Was der Krieg hinterließ: Über die Spuren der Grete Fürst, verwitwete Schneider, verwitwete Babel. Eine zerstörte Familie – doch das Leben ging heilsam weiter

Grete Fürst, spätere Schneider / Babel, 1933 auf dem Frankentag am Hesselberg

Grete Fürst, spätere Schneider / Babel, 1933 auf dem Frankentag am Hesselberg; alle Fotos: Sammlg. Babel

Von Wolf Stegemann

Wer die Nachkriegszeit in Rothenburg erlebt hat, dem ist der Name Babel ein Begriff, wenn es galt, eine warme Wohnung zu haben. Die Babels handelten zuletzt in der Wenggasse mit Kohlen, Holz und Mineralölen und hatten einen eigenen Fuhrbetrieb. Die Kohlenhandlung Babel, das waren Ernst und Grete Babel. Deren Sohn ist heute der 1962 geborene Benjamin Babel. Die Kohlenhandlung gibt es schon lange nicht mehr. Benjamin Babel ist Journalist und auch Pressesprecher des historischen Festspiels „Der Meistertrunk“. Er erzählt die Geschichte seiner Familie.

Grete Fürst und ihr Bruder Georg Johann Fürst 1924

Grete Fürst und ihr Bruder Georg Johann Fürst 1924

Georg Fürsts „Badonviller Marsch“ (Badenweiler) jetzt 100 Jahre alt

Die Mutter Grete entstammt einer prominenten Musikerfamilie, deren Anfänge in Feuchtwangen in Mittelfranken liegen und die sich zu einer wahren Musikanten-Dynastie entwickelte. Gegen Ende des 19. Jahrhunderts fasste Grete Babels Großvater Wilhelm Simon Fürst (1848-1911) in Rothenburg Fuß und wurde 1872/73 städtischer Musikmeister (Kapellmeister) und Türmer. Er erwarb das Haus in der Paradeisgasse 6 und machte daraus das „Musikmeisterhaus“. Neben seinen vielfältigen beruflichen Verpflichtungen, komponierte und dirigierte Wilhelm Fürst unter anderem das Festspiel-Melodram zu Adam Hörbers 1881 erstmals aufgeführten Historischen Festspiel „Der Meistertrunk“. Dessen Bruder Georg Fürst war Militärmusiker in München und Komponist von schneidigen Märschen, denen er jeweils die Orts- bzw. Kommandeursnamen gegeben hatte, die mit seinen Kompositionen in Verbindung standen. Der Badonviller-Marsch (später durch das Regime an Badenweiler-Marsch eingedeutscht) wurde 1914 für das Königlich Bayerische Infanterie-Leibregiment komponiert. Badenweiler ist die deutsche Bezeichnung des lothringischen Dorfes Badonviller, nicht zu verwechseln mit der Gemeinde Badenweiler in Baden. Der Titel erinnert an das Gefecht vom 12. August 1914 bei Badonviller. Der „Badenweiler“ war Adolf Hitlers Lieblingsmarsch und wurde als dessen Auftrittsmarsch verwendet. Nach der Polizeiverordnung gegen den Missbrauch des Badenweiler Marsches vom 17. Mai 1939 durfte der Badenweiler-Marsch „nur bei Veranstaltungen, an denen der Führer teilnimmt, und nur in seiner Anwesenheit öffentlich gespielt werden“. Als im September 1933 SA-Stabschef Ernst Röhm zusammen mit Heinrich Himmler (SS) Rothenburg besuchte, wurde noch der „Badenweiler“ gespielt. Vermutlich war dies das letzte Mal, dass der Badenweiler Marsch in Rothenburg gespielt wurde. Die Amerikaner verboten das Spielen des Lieblingsmarsches Hitlers nach 1945. Bis heute wird er von Bundeswehr- und Polizeimusikkorps nicht gespielt. Den zivilen Bereich betrifft dieses Verbot nicht. Dennoch wird der Marsch von deutschen Blaskapellen, wenn überhaupt, nur in seltenen Fällen aufgeführt. In Filmen über die NS-Zeit oder in zeitgenössischen Darstellungen ist der Marsch dagegen oft als Begleitmusik bei Auftritten Hitlers zu hören.

