Der Führer bat zum Totentanz – Heldentod im Untergang und in den Gefallenenanzeigen. Verführt, betrogen, elend gestorben und irgendwo begraben

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„Der Dichter Schmidt-Hausen stand vorne im Raum.                                                       Und neben ihm stand ein Lorbeerbaum.                                                                                 Er sagte Worte wie Morgenrot, Trompeten, Gleichschritt und Heldentod.                   Es war wirklich ein ganz nettes Gedicht –                                                                        Aber ach, gefallene Dichter schreiben nicht.“

Von Wolf Stegemann

Nie gab es im „Fränkischen Anzeiger“ in Rothenburg so viele Todesanzeigen wie seit Kriegsbeginn 1939. Ihre Texte waren höchst unterschiedlich, je nach religiösem oder politischem Standort der Angehörigen. Erst im Jahr 1944, als bereits feststand, dass der Krieg verloren war, ergriff die natio­nalsozialistische Propaganda auch den bis dahin verschonten Bereich der Todesanzei­gen: Sie durften von da an nur noch ge­normt, im Geiste des Nationalsozialismus und des propagierten Endsiegs, veröffentlicht werden. Zu der Zeit war die Herausgabe der Rothenburger Lokalzeitung kriegsbedingt schon eingestellt. Zuvor war in den Anzeigen neben dem Heldentod auch noch von Gott, der den Toten „in seine Barmherzigkeit“ geholt hat, und ähnliche Formulierungen zu lesen. Weiterlesen

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Wird Deutschland seine Seele retten?

Kriegsende-helmeEs ist eine furchtbare Prüfung, durch die Ihr durchgehen müsst, deutsche Menschen. Eine Prüfung ohne Muster und Beispiel in der Weltgeschichte. Nicht nur, dass Eure deutschen Armeen zerschlagen und gefangen sind, nicht, dass Eure blühenden Städte in Trümmern liegen, nicht, dass Millionen von Euch aus ihren verkohlten Wohnstätten vertrieben, obdachlos und hungrig über die Landstraßen wandern. Nicht in all’ diesem materiellen Elend – wie grauenhaft es auch ist – liegt die furchtbare Prüfung, der Ihr unterworfen seid. Dasselbe Elend, das Euch jetzt hohläugig durch Ruinen jagt, habt Ihr den anderen Völkern Europas kalten Herzens selbst bereitet. Und habt Euch nicht einmal umgesehen, nach dem Jammer, der Euer Werk war. Die Völker haben diesen Jammer überdauert. Auch Ihr werdet diesen Jammer überdauern. Unter einer einzigen Bedingung freilich: Dass Ihr Eure Seele rettet. Und dies ist die furchtbare Prüfung und die große Frage: „Wird Deutschland seine Seele retten?“

Alliiertes Nachrichtenblatt Nr. 2, 19. Mai 1945

 

 

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Alltag im besetzten Rothenburg. 1945 war für die einen das Jahr der Befreiung, der Niederlage für andere. Für alle war es ein Jahr der Not und der politischen Säuberung

Amerikanische Soldaten verteilen Lebensmittel (Foto: nicht Rothenburg)

Amerikanische Soldaten verteilen Lebensmittel (Foto: nicht Rothenburg)

W. St. – Für die, die das Kriegsende in Rothenburg ob der Tauber erlebt und überlebt hatten, begann nach der Besetzung der Stadt durch die Amerikaner am 17. April 1945 trotz aller Erleichterung und des Durchatmens eine schwere Zeit. Hans Wirsching, Rothenburgs damaliger Stadtamtmann, nannte in dem in dieser Online-Dokumentation viel zitierten Buch „Rothenburg ob der Tauber. Schicksal einer deutschen Landschaft“ (1950) das Befinden und Empfinden der Rothenburger mit dem treffenden Satz: „Denn nun wurde ihnen die harte Tatsache fühlbar, was es heißt, ein geschlagenes Volk zu sein.“ Man könnte diesen Satz so fortsetzen, dass diesem „geschlagenen Volk“ in diesen Tagen auch bewusst werden musste, wie die Deutschen mit den Bevölkerungen anderer Länder nach deren Besetzung umgegangen sind, was für diese wahrlich keine Befreiung war. Doch daran dachten in dieser Zeit weder die Deutschen in ihrer Gesamtheit noch die Rothenburger. Sie sahen nur ihr Leid und sprachen von sich als die „Opfer“. Wirsching weiter: „Der Bombenangriff vom 31. März 1945 und die Angst vor einem neuen Angriff mit nicht auszudenkenden Folgen hatte die seelische Kraft der hiesigen Einwohner nahezu völlig auf­gerieben. Jetzt kam eine neue Sorge, die Sorge um das tägliche Brot und die allgemeine Sicherheit.“ Weiterlesen

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Stadtratskandidaten der „Deutschen Gemeinschaft“ 1966 – Momentaufnahme einer rechts- und rückwärts ausgerichteten Partei: stolz auf Kriegseinsätze, zudem national und sozial

