Rothenburger Heimattage 1950: Ein Bierkrüge und Tanzbeine schwingendes aber auch nostalgisch-ernstes Ereignis. „Heimat ist Glück“ – Momentaufnahme zu einem strapazierten Begriff

"Fränkischer Anzeiger" vom xxxxxxxxxx

“Fränkischer Anzeiger” vom 11. September 1950

Von Wolf Stegemann

Nach dem Krieg lebten verstreut in ganz Deutschland ehemalige Rothenburger. Um sie wieder an ihre Heimatstadt zu binden und um auch den Flüchtlingen aus den Ostgebieten, die in Rothenburg durch Zuweisung nach 1945 untergekommen waren, Rothenburg näher zu bringen, veranstaltete die Stadt im September 1950 ein gemeinsames Fest und nannte es „Rothenburger Heimattage“. Mit diesen beiden Tagen sollte die „herzliche Verbundenheit“ mit den eigenen und fremden Heimatvertriebenen gezeigt werden.

Die Stadt Rothenburg mit ihren unverwechselbaren Ansichten von Mauern und Türmen, winkeligen Gassen und Häusern, die in der Innenstand bereits im Wiederaufbau waren, sowie der Tauberblick hinunter vom Burggarten begeisterte die heimatvertriebenen Neubürger und die ehemaligen Rothenburger aufs Neue. Eingebunden in diese Heimattage war auch die Eröffnung einer Ausstellung mit dem Modell der Stadt und den Fortschritten des Wiederaufbaus im Rathaus. Da es an diesen Tagen stark regnete, seufzte der Berichterstatter des „Fränkischen Anzeigers“ dennoch glücklich durch, als er schrieb:

„Beinahe taten sie einem leid, die Gäste aus der Fremde, die mit Koffern und Regenschirmen vom Bahnhof kommend, ihren Quartieren zustrebten, denen sich Rothenburg, ihre liebe alte Heimatstadt Gäste, doch recht unfreundlich – was das Wetter anbelangt – fürs erste präsentierte. Und dennoch sah man ihnen die Freude an den Gesichtern an, die neugierig, dem Regen trotzend, aufwärts gerichtet bald dies, bald jenes froh oder wehmütig, je nachdem, registrierten: Zerstörung und Wiederaufbau. … Aber die Heimat war es noch immer und das bedeutete Glück und Freude, Genugtuung und Erfüllung.“ 

Weggezogene Rothenburger besuchten ihre Heimatstadt

Keller-Behausung (Foto nicht Rothenburg

Keller-Behausung (Foto nicht Rothenburg

Ehemalige Rothenburger kamen aus Hamburg und Hannover, aus München und dem Ruhrgebiet, sogar „aus der russischen Zone“ und aus der Schweiz, aus Frankfurt und dem Württembergischen. Zum Rothenburger Heimatfest kamen aber auch ganz normale Touristen, eine „größere Ärztegruppe aus Schwabach und „20 Amerikaner“. An zwei Abenden wurde in der neuen Heimat mit den Einheimischen der alten gedacht und gefeiert. Das „Historische Festspiel“ führte den „Meistertrunk“ auf, die Schäfer und Schäferinnen tanzten fröhlich auf dem Marktplatz und vom Rathausturm erklangen geblasene Choräle. Am Samstagabend gab es dann in verschiedenen Wirtschaften und Sälen für ehemalige Rothenburger in ihrer alten Heimat bierselige und nostalgische Treffen. Die Wirtschaften waren auf das Beste vorbereitet. Sie  reichten kaum aus, so die Zeitung, die vielen Besucher aufzunehmen. In der Ansbacher Straße stand auf dem Brühl ein Bierzelt. Es ging bis in die frühen Morgenstunden hoch her. „Man sang und tanzte, man lachte und war vergnügt und lärmend wurden die Bierkrüge und die Tanzbeine geschwungen.“

