Erinnerung des Sohnes an Ludwig Siebert: Sie geben Einblicke in das konkurrierende und intrigante Machtverhältnis von Staat und Partei

Der bayerische MInisterpräsident am 1. Sept. 1940 dem Adolf-Hitler-Platz in Krakau; v. l. Friedr. Krüger, Ludwig Siebert, Gans Frank, Otto von Wächter; Foto nac-Archiv Warschau

Der bayerische MInisterpräsident am 1. Sept. 1940 auf dem Adolf-Hitler-Platz in Krakau; v. l. Friedr. Krüger, Ludwig Siebert, Gans Frank, Otto von Wächter, Karl Strolin; Foto nac-Archiv Warschau

W. St. – Vorbemerkung: Dies ist ein Auszug des Manuskripts, das Dr. Friedrich Siebert, Sohn des früheren Bürgermeisters von Rothenburg und späteren bayerischen NS-Ministerpräsidenten, 1958 in Prien geschrieben hat. Er plaudert aus dem „Nähkästchen“ des Dabeigewesenen und gibt einen interessanten Einblick in das Verhältnis zwischen Partei und Staatsbehörden, zwischen Gauleitern und der Ministerialbürokratie. Dabei möchte er die Einflussmöglichkeiten seines Vaters – und seine eigenen – gegenüber Gauleitern und anderen Partei- und Staatsorganen herunterspielen. Weitere Informationen über ihn und seinen Vater Ludwig Siebert in diversen Artikeln in dieser Online-Dokumentation. – Die Schreibweise mancher Wörter wurde angepasst und die  Zwischenzeilen der besseren Lesbarkeit wegen eingefügt. Die Mitwirkenden sind:

  • Siebert, Dr. Friedrich, (1903-1966), Abitur in Rothenburg ob der Tauber, 1931 NSDAP, Jurist, 1935 SS-Eintritt (1943 SS-Oberführer), 1933 Bürgermeister Lindau, 1939 Landrat Bad Kissingen, 1939 Leiter des Hauptamts Innere Verwaltung der Regierung des Generalgouvernements in Krakau, 1940 Abteilungsleiter bayer. Finanzministerium, 1944 Leiter des Ministeriums und Stellvertreter des Gauleiters Giesler, 1948 in Polen zu 12 Jahren Gefängnis verurteilt, 1956 Entlassung, danach 2. Bürgermeister in Prien am Chiemsee, Sohn von Ludwig Siebert.
  • Siebert, Ludwig (1874-1942), 1908 bis 1919 Rechtskundiger Bürgermeister Rothenburg ob der Tauber, 1924 Oberbürgermeister Lindau, 1931 NSDAP und SA (SA-Obergruppenführer), 1933 Ministerpräsident von Bayern, 1939 Führer der Akademie der Wissenschaftlichen Erforschung und Pflege des Deutschtums, 1941 durch Führererlass Hitlers: Siebert soll die deutsche Sprache im Inland pflegen. Dazu Siebert: „Wer mit dem großen Deutschland an einem Tisch sitzen will, der muss der deutschen Sprache bei Verhandlungen mindestens die gleiche Bedeutung zugestehen wie der eigenen.“
  • Funk, Walter (1890-1960), Wirtschaftsjournalist, seit 1931 persönlicher Wirtschaftsberater Hitlers, 1938 Reichswirtschaftsminister, 1939 Reichsbankpräsident, mit zuständig für die Enteignung von Juden, 1943 Mitglied im Planungsstab des Reichsministers für Rüstung und Kriegsproduktion Albert Speer, 1946 in den Nürnberger Kriegsverbrecherprozessen in drei von vier Anklagepunkten schuldig gesprochen und zu lebenslanger Haft verurteilt, 1957 entlassen.
  • Amann, Max (1891-1957), im Ersten Weltkrieg Vorgesetzter Hitlers, 1921 Geschäftsführer der NSDAP, 1933 Präsident der Reichspressekammer, Direktor NSDAP-Eher-Verlag München, 1941 SS-Obergruppenführer.
  • Epp, Franz-Xaver Ritter von (1868-1946), Berufssoldat, 1928 NSDAP, 1933 Reichsstatthalter Bayern in München, 1936 Führer des neugegründeten Reichskolonialbundes.
  • Giesler, Paul (1895-1945), 1936 Stabsführer der SA-Gruppe Hochland in München, 1941 Gauleiter Westfalen-Süd, 1943 komm. Gauleiter Oberbayern, 1942 bayer. Ministerpräsident, 1944 Gauleiter Oberbayern. 1945 in einem Aufruf: „Unsere hasserfüllte Gesinnung muss den Gegner wie eine versengende Glut entgegenschlagen.“
  • Hellmuth, Otto (1896-1968), Zahnarzt, 1927 Gauleiter Unterfranken (ab 1935 Mainfranken genannt), 1934 Regierungspräsident Mainfranken, 1947 Todesurteil wegen Ermordung eines amerik. Fliegers, begnadigt, 1955 aus Landsberg entlassen, Zahnarzt in Reutlingen, er war ein übler Antisemit (siehe in dieser Online-Dokumentation „Die Deutsch-Mexikanerin Andrea Ellendt rief Anfang der 1920er-Jahre … zur Gewalt gegen Juden auf…“).
  • Wächtler, Fritz (1891-1945), Lehrer, 1935 Gauleiter Bayerische Ostmark (1942 umbenannt im Gau Bayreuth), SS-Gruppenführer, kommissarisch Leiter des NS-Lehrerbundes.
  • Wagner, Adolf (1890-1944), 1929 NSDAP-Gauleiter München-Oberbayern, 1933 Bayer. Innenminister und stellv. Ministerpräsident. Goebbels über ihn: „Macht in Kraft. Aber nichts dahinter.“
  • Wahl, Karl (1892-1981)1921 NSDAP, 1925 SA-Führer Augsburg, 1928 Gauleiter Schwaben in Augsburg, 1934 Regierungspräsident Schwaben, Übertritt in SS (SS-Obergruppenführer), nach 1945 Textilvertreter, 1958-1968 Bibliothekar der Augsburger Firma Messerschmidt.
Auszug aus dem Manuskript Friedrich Sieberts

