Stadtratskandidaten der „Deutschen Gemeinschaft“ 1966 – Momentaufnahme einer rechts- und rückwärts ausgerichteten Partei: stolz auf Kriegseinsätze, zudem national und sozial

Parteizeitung vom 5. März 1966 - Ausgabe für Rothenburg ob der Tauber

Parteizeitung vom 5. März 1966 – Ausgabe für Rothenburg ob der Tauber

Von Wolf Stegemann

Die rechts ausgerichtete Partei „Deutsche Gemeinschaft“ (DG), die in den Nachkriegsjahren in Bayern, und vor allem in Rothenburg ob der Tauber großen Zulauf hatte, ist mittlerweile Geschichte. Ihr politisches Gedankengut ist in anderen Parteien aufgegangen und wird von diesen heute weit extremer vertreten. Die Deutsche Gemeinschaft war eine rückwärtsgerichtete Partei, rückwärtsgerichtet in die Jahre vor 1945. Daher vertraten Funktionäre zynisch, lautstark und letztlich erfolglos, dass Deutschland in den Grenzen von 1937 wieder seinen Platz im europäischen Geschehen souverän und unabhängig von Ost und West einnehmen sollte. Und dieses wenige Jahre nach den Verbrechen des nationalsozialistischen Deutschlands und weiterhin bis weit in die 1960er-Jahre hinein.

Rechtsruck im Rothenburger Stadtrat schon in den 1950er-Jahen

Herausgeber August Haußleiter  um 1950

Herausgeber August Haußleiter um 1950

Diese politische Gangart der DG mit dem Fokus auf Rothenburg gerichtet, lässt sich beispielhaft an einem Dokument nachvollziehen, das die Parteileitung in München am 5. März 1966 herausgegeben hat. Es ist die im 17. Jahrgang erschienene DG-Parteizeitung mit dem langen Namen „Deutsche Gemeinschaft und Freie Nation. Wochenzeitung für gesamtdeutsche Unabhängigkeit“, herausgegeben vom Parteichef August Haußleiter. Diese Ausgabe, die in Rothenburg als Postwurfsendung vom Briefträger in allen Haushalten verteilt worden war,  ist vornehmlich der Rothenburger Stadtratswahl von 1966 und den von der „Deutschen Gemeinschaft“ nominierten Rothenburger Lokalpolitikern und einigen Sichtweisen der Partei auf Rothenburger Rathaus-Verhältnisse gewidmet. Zu diesem Zeitpunkt hieß die Partei schon seit fer BUndestagswahl 1965 “Aktiongemeinschaft  Unabhängiger Deutscher”. In Rothenburg aber blieb es bei “Deutsche Gemeinschaft”.
Die Darstellung und Analyse jener Parteizeitung vom 5. März 1966 ist eine Momentaufnahme, die u. a. zeigt, dass nach wie vor in Rothenburg ein relativ starkes rechts-politisches Gedankenpotential bestand. Dieser Rechtsdrall festigte sich im Stadtrat schon 14 Jahre früher, als 1952 etliche frühere NSDAP-Ortsgruppenleiter und NS-Funktionäre wie Wobst, Schmidt, Zidan für die DG wieder in den Stadtrat gewählt wurden. Vorneweg mit den meisten Stimmen der früherer NS-Bürgermeister Dr. Schmidt für die DG. Im vorangegangenen Wahlkampf hatte die Deutsche Gemeinschaft ihn sogar als Bürgermeister nominiert und wieder zurückgezogen, als der Rechtsblock anderer Ratsparteien  Ratsparteien mit Hermann Ulmer einen anderen Kandidaten aus Nürnberg aufstellten, der dann doch nicht Bürgermeister wurde.

