Währungsreform 1948 – Schlangestehen für 40 Deutsche Mark

Der neue 100 DM-Schein 1948

Der neue 100 DM-Schein 1948

W. St. – Acht deutsche hochqualifizierte Experten, die dem Währungsausschuss des Wirtschafts­rates angehörten, feilten 1948 zusammen mit Vertretern der Militärregierungen der USA, von England und Frankreich 49 Tage lang am Programm der Abschaffung der Reichsmark und dem der Einführung der Deutschen Mark. In einer Kasernenanlage nahe Kassel abgeschirmt, legten sie in strikter Geheim­haltung den 21. Juni 1948 als Stichtag für das neue Geld fest. Mit einer Währungsreform rechnete die Bevölkerung schon seit 1946. Immer wieder tauchen in den Ratsprotokol­len der Stadt von 1947 Hin­weise auf eine bevorstehende Reform des Geldes auf. Dieser „Tag X“ spukte in den Köpfen von Kaufleuten, Politikern und Kon­sumenten. Weiterlesen

Veröffentlicht unter Erste Nachkriegsjahre, Wirtschaft / Handel | Verschlagwortet mit | Ein Kommentar

Aufgaben der amerikanischen Kreisverwaltung in Rothenburg. Nach und nach wurde die Verantwortung der Stadtverwaltung übergeben

W. St. – Nach zwölf Jahren NS-Regime herrschte in Bayern die Militärregierung der amerikanischen Besatzungsmacht. Für die Bevölkerung war dies eine große Umstellung, denn nun wurde sie mit demokratischen Gepflogenheiten konfrontiert, die sie erst lernen mussten. Jugendliche kannten Demokratie überhaupt nicht, Ältere schon. Viele lehnten sie aber noch ab, weil sie zwölf Jahre lang gesagt bekommen hatten, Demokratie sei jüdisch, plutokratisch, verdorben und unsittlich. Das hatte ihnen die NS-Propaganda eingeimpft und das war nach dem Krieg in vielen Köpfen noch vorhanden, wie die Ablehnung der Amerikaner als kultur- und sittenloses und verweichlichtes Volk. Beides, den Amerikanern und der Demokratie mussten sich die Deutschen schließlich bedingungslos fügen. In einer Stadt wie Rothenburg, die im Dritten Reich als antisemitische und nationalsozialistische Vorzeigestadt und Hochburg galt, war das Umstellen auf eine andere Basis sicherlich nicht leicht, damit umzugehen. Weiterlesen

Veröffentlicht unter Alltag, Besetzung/Besatzung, Demokratisierung, Erste Nachkriegsjahre | Verschlagwortet mit , , | Schreib einen Kommentar

Nationalsozialistische Zeit ausgeblendet: Rothenburg, eine Stadt der Kontinuität – im Wideraufbau wie im Umgang mit den früheren NS-Funktionären

W. St. – Die wieder aufgebaute Gerlach-Schmiede, ein beliebtes Postkartenmotiv, gewann schnell einen Hauch von Historizität, obgleich das Gebäude vor der Zerstörung 1945 ganz anders aussah. Das 1954 erschienene Merian-Reisemagazin „Die Romantische Straße“ hat die Schmiede auf der Titelseite und bekräftigt im Innenteil Rothenburg als „intakte und unberührte mittelalterliche Stadt“. Der Text attestierte der alten Schmiede historische Authentizität: Das Motiv mit dem Röderturm im Hintergrund und der „alten“ Schmiede im Vordergrund sei typisch für den Gesamteindruck und die Geschichte der Stadt. In Rothenburg seien wir in einer Stadt, die sich seit dem Dreißigjährigen Krieg in keiner Weise irgendwie verändert habe. In den 1970er-Jahren habe der Verein Alt-Rothenburg die Schmiede als ein „herrliches Motiv“ und Teil des alten Rothenburg gepriesen. In Touristenführern steht denn auch als Bildunterschrift „Alte Schmiede“ unter den Bildern. Eine Publikation lobt die Schmiede als „Juwel des Mittelalters“ und stellt sie in eine Zeitleiste der lokalen Geschichte bis 1802, wobei die Zerstörung von 1945 keine Erwähnung findet („Rothenburg einst und jetzt“, Kootz und Sauer, Rothenburg ob der Tauber). Weiterlesen

Veröffentlicht unter Erste Nachkriegsjahre, Literatur in/über Rothenburg, Nachkriegsarchitektur, Reflexionen, Rückschau / Heute, Wiederaufbau | Verschlagwortet mit , , | Schreib einen Kommentar

Freimaurer wurden schikaniert und in KZs gesperrt, ihre Logen verboten – Die Rothenburger Bauhütte „Zu den drei Türmen“ wurde erst 1947 gegründet

Freimaurerloge-LogoVon Wolf Stegemann

Die Freimaurer-Loge „Zu den drei Türmen“ in Rothenburg ob der Tauber ist eine relativ junge Loge. Gegründet wurde sie 1947 von Freimaurer-„Brüdern“, die bereits vor dem Dritten Reich Freimaurer waren und in nationalsozialistischer Zeit schikaniert und verfolgt waren. 1938 wurde die Freimaurerei verboten. Vor dem Dritten Reich gab es 80.000 Freimaurer in Deutschland. Heute gibt es noch rund 14.000 Mitglieder, die mit ihren Logen in der „Vereinten Großloge Deutschland“ organisiert sind. „Die Freimaurer pflegen Internationalität, Toleranz und Gedankenfreiheit, das passte nicht zum Nationalsozialismus“, erklärt der „Meister vom Stuhl“ der Rothenburger Loge, Gerd Scherm. Weiterlesen

