermeister Walter Hartl sorgte für Diskussionen: Er ließ ein Blumengebinde mit Schleife der Stadt, wie es alle zehn Jahre am Grab des Rothenburger Künstlers niedergelegt wird, wieder entfernen!
Hartl weiß dieses für einige nicht verständliche Vorgehen wohl zu begründen. Die Stadt sei nachhaltig dabei die jüdische Geschichte und vor allem auch die des Dritten Reiches aufzuarbeiten. Zeitnah zum Todestag Unbehauens habe der Vortrag des Vereins Alt-Rothenburg mit der ausführlichen Zeitungsberichterstattung Ernst Unbehauen als überzeugten Nationalsozialisten und viel schlimmer noch als antisemitischen Künstler ins Licht der Öffentlichkeit gerückt. Schließlich habe er die an allen Stadttoren ausgehängten Juden-Hetztafeln gemalt und das Titelblatt zu der Juden-Hetzschrift „Eine Reichsstadt wehrt sich“ gestaltet.

Nur eine kompromisslose Aufarbeitung der NS-Zeit sinnvoll

Wenn nun die Stadt zur selben Zeit jüdische Gedenktafeln öffentlich anbringt, dann könne er persönlich als Oberbürgermeister nicht verantworten, dass man zugleich offiziell mit Gebinde und Grußschleife dieses Mannes am Grab gedenkt. Hier entstehe ein nicht zu vermittelnder Widerspruch, wenn man es mit der Aufarbeitung der Vergangenheit und Judenverfolgung im Dritten Reich ernst meint.
Im Stadtrat gab es dazu in geheimer Sitzung (warum nicht öffentlich?) sehr kritische Anmerkungen. Dann, so wurde argumentiert, müsse man ihm auch die Bürgermedaille oder das Bundesverdienstkreuz aberkennen. Hartl sieht dazu aber keine Notwendigkeit, falls der Stadtrat dies nicht mehrheitlich möchte. Auch er, so Walter Hartl, sehe die großen Verdienste des Künstlerbundmitglieds und Festspielregisseurs, aber es gebe eben diese beiden Seiten und darauf müsse er angemessen reagieren.
Man kann diese Haltung teilen oder nicht, jedenfalls ist sie in der Argumentationskette des Stadtoberhauptes konsequent und setzt das klare Signal, dass die wirkliche Aufarbeitung der jüdischen Geschichte der jüngeren Zeit nur dann gelingen kann, wenn sie kompromisslos erfolgt.

Herausragende Persönlichkeit

Ernst Unbehauen war sicher eine herausragende Persönlichkeit in dieser Stadt, die ihm einiges zu verdanken hat. Solche kritischen Persönlichkeiten fehlen nicht nur dem Künstlerbund. Jahrelang hatten wir in ihm einen der engagiertesten und überzeugendsten Mitstreiter in unserer Feuilleton-Redaktion, zusammen mit einem Wilhelm Staudacher (Autor und Stadtkämmerer), Bernhard Doerdelmann (Autor), Hans-Helmut Hahn (Kirchenmusikdirektor) und Istvan Deszery (Kunsthändler). Zusammen mit mir als FA-Redaktionsleiter waren dies Mitarbeiter, die sich schon damals für die Aufarbeitung des dunklen Kapitels der NS-Zeit eingesetzt haben.
In Rothenburg wurde von Bernd Doerdelmann und seiner Frau Erika Kolbe bundesweit die erste israelisch-deutsche Kulturzeitschrift, das „Israel-Forum“ herausgebracht, das unserer Feuilletonredaktion Kontakte zu israelischen Literaten verschaffte. Es sei nur an die Lesung mit Netti Boleslav in der Bücherei erinnert. Vieles wäre zu sagen über die gute, engagierte und stets sehr vertrauensvolle Zusammenarbeit mit einem Ernst Unbehauen.

Judentafeln nicht zum Thema gemacht

Alle wussten um die Judentafeln, aber niemand hatte es zum großen Thema erhoben. Vielleicht hätte man es tun sollen, das freundschaftliche Miteinander bewusst dazu nutzen, Ernst Unbehauen zu klärenden öffentlichen Aussagen zu bewegen? Hätte dies gereicht, um die verurteilenswerte Tat antisemitischer Hetze (es darf angenommen werden, dass ihm die Auftragsverweigerung möglich gewesen wäre) hinter sich zu lassen? Hatte er wirklich dazugelernt?
Der Mensch ist am Ende die Summe seines Lebens, er lässt sich nicht auf einen kleinen Ausschnitt reduzieren. In einem nächtelangen Gespräch in seinem Atelier, erzählte mir Ernst Unbehauen, wie sehr ihn bei seinem Krankenhausaufenthalt die Todesnähe berührt hat (schon Jahre bevor er starb). Die Welt sah er in Krieg, Not, Elend und Umweltzerstörung dahinsiechen, sein Gedankengut war damals weit entfernt von jenem Unbehauen in den dreißiger Jahren. Mein Fahrlehrer, zugleich Festspielvorsitzender, war als junger SA-Mann ganz vorne dabei, als der jüdische Geschäftsmann Westheimer über den Marktplatz getrieben wurde. Auch da hat niemand nachgefragt, aber hätte man ihm dann das Ehrenamt streitig machen müssen?

Die Frage ist, wie man der deutschen Geschichte gerecht wird

Ernst Unbehauen war immer unbequem, weil er nicht mit dem Strom schwamm. Diese Haltung hätte ihm gut angestanden, als er genötigt wurde, die Hetztafeln zu malen. Er wäre deshalb vermutlich nicht nach Dachau gekommen wie andere Rothenburger Bürger, die man linker Umtriebe bezichtigt hatte. Unbehauen war damals genauso Nationalsozialist wie der erfolgreiche TSV-Vorsitzende und langjährige FRV-Bürgermeister Fritz Gehringer, dessen SS-Vergangenheit vor Monaten in einem Buch seines Sohnes öffentlich ausgebreitet wurde.
Muss die Siebert-Straße umbenannt werden, weil ihr Namensgeber NS-Ministerpräsident war? Salomon Korn, Vizepräsident des Zentralrats der Juden, ist nicht der Ansicht, man müsse solche Namen alle tilgen, sonst träfe dies auch den Antisemiten Richard Wagner! Er plädiert sogar dafür architektonische NS-Zeugnisse zu belassen. Die Frage ist wie man der deutschen Geschichte gerecht wird, die sich nicht auf 1933 bis 1945 reduzieren lässt.
Ernst Unbehauens Verdienste sind genauso wenig zu schmälern, wie man die Tatsache leugnen kann, dass sein konkretes Verhalten als Helfershelfer bei der Judenhetze zu verurteilen ist. Ich hatte aus der engen Zusammenarbeit mit ihm den Eindruck, dass er diese Tat bereute. Dies ist die private Ebene der Einschätzung. Auf der politischen Ebene aber hat der Oberbürgermeister in Wahrnehmung seiner Verantwortung für die Stadt und deren nationalsozialistischen Vergangenheit nachvollziehbar gehandelt und ein Zeichen gesetzt. – Was Ernst Unbehauen geleistet hat ist unbestritten. Er bleibt die herausragende Persönlichkeit – zu der Licht und Schatten gehören.

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Quelle: Erschienen unter dem Titel„Licht und Schatten“ im Fränkischen Anzeiger vom 21. Dezember 2010 (diba). Dieter Balb ist Redaktionsleiter des „Fränkischen Anzeigers“ in Rothenburg.

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