Hans Lorenz Fürst,  städtischer Musikmeister in Rothenburg 1912

Hans Lorenz Fürst, städtischer Musikmeister in Rothenburg 1912

Die Fürsts schwangen den Taktstock in der Städtischen Musikkapelle

Die Musikanten-Linie setzte sich fort. Grete Babels Vater Hans Fürst (1887-1918) war als Kapellmeister ebenfalls städtischer Musikmeister in Rothenburg ob der Tauber. Verheiratet war er mit Karoline Hörber. Das Ehepaar hatte drei Kinder, von denen allein Grete (1917-2011)  überlebte. Hans Fürst war Schüler an der Königlichen Musikschule Würzburg und übernahm 1912 als Nachfolger seines Vaters die Stelle als städtischer Musikmeister. Hans Fürst dirigierte – wie auch sein Vater – im Historischen Festspiel „Der Meistertrunk“ und wurde Chormeister der Rothenburger Liedertafel „Lyra“. Noch während Hans Fürst im Ersten Weltkrieg an der Front stand, starb zuhause sein zweiter Sohn im Kindesalter von fast zwei Jahren. Aus dem Ersten Weltkrieg kehrte Hans Fürst todkrank zurück. Er starb 1918 gleich nach Ankunft in Rothenburg an den Folgen des Krieges mit 31 Jahren in den Armen seiner Frau an Herzlähmung. Grete Fürst und ihr Bruder Georg wuchsen ohne Vater auf. Sie besuchte die Luitpoldschule, danach die Gewerbeschule, erlernte das Schneiderhandwerk und legte die Meisterprüfung ab. Nebenbei nahm sie im Festspiel von 1931 bis 1934 als Sängerin und von 1935 bis 1938 als des Kellermeisters Töchterlein Anna teil. Ihr Bruder war später Hauptmann der Luftwaffe und fiel wenige Tage vor Kriegsende, am 22. April 1945 in Pulsnitz bei Dresden.

Grete Fürst, verheiratete Schneider, mit ihren Bruder Georg 1942

Grete Fürst, verheiratete Schneider, mit ihren Bruder Georg 1942

Im selbst genähten Brautkleid Richard Schneider geheiratet

Grete Fürst blieb während der nationalsozialistischen Zeit in Rothenburg, ging zum Arbeitsdienst und für kurze Zeit in die Munitionsanstalt Oberdachstetten. Sie  lebte das sicherlich glückliche Leben einer jungen Frau, gleich welches Regime herrschte. Sie lernte den kaufmännischen Angestellten Richard Schneider (1915 bis 1944) aus Mannheim kennen, der im Lager des Reichsarbeitsdienstes (RAD) am Topplerweg stationiert war. Im Krieg kämpfte er in Polen und Frankreich sowie in Ostende, wo der Oberleutnant zur Frontabschnittssicherung in Knokke eingesetzt war.

Die beiden heirateten 1943. Grete trug natürlich ein selbstgeschneidertes Brautkleid. Wie aus seinen Feldpost-Briefen an seine Frau in Rothenburg hervorgeht, hatte er wie so viele seiner Kameraden bis zu seinem Ende an den Endsieg Hitlers geglaubt. Richard Schneider fiel im Krieg nach der Invasion der Alliierten 1944 in Awelgem/Flandern. Er liegt auf dem Soldatenfriedhof in Lommel begraben. Vom Tod ihres Mannes wurde Grete erst im Oktober 1945 in Kenntnis gesetzt. Ihr Mann hatte ihr einen Trommelrevolver überlassen. Sie benutzte ihn nicht, sondern versteckte ihn an einer Friedhofsmauer auf dem Land. 2008 fragte sie ihren Sohn Benjamin, ob denn der Revolver dort noch liegen könnte. Benjamin zuckte mit den Schultern. Er suchte ihn nicht.

Wohnung in der Paradeisgasse

Wohnung in der Paradeisgasse

Tete-a-tete am Markusbrunnen, dann Hochzeit mit Ernst Babel

Bei der großen Bombardierung der Stadt am 31. März wurde auch ihr Haus in der Paradeisgasse weggebombt. Sie wohnte mit ihrer Mutter in zwei Zimmern in der Hofbronnengasse 11, nähte und entwarf Kleider für die gehobene Gesellschaft Rothenburgs und hielt sich und Ihre Mutter mit dieser Arbeit über Wasser. Drei Wochen später rückten die Amerikaner ein, für Rothenburg und Grete Schneider war der Krieg aus, der sie zur Witwe machte. Sieben Tage später fiel auch ihr Bruder bei Dresden. Die Nachkriegszeit normalisierte sich langsam.

Es ging wieder aufwärts – geschäftlich wie gesellschaftlich

1947 trat ein neuer Mann in ihr Leben: Ernst Babel, der aus der Kriegsgefangenschaft zurückgekehrt war. Dessen Vater, Georg Babel, war ein weit über die Grenzen Rothenburgs hinaus bekannter Unternehmer und bis in die fünfziger Jahre hinein ein bekannter Kohlen- und Ölhändler sowie Mitgründer der im Januar 1946 gegründeten CSU-Ortsgruppe. Grete und Ernst kannten sich von Kindheit an und lernten sich jetzt lieben. Am Markusbrunnen trafen sie sich zum Tête-à-Tête und heirateten 1948; wieder  in einem selbst genähten Hochzeitskleid.