Auszug aus dem Manuskript Friedrich Sieberts

Das Manuskript

„Folgende Erinnerungen aus der Zeit der Tätigkeit meines Vaters als bayerischer Ministerpräsident und aus meiner Tätig­keit  in den – allerdings nur noch ein Schattendasein führenden – bayerischen Ministerien für Wirtschaft und Finanzen während der letzten Kriegsjahre können keine grundlegenden Neuigkeiten bringen. Bayerische Politik gab es seit der Machtergreifung nicht mehr […]

Der Sohn und Erinnerungsautor: Dr. Friedrich Siebert in Krakau

Der Sohn und Erinnerungsautor: Dr. Friedrich Siebert in Krakau

Hitler entschied sich für die Erhaltung der bayerischen Ministerien

Die Aushöhlung der bayerischen Regierung bereitete Vater viel Kummer. Traditionsgebunden wie er war, empfand er es schmerzlich, dass man eine Institution wie den Landtag Knall und Fall auflöste und „ohne Begräbnis 1. Klasse“ nach Hause schickte. Trotz der sichtbar entgegengesetzt laufenden Entwicklung hatte er die Hoffnung, noch mancherlei retten zu können. Noch im Krieg überzeugte er Funk davon, dass Bayern seit mehr als einem Jahrhundert gewachsenes Wirtschaftsgebiet sei, das man nicht ohne Schädigung der gesamten Wirtschaft  in einzelne Gauwirtschaftskammern aufgliedern dürfe. Aber kaum war Vater tot, stürzte sich das Reichswirtschaftsministerium auf seinen Nachfolger und setzte die Errichtung von Kammern in jedem Gau durch. Vater betonte immer, es sei seine Pflicht, lange zu leben, denn solange er da sei, werde Bayern nicht aufgeteilt. Aus seiner Verwurzelung mit Bayern heraus, stand er auch der beabsichtig­ten Berufung zum Reichswirtschaftsminister (Hitler sprach mit ihm darüber vor der Ernennung Funks) skeptisch gegenüber. Interessant ist, dass sich Hitler noch 1944 – entgegen den Absich­ten des Reichsinnenministeriums – dafür entschied, dass die bayerischen Ministerien erhalten bleiben sollen. Worauf diese  Entscheidung zurückzuführen war,  weiß ich nicht. Vielleicht spielte die Rücksicht auf Epp eine gewisse Rolle [...]

