Die „Befreiung“ 1945: Erstmals sahen wir farbige US-Soldaten und kauten chewing gum

Geschichte / Deutschland / 20. Jh. / Nachkriegszeit: Westzonen / Alliierte Mächte / Truppen / USA / mit DeutschenVon Rudolf Markert, damals 15 Jahre alt

Wenige Wochen nach der Bombardierung kamen unsere Erlö­ser. Wir dankten Gott, dass wir das alles überleben durften. Wie sich bald danach herausstellen sollte, befreiten uns diese nicht nur von einem unheimlichen Joch, sondern sie halfen uns auch weiter. Allerdings nötigten sie uns später auch ihre teilweise ganz und gar anders geartete Kultur auf.

Ich lauerte mit den beiden Nachbarbuben Hartmut und Kurt gespannt hinter unserer Hausecke. Aus der Ferne sahen wir die ersten Amerikaner. Mit ihren Maschinenpistolen im Anschlag durchstöberten sie alle Häuser der Johannitergasse. Zwei weiße Amerikaner bewachten während der Hausdurchsuchungen die Hauseingänge. Da tauchten oben aus der Wirthstraße kommend zwei kohlrabenschwarze, kleine, mollige Figuren in Uniform auf und hatten prall gefüllte Betten und Kopfkissen einer alten Frau auf ihren Bajonetten aufgespießt. Die alte Frau rannte wie eine aufgescheuchte dicke Henne vor den Negern davon. Aus unse­rem Versteck beobachteten wir das deutlich. Sie benahmen sich wie kleine Kinder. Die schwarzen Soldaten fletschten ihre wei­ßen Zähne aus ihren Vollmondgesichtern (siehe Anmerkung unten). Über ihren Stahlhel­men hatten sie die Tarnnetze gestülpt. Nur die weißen Augen blitzten noch unter diesen Schutzdächern hervor. Ihre schmutzig olivgrünen Kampfuniformen wiesen sie als Soldaten der Ameri­kaner aus. Aber sie hatten sicherlich keine Vergewaltigung im Sinn.

Mitten auf der Straße schlitzten sie mit ihren Bajonetten die aufgespießten Kissen auf und ein Schwall weißer Gänsedaunen wirbelte umher. Auf ihren schwarzen, verschwitzten Gesichtern klebten die Gänsedaunen wie Haare auf Stachelbeeren. Als sie sich gegenseitig betrachteten, brachen sie in kindliches, schal­lendes Gelächter aus.

Sie trotteten die Gasse herunter und hatten uns plötzlich be­merkt. Mit ihren Maschinenpistolen fuchtelnd stutzten sie einen Moment. Dann kam der erlösende Augenblick: ,Hello boys, do you want a chewing gum?“ – „Oh yes!“, sagte ich. Und erstmals kauten wir amerikanischen Kaugummi. Der Kontrast konnte nicht größer sein. So etwas hatten wir „boys“ noch nicht erlebt. Lange danach wirbelte der Wind die vielen Daunen durch die Johannitergasse hinab bis zum Friedhof. Überglücklich triumphierten wir Buben. Hurra, der Krieg ist aus, die Amerikaner sind da! Gut sind wir davongekommen – trotz  aller ausgestandenen Ängste.

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Anmerkung und Quelle: Entnommen: „Und wenn’s mer noch so lumberd gett“ von Rudolf Markert, Eigenverlag, Rothenburg 2005. – Der Autor übernahm beim Niederschreiben seiner Erinnerungen und der Veröffentlichung seine Gedankenwelt, die er als 15-Jähriger hatte. Wegen der Authentizität haben wir die obige Beschreibung der “farbigen” US-Soldaten so stehen lassen, obwohl sie heute auch offiziell als rassistisch gilt. Diese Beschreibung deckt sich keinesfalls mit der Ansicht der Herausgeber. – Foto: Stiftung Preußischer Kulturbesitz, bpk.

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