Entnazifizierung (20): Willi Junker, Chefredakteur, NS-Ideologe und Kreispropagandawalter wurde 1948 als unpolitisch zum Mitläufer reingewaschen

Von Wolf Stegemann

Er gehörte zu denen, die mit Zustimmung seines Chefs den „Fränkischen Anzeiger“ weiter auf Parteilinie hielt, obgleich die Zeitung nicht zur Parteipresse gehörte. Sein Chef war Hans Schneider und die Rede ist von Wilhelm Johann (Willi) Junker, der ab 1936 verantwortlicher Redakteur der genannten Rothenburger Tageszeitung war und daneben von 1936 bis 1945 noch das Amt des NSDAP-Kreisamtsleiter für Presse im politischen Dienstrang eines Abschnittsleiters ausübte. Ein nationalsozialistischer Ideologe also, wie sein Chef auch. Das bescheinigte ihm am 21. Mai 1948 die Spruchkammer des Kreises Rothenburg unter Az. 1936/Ro/J, seinem Chef schon am 14. September 1946 unter 273/Ro/Sch.

Ausriss Spruchkammer-Akte Junker

Ausriss Spruchkammer-Akte Junker

Erstmals 1926 in die Partei eingetreten

Der 1904 in Rothenburg geborene Journalist Willi Junker, der damals am Hornburgweg 16 wohnte, war ein „Alter Kämpfer“ der NSDAP, denn er trat bereits am 11. Januar 1926 in die Partei ein, aber schon am 27. August wieder aus. Die Gründe dafür sind unbekannt. Bekannt ist aber, dass er am 1. Juli 1930 wieder eintrat und bis zum bitteren Ende 1945 Parteigenosse blieb. Dazwischen machte er die Partei-Karriere eines Nationalsozialisten auf lokaler Ebene.

Er war Mitglied im SS-Förderverband von 1936 bis 1940, zahlte dafür monatlich eine Mark Beitrag, in der NS-Volkswohlfahrt und übte in dieser Parteigliederung das Amt des Kreispropagandawalters von 1934 bis 1944 aus, war im Reichskolonialbund, in der Deutschen Arbeitsfront und gemäß seines Berufs auch Mitglied der Reichspressekammer. Junker war Träger des Kriegsverdienstkreuzes 2. Klasse und der Medaille für Deutsche Volkspflege.

Nicht von ihm verfasste Artikel mit seinem Namen gekennzeichnet

Wo Willi Junker vor 1933 Journalist gewesen war, es war auf kleiner lokaler Ebene, ist nicht bekannt. Seine eigentliche Tätigkeit als solcher begann erst 1936, als er Schriftleiter (so hießen damals Redakteure) beim „Fränkischen Anzeiger“ wurde. Die Partei bot damals Willi Junker eine gut dotierte Stelle in einer Partei-Zeitung an, was dieser ablehnte, wie er vor der Spruchkammer ohne nähere Details zu nennen angab, weil er „sich parteipolitisch“ nicht binden wollte. Eine zu seinem sonstigen parteiischen Verhalten widersprüchliche und heute widerlegbare Aussage. Im Entnazifizierungsverfahren gab Junker auch an, dass Leitartikel und andere wichtige Berichte der Zeitung vom Reichpropagandaministerium mit der Anweisung zugeschickt worden waren, diese als lokaler Redakteur namentlich zu zeichnen, obgleich er nicht der Verfasser war.

NSDAP-Kreisamtsleiter für Presse und Zeitungsredakteur

Willi Junker stand mit seinem Wissen und somit seinen pressepolitischen Aktivitäten der NSDAP auf Kreisebene zur Verfügung. Da die Partei in Rothenburg mit dem Fränkischen Anzeiger eine willfährige Presse hatte, brauchte Junker in seiner Personalunion Schriftleiter bei der Zeitung und Kreisamtsleiter für Presse in der Partei sicherlich nicht häufig tätig werden, was er zu seiner Entlastung nach 1945 auch angab. Tatsächlich bestand bis 1943 in Rothenburg nur eine Kreishauptstelle. Erst 1943 wurde ein Kreispresseamt geschaffen, was für Junker mit einer Beförderung zum politischen Abschnittsleiter verbunden war. Kreispresseamtsleiter hatten die Aufgabe, mit den Ortspresseleitern der NSDAP Besprechungen durchzuführen, sie auf der vorgegebenen politischen Linie zu halten  und sie zu publizistischen Aktivitäten anzuhalten.

Volkssturm, Kriegsgefangenschaft, Internierungslager

Willi Junker brauchte nicht in den Krieg ziehen. Er wurde von der Reichpressekammer bis 1944 als unabkömmlich gestellt (u.k.-Stellung). Danach musste er zum Volkssturm und an die Front. Seine Aufgabe als Hauptschriftleiter der Zeitung nahm Armin Groß wahr, der auch nach 1949 diese Funktion wieder hatte. Nach Beendigung des Krieges kam Junker kurze Zeit (bis 20. Juni 1945) in Kriegsgefangenschaft und wurde im Anschluss daran von den Amerikanern als NSDAP-Funktionär bis 8. April 1948 automatisch interniert.

Von Mitarbeitern als „nicht politischen“ Kollegen beurteilt

Im Entnazifizierungsverfahren der Spruchkammer Rothenburg wurde Willi Junker „milde beurteilt“, weil auch viele seiner Kollegen und Kolleginnen aus dem Verlag Gebr. Schneider, „von denen fast alle in der Partei“ waren, wie in dem Bericht steht, ihn, den Parteigenossen,  als einen „nicht politischen“ Kollegen beurteilten. Willi Junker wurde schließlich als „Mitläufer“ (Gruppe 4) eingestuft und zu einer Sühneleistung von 7.500 RM verurteilt. Das Urteil wurde am 30. Juni 1948 rechtskräftig. Zehn Tage vorher brachte die Währungsreform die Deutsche Mark. Wie hoch die Summe war, die er dann tatsächlich zu zahlen hatte, ist hier nicht bekannt. Nach Wiedererscheinen des „Fränkischen Anzeigers“ 1949 fand Willi Junker im Verlag, in den er als 18-Jähriger eingetreten war, wieder eine Anstellung. Diesmal als Anzeigenleiter. 1969 schied er aus und bereicherte die Zeitung bis zu seinem Tod mit seinen niedergeschriebenen Erinnerungen, vor allem mit Nachrufen auf alte Rothenburger.

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Quelle: Staatsarchiv Nürnberg, Spruchkammer Rothenburg 389-1936/Ro/J
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