Mit Trommeln und Fanfaren, mit wehenden Fahnen und schwülstigen Reden, mit kernigem Siegheil wurde 1936 das NSDAP-Kreishaus in der Herrngasse eröffnet

NSDAP-Krerisdhaus 1936, Zeichnung von Ernst Unbehauen

NSDAP-Kreishaus in der Herrngasse 1936, Zeichnung von Ernst Unbehauen

Von Wolf Stegemann

Das Haus steht in der Herrngasse, ist an die Franziskanerkirche angebaut, auf der anderen Seite hat man einen schönen Blick ins Taubertal mit Doppelbrücke und Herrnmühle, in den 1920er-Jahren war dort u. a. das Lyzeum untergebracht und nach 1945 die Stadtverwaltung, dann die Haushaltungsschule, das Goethe-Institut und heute die private Montessori-Schule Wie unterschiedlich das dort Untergebrachte auch immer gewesen war, eins ist immer gleich geblieben: die Hausnummer 17. Auch in nationalsozialistischer Zeit, als in dem dann mit Hakenkreuzen geschmückten städtischen Haus Rothenburgs mächtigste Institution, die NSDAP-Kreisleitung, ihren Sitz hatte. 1936 ließ Kreisleiter Karl Steinacker das Haus innen umbauen, renovieren und mit gemalter Nazi-Kunst versehen, die der Rothenburger Künstler Ernst Unbehauen fertigte. Zum Umbau des Kreishauses ließ Karl Steinacker am 21. August 1936 durch den „Fränkischen Anzeiger“ verlautbaren:

„Durch die Schaffung dieses Kreishauses soll eine die Würde und Größe, aber auch die Entwicklung der Partei entsprechende schlichte, würdige Stätte der nationalsozialistischen Bewegung im Kreise Rothenburg geschaffen werden.“

Ernst Unbehauens Malerei im Sitzungssaal in NS-Stil

Ernst Unbehauens Malerei im Sitzungssaal in NS-Stil

Dem Nationalsozialismus zum Sieg verholfen

Die Rothenburger Partei hatte schon längst den Anspruch erhoben, mit einem „Braunen Haus“ ihre Macht auch sichtbar nach außen darzustellen. Sie begründete dies auch damit, dass es seit Gründung der NSDAP immer Menschen gegeben habe, die ihre höchste Aufgabe darin suchten, der „Idee des Nationalsozialismus zum Siege zu verhelfen“. Der „Fränkische Anzeiger“ schrieb dazu:

„So hat es auch in unserem Rothenburg bereits lange Jahre vor der Machtübernahme Volksgenossen gegeben, die sich dieser Idee, die der Führer damals schon mit immer größerem Erfolg dem Volk einhämmerte, verschworen.“

Dazu passte natürlich die kleine gemietete Geschäftsstelle nicht, über die die NSDAP in Rothenburg auch nach 1933 noch verfügte. Im Haus Herrngasse 17 hatte die NSDAP-Kreisverwaltung bis dahin im Obergeschoss gerade ein einziges Zimmer für die Dienstgeschäfte des Kreisleiters zur Verfügung, in dem auch noch die Geschäftsstelle des Amtes für Volkswohlfahrt untergebracht war. Es musste was Großes und Würdiges her, wie Steinacker im überheblichen Jargon der Nazis forderte, um der Idee des Nationalsozialismus mit diesem Gebäude sichtbar Ausdruck zu geben und den vielen Gliederungen der Partei eine Unterkunft.

Bilder der Eröffnung

Bilder der Eröffnung

Den kommenden Geschlechtern in Erinnerung bleiben

In Erinnerung an die erfolgreiche nationalsozialistische Rothenburger Bewegung lange vor der Machtergreifung wurde das neu gestaltete Kreishaus nun „Haus der Bewegung“ genannt, damit den „kommenden Geschlechtern die Erinnerung an den Kampf der Bewegung in Rothenburg“ in Erinnerung bleibt. Aber nicht nur Hehres ist mit dem „Haus der Bewegung“ in Verbindung zu bringen, auch ganz Alltägliches. Im Erdgeschoss hatte die NS-Volkswohlfahrt mit dem Winterhilfswerk Räume und im luftschutzmäßig ausgebauten Keller wurden Konserven, Lebensmittel und Kleidung des „Winterhilfswerks“ gestapelt. So konnten im Erdgeschoss die Waren an Bedürftige ausgegeben werden, ohne dass die Kreisleitung, die im Obergeschoss untergebracht war, dies störte. An der Südseite des großen Kreishaus-Saals malte Ernst Unbehauen seine NS-Kunst an die Wand: links und recht neben der Saaltür, die oben der Reichsadler mit Hakenkreuz schmückte, lebensgroße kernige Männer mit eckigen Gesichtern, die Arme zum Hitler-Gruß erhoben. Sie versinnbildlichten „das Aufgehen von Volk, Partei und Staat in der Idee des Führers“, dessen Büste an der Nordwand des Sitzungssaales stand. Einer der kantigen Männer war der „einfache Mann aus dem Volk“, der andere ein SA-Mann, dann ein politischer Kämpfer und ein Soldat. Sie alle verband der Hitler-Gruß: „Ein Treueschwur, ein Gelöbnis zum fanatischen und opferbereiten Einsatz“, so der Fränkischer Anzeiger.