Kontakte mit Hitler meist nur noch über dessen Sekretär Martin Bormann

Während des Krieges kam Vater mit Hitler, von ganz wenigen Ausnahmen abgesehen, nur noch bei repräsentativen Veranstaltungen, wie am 9. 11., an Weihnachten und am 30. Januar zusammen. Wur­den Fragen aktuell, die auf das Interesse Hitlers stoßen konn­ten, so wurde über Bormann angefragt und die Meinung Hitlers eingeholt. Allerdings war Vater nicht so ängstlich wie Gau­leiter Giesler, der jeden Moment Fernschreiben ins Hauptquartier sandte […]

Siebert wollte Autorität des Staates erhalten wissen

Das Bestreben Vaters, die Autorität des Staates gegenüber der Partei aufrecht zu erhalten, brachte ihn begreiflicherweise in Differenzen mit Parteidienststellen, vor allen Dingen mit den bayerischen Gauleitern und mit so manchem Reichsleiter. Naturgemäß war sein Verhältnis zu Adolf Wagner einer dauernden Spannung unterworfen, da beide in München saßen und die Kompetenzen nicht klar getrennt waren. Da schon in den letzten Jahren vor dem Krieg nur noch Vater und Wagner als Minister fungier­ten, hatten sie sich dahingehend geeinigt, dass sie sich mög­lichst wenig in ihre Ressorts hineinreden wollten. Trotzdem blieben natürlich Reibungen nicht aus, die teils persönlichen, teils sachlichen Naturen waren. Dazu kam, dass Adolf Wagners Lebens­führung und Lebensauffassung von denen Vaters sehr verschieden war. Bekannt  ist mir,  dass er sehr stark über dauernde Schmer­zen klagte, die auf seiner Kriegsverletzung beruhten. Sein amputiertes Bein machte ihm so zu schaffen, dass er sich ne­ben seinem Amtszimmer einen kleinen Raum hatte einrichten las­sen, in den er sich zurückzog, wenn er starke Schmerzen spür­te. Ob sein starker Alkoholverbrauch darauf zurückzuführen ist, vermag  ich nicht zu entscheiden. Dienstlich gehörte Adolf Wagner in meinen Augen zu den Vorgesetzten, die sich „gottähnlich“ gebärdeten. Ein paar Male fragte ich ihn wegen Angele­genheiten, die sich auf Lindauer Probleme bezogen. Die Antworten, die ich erhielt, waren sehr bestimmt. Allerdings musste ich hinterher feststellen, dass sie ohne tiefere Sachkenntnis gegeben waren. Wagner genoss großes Vertrauen bei Hitler. Es verging kaum ein Besuch Hitlers in München, bei dem sich beide nicht getroffen hätten. Dies erweckte den Zorn Bormanns, weil er zu diesen Unterhaltungen nicht zugezogen wurde.

Adolf Wagner, Gauleiter von Oberbayern

Adolf Wagner, Gauleiter von München-Oberbayern

Angeblich Schlag auf den Kopf des Kreisleiters – als Schlaganfall vertuscht

Umso erstaunter war ich, als ich von einem Angehörigen der Gestapo in der Gefangenschaft folgendes hörte. Der Schlaganfall, an dem Wagner 1941 erkrankte, sei auf einen Schlag zurückzufüh­ren gewesen, den er anlässlich eines Kreistages in Oberbayern von einem Bauern versetzt bekam, der […] über das Verbot, Kruzifixe in den Schulen aufzuhängen, entrüstet gewesen sei. Darauf­hin sei die Gestapo beauftragt worden, den Fall zu klären. Wenige Wochen nach diesem Vorfall sei er (der Gestapobeamte) zum Schutze Hitlers bei einen Besuch der Kunstausstellung abgeordnet gewesen. Dort habe er gehört, wie Hitler, der sich allein mit dem jüngst verstorbenen Professor Heinrich Hoffmann unterhielt, zu diesem sagte: „Warst du schon bei Wagner? Du musst da hingehen, denn da kannst du sehen, wie der (nun folg­ten einige weniger freund1iche Bemerkungen) hilflos im Bett liegt.“ Himmler, dem diese Bemerkungen durch Fernsprecher nach Berlin mitgeteilt worden seien, habe unverzüglich die Untersuchung daraufhin abgebrochen. Das Kruzifixverbot rief übrigens den größten Unwillen Vaters hervor, zumal derartige Erlasse einem ausdrücklichen Führerbefehl widersprachen. Er schrieb an Wagner einen Brief, in dem er sich bitter darüber beschwerte,  dass er eine solche Entschei­dung ohne seine Verständigung getroffen habe.