Ernst Babel war ein Zupacker. Erst baute er das Haus in der Paradeisgasse wieder auf, dann den Kreuzershof in der Millergasse und eröffnete dort den bereits erwähnten Kohlen-, Holz- und Mineralölhandel G. Babel & Sohn mit eigenem Fuhrbetrieb. Grete beschäftigte sich mit den Plänen zu einem eigenen Modegeschäft. Es ging aufwärts – geschäftlich wie gesellschaftlich. Die nationalsozialistische Vergangenheit und der Krieg schienen überwunden zu sein. Waren sie das?

So fing nach dem Krieg wieder alles an: v. l. Ernst Wilhelm Babel, Grete Babel

So fing nach dem Krieg wieder alles an: Ernst Babel (l.), Grete Babe (Mitte)

Sie hatte Hitler nie glorifiziert, doch sie schwärmte von der Hitlerjugend

Benjamin Babel erinnert sich aber, dass der Krieg und das Erzählen darüber sowie die nationalsozialistische Zeit im Hause Babel immer präsent waren. Er ist mit dieser vergangenen Zeit aufgewachsen. An den Wänden im Flur und in den Zimmern hingen und standen Fotos, die Familienmitglieder in Uniform als Soldaten zeigten, mit und ohne Hakenkreuz aus dem Krieg. „Damit bin ich groß geworden“, sagt Benjamin. „Meine Mutter hat Hitler nie glorifiziert, aber von ,seinen Autobahnen’ und der Hitlerjugend geschwärmt. Sie hat diese Zeit als glücklich empfunden.“

Kinder mussten Spießrutenlaufen

Anfang der 1970er-Jahre gab es ruinöse wirtschaftliche Schwierigkeiten mit der Babelschen Kohlenhandlung, was für die Familie und die Kinder in Rothenburg schwierig zu handhaben war. „Dieses Spießrutenlaufen war für mich unerträglich“, zitierte der „Fränkische Anzeiger“ Benjamin Babel am 10. April 2009. Die Kinder verließen die Stadt. Der Vater starb 80-jährig (1999) in Rothenburg, die Mutter zwölf Jahre später (2011). Benjamin Babel kehrte nach Rothenburg zurück. Benjamins Sohn Sebastian wurde 1989 geboren.

Babel und Sohn, wieder errichteter Kreuzterhof

So ging es weiter: Babel & Sohn; wieder errichteter Kreuzerhof

Ernst Babel erhielt die Verdienstmedaille

Das Ehepaar Babel hatte zwei Buben, darunter Benjamin, und ein Mädchen. Benjamins Geschwister sind Ralf Dieter (1959-1991) und Susanne Christine (1961). Während sich die Mutter um Haushalt und Erziehung und ihr späteres Modegeschäft kümmerte, führte ihr Mann das Haupt-Geschäft. Er war ein bekannter Geschäftsmann in Rothenburg, gründete die Rohkunststoff verarbeitende Firma „ebalta“ in der Paradeisgasse, engagierte sich zwölf Jahre lang im Stadtrat, gehörte etlichen Ratsausschüssen an und wurde bei seinem Ausscheiden aus dem Rat 1972 mit der Verdienstmedaille ausgezeichnet. – Ernst Babel starb 1999, seine Frau 2011 im Alter von 93 Jahren in ihrem Haus in der Paradeisgasse. Sie und ihre Generation verkörperten eine Generation, deren Leben von Irrungen und Brüchen, Höhen und Tiefen gezeichnet war. Doch hatte Grete Babel das Glück, diese Lebensbrüche und Verletzungen, die ihr wie vielen anderen auch der durch den vom NS-Regime verursachte Krieg geschlagen hat, im Schutz ihrer großen Familie zu überwinden. Daher lautete ihr Lebens-Resümee „Ich war trotzdem sehr glücklich.“

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Quelle: Gespräch mit Benjamin Babel am 24. September 2014

 

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Ein Kommentar zu Was der Krieg hinterließ: Über die Spuren der Grete Fürst, verwitwete Schneider, verwitwete Babel. Eine zerstörte Familie – doch das Leben ging heilsam weiter

  1. Gerhard A. Fuerst sagt:

    Hoch interessanter Artikel über die Familie meiner Rothenburger Verwandschaft!
    Ich habe eine Kopie gemacht für das Fürst-Familienarchiv. Er ist keine Weiterverwertung der Dokumentation beabsichtigt. Urheberrechte werden pflichtgemäss respektiert!

    Gerhard A. Fürst
    Lehrer & Lehrbeauftragter, i.R.
    (Adjunct Professor of Social Science,
    Western Michigan University, i.R.)
    701 Academy Street
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