Veröffentlicht unter Erste Nachkriegsjahre, Freimaurer | Verschlagwortet mit , | Schreib einen Kommentar

Rudolf radelte mit seinen Freunden Hartmut und Kurt 1945 zum Kriegsgefangenenlager bei Katterbach, weil diese ihren Vater sehen wollten

Von Rudolf Markert

Es war im Winter 1945/46. An einem Sonn­tag früh kamen die beiden Nachbarsbuben Hartmut und Kurt zu uns ins Haus und fragten, ob ich mitfahren wollte, um ihren Vater zu besuchen. Sie hatten erfahren, dass er in einem Kriegs­gefangenenlager mitten im Wald nahe Katterbach bei Ansbach unter extremsten Bedingungen gefangen gehalten wird. Hart­muts Mutter hatte tags zuvor eine heimlich zugesteckte Nach­richt erhalten, dass die Amerikaner einige tausend deutsche Kriegsgefangene schon seit Wochen inmitten eines Hochwaldes unter freiem Himmel hinter Stacheldraht bewachen. Angeblich sei auch ihr Mann unter den Gefangenen. Für mich war es Ehrensache, die beiden Nachbarsbuben zu begleiten. Ich borgte mir das klapprige Fahrrad meiner Mutter. Auf den Gepäckträger dieses Rades setzten wir den kleinen, damals neunjährigen Kurt. Hartmut erhielt von seiner Mutter als Mitbringsel für den Vater eine Tasche voll mit belegten Broten und hängte diese an den Lenker seines Fahrrads. Weiterlesen

Veröffentlicht unter Alltag, Erste Nachkriegsjahre, Kriegsgefangenschaft | Verschlagwortet mit , | Schreib einen Kommentar

Das Justizkollegium der Bundesländer empfahl 1949 auf der Tagung in Rothenburg, die Entnazifizierung gesetzlich und schnell abzuwickeln

Von Wolf Stegemann

Rothenburg ob der Tauber war nicht nur Schauplatz einer womöglich beispiellosen Nazifizierung einer fränkischen Kleinstadt, sondern 1949 auch Tagungsort aller Landesjustizministerien, die das gesetzliche Ende der Entnazifizierung vorbereiteten, damit die Entnazifizierung offiziell beendet werden konnte.
Dazu traf sich am 5. und 6. November 1949 das so genannte Justizkollegium, eine Arbeitsgemeinschaft der westdeutschen Justizminister. Wegen der anstehenden Themen war auch Staatssekretär Dr. Philipp Auerbach vom bayerischen Innenministerium dabei, der sich als „Nazijäger“ einen Nmen gemacht hatte. Den Vorsitz hatte der bayerische Justizminister und stellvertretende Ministerpräsident Dr. Josef Müller, Bruder des Rothenburger katholischen Stadtpfarrers Wolfgang Müller. Unter den Teilnehmern befanden sich neben Vertretern der Justizverwaltungen aller Länder der Bundesrepublik die Justizminister von Württemberg-Baden, Dr. Bayerle, von Schleswig-Holsteins Dr.  Katz, Badens Dr. Fecht, der Leiter der Westberliner Justizverwaltung Dr. Kielinger sowie Senator Drexelius. Aus Hamburg kam Dr. von Arnim und als Vertreter des Bundesjustizministeriums Prof. Ophüls und der Chef der Kanzlei des Justizkollegiums Oberlandesgerichtsrat Quaas. Der ebenfalls erwartete Bundesjustizminister Dr. Dehler war wegen anderer dienstlicher Geschäfte verhindert. Weiterlesen

Veröffentlicht unter Demokratisierung, Entnazifizierung, Erste Nachkriegsjahre | Verschlagwortet mit , , | Schreib einen Kommentar

„Auerbach-Affäre“: 1952 ein beschämendes Stück bayerischer Nachkriegsjustiz und Wiedererstarkung offener antisemitischer Hetze von Presse und Politik

Staatskommissar Dr. Philipp Auerbach

Dr. Philipp Auerbach, Staatskommissar für rassisch, religiös und politisch Verfolgte in Bayern

W. St. – In seiner Funktion als bayerischer Staatskommissar für rassisch, religiös und politisch Verfolgte – und somit auch für die Wiedergutmachung– war Philipp Auerbach  nachweislich unmittelbarer nach dem Krieg zweimal in Rothenburg ob der Tauber. Wann genau dies war, ist hier nicht bekannt. Doch aus allgemeinem Schriftverkehr gehen die beiden Besuche Dr. Philipp Auerbachs hervor. Den Rothenburger Landrat Zimmermann und den Oberbürgermeister Hörner erreichte ein am 28. Februar 1947 verfasstes Schreiben, in dem Philipp Auerbach als Staatskommissar für rassisch, religiös und politisch Verfolgte auf den wieder anwachsenden Antisemitismus in Bayern aufmerksam machte. Seine Dienststelle war dem bayerischen Innenministerium zugeordnet. Weiterlesen

Veröffentlicht unter Displaced Person / Lager, Eklat, Entnazifizierung, Jüd. Hinterlassenschaften, Wiedergutmachung | Verschlagwortet mit , , , , | 4 Kommentare