Stolz auf Beteiligung an Kriegseinsätzen vornehmlich im Osten

Vorstellung der Kandidaten (Ausriss)

Vorstellung der Kandidaten (Ausriss)

Um an dieser Stelle noch einmal zu verdeutlichen, in welcher Rechtslastigkeit der Stadtrat agierte, sei daran erinnert, dass der Stadtrat 1955 einstimmig eine Straße nach einem hochrangigen Nationalsozilisten, dem NS-Ministerpräsidenten Siebert, wieder benannt hatte. Die Straße hieß bis 1945 so. Dann musste sie auf Anordnung der Amerikaner umbenannt werden. Kaum waren die Amerikaner weg, bekam sie wieder ihren alten Namen. Bis 2015 weigerte sich der Stadtrat trotz sporadischen Anregungen und Protesten aus der Einwohnerschaft beharrlich, die Straße anders zu benennen. Bei der Lektüre der oben erwähnten Zeitung mit den bebilderten Artikeln über die Deutsche Gemeinschaft im Rothenburger Stadtrat fällt auf, dass in den Kurzbiografien der älteren für die Stadtratswahl 1966 nominierten DG-Mitgliedern deren Soldatenzeit im Kriegt mit Dienstgrad und Einsatzorten und anschließender Gefangenschaft oder Internierung mit Stolz genannt wird, als wäre dies neben ihrer Tätigkeit als Geschäftsleute, Handwerker, Arbeiter oder Beamte eine Auszeichnung. Dies gilt auch für den, dessen Schwiegervater in Stalingrad gefallen war. 1966 waren Verbrechen der Wehrmacht in den besetzten Gebieten zwar noch nicht so bekannt wie heute, doch die, die im Krieg waren, wie etliche der hier genannten DG-Stadtratskandidaten, wussten aus eigenem Erleben um die Verbrechen der Wehrmacht. So wird über Rolf Oerter (verstorben 2015) geschrieben, dass er mit seinem ganzen Dasein und in seinem politischen Wollen die Kriegsgeneration verkörpere. Oerter hatte sich 1942 als 19-Jähriger freiwillig zum Kampf im Osten gemeldet. Ein anderer Kandidat wird als „deutscher Soldat“ vorgestellt, wieder ein anderer als „Frontsoldat“. Ein pensionierter Oberstudienrat am der Oberrealschule wird als rüstiger Pensionär vorgestellt, der die Erfahrung als Soldat in zwei Weltkriegen mit in die Politik der DG bringe, 1919 die Spartakisten bekämpft hatte und er somit „im neuen Stadtrat eine wertvolle Kraft“ wäre.

DG-Zeitung „politischer Offizier“ unter den nationalen Zeitungen

Warst Du auch im Krieg? (Symbolbild)

Warst Du auch im Krieg? (Symbolbild)

Natürlich machte die Deutsche Gemeinschaft auch in dieser Ausgabe für sich und ihre politischen Ziele Werbung, wobei die Parteizeitung „Deutsche Gemeinschaft und Freie Nation“ ein wichtiges Bindeglied zwischen Lesern, Wählern und der Partei sei. So steht es in einem Werbeartikel in der hier besprochenen Ausgabe von 1966. Der Herausgeber versteigt sich dabei sogar in der Selbsteinschätzung, dass das Parteiblatt für „Leser mit wenig Zeit die Tageszeitung ersetzen oder ergänzen“ könne. Aber auch in der Werbung fehlt der Stolz auf das hitlersche deutsche Soldatentum nicht, weil sich der Herausgeber darüber freut, dass sein Parteiblatt als „politischer Offizier“ unter den nationalen Zeitschriften von heute bezeichnet wurde. Dazu der Herausgeber: „In der Tat sind wir ein wenig stolz darauf, hohe Ansprüche an unsere Leser zu stellen!“