Dank auch an den Nazikunst-Maler Ernst Unbehauen

Eröffnet wurde diese Brutstätte der Gewalt, der Verhöhnung und Verfolgung anderer, der grausamen Unmenschlichkeit mit dem üblichen nationalsozialistischen Pomp im Rahmen des Kreistags der NSDAP am 11. Oktober 1936. Dazu die Partei:

„Der Kreistag der NSDAP des Kreises Rothenburg […] wird für alle Zeiten ein Markstein im politischen Leben des Kreises Rothenburg sein und bleiben!“

Daher waren zur festlichen Eröffnung des „Hauses der Bewegung“ in der Herrngasse 17 Partei-Funktionäre („Goldfasane“), Vertreter der Parteigliederungen, sogar der stellvertretende Gauleiter Holz, der sich als Erster in das Ehrenbuch eintrug, Vertreter der Stadt- und Kreisbehörden, der Kirchen und des öffentlichen Lebens zusammen getroffen. SS und SA bildeten für die Gäste das Ehrenspalier.

„Das gesamte politische Führerkorps des Kreises haben sich in den Mauern unserer Stadt geschlossen versammelt, um sich auf Rothenburgs geschichtlichem Boden die Kraft und den Glauben zu schöpfen für die Arbeit, die nunmehr der Partei bevorsteht und die der Zukunft unseres Volkes dient.“

Das ehemalige Kreishaus heute; Foto: Rolf Schreglmann

Das ehemalige Kreishaus heute; Foto: Rolf Schreglmann

Es gab ein Standkonzert, Spielleute marschierten durch die Stadt, die Hitlerjungs trommelten BDM-Mädels schwangen Kränze und anderes Grünzeug, an bedürftige Bürger wurde Essen ausgegeben und die Rothenburger schrien auf der Straße „Heil“ und immer wieder „Heil“. In seiner Rede im Saal ging Kreisleiter Steinacker wieder schwülstig auf Treue, Führerwille, auf die heilige nationalsozialistische Bewegung und die nicht minder heilige Sendung des Führers ein, dankte dann allen, insbesondere der Stadtverwaltung und dem Künstler Ernst Unbehauen. Auf das Kommando „hisst Flagge!“ wurde sodann auf dem Dach die Hakenkreuzfahne aufgezogen, die „nun ständig hinausleuchten wird in das Rothenburger Land“. Mit dem Horst-Wessel-Lied, einem stillen Gedenken, der Nationalhymne und einem kräftigen Siegheil auf den Führer und den Frankenführer Julius Streicher beschloss Kreisleiter Steinacker den Festakt zur Eröffnung des „Hauses der Bewegung“.

„Hebt die Welt aus den Angeln und holt den Teufel aus der Hölle“

Am Nachmittag hielt der stellvertretende Gauleiter Karl Holz im Kaisersaal eine Rede. Die Bühne des Saals war geschmückt mit einen schwarzen Vorhang an der Stirnseite, von der der Satz leuchtete „Nationalsozialist zu sein, heißt Kämpfer zu sein“ Die Nationalsozialisten saßen im Saal. Es waren Abordnungen der Partei und ihrer Gliederungen sowie Ehrengäste.

In seiner Rede ließ sich Karl Holz zunächst über das Soziale des Nationalsozialismus aus, erläuterte die Wichtigkeit des Winterhilfswerks und erinnerte an die Aufgaben der SA und SS sowie der Politischen Leiter, die als „kompromisslose Tatmenschen“ die Ideen des Führers durchzusetzen hätten. Sodann setzte er sich mit dem Christentum und den Kirchen auseinander. „Er riss den unter dem Deckmantel des Christentums die unglaublichen Verhetzungen im Volke anrichtenden Kreise die Maske vom Gesicht und zeigte die Dinge so, wie sie von einem aufrechten Nationalsozialisten  und Volksgenossen gesehen werden müssen“, meinte der Berichterstatter des „Fränkischen Anzeigers“. Der stellvertretende Gauleiter Holz bezeichnete die Kirchen und die Kirchengänger als „Schleicher und Duckmäuser“. Dagegen sei der Nationalsozialismus „das wirkliche Christentum der Tat“.

