Kriegsende (IV): „Unser Kreisleiter will keine Gefangenen!“ – Dieser forderte 1945 gefangene US-Piloten an, doch die Wehrmacht lieferte sie nicht aus

Standortoffizier Dr. Seeger

Standortoffizier Dr. Seeger

Von Wolf Stegemann

Am 10. Januar 1945 wurden Oberstleutnant Rosenau zum Standortältesten und der Major Dr. von Seeger zum Standortoffizier von Rothenburg ob der Tauber ernannt. Als solcher hatte er einen guten Einblick in die dortigen Verhältnisse, auch wenn er bei weitem nicht in alle Vorgänge eingeweiht wurde und er im Chaos der letzten Tage vor Kriegsende in Rothenburg so manche Details nicht überblicken konnte. Er schildert nur, „diejenigen Vorfälle“, an denen er persönlich beteiligt war, wie beispielsweise zeitnah den Umgang mit abgestürzten und gefangengenommenen US-Piloten, von denen viele von Partei- wie auch von städtischen und staatlichen Behörden anderswo offiziell gelyncht wurden. Dies wurde vom Reichsleiter Martin Bormann empfohlen und von den Behörden gedeckt. Der Rothenburger Johann Georg Sturm erschlug bei Wassertrüdingen auf Anweisung des dortigen Kreisleiters einen Piloten, worauf ihm die Amerikaner nach dem Krieg den Prozess machten und ihn in Landsberg hinrichteten (siehe „Mordkomplott: Alliierter Flieger mit dem Spaten erschlagen…Death by hanging“). – Hier die Schilderung des Rothenburger Standortoffiziers Major a. D. Dr. Karl von Seeger (Stuttgart) vom 14. Juni 1946 zum Thema:

„Unsinn, mit den Gefangenen so lange Geschichten zu machen…“

Ende März 1945 traf Kreisleiter Höllfritsch die Anordnung, dass gefangene Flieger nicht mehr der Wehrmacht, sondern ihm allein vorzuführen seien. Diese Anordnung hatte er selbstverständlich hinter dem Rücken der Wehrmacht getroffen. Sie stellte einen schweren Bruch des Völkerrechts dar. Mir persönlich hätte sein Befehl an die Polizei und Gendarmerie vollkommen gleichgültig sein können, denn der maßgebende Mann, der damit zu tun hatte, war der Standortälteste, Oberstleutnant Rosenau. Bezeichnenderweise wandte sich die Polizei nicht an Rosenau, sondern an mich persönlich, weil sie meine Einstellung ganz genau kannte. Ich wusste ganz genau, welch schwere Folgen die Maßnahmen von Höllfritsch in der Zukunft nach einem Waffenstillstand sowohl für die Polizei als auch für die Stadt Rothenburg bringen würden. Noch am gleichen Tage wies ich zwei Polizeibeamte, die mit mir verhandelten, auf die Tragweite hin. Den Po­lizeibeamten war es, wie sie mir selber sagten, nicht geheuer bei dieser Maßnahme. Sie wollten aber, wie sie sagten, durch einen 0ffizier der Wehrmacht gedeckt sein. Noch am gleichen Abend habe ich auf eigene Verantwortung der Polizei auf das Allerschärfste verboten, den Befehl des Kreisleiters auszuführen; dann erst ging ich zu Rosenau und nun wurde ein Eilbericht an das Generalkommando in Nürnberg aufgegeben. Bis jedoch die Antwort eintraf, waren bereits wiederum zwei Flieger eingebracht worden. Beide bedankten sich bei mir in der höflichsten Weise für die außerordentlich gute Behandlung, die ich ihnen hatte zuteil werden lassen.
Auch in den folgenden Tagen bis zur Besetzung von Rothenburg ist keinem einzigen der vielen Gefangenen, die der Kommandantur vorgeführt wurden, auch nur ein Haar gekrümmt worden. Im Gegenteil, ich sorgte stets dafür, dass diese Leute durch die Bahnhof- und Verpflegungsstelle genau denselben Verpflegungssatz erhielten wie unsere Leute.

In diesem Zusammenhang möchte ich noch folgenden Vorfall er­wähnen: auf der Strasse hatte mich ein Evakuierter angesprochen und zu mir gesagt, es wäre ein Unsinn, mit den Gefangenen so lange Geschichten zu machen. Sein eigener Kreisleiter, mit dem er im Felde gewesen sei, hätte stets gesagt: „Ich will keine Gefangenen!“ Das wäre die einzig richtige Maßnahme. Als nun kurz darauf ich mit einem amerikanischen Unteroffizier und dem Wachmann auf die Straße heraustrat, hatten sich vor der Kommandantur – wie so oft in jenen kritischen Tagen – Leute angesammelt. Der Betreffende rief mir zu: „Unser Kreisleiter will keine Gefangenen!“ In maßlosem Zorn versetzt, brüllte ich ihn an: „Das geht Sie einen Dreck an!“ Und zu den Leuten gewandt rief ich: „Das haben unsere armen Gefangenen zu büssen!“ – worauf mir viele zustimmten. Auch dieser Gefangene wurde ohne die geringste Behelligung auf meine Veranlassung hin abtransportiert.

Anmerkung der Redaktion: Standortältester Oberstleutnant Friedrich Wilhelm Rosenau war lt. Aktenvermerk des Bayer. Staatsministeriums für Sonderaufgaben „kurz vor seinem Ableben noch Stadtkommandant von Rothenburg“. Rosenau, der seinen Dienstsitz in Gebsattel hatte, fuhr am 18. April 1945, also einen Tag nach der Besetzung der Stadt, mit seinem Fahrrad auf eine Mine und wurde dabei tödlich verletzt.

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Quelle: Stadtarchiv Rothenburg ob der Tauber, Erinnerungen Karl von Seegers vom 14. Juni 1946, Typoskript
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