DG: Deutscher Arbeiter ein „Zahlsklave der westlichen Welt“

Frühes Plakat der DG

Frühes Plakat der DG

Auf den Seiten mit den überregionalen Themen wird das Ende der NATO festgestellt, das „Bonn verschlafen“ hätte, dann wird kolportiert, dass der amerikanische Verteidigungsminister MacNamara deutsche Soldaten in den Dschungel von Vietnam schicken will, dass sich Frauen in Deutschland des Fräuleinwunders ein Beispiel nehmen sollten an der Zurückhaltung, „Schönheit und Sauberkeit“ der Frauen auf Hawaii. Kritisiert wird auch die „Schuldenpolitik in Bonn“, wo Milliarden unnütz ausgegeben werden, wie bei der Agrarfinanzierung der EWG In Brüssel (Europäische Wirtschaftsgemeinschaft, Vorläufer der EU), Entwicklungshilfe für Südvietnam, verstärkte Rüstungskäufe in den USA und „Wirtschaftshilfe für Israel“. Das alles, so die Zeitung, mache den „deutschen Arbeiter zum Zahlsklaven der ganzen westlichen Welt“. Als Fazit ist dann zu lesen: „Es wird Zeit, dass das deutsche Volk hier Wandel schafft. Sonst gehen die Schuldigen an dieser Entwicklung wieder in die innere und äußere Emigration, überlassen die Bauern, die Handwerker, die Arbeiter und den Mittelstand sich selbst und wenn dann das deutsche Volk verzweifelt vor dem Scherbenhaufen steht, dann wird es von denen, die es in die Lage gebracht haben, auch noch als Verbrechernation beschimpft.“
Wer in diesen unsäglichen Zeilen von 1966 als Emigranten gemeint sind, lässt sich unter Zuhilfenahme anderer Aussagen der Partei feststellen: Das sind alle jene, die 1933 emigrieren mussten. Sie hätten vor 1933 den Scherbenhaufen angerichtet und seien dann geflüchtet. Die DG personifizierte dieses politische Statement vor allem an der Person des SPD-Vorsitzenden und späteren Bundeskanzlers Willy Brandt.

Rolf Oerter kritisiert Wiedergutmachungszahlungen an Israel

LIteratur über die DG

LIteratur über die DG

In einigen Artikeln widmet sich das Blatt kritisch Rothenburger Themen. Der Rothenburger DG-Stadtrat Rolf Oerter wirft dem Staat falsche Ausgabenpolitik vor. Daher seien Rothenburg und andere Gemeinden in Finanznot geratend. Er kritisiert die Hilfe für Israel, sinnlose Rüstungskäufe und die Entwicklungshilfe. „Es ist kein Geld mehr da…“ für den Bau der Kanalisation und ein Schulhaus, in dem Volksschule und Realschule gemeinsam untergebracht würden, und spricht von politischem Offenbarungseid und dem „Eingeständnis“ der Regierung, dass deren Finanzpolitik „in die Pleite geführt  hat“.
Ein weiteres Thema ist das damalige Vorhaben der CSU („einschließlich ihrem Anhängsel, den Freien Rothenburgern“) im Stadtrat, mit der französischen Stadt Carcassonne, dem „französischen Rothenburg“, eine Partnerschaft einzugehen. Die Deutsche Gemeinschaft wollte lieber eine Deutsch-Deutsche Städtepartnerschaft mit der Stadt Wittenberg in der DDR. Das lehnte die CSU ab mit dem Hinweis, dass das Kommunisten seien. Die DG kritisierte daraufhin die CSU, ob sie denn wisse, dass Carcassonne eine „Kompakte kommunistische Stadtratsfraktion“ habe und die Kommunisten „in der dortigen Stadtregierung einiges zu bestimmen“ hatten. Ein Hindernis für die französische Partnerschaft sah die DG-Stadtratsfraktion darin, dass man dann einen Dolmetscher bräuchte.

