Rudolf radelte mit seinen Freunden Hartmut und Kurt 1945 zum Kriegsgefangenenlager bei Katterbach, weil diese ihren Vater sehen wollten

Von Rudolf Markert

Es war im Winter 1945/46. An einem Sonn­tag früh kamen die beiden Nachbarsbuben Hartmut und Kurt zu uns ins Haus und fragten, ob ich mitfahren wollte, um ihren Vater zu besuchen. Sie hatten erfahren, dass er in einem Kriegs­gefangenenlager mitten im Wald nahe Katterbach bei Ansbach unter extremsten Bedingungen gefangen gehalten wird. Hart­muts Mutter hatte tags zuvor eine heimlich zugesteckte Nach­richt erhalten, dass die Amerikaner einige tausend deutsche Kriegsgefangene schon seit Wochen inmitten eines Hochwaldes unter freiem Himmel hinter Stacheldraht bewachen. Angeblich sei auch ihr Mann unter den Gefangenen. Für mich war es Ehrensache, die beiden Nachbarsbuben zu begleiten. Ich borgte mir das klapprige Fahrrad meiner Mutter. Auf den Gepäckträger dieses Rades setzten wir den kleinen, damals neunjährigen Kurt. Hartmut erhielt von seiner Mutter als Mitbringsel für den Vater eine Tasche voll mit belegten Broten und hängte diese an den Lenker seines Fahrrads.

Mit dem Fahrrad von Rothenburg nach Katterbach

Gegen neun Uhr, als die Morgenglocken gerade läuteten, fuh­ren wir los. Etwa 45 Kilometer einfache Wegstrecke lagen nun vor uns. Teerstraßen nach Ansbach gab es damals noch nicht. Wegen der Sperrstunde um sieben Uhr abends hatten wir es eilig. Es kostete uns einige Mühe, das Lager mitten im Hochwald zu finden. Unweit von dem Ort Wicklesgreuth suchten wir im Wald danach. Plötzlich erblickten wir durch das Dickicht auf einer Lichtung viele hohe Holzwachtürme. Auf jedem standen ameri­kanische Soldaten mit drohend auf die Gefangenen gerichteten Maschinengewehren. Als wir das sahen, mussten wir allen Mut zusammen nehmen. Der Stacheldraht war teilweise doppelt und mindestens drei Meter hoch. Wie sollten wir da den Volks­sturmmann Heinrich finden?

Sie saßen frierend auf dem schneenassen Boden

Näher als 20 Meter ließen uns die Bewacher nicht heran. Was wir erspähten, war unheimlich erniedrigend und bewies uns die Wahrheit der unserer Nachbarin heimlich zugesteckten Nach­richt. Die Aufseher schwirrten mit Maschinenpistolen bewaffnet zwischen der riesigen Schar der im Freien ausharrenden Gefan­genen umher. Sie selbst hatten eine Baracke und eine dampfen­de, große Küche. Die deutschen Soldaten erhielten nur einmal am Tag einen Blechnapf voll Brotwassersuppe. Hin und wieder gab es zwei oder drei Kekse. Viele von ihnen waren schwer krank und mussten durchnässt ohne Medikamente ausharren. Sie saßen oder lagen apathisch auf dem schneenassen und aufge­weichten Waldboden. Knöcheltief war der durch den Dauerre­gen und wieder durch Schneetreiben aufgeweichte Schlamm. Die Männer krabbelten verzweifelt auf allen Vieren oder schlie­fen ohne Decken. Etlichen hatte man ihre Militärjacken abge­nommen. Und diese Kälte! Sie waren wie eingepfercht. Manche Männer lehnten mit dem Rücken an den relativ wenigen Bäumen, wobei sie durch das herabtropfende Wasser noch nässer wurden. Einige stützten sich gegenseitig mit ihrem Rücken am Boden sitzend und schliefen. Wieder andere saßen auf ihren Händen. Musste einer seine Notdurft verrichten, so machte er dies dort, wo er gerade stand oder lag. Sie waren alle ausgepumpt und kraftlos. Jeder war auf eine andere Art oft ster­benskrank.

Wir konnten unserm Nachbarn zuwinken

Durch Zufall bekamen wir unseren Nachbarn zu Gesicht. Als wir uns von weitem durch den Stacheldraht bemerkbar machten, ging ein leises Raunen von einem zum anderen. Dann erbarmte sich einer der US-Soldaten. Der konnte nicht ertragen, wie unser kleiner Kurt weit außerhalb des Stacheldrahtes mit rotziger Nase, schreiend und weinend immer wieder rief: „Papa, Papa, Paapaaaa! Wo bist du? Komm heeeeeer!“ – Wir durften etwas näher an den Zaun herantreten. Das von der Mutter abgehungerte Mitbringsel wurde uns von den Amerikanern abgenommen. Es war allerdings schnell unter ihresgleichen aufgeteilt. Nur von weitem konnten wir dem Hein­rich zuwinken. Es ging ihm sehr schlecht. Er rief uns zu, dass er, so Gott will, durchhalten werde und die Essensrationen seien zu viel zum Sterben und zu wenig zum Leben. Mit versiegender Stimme rief er noch: „Die Amerikaner wol­len dieses Camp verlegen.“

Nun wurde er abgedrängt und wir winkten ihm nach, solange wir ihn noch sehen konnten. Innerlich total durcheinander, bestiegen wir unsere Drahtesel und setzten Kurt wieder auf meinen Ge­päckständer. Es ging wieder nach Hause, nach Rothenburg.

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Entnommen: Rudolf Markert „Und wenn’s mer noch so lumberd gett“, Selbstverlag Rothenburg 2005
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