Parteizeitung vom 5. März 1966 - Ausgabe für Rothenburg ob der Tauber

Parteizeitung vom 5. März 1966 – Ausgabe für Rothenburg ob der Tauber

Von Wolf Stegemann

Die rechts ausgerichtete Partei „Deutsche Gemeinschaft“ (DG), die in den Nachkriegsjahren in Bayern, und vor allem in Rothenburg ob der Tauber großen Zulauf hatte, ist mittlerweile Geschichte. Ihr politisches Gedankengut ist in anderen Parteien aufgegangen und wird von diesen heute weit extremer vertreten. Die Deutsche Gemeinschaft war eine rückwärtsgerichtete Partei, rückwärtsgerichtet in die Jahre vor 1945. Daher vertraten Funktionäre zynisch, lautstark und letztlich erfolglos, dass Deutschland in den Grenzen von 1937 wieder seinen Platz im europäischen Geschehen souverän und unabhängig von Ost und West einnehmen sollte. Und dieses wenige Jahre nach den Verbrechen des nationalsozialistischen Deutschlands und weiterhin bis weit in die 1960er-Jahre hinein. Weiterlesen

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Deutsche Kriegsgefange drei Monate lang am Topplerweg – 500 Wehrmachtssoldaten, darunter 70 Offiziere, arbeiteten in der Landwirtschaft und räumten Trümmerschutt

Deutsche Kriegsgefangene bei der Arbeit

Deutsche Kriegsgefangene bei der Arbeit

Von Wolf Stegemann

Ab Mai 1945, nachdem die US-Amerikaner Rothenburg besetzt hatten, bis August des Jahres  bestand im ehemaligen Reichsarbeitsdienstlager im Bereich der heutigen Topplerschule ein Kriegsgefangenenlager für deutsche Soldaten. Belegt war das Lager mit 500 Soldaten, darunter 70 Offiziere. Verpflegt wurde sie aus deutschen Heeresbeständen, die von der amerikanischen Militärbehörde beschlagnahmt worden waren. Zusätzliche Verpflegung musste von der Stadt und vom Roten Kreuz gestellt werden. Die Gefangenen mussten arbeiten. Eingesetzt wurden sie in Kolonnen bei der Heu- und Kartoffelernte in den Dörfern des Bezirks rund um Rothenburg. In Rothenburg selbst mussten sie – organisiert als „Commando of the Camp of German Prisoners of War“ – den Schutt der Kriegszerstörungen räumen. Weiterlesen

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Was der Krieg hinterließ: Über die Spuren der Grete Fürst, verwitwete Schneider, verwitwete Babel. Eine zerstörte Familie – doch das Leben ging heilsam weiter

Grete Fürst, spätere Schneider / Babel, 1933 auf dem Frankentag am Hesselberg

Grete Fürst, spätere Schneider / Babel, 1933 auf dem Frankentag am Hesselberg; alle Fotos: Sammlg. Babel

Von Wolf Stegemann

Wer die Nachkriegszeit in Rothenburg erlebt hat, dem ist der Name Babel ein Begriff, wenn es galt, eine warme Wohnung zu haben. Die Babels handelten zuletzt in der Wenggasse mit Kohlen, Holz und Mineralölen und hatten einen eigenen Fuhrbetrieb. Die Kohlenhandlung Babel, das waren Ernst und Grete Babel. Deren Sohn ist heute der 1962 geborene Benjamin Babel. Die Kohlenhandlung gibt es schon lange nicht mehr. Benjamin Babel ist Journalist und auch Pressesprecher des historischen Festspiels „Der Meistertrunk“. Er erzählt die Geschichte seiner Familie. Weiterlesen

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Oberbürgermeister Friedrich Hörner – Er legte vor 70 Jahren das Fundament für Demokratie und Wiederaufbau der Stadt

^Fridrich Hörner mit der Bürgermeister-Kette

Oberbürgermeister Friedrich Hörner

Von Wolf Stegemann

In schwerster Zeit übernahm er die Verantwortung, um wieder aufzubauen, was andere eingerissen haben. Er tat es als Bürgermeister für seine Rothenburger, die, als sie noch braune Hemden trugen, ihn vor 70 Jahren aus dem Stadtrat vertrieben und sogar mit Schutzhaft belegten. Als von den Amerikanern 1945 eingesetzter Bürgermeister räumte er zwar die Straßen und politischen Verkantungen für ein Überleben frei, die seelischen Trümmer konnte er nicht wegräumen. Nach sieben Jahren musste er aufgeben, denn durch den wieder erstandenen politischen Rechtsruck in Rothenburg, wurde der SPD-Bürgermeister nicht mehr gewählt. Nur kurze saß er nach 1952 im Stadtrat noch mit denen zusammen, die einst zu seinen Verfolgern gehörten. Er starb 1954. Die Rede ist von Friedrich Hörner. Weiterlesen

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