DG-Ironimus wirf den anderen Stadtratsfraktionen Kungelei vor

Aus der Sicht der DG-Fraktion im Stadtrat beschreibt ein „Ironimus“ unter dem Titel „Wählst du meinen Haag, dann wähl’ ich deinen Emmerling – Parteien und Fraktionen im Rothenburger Rathaus“ die Fraktionspolitik. Bei der Stadtratswahl 1960 wählten 20 Prozent der Rothenburger die „Deutsche Gemeinschaft“. Da sich die Fraktionen nicht einigen konnten, ist da zu lesen, hätten sie sich auf drei Bürgermeister geeinigt. Der Erste, Oberbürgermeister Alfred Lederteil (SPD) wurde von den Einwohnern gewählt, die Bürgermeister vom Rat: Wilhelm Haag von den „Freien Rothenburgern“ als Nr. 2 und Michl Emmerling von der SPD als Nr. 3.  als Nummer 3.

Dann beschreibt „Ironimus“ mit wohl Insiderkenntnissen Kungeleien zwischen der CSU-Fraktion und den „Freien Rothenburgern“ (RFV sic?), was auch von der „Süddeutschen Zeitung“ aufgegriffen wurde. Wegen einer „unschönen Affäre“ musste der Spitzenkandidat der Freien Rothenburger ausscheiden und für ihn sei ein CSU-Mitglied nachgerückt. „Freie Rothenburger“ hätten sich zu „CSU-lern gemausert“, ist zu lesen: Es werden Namen genannt: Bürgermeister Haag, die Stadträte Schaumann und Schüchner. So hätte die RFV-Fraktion (eigentlich Freie Rothenburger Wählervereinigung, FRW) eine CSU-Gruppe in ihrer Fraktion gehabt, was dann zur Folge hatte, wie „Ironimus“ schrieb, dass die Fraktion de facto zwei Vorsitzende hatte: „Offiziell Stadtrat Gehringer, inoffiziell Stadtrat Schaumann als Haupt der CSU-Gruppe.“ So bezeichnete „Ironimus“ die Freien Rothenburger von 1966 als ein „Lehrschwimmbecken für die örtliche CSU-Größen“.

Die Kandidatenliste der Deutschen Gemeinschaft

Johann Kreutzer, Hermann Pehl, Wilhelm Knausenberger, Friedrich Reichel (v. l.)

Johann Kreutzer, Hermann Pehl, Wilhelm Knausenberger, Friedrich Reichel (v. l.)

1966 kandidierten für den Rothenburger Stadtrat 19 Mitglieder der „Deutschen Gemeinschaft“, die in der Wahlwerbe-Zeitung mit Texten und Bildern vorgestellt wurden. Das Durchschnittsalter betrug 43 Jahre. Dazu die Partei selbst: „Die DG verkörpert die Zukunft Rothenburgs.“ – Wir bringen hier zusammengefasste und zitierte Auszüge aus den in der DG-Zeitung vorgestellten Biografien in der vorgegebenen Reihenfolge. Über ihre Mitgliedschaften und Funktionen in der NSDAP bis 1945 wird hier nicht berichtet.

Rolf Oerter (43)
Er ist der Spitzenkandidat und Listenführer der Partei. „Rolf Oerter verkörpert die Kriegsgeneration in seinem Dasein, in seinem politischen Wollen, er versteht sich als ihr Repräsentant.“ Seit 1952 gehörte er der Partei an, wurde deren Landesvorsitzender und 1960 in den Stadtrat gewählt und war Obmann seiner Fraktion.

Johann Kreuzer (45)
Er repräsentierte die Arbeiterschaft und gehörte als Nachrücker dem Stadtrat an. Er entstammte einer Bauernfamilie aus Siebenbürgen, wurde 1941 „deutscher Soldat“, war in Gefangenschaft, arbeitete 1953 wieder in der Landwirtschaft und ab 1962 in der AEG. In der „Chorgemeinschaft 1902“ war er ein eifriger Sänger und ebenso engagiert in der Landsmannschaft der Siebenbürger.

