Im Ansbacher Brettheim-Prozess gegen den SS-General Max Simon behauptete dieser 1955 dreist, dass er der wahre „Retter Rothenburgs“ sei

Max Simon (l.) mit F. Gottschalk und E. Otto auf der Anklagebank

Max Simon (l.) mit F. Gottschalk und E. Otto auf der Anklagebank

Von Wolf Stegemann

Dem Ersten Generalstabsoffizier der 79. Volksgrenadierdivision Major Fritz Thönnes erteilte der Kommandeur des XIII. SS-Panzerkorps den ausdrücklichen Befehl, Rothenburg um jeden Preis zu verteidigen. Diesen hintertrieben Friedrich Thönnes und der Rothenburger Standortoffizier Major d. R. Dr. Karl von Seeger und verhandelten mit US-Parlamentären über die kampflose Übergabe der Stadt. „Um das Gewissen meines Divisionskommandeurs Oberst Reinherr [nicht in Rothenburg anwesend] gegenüber dem  Kommandierenden General nicht zu belasten“, führte Thönnes die Gespräche mit den US-Parlamentariern ohne Wissen des Kommandierenden Generals Reinherr. Dabei mochte nicht die Erhaltung der mittelalterlichen und bereits teilweise durch Bombardierung zerstörten Stadtmauern von Rothenburg als erstes Motiv im Fokus der Wehrmachtsoffiziere gestanden haben, sondern der Wille, in diesem verlorenen Krieg Menschenleben zu retten. In der Stadt lagen 400 nicht transportfähige Verwundete. Die 79. Grenadierdivision verfügte lediglich über 400 Mann sowie zwei Geschütze, jeweils mit 8 bis 10 Schuss Munition.  

Max Simon als SS-General

Max Simon als SS-General

Die „Schweinerei in Rothenburg“ beenden

Als Generalleutnant der Waffen-SS Max Simon, der bereits Rothenburg Richtung Dombühl verlassen hatte, einen Tag später davon hörte, dass bereits amerikanische Panzer die Stadt besetzt hätten, unternahm er zwar gegen die beiden Stabsoffiziere Thönnes und von Seeger nichts, die ebenfalls Rothenburg mit ihren Soldaten Richtung Dombühl verlassen hatten, gab aber dem von der SS auf der Straße angehaltenen Gebirgsjägerleutnant der 79. Grenadierdivision, Fritz Oelze, den aussichtslosen Befehl, mit seiner Kompanie nach Rothenburg zurückzukehren, die amerikanischen Panzer aus der Stadt hinauswerfen, um so die „Schweinerei in Rothenburg“ zu beenden. „Sonst werden Sie erschossen!“ Der Leutnant sagte „Jawohl Herr General“ und verabschiedete sich „mit deutschen Gruß“, befolgte den Befehl aber nicht.

Als „Retter Rothenburgs“ vor dem Landgericht Ansbach

Als sich Max Simon 1955 vor dem Ansbacher Landgericht wegen der Ermordung der Männer von Brettheim und anderen „Endzeitverbrechen“ zu verantworten hatte, verteidigte er sich auch mit dem Hinweis, er sei der „Retter Rothenburgs“ gewesen. Der SS-General wurde von der Anklage „Verbrechen gegen die Menschlichkeit“ freigesprochen, was internationale Empörung in den Zeitungen hervorrief, zumal am Prozess und Freispruch ein Richter mitgewirkt hatte, der im Dritten Reich Beisitzer eines Sondergerichts und später Oberkriegsgerichtsrat war. Dazu der Präsident des Bundesgerichtshofs, Günther Hirsch, im Jahre 2002: „Für dieses Urteil … muss man sich schämen.“

Der unverständliche Freispruch wurde allerdings aufgehoben und vor dem Nürnberger Schwurgericht eine neue Verhandlung anberaumt. Schon im Vorfeld machte der als Verteidiger von NS-Verbrechern bekannte Münchner Rechtsanwalt Dr. Rudolf Aschenauer, ein „versierter Propagandist und NS-Apologet“ (Franz Josef Merkl in „Max Simon. Lebensgeschichte eines SS-Führers“), ausführlich Reklame für den SS-General als „Retter der Stadt Rothenburg“, um ihn im Prozess als solchen hinzustellen. Die Zeitschrift „Der Freiwillige“, herausgegeben von der Organisation der SS-Veteranen HIAG („Hilfsgemeinschaft auf Gegenseitigkeit“), veröffentlichte die Legende von Simons Rothenburg-Rettung in ihrer Ausgabe 4/1958 als Tatsache:

„Auch Rothenburg habe es in erster Linie Simon zu verdanken, dass es nicht zerstört wurde, da Simon Rothenburg nicht verteidigen ließ. Erst in zweiter Linie sei McCloy der Retter Rothenburgs gewesen.“

Um seine Verteidigungsstrategie für Simon wirkungsvoll voranzubringen, erfand der Rechtsanwalt Dr. Aschenauer weitere Großtaten des SS-Generals. In seinem 1959 erschienenen Buch„Ich beantrage Freispruch. Plädoyer im Schwurgerichtsprozess Simon“,  behauptete Aschenauer dreist über seinen Mandanten:

„Dass dieser an die Zukunft seines Volkes dachte. In den Rückzugsgefechten von Rothenburg ob der Tauber … bis nach Kössen und Tirol sparte er Ortschaften und Städte aus, die so von Kriegszerstörungen oder wenigstens von einer größeren Zerstörung verschont blieben.“

Zum Prozess kam es nicht mehr, denn der angeklagte Max Simon starb vor Beginn 1961 an Herzversagen in Lünen (Westfalen).

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Siehe weitere Artikel zum Thema Kriegsende in Rothenburg in dieser Online-Dokumentation:

  • Sechs US-Parlamentäre überredeten den Kommandanten von Rothenburg kampflos abzuziehen…“
  • Kriegsende in Rothenburg I: NSDAP-Kreisleiter: Die Stadt wird bis zum letzten Mann verteidigt…“
  • Kriegsende II: Amerikaner besetzten am 17. April die Stadt….
  • Die Befreiung 1945: Erstmals sahen wir farbige US-Soldaten …
  • Hans Wirsching – ein pflichtversessener Stadtamtmann und Diener der nationalsozialistischen Gewalt…
  • Der frühere Standortoffizier Karl von Seeger schildert zeitnah seine Erlebnisse und Auseinandersetzungen mit dem Kreisleiter…
  • Chaotische Tage vor dem Einmarsch der Amerikaner am 17. April 1945: Räumungsbefehl des Stadtkommandanten wurde ausgeführt…
  • Viele Schilderungen und Meinungen über die Rettung der Stadt im April 1945. Der Versuch, Details zu vergleichen, um herauszufinden, welche publizierten Bewertungen kritisch hinterfragt werden sollten

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Quellen: Franz Josef Merkl „Max Simon. Lebensgeschichte eines SS-Führers“, Augsburg 2010 (dem Buch das obere Foto entnommen). – Dieter Balb „Die schicksalsschweren Tage im Kriegsjahr 1945“ im „Fränkischen Anzeiger“ vom 30. März 2000. – Weitere Quellen sind im Text angegeben.

 

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