Neben Bormann war auch Reichsschatzmeister Schwarz sehr stark gegen Adolf Wagner eingestellt. Warum, weiß ich nicht. Als Wagner nach dem Staatsakt aus Anlass seines Todes neben dem Führerbau bestattet werden sollte, ersuchte mich Gauleiter Giesler, die gärtnerische Ausgestaltung des Grabes der Schlösserverwaltung zu übertragen, da Schwarz trotz Führerbefehl sich weigerte, sie durch die Partei durchführen zu lassen. Aus einer Reihe von Gründen konnte  ich jedoch Professor Esterer nicht sofort erreichen, so dass der Gauleiter  nach einiger Zeit ver­ärgert anrief und sagte, Schwarz habe nunmehr doch Kräfte zur Schmückung des Grabes abgeordnet.

Wahl, Gauleiter von Augsburg

Karl Wahl, Gauleiter von Schwaben in Augsburg

Augsburgs Gauleiter Karl Wahl war bescheiden

Der bescheidenste und vernünftigste bayerische Gauleiter war zweifellos Karl Wahl in Augsburg. Ich konnte ihn selbst beurteilen, weil er 6 Jahre hindurch mein Gauleiter gewesen war, als ich als Bürgermeister in Lindau wirkte. Er enthielt sich weitgehend der Eingriffe in den Verwaltungsapparat, trach­tete nicht danach, jeden leitenden Beamten durch einen Parteigenossen zu ersetzen und ließ einem durchaus eine amtliche Bewe­gungsfreiheit. Übergriffe der Kreisleiter oder sonstiger Par­teiorganisationen stellte er nach Möglichkeit ab. Sogar für Schwierigkeiten, die bei Behandlung der Judenfragen auftauch­ten, hatte er Verständnis, was angesichts der unerbittli­chen Einstellung in dieser Beziehung von oben her viel heißen sollte. Seine Position litt unter seinem stärkeren Nachbarn Wagner, der den Gau Schwaben zu gern geschluckt hätte.

Julius Streicher, Gauleiter von Franken

Julius Streicher, Gauleiter von Franken

Frankenführer Streicher hatte großes Ansehen bei Hitler

Im Übrigen aber war ich überrascht, dass auch er die Abnei­gung sämtlicher bayerischer Gauleiter gegen das staatliche Übergewicht Münchens teilte. Offiziell kam dies allerdings erst nach dem Tode meines Vaters zu meiner Kenntnis. In diesen Punkt waren sich alle Gauleiter einig. Am souveränsten gaben sich die Gauleiter Streicher und Wächtler. Nach der Ausschaltung des Parlaments hatte Vater versucht, so genannte Regierungssitzungen unter Beziehung der Gauleiter Bayerns abzuhalten. Er nahm jedoch davon Abstand, als ihm durch den Gauleiter Otto Hellmuth hinterbracht worden war, Gauleiter Streicher habe im Kreis seiner Kollegen erklärt, Siebert sei untragbar und müsse weg. Hellmuth konnte Streicher nicht aus­stehen, da er sich Frankenführer nannte und Nürnberg durch die Reichsparteitage und Streichers Ansehen bei Hitler eine in Franken überragende Rolle spielte, wozu noch kam, dass Streicher eher öffentlich geringschätzig von Hellmuth sprach.

Ludwig Siebert und Rudolf Hess warteten vergeblich auf den Gauleiter

Scharfe Auseinandersetzungen hatte Vater auch mit Wächtler. Das schlechte Verhältnis übertrug sich sogar noch auf mich. Als die Eingriffe Wächtlers in die Zuständigkeiten des Staatsapparates trotz aller Proteste der Regierung unerträglich wur­den, beschwerte sich Vater bei Rudolf Hess, der ihn und Wächtler zu einem Sühnetermin einlud. Eine Stunde lang saßen Vater und Hess beisammen und warteten. Aber Wächtler kam einfach nicht. So schwach war die Autorität des Stellvertreters des Führers.