35 Prozent der Rothenburger waren Heimatvertriebene

Heimatvertriebene in Rothenburg

Heimatvertriebene in Rothenburg 1949

Für die Heimatvertriebenen in Rothenburg mochte das Fest vielleicht nicht ganz so bierselig verlaufen sein. Denn den einen oder anderen mochte die Wehmut nach der alten Heimat erfasst haben. Insgesamt über 12 Millionen Heimatvertriebene wurden über das Rest-Reich verteilt, meist noch vor aber auch nach der Gründung der Bundesrepublik 1948. Die Rothenburger Bevölkerung bestand damals aus rund 35 Prozent Flüchtlingen und musste ihnen in der halb zerstörten Stadt Wohnraum zumindest Schlafraum bieten: Oft genug in fensterlosen Kellern, wie Zeitzeugen berichten. Die Rothenburger, die Platz hatten, mussten Wohnraum abgeben, was diese oft genug nicht wollten und Flüchtlinge als Eindringlinge und „verlaustes Pack“ beschimpfen. Aus jenen Zeiten gibt es die Redewendung unter den Einheimnischen der Städte und Dörfer: Flüchtlinge sind wie Franzosenkraut. Hat man sie, wird man sie nicht mehr los! In Rothenburg gab es Heimatvertriebene aus Ost- und Westpreußen, Pom­mern, dem Warthegau, aus Schlesien, Wolhynien, dem Baltikum und aus dem Sudetenland, aus Ungarn, Bessarabien und aus Siebenbürgen.

Wie Muscheln, die sich aus dem Meer entfernt haben

Die kleine Familie des Autors aus Berlin – bzw. zuletzt vor der offiziellen Ausweisung aus dem Sudetenland nach Bayern geflüchtet – wurde in Rothenburg nach mehreren Schlafplatzwechseln mit vier Personen in ein Zimmer eine Fünfzimmer-Wohnung eingewiesen, in dem ein älteres Ehepaar wohnte, das sichtlich und anhaltend nicht erfreut war, ein Zimmer abzugeben. Das war neben dem Feiern und Sonntagsreden der Landes- und Kommunalpolitiker nicht nur während der „Rothenburger Heimattagen 1950“ auch Realität. So schrieb denn auch der „Fränkische Anzeiger“ recht poetisch über das Gefühl der Heimatvertreter beim Feiern mit Einheimischen und verglich die verlorene Heimat mit dem Meer und die Vertriebenen mit Muscheln, die sich daraus entfernt hätten:

„Sie konnten kein Wiedersehen mit der Heimat feiern, sie konnten lediglich der Heimat gedenken und es war schön, dass sie es in Gemeinschaft mit denen taten, die sich noch ihrer Heimat als Besitz erfreuen dürfen. Der Schmerz um die eigene verlorene Heimat war dann doch nicht allzu spürbar, aber schied auch die Muschel lange schon vom Meer, das ihre Heimat war, in ihrer Tiefe rauscht ein Ton, wie Meeresheimweh und in der Fremde, mag sie es einem noch so leicht machen, erfährt man, was die Heimat wert ist und liebt sie dann umso mehr.“

Wahlplakate der Parteien Anfang der 1950er-Jahre mit den Forderungen nach Rückgabe der Heimat

Wahlplakate der Parteien Anfang der 1950er-Jahre mit den Forderungen nach Rückgabe der Heimat

Die Ost- und Westpreußen feierten im Vereinshaus vorm Würzburger Tor

Im Vereinssaal des damaligen „Christlichen Hospiz“ vorm Würzburger Tor trafen sich die Ost- und Westpreußen mit den ehemaligen Rothenburgern zum gemeinsamen Feiern der Heimat. „Nur durch den Dialekt der heimatlichen Sprache unterschieden sie sich, durch nichts sonst. Alle waren aufgeschlossenen Sinnes und erwartungsfroh.“ Musikmeister Georg Streckfuß dirigierte zur Eröffnung den „Einzug der Gäste auf der Wartburg“ von Richard Wagner und Frl. Agnes Kurzius sprachen einen Prolog auf das alte Rothenburg und beschwor ihre heitere Jugendzeit, „Was viele Augen feucht schimmern ließen.“ Für den Oberbürgermeister begrüßte Bürgermeister Dr. Wünsch die Gäste, darunter auch der stellvertretende bayerische Ministerpräsident und Justizminister Dr. Josef Müller und Regierungspräsident Dr. Schregle, Vertreter der Kirchen, der staatlichen und städtischen Behörden. Nach Gedichten des Rothenburger Dichters Fritz Boegner, die dessen Tochter Sophie vortrug und eine Kantate „Heimat Ostpreußen“ sang, sprach der Regierungspräsident Begrüßungsworte und freute sich, dass „gerade Heimatvertriebene und Einheimische in solch harmonischer Weise den Heimattag begehen. Solche Heimatabende trügen dazu bei, den Heimatvertriebenen neue Lebenszuversicht zu geben.“

