Die Rehabilitierung kam spät – 2015 würdiges Gedenken an den 1945 als Deserteur erschossenen Johann Rößler

Familienangehörige, Stadträte, Parrer Gußmann (r.) und Wilf Stegemann (am Mikrofon); Foto: Dieter Balb

Familienangehörige, Bürgermeister Förster und Wolf Stegemann (am Mikrofon); Foto: Dieter Balb

Von Dieter Balb

„Wir alle können stolz sein, so einen aufrechten Menschen in unserer Familie und in Rothenburg gehabt zu haben“ – diese Worte sagte Marianne Dienelt bei der Gedenkfeier am Dienstagabend im Friedhof. Sie ist die Enkelin des Gärtners Johann Rößler, den man wegen Fahnenflucht am 7. April 1945 an der Friedhofsmauer standrechtlich erschossen hat. Im Beisein zahlreicher Rothenburger wurde jetzt nach 70 Jahren eine Gedenktafel angebracht.

In der Ansprache des Journalisten und Autors Wolf Stegemann, (er recherchierte und hatte zusammen mit Pfarrer Dr. Oliver Gußmann das Material auf der „Hakenkreuz-Netzseite“ veröffentlicht) fielen recht deutliche Worte, was den Umgang der Rothenburger mit dem Dritten Reich anbelangte.  Zunächst freute er sich mit den Familien Braun, Dienelt und Rößler aus München, Würzburg und Rothenburg mehrere Angehörige begrüßen zu können. Rößler sei erschossen worden „nur wenige Tage bevor die verantwortlichen Täter über das Kriegs­ende hinaus ihr Leben weiterleben konnten, oft Karriere machten und Ehrungen erhielten“, verdeutlichte Wolf Stegemann und sagt: „Das war Mord!“ SS-General Simon und NSDAP-Kreisleiter Erich Höllfritsch hätten das Standgerichtsverfahren in Gang gebracht. Auch er habe es sich nach dem Krieg „gut eingerichtet“.

Erschießung war ein Kriegsverbrechen – es blieb ungesühnt

Ehrentafel an Erschießungsort; Foto: Dieter Balb

Ehrentafel am Erschießungsort; Foto: Dieter Balb

Das Kriegsverbrechen an Rößler bleibe ungesühnt, sagte Stegemann und dazu passe auch das offizielle Schweigen nach dem Krieg, das in seiner Heimatstadt bis heute über dem Fall Rößler laste. Ihn habe man wohl eher als einen Feigling oder einen Volksverräter bezeichnet. Erst vor Wochen habe ein ehemaliger Stadtrat am Stammtisch geäußert, dass er sich auch heute noch mit einem Rößler nicht an einen Tisch setzen würde.
In Rothenburg habe man mit Rößler nichts zu tun haben wollen und selbst in der Familie habe man früher über den Vorfall geschwiegen. Vielleicht aus Scham und Schuldgefühl, meinte Wolf Stegemann. Bedrückend aber sei, dass auch weitere Jahrzehnte geschwiegen wurde, auch der Witwe und den Kindern sei nicht verborgen geblieben, dass im Rothenburg der fünfziger Jahre „wieder ein starker Rechtsruck stattgefunden hatte“. Dazu zähle auch die Rückbenennung der Bahnhofstraße nach dem hohen Nazifunktionär Ludwig Siebert 1955. Obwohl Rößler vom Kultusministerium bereits in den Siebzigern als Gegner des Nationalsozialismus bewertet wurde, habe er in seiner Heimatstadt keine Würdigung erfahren.
Stegemann: „Ich bitte um Nachsicht, aber glaube, dass man die NS-Geschichte und die Nachkriegsgeschichte zu Rößler nur durch klare Worte verdeutlichen kann.“. Er verwies auf die zahlreichen Fälle von Deserteuren und Erschießungen im Dritten Reich. Über 35000 Todesstrafen habe es einschließlich der Kriegsdienstverweigerer und der Wehrkraftzersetzer gegeben. Stegemann fragte: „Wie kann man den NS-Unrechtsstaat, seine Kriege und seine Militärjustiz verdammen, aber den deutschen Deserteuren, die sich Staat und Wehrmacht verweigerten, die Rehabilitation versagen?“