Wilhelm Knausenberger (49)
Der „Herrnmüller“ war 1944/45 Soldat, arbeitet dach 1945 als Müller und Landwirt, wurde 1953 Obermeister der Müllerinnung und gehörte dem Stadtrat seit 1960 an, wo er das in seiner Fraktion das Handwerk und die Landwirtschaft vertrat. In der Partei war er seit 1955.

Hermann Pehl (46)
Seit 1953 niedergelassener Rechtsanwalt und Mitglied des Aufsichtsrats der Volksbank Rothenburg. „Der berufliche Werdegang wurde unterbrochen durch seine Dienstzeit als Soldat 1940-45; als Panzerartillerist diente er an der Ostfront.“ Nach einer halbjährigen Gefangenschaft arbeitete er in der Landwirtschaft und beendete sein Jura-Studium mit Befähigung zum Richteramt. Die Amerikaner hatten ihn in unmittelbarer Nachkriegszeit als ungeeignet für den politischen Neuaufbau erklärt, da er Rottenführer in der Hitlerjugend war und nationalsozialistische Gesinnung zeigte. Als die CSU ihn dennoch für politische Aufgaben gewinnen wollte, habe er abgelehnt und sich 1960 der Deutschen Gemeinschaft angeschlossen. 1964 stellte die Partei ihn zum Landratskandidaten  auf. Mit 25 Prozent aller Stimmen unterlag er dem Gegenkandidaten.

Leonhardt Kerndter (69)

Leonhard Kerndter, Arnold Rösch (v. l.)

Leonhard Kerndter, Arnold Rösch (v. l.)

Der freischaffende Architekt wurde bereits 1960 in den Stadtrat gewählt und diente seiner DG-Fraktion als Bausachverständiger.  Er „war im Krieg Frontsoldat (Südosten).“ Nach 1945 war er in der Planung des Wiederaufbaus der Stadt beteiligt und vor dem Krieg zeitweise Vorsitzender des Rothenburger Künstlerbundes, Ausschussmitglied im Verein Alt-Rothenburg und Tilly-Darsteller im Historischen Festspiel „Der Meistertrunk“.

Friedrich Reichel (36)
Als gelernter Kaufmann war er Geschäftsführer eines Reisebüros in Rothenburg, zudem als aktiver Musiker bekannt. Der Solocellist spielte bei den „Hans-Sachsern“ in der Kapelle des Historischen Festspiels, im Kammermusikkreis und leitete des Kirchenchor Heilig-Geist. „Friedrich Reichel ist verheiratet mit der Tochter eines vor Stalingrad gebliebenen Nürnberger Pfarrers…“ In die Deutsche Gemeinschaft trat er bereits frühzeitig ein, war zudem auch aktives Mitglied in der Deutschen Angestellten-Gewerkschaft (DAG).

Arnold Rösch (30)
Versicherungsangestellter und ebenfalls DAG-Mitglied. Er stammt aus einer alten Steinmetz-Familie in Rothenburg, war aktiver Fußballer und Mitglied des 1. FC Rothenburg sowie Erster Tenor  beim Gesangverein „1842-Eintracht“.

Heinrich Held, Stefan Weingärtner, Günther Göllinger, Erich Maul (v. l.)

Heinrich Held, Stefan Weingärtner, Günther Göllinger, Erich Maul (v. l.)

Stefan Weingärtner (37)
Der aus Siebenbürgen stammende Bauschlosser wollte „kein ewiger Flüchtling“ bleiben und fand daher in der „Deutschen Gemeinschaft“ eine politische Heimat. Daher kritisierte er auch, dass für die Stadtratswahl 1966 wieder eine Separatliste für Flüchtlinge und Vertriebene aufgestellt wurde.