Schärfer noch ging der Redner auf „die Judenfrage“ ein. Das Wort „Judenfrage“ zog sich als Metapher durch alle Jahre des Nationalsozialismus. Mit ihr wurden in Reden, Aufsätzen, Zeitungsartikeln stets mitgeteilt und suggeriert, dass diese Frage einer Lösung bedürfe. Diese würde in Rothenburg am 22. Oktober 1938 mit der Vertreibung der jüdischen Einwohner „gelöst“, im Reich 1942, als die Todeszüge in den Osten zur physischen Vernichtung der jüdischen Menschen fuhren, hieß es ebenfalls: „Judenfrage gelöst!“

Holz sprach also über die „Judenfrage“ und benutzte dabei die übliche bösartige Rhetorik, die üblichen Lügen von der „Weltverschwörung des Judentums“, von „jüdischen Bolschewismus“, dass „der Jude den Weltbrand bereits angeschürt“ habe, er sprach vom „Krebsgeschwür, das vom gesunden Volkskörper abgeschnitten“ werden müsse. Und er wies auf seinen Chef hin, den Ehrenbürger Rothenburgs, Gauleiter Julius Streicher, der immer wieder „wunderbare Rechtfertigungen erfahre, dass sein kompromissloser Kampf gegen das Judentum richtig war und ist“.

Wenn Karl Holz von der Vernichtung der Juden sprach, dann stellte er den Nationalsozialismus als „göttlich“ dar und die Lösung der Judenfrage als „heilige“ Aufgabe. Die Zustimmung dazu nannte er „heilige Begeisterung“. Und er rief den Rothenburger Zuhörern zu: „Schmiedet euch zusammen zu einer verschworenen Gemeinschaft von Kampfgenossen und Gläubigen. Glaubt an Euer Deutschland, glaubt an die Größe Eures Volkes!“ Und dann gab er seinen eigenen Glauben preis, als er sagte:

„Wir glauben, dass uns der Himmel den Führer geschenkt hat, der die besondere Mission zu erfüllen haben wird, die  gepeinigte Menschheit von der Weltpest des Judentums zu befreien…. Die Welt wird einmal aufsehen zu Adolf Hitler als dem großen Welterlöser von jüdischer Niedertracht. Dieser Glaube ist für jeden aufrechten Nationalsozialisten wie ein Fels im Meer. Wenn das deutsche Volk treu und unerschütterlich zu seinem Führer und zum Frankenführer Julius Streicher hält, dann, hebt er die Welt aus den Angeln und holt den Teufel aus der Hölle.“

Die Nazis holten den Teufel aus der Hölle, um im Bild zu bleiben. Doch sie waren es selbst. – Der „Fränkische Anzeiger“ beschrieb pflichtschuldig die Reaktion der Zuhörer: „Am Schluss seiner glänzenden Ausführungen dankte ihm erneut stürmischer, lang anhaltender Beifall, der der Ausdruck einer begeisterten Zuhörerschaft war.“

Nachdem sich der Beifall gelegt hatte, erinnerte NSDAP-Kreisleiter Steinacker an den Satz „Lösung der Judenfrage bedeutet Ausrottung der jüdischen Rasse“, den der stellvertretende Franken-Gauleiter am Nachmittag in das Ehrenbuch des neuen Kreishauses geschrieben hatte. Er sagte:

„In diesem Kamp wollen wir in vorderster Linie, im Schützengraben kämpfen. Mit diesem Glauben wollen wir hineingehen in den neuen Kampfabschnitt. […] Mit diesem Gelöbnis müssen alle Politischen Leiter, vom Bürgermeister bis herunter zum kleinen Block- und Zellenleiter den Kampf beginnen, an dessen Ende wir einen neuen Sieg an die Fahne der nationalsozialistischen Revolution heften können.“

Anschließend sahen die gerade in das Ausrotten der jüdischen Menschen Eingeschworenen Parteigenossen von der Altane des Rathauses aus der Aufführung des historischen Schäfertanzes zu, der ihnen zu Ehren aufgeführt wurde.

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Anmerkung: Eine Kommentierung dieser Rede, die sonst notwendig wäre, erübrigt sich, weil alle Reden der Nazis in solchen erbärmlichen Mustern mit Verhetzungen und Aufstachelungen sowie direkter Ansage des bevorstehenden Judenmords, was in dieser Dokumentation ausreichend kommentiert ist. – Siehe auch das Porträt über Karl Holz und den Artikel über die Metapher „Die Judenfrage“.
Quellen: Fränkischer Anzeiger „Das Kreishaus Rothenburg o. T. der NSDAP im Werden“ vom 21. August 1936. – Kleine Propagandaschrift „Unsere Verpflichtung“ der NSDAP-Kreisleitung zur Eröffnung des Kreishauses, o J. (Okt. 1936). – Erinnerung eines dabei gewesenen Hitlerjungen, der bei der Eröffnung vor dem Haus trommelte, dies in der Nachkriegszeit seinem Sohn erzählte, der ungenannt bleiben möchte.
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