Dr. Otto Hellmuth, Gauleiter von Mainfranken

Dr. Otto Hellmuth, Gauleiter von Mainfranken

Dr. Hellmuth war kein sehr starker Gauleiter, doch einrissig und streng darauf bedacht, dass die Partei in allen Fragen dominierte. Als ich Landrat in Bad Kissingen wurde, erklärte [man] mir, mein Vorgänger habe unter dem Druck der Partei entschieden, dass bei Differenzen zwischen Landrat und Kreisleiter das Gebot des Kreisleiters den Vorrang genieße. Ein tragisches Zeichen für die Schwachheit des Staates, des­sen Einfluss auch durch die Entfernung Münchens sich verminder­te. Wie sehr gerade auch so ein unbedeutender Gauleiter wie Hellmuth sich von München loslösen wollte, beweist eine Episode aus dem Jahre 1945. Als ich durch den Reichswirtschaftsminister im April dieses Jahres zu seinem Vertreter für Bayern ernannt worden war und aus diesem Anlass zusammen mit Staatssekretär Hayler Otto Hellmuth besuchte, rief er aus: „Sie wissen, wie sehr wir Sie als ehemaligen mainfränkischen Landrat als einen der Unseren betrachten. Aber dass nun wieder ein Münchner eine Stellung bekommen soll, erscheint uns untragbar.“ Wenn übrigens Hellmuth anlässlich dieser Unterredung betonte, dass er fest daran glaube, dass es möglich sei, die Amerikaner noch im Spessart aufzuhalten, so konnte ich das nur noch als Spiegelfechterei auffassen. Denn sogar ein Hellmuth musste wissen, wie die Dinge lagen […]

Stellung der Landesregierung untergraben

Als Paul Giesler im Jahre 1942 nach dem Tode meines Vaters die Ämter sämtlicher bayerischer Ministerien in seiner Person vereinte, bedeutete dies die endgültige Schwächung Münchens als staatliche Zentralstellen. Dachten doch die übrigen bayerischen Gauleiter nicht daran, ihren Münchner Kollegen als eine übergeordnete Distanz zu respektieren. Den ersten wichtigen Schritt zu der Untergrabung der Stellung der Landesregierung hatte nicht so sehr die Gesetzgebung des Jahres 1934 mit sich gebracht, als vielmehr die Entschließung, dass jeder Gauleiter in seinem Bereich Reichsverteidigungskommissar sei. Zu Beginn des Krieges war nämlich noch der bayerische Innenminister Reichsverteidigungskommissar für ganz Bayern gewesen […]

Paul Giesler, Gauleiter von München-Oberbayern

Paul Giesler, Gauleiter von München-Oberbayern

Intrigen des Münchner Gauleiters gegen den Ministerpräsidenten Siebert

Paul Giesler wurde 1942 nach dem Schlaganfall Wagners Gaulei­ter in München. Er war zunächst SA-Führer in München gewesen, später Gauleiter in Bochum, Das Verhältnis zu Vater war anfangs korrekt. Später gab es Schwierigkeiten, vor allen Dingen als Vater sich verbat, dass ein Beamter der staatlichen Kurverwal­tung in Bad Reichenhall auf Anordnung der Gauleitung gemaßregelt werden sollte. Ob nicht ein Schreiben des Reichsministers Lammers an meinen Vater kurz vor seinen Tode, in dem er ihn auf Anordnung Hitlers nahelegte, aus gesundheitlichen Gründen einige Monate Urlaub zu nehmen, auf Machinationen Gieslers, der mit Bormann sehr gute Fühlung hatte, zurückzuführen war, lasse ich dahingestellt sein. Ich selbst habe Giesler dienstlich gründlich kennen gelernt. Er gehörte zu jenen Personen, die Adolf Hitler blindlings er­geben waren und für die sein Gebot in Grundsatz unabdingbar war. Dazu kam, dass auch er in der Furcht vor Bormann lebte, den Einzigen, vor dem die Gaugewaltigen zitterten […]

Gauleiter war manchmal doch ganz vernünftig

Nach dem Krieg hörte ich wiederholt, Gauleiter Giesler sei nicht sehr gescheit gewesen. Diesen Eindruck hatte ich nicht. Er war naturgemäß mit Staatsgeschäften wenig vertraut, verfüg­te aber über einen praktischen Verstand. In der Erfindung von Aushilfen war er geradezu geschickt. Sein außerordentlicher Fleiß war unbestritten. Exzesse  im Trinken oder im Umgang mit Frauen konnte ich niemals beobachten, Auch hörte ich nichts da­von. Insofern unterschied er sich von seinem Vorgänger. Beide liebten sich übrigens nicht. Adolf Wagner  versuchte trotz seines Schlaganfalles, Giesler Schwierigkeiten zu bereiten, wo er es nur konnte. […] So sehr Giesler sich bemühte, den Richtlinien des Führerhauptquartiers Folge zu leisten, so konnte man in einzelnen Fällen durchaus mit  ihm reden. Die Freigabe der Residenzkapelle für den katholischen Gottesdienst, die Zurückstellung unbedingt erforderlicher Fachkräfte vom Schanzdienst gegen den Willen des Kreisleiters, und die Befreiung von Halbjuden in besonderen Fäl­len von der Zwangsarbeit, ja sogar die Aufgabe des Widerstandes in München beim Einrücken der Amerikaner; alle diese Dinge konnten in vernünftig geführter Rede und Gegenrede erreicht werden.