Stellvertretender Ministerpräsident Josef Müller begrüßte die Gäste

Schlesiertreffen 1971

Schlesiertreffen 1971

Justizminister Müller, dessen Bruder der katholische Pfarrer in Rothenburg war, sagte, dass er sich seit 27 Jahren zur Rothenburger Familie gehörig fühle. Er holte in seiner Begrüßungsrede den Fremdenverkehr hervor: „Rothenburg muss in der Fremdenverkehrswerbung für Deutschland an der Spitze stehen und gerade ich habe mich besonders dafür eingesetzt, dass die Fremdenverkehrsorganisationen beträchtliche Gelder zur Verfügung gestellt würden. Entgegen 100.000 DM im Vorjahr stehen jetzt 500.000 DM für diesen Zwecks zur Verfügung, ein Betrag, der noch um weitere 250.000 DM gesteigert werden könnte, wenn sich die Fremdenverkehrsorganisationen zu einheitlicher Arbeit zusammenfänden“, so der CSU-Politiker aus München. Dann sprach er über die politischen Verhältnisse, schimpfte auf die Hamsterwirtschaft und im Hinblick auf die Heimatvertriebenen sagte er noch den für Historiker sicherlich verwirrenden Satz, „dass einmal die Zeit kommen werde, dass man vergessen haben wird, wer früher dagewesen sei. … Wir leben in einer Zeit der Völkerwanderung.“ Er schloss mit den sybillinischen anmutenden Worten: „Aber alles im Leben hat seinen Sinn!“

Der Vorsitzende der Landsmannschaft Ost- und Westpreußen, Krolzig, umriss in seiner Ansprache den Begriff Heimat und führte durch die Geschichte seines Landes im Osten, worauf der Chor der Landsmannschaft das Lied von den „dunklen Wäldern“ sang. Danach wurde ein Gedicht in Rothenburger Mundart verlesen und dann tanzten Angehörige der Landsmannschaft den Tanz der „Königsberger Handelsfrauen“. Der Abend klang aus mit dem „schneidigen Marsch Alte Kameraden“.

Siebenbürger und Sudetendeutsche im Bären-Saal

Siebenbürger in Rothenbur zu Pferd 1949

Siebenbürger in Rothenbur zu Pferd 1949

Im Bären-Saal feierten die Siebenbürger und die Sudetendeutschen. Zum Tanz und zu Ernsterem spielte das Konzertorchester Weigel auf. Der städtische Oberregierungsrat und spätere Rechtsrat Dr. Hans Wirsching, der in der NS-Zeit Landrat im Sudetenland war, begrüßte die Gäste, „die der Sturm des Krieges aus der Heimat über die Länder der Erde gejagt hatte, um sie nach herzlos-grauenhafter Odyssee endlich hier im Rothenburger Gau eine neue Heimat finden zu lassen“. Der Volkschor unter Leitung von Oskar Unbehauen sang und Martha Faber trug populäre Mundartgedichte vor, in denen der „Rothenburger Volkscharakter humorvoll-gefällig“ parodiert wurde. Auch kamen Heimatweisen aus dem deutschen Liedgut „mit gepflegter Sopranstimme“ zu Gehör. Zu vorgerückter Stunde fanden sich noch Regierungspräsident Schregle und Justizminister Müller ein, die vorher im Vereinshaus die West- und Ostpreußen begrüßt hatten. Müller mahnte die Feiernden mit ernsten Worten:

„Bei all unserem Tun, müssen wir mit dem Frieden kalkulieren und als Brüder und Schwestern fest zusammenstehen. In der Mobilisierung aller Energien für den friedlichen Aufbau liegt die große Hoffnung für die Zukunft unseres Volkes!“

Wen er mit diesen Friedensworten mahnte, die eingesessenen Rothenburger oder die Heimatvertriebenen oder beide, sei dahingestellt. Danach fuhr er nach München zurück. Eigentlich wollte er noch Grußworte zu den Feiernden in der „Glocke“ sprechen. Doch dafür reichte seine Zeit nicht. Für ihn machte dies Regierungspräsident Schregle.