Heinrich Held (67)
Über 14 Jahre lang war der 1964 pensionierte Oberstudienrat an der Rothenburger Oberrealschule tätig. „Bereits im ersten Weltkrieg dienste (er) als Infanterist an der Westfront. Im Freikorps Epp hat er im Frühjahr 1919 mitgeholfen, die Landeshauptstadt München von der Spartakistenherrschaft zu befreien. 1939/40 und 1943 bis 1945 war er wieder Soldat, diesmal bei der Luftwaffe. Drei Jahre Kriegsgefangenschaft schlossen sich an.“ Und weiter heißt es: „Heinrich Held bringt die Erfahrungen seiner Generation, die zwei Generationen durchstehen musste, in die Politik mit…“

Erich Maul (30)
Der Angestellte bei den Städtischen Werken war in Rothenburg als Handballer und langjähriger Jugendleiter des TV 1861 bekannt. „Besonders verdient machte er sich in dieser Position dadurch, dass es ihm immer wieder gelang, auch Mannschaften aus der DDR und dem Ostblock für die Turniere zu gewinnen.“ Seit 1954 gehörte er der Partei an, später trat er der NPD bei.

Emil Glöckner (50)
Seine Familie wurde aus dem Sudetenland vertrieben. Der Textilingenieur war während des Krieges „erst Werkspolizist und dann im Baudienst der Wehrmacht.“ In Holstein wurde Emil Glöckner 1946 aus der Internierung (!) entlassen. Danach folgten Jahre in der Landwirtschaft und im Kalkwerk Diebach. 1949 heiratete er in Insingen und war seit 1955 Angestellter im Hotel „Zum Bären“. Der Partei gehörte er als langjähriges Vorstandsmitglied an.

Emil Glöckner, Alois Karlowsky, Rudolf Leopold, Franz Bernhauser (v. l.)

Emil Glöckner, Alois Karlowsky, Rudolf Leopold, Franz Bernhauser (v. l.)

Karl Philipp (37)
Schreiner in Detwang, verheiratet, war ein großer Naturfreund, passionierter Wanderer und Heimatforscher. Mehr über ihn steht nicht in der Kandidaten-Vorstellung, nur noch, dass er einen schweren und unverschuldeten Unfall hatte.

Robert Lassauer (28)
Der Postschaffner war „verheiratet mit einer Südtirolerin“. Der Malerlehre im elterlichen Betrieb und der Arbeit als Geselle „folgte die Dienstzeit als Fallschirmjäger bei der Bundeswehr“. Danach ging er als Facharbeiter zur Post und wurde 1965 Beamter. In der Partei war er seit 1955 tätig.

Franz Bernhauser (47)
Aus dem Böhmerwald stammend, wurde der gelernte Friseur bereits 1939 Soldat und heiratete 1940 eine Rothenburgerin, zu der er 1945 aus dem Krieg zurückkehrte. Nachdem er noch seinem Beruf als Friseur nachging, wechselte er als Bauhelfer zum Bau. Bis 1964 war er Mitglied der SPD, zuletzt Kreiskassierer. „Dann wechselte er aus Überzeugungsgründen zur Deutschen Gemeinschaft, weil er, enttäuscht vom opportunistischen Kurs seiner alten Partei, nur in der DG die neuen nationalen und sozialen Ideen (!) verkörpert sieht.“

Günther Göllinger (42)
Über den Schreinermeister ist zu lesen: „Als Soldat im Osten wurde er mehrfach ausgezeichnet und mehrmals verwundet. Aus russischer Gefangenschaft kehrte er erst im Januar 1950 heim.“ Er legte die Meisterprüfung ab und machte sich 1957 selbstständig und war sei 1965 zudem bei der AEG beschäftigt.

Rudolf Krafft (31)
Mühlenbauer aus Tauberzell. Seinen Beruf übte er „teils in der Fremde“ aus. Seit 1965 arbeitete der mittlerweile in Steinbach verheiratete Rudolf Krafft als Prüfer bei der AEG und übte nebenher Landwirtschaft aus.