Max Amann, Reichspresseschef

Max Amann, Reichspresseschef

Im Chaos vor dem Zusammenbruch funktionierte der Staatsapparat besser

Dass Giesler in erster, zweiter und dritter Linie Parteimann war, konnte bei seiner Einstellung und Herkunft nicht verwun­dern. Anfangs tat ich mich ihm gegenüber schwer, zumal ein gewisses Misstrauen, das in seiner Umgebung schon gegenüber meinem Vater zu verspüren war, sich auch auf mich übertrug. Dass er mir trotzdem nach dem Anschlag auf Hitler [20. Juli 1944] und dem Beginn des totalen Kriegseinsatzes die Vollmachten für den zivilen Wirtschafts- und Ernährungssektor ausstellte, wunderte mich eigentlich. Allerdings mag bei diesem Entschluss der Umstand eine Rolle gespielt haben, dass mir die wesentlichen staatswirtschaftlichen Einrichtungen an und für sich unterstellt waren und dass er Gauwirtschaftsberater Dr. Buchner nicht leiden konnte. Meine Stellung stärkte sich indessen von Monat zu Monat, zumal selbst Giesler sah, dass der Staatsapparat gerade in dem Chaos der letzten Zeit vor dem Zusammenbruch im Großen und Ganzen besser funktionierte, als der der Gauleitung, deren Männer allzu gern alles über den Daumen peilten. […] Giesler, der von seiner Verbundenheit mit Adolf Hitler nicht loskam und nicht die Kraft aufbrachte, sich auch noch in den letzten Tagen von ihm zu trennen, folgte ihm freiwillig in den Tod. Er zog somit die für ihn einzig mögliche Konsequenz.

Reichsleiter Amann von „unersättlicher Raffgier besessen“

Von den Reichsleitern war in den Augen Vaters Amann der unan­genehmste. Er war von einer unersättlichen Raffgier besessen, d. h. sein Betrieb schluckte alles ohne Rücksicht auf Traditionen, die dadurch zerstört wurden. Gesetz und Recht galten für ihn auch persönlich nicht. So weigerte er sich z. B. hartnäckig, staatliche Gebühren für sie Inanspruchnahme des  Tegernsees durch sein Motorboot zu bezahlen. Alles Remonstrieren half nichts. Außerordentlich schlecht war er auf die Forstverwaltung zu sprechen, weil sie auch von ihm die Einhaltung der allgemein gültigen Richtlinien verlangte. Er scheute sich nicht, in seiner Wut Vater deswegen in der rüpelhaftesten Art anzurempeln. Angesichts seines engen Verhältnisses zu Hitler war man gegen ihn fast ohnmächtig.

Fiedler, Oberbürgermeister von München

Karl Fiehler, Oberbürgermeister von München

Münchens Oberbürgermeister gegen die Sprengung der Isarbrücken

Im Gegensatz zu ihm erwies sich Oberbürgermeister Fiehler, der Reichsleiter für kommunale Politik, stets zugänglich und vernünftig. Niemals hörte ich von Verstimmungen zwischen ihm und der Landesregierung. Dagegen weiß ich, dass er Vorschlägen Rechnung trug, auch wenn sie nicht mit Grundsätzen der Reichsführung übereinstimmten. Sehr für Fiehler spricht auch, dass er sich in den Tagen vor der Besetzung Münchens aufs Entschiedenste gegen die Sprengung der Isarbrücken wehrte. Wenn ich auch nicht selbst Ohrenzeuge der Auseinandersetzungen war, so glaube ich doch ohne weiteres der Erzählung, dass er sich stundenlang mit dem für die Sprengung verantwortlichen General herumstritt.“

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Quellen: Institut für Zeitgeschichte München-Berlin (ifz); www.ifz-muenchen.de/archiv/zs/zs-1623.pdf. – nac-Archiv Warschau. – Ernst Klee “Das Personen-Lexikon zum Dritten Reich”, Fischer 2003.

 

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