Flucht und Vertreibung; Darstellung für den Heimatkunde-Unterricht

Flucht und Vertreibung; Darstellung für den Heimatkunde-Unterricht; Zahlen in 1000

Landsmannschaft der Schlesier im Saal der „Glocke“

Im Saal der „Glocke“ trafen sich die Schlesier, untern ihnen auch Rothenburger. Die musikalische Umrahmung besorgte das Tanzorchester Zehe und eröffnete die Vortragsfolge mit einem „Festmarsch“. Im Auftrag des Oberbürgermeisters begrüßte Rechtsrat Dr. Lauterbach (der spätere OB) die Alt- und Neubürger. Es wurde der gemeinsamen Not gedacht, der Toten, Gefallenen und Vermissten, „auch den unter den Trümmern der arg zerstörten Stadt Begrabenen“. Zur Laute sang dann Friedl Winter das „Rothenburger Heimatlied“ von Hans May, gefolgt von der „Schlesischen Hymne“, gesprochen von Günter Felix. Daraufhin begrüßte der 2. Vorsitzender der Landsmannschaft Schlesien, H. Klug, die Gäste:

„Die Beteiligung der Heimatvertriebenen am Heimatfest der Stadt ist mehr als eine schöne Geste. Gerade die Heimatvertriebenen können es ermessen, was es heißt, eine Heimat zu haben. Ihr unverrückbares Ziel heißt die Heimkehr in die verlorenen Gebiete. Dennoch wollen sie treue, pflichtbewusste Bürger auch in der neuen Heimat werden. Die kulturelle Arbeit der Landsmannschaften gilt nicht ihrer Aussonderung, sondern der Aufklärung. Sie soll den Entwurzelten helfen, … dass alle Deutschen erkennen, wenn einem ihrer Stämme ein Leid widerfährt, ist dies das Leiden aller, und wenn einem von ihnen die Heimaterde geraubt wird, sind alle beraubt!“

Die Heimatvertriebenen seien nicht nur Träger eines Leides, so Lauterbach weiter, sondern „Träger einer Idee, und diese Idee heißt ,Heimat Deutschland’“. – Nun, diese Idee war nicht neu. Zuletzt hatten die Nationalsozialisten, denen Lauterbach von 1933 bis 1945 aktiv angehörte, strapaziert. – Der Chor der Landsmannschaft Schlesien und der Volkschor Rothenburg sangen sodann Heimatlieder aus Schlesien und die Solo-Sängerinnen Friedl Winter und Irmgard Spiegel sangen Heimatlieder wie „Vor meinem Vaterhaus steht eine Linde“ und „Wer die Welt am Stab durchmessen“ sowie die „Freischütz“-Arie. Auch hier endete der anschließende Tanzabend mit dem Marsch „Alte Kameraden“.

Siehe zu diesem Ereignis folgende und erweiternde Artikel:

Ausstellung zum Wiederaufbau der zerstörten Stadt – Bestandsaufnahme nach fünf Jahren im Rahmen der „Rothenburger Heimattage 1950“ – Ein Rundgang im Rathaus und auf der Stadtmauer

Dass man den jüdischen Bürgern ihre Heimat genommen hat, wurde  an den „Rothenburger Heimattagen 1950“ nicht erwähnt. – Noch bis in die 1970er-Jahre am althergebrachten Begriff festgehalten

Weiterführende Artikel zum Thema Heimatvertriebene:

1950 stellten Ost- und Westpreußen, Ungarn und Wolhynier, Siebenbürger und Sudetendeutsche, Pommern und Balten, Ober- und Niederschlesier 35 Prozent aller Einwohner

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Quelle: „Fränkischer Anzeiger“ vom 11. September 1950

 

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