Alois Karlowsky (56)
In seiner sudetendeutschen Heimat war er bei den deutschen Turnern. „In der tschechischen Armee musste er zwei Jahre Dienst ableisten. Ab 1939 bis zum Kriegsende war er Soldat der Wehrmacht im Osten.“ Nach 1945 war er mehrere Jahre als Drogist in Stuttgart tätig. Später heiratete er eine Rothenburgerin und war als Buchhalter in einer Rothenburger Baufirma tätig.

Klaus-Dieter Jürgensen, Karl Philipp, Robert Lassauer, Rudolf Krafft (v. l.)

Klaus-Dieter Jürgensen, Karl Philipp, Robert Lassauer, Rudolf Krafft (v. l.)

Klaus-Dieter Jürgensen (25)
Er war der jüngste Kandidat auf der DG-Liste. Der gebürtige Nürnberger wurde während des Krieges in den Landkreis Rothenburg evakuiert und wohnte seit 1953 in der Stadt. Er arbeitete als Handelsvertreter in der Papierbranche, leistete den Wehrdienst bei der Bundeswehr ab und war danach in der Preiser`schen Kleinkunstwerkstätte in Steinsfeld tätig.

Rudolf Leopold (52)
In seiner sudetendeutschen Heimat war er Mitglied im „Deutschen Turnerverband“ und in der volkstreuen Jugendbewegung. Leopold absolvierte die Staatsfachschule für Porzellanindustrie und arbeitete in Frankreich als Modelleur der Kunstkeramik. „Die zwei Jahre Wehrdienst in der tschechischen Armee hatten ihm keine Freude bereitet.“ 1938 gehörte er dem Sudetendeutschen Freikorps an. Er ergriff die aktive Offizierlaufbahn in der Deutschen Schutzpolizei und zog in den Krieg. „Zuletzt führte er eine südtiroler Polizeischikompanie bei Einsätzen in Italien und dem Balkan. …  Nach dem Krieg wollten ihn die Engländer der ,Umerziehung’ unterwerfen, weshalb sie ihn über drei Jahre in einem Gefangenenlager in der ägyptischen Wüste festhielten. Das letzte Jahr dieser Zeit freilich hatten die Briten „das Nutzlose ihres Versuches eingesehen…“ 1951 trat er wieder in den Polizeidienst, diesmal als Sportlehrer an der Rothenburger Polizeischule.

Ergebnis der Wahl für die DG: Nur Oerter und Pehl im Stadtrat 

Wahlergebnisse der Kandidaten: Gewählt wurden – anstatt bisher vier DG-Kandidaten – nur noch zwei, nämlich Rolf Oerter und Hermann Pehl. Vermutlich lag es an den Wirrungen, welche der Parteivorsitzende August Haußleiter durch Änderung des Parteinamens 1965 von „Deutscher Gemeinschaft“ auf „Aktiongemeinschaft  Unabhängiger Deutscher“ (AUD), entstanden ist, die dann später als Mitbegründerin in den „Grünen“ aufging. In Rothenburg blieb es vorerst beim Namen „Deutsche Gemeinschaft“, was die Parteienlandschaft der AUD bzw. DG noch mehr durcheinander brachte. (Das muss ich noch verifizieren!).

Siehe auch:
Für den NS-Bürgermeister Friedrich Schmidt gab es 1945 kaum eine Zäsur. Er blieb seiner Gesinnung treu und saß 1952 wieder im Stadtrat – für die rechte „Deutsche Gemeinschaft“

Deutsche Gemeinschaft: Rechtsradikale Partei nach dem Krieg im Stadtrat stark vertreten. Parteigründer Haußleiter gründete immer wieder neue Parteien – von rechts bis zu den Grünen

Rolf Oerter begann als Pimpf und erlebte das Kriegsende im kalten Sibirien. „Wir waren alle begeistert“ – Ein irrer Traum, der im Trümmermeer endete

 

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