Tafelenthüllung hat einen versöhnenden Aspekt

Viele Anwesende legten Rosen nieder; Foto: Dieter Balb

Viele Anwesende legten Rosen nieder; Foto: D. Balb

Rothenburg habe mit der Enthüllung der Gedenktafel Johann Rößler rehabilitiert, der Stadtrat seinen Teil mit der Finanzierung der Tafel dazu beigetragen, wofür es zu danken gelte. „Es ist ein versöhnender Aspekt nicht nur für die Familie, sondern für uns alle!“ betonte Wolf Stegemann.
Bürgermeister Kurt Förster bedankte sich namens der Stadt für die ergriffene Initiative, vor allem bei Pfarrer Gußmann und Autor Stegemann. Sein besonderer Gruß galt den Familienangehörigen. Dass der Stadtrat einstimmig der Gedenktafel zugestimmt hat, sei ein klares Zeichen. Er selbst spreche ohne Umschweife von einem Mord an Johann Rößler, denn hier seien nach dem Recht niedrige Beweggründe zugrunde gelegt worden.

Die aus München angereiste Enkelin Marianne Dienelt hatte in der Rothenburger Familie noch als Mädchen erlebt, wie sehr das Thema tabu war. Sie freut sich mit den weiteren Angehörigen, dass dies heute in der nächsten Generation ganz anders ist. So dankte sie allen, die mit dafür gesorgt haben, dass man ihrem Großvater nun dieses späte Gedenken am Ort seiner Hinrichtung zuteil werden lässt, besonders dem Autor. Der Stadt Rothenburg sei zu danken, dass sie es „möglich gemacht hat mit dieser Tafel an einen Mann zu erinnern, der seinen Mut und Widerstand mit seinem Leben bezahlte!“ Auf so einen aufrechten Menschen könne man in der Familie wie auch in der ganzen Stadt stolz sein, hob Marianne Dienelt bei der Feier hervor.

Nach der Tafelenthüllung – der fast vierzig Bürger, darunter einige Stadträte beiwohnten – ging Pfarrer Dr. Oliver Gußmann in seinem Schlusswort auf die Erlebnisse seines Großvaters ein, der im Krieg als Militärgeistlicher junge Deserteure vor ihrer Hinrichtung seelsorgerlich begleitete: „Sie weinten, haderten und verzweifelten, viele waren sehr jung und ihnen waren die möglichen Folgen ihrer Flucht vielleicht nicht einmal bewusst!“

Ort der Gedenkstunde an der Friedhofsmauer: Foto: Dieter Balb

Gedenkstunde an der Friedhofsmauer; Foto: D. Balb

Frieden durch Handeln

Sein Großvater habe nichts mehr tun können und das sei seiner ganzen Familie nahegegangen. Es hätte mehr vom Schlage eines Johann Rößler geben müssen betonte der Pfarrer, „mehr, die einfach weggehen, nicht mehr mitmachen!“ Das Inhumane berufe sich gerne auf Befehlsnotstand, aber das Humane scheine suspekt zu sein.

Johann Rößler habe zu denen gehört, „die Frieden durch Tun praktiziert haben”. Im Gegensatz zu den Trümmern von zerstörtem Kulturgut und den Leichen des Krieges sehe man das Ergebnis solchen friedlichen Handelns meist nicht. Zwei Tage nach Rößler habe man den Theologen und Widerstandskämpfer Dietrich Bonhoeffer im KZ Flossenbürg auch durch Erschießen hingerichtet. Die meisten Anwesenden nahmen das Angebot, vor der Tafel eine weiße Rose niederzulegen gerne wahr. In einer gedruckten, bebilderten Broschüre wird über das damalige Geschehen und die Persönlichkeit Rößlers umfassend informiert.

Weil er den Volkssturm-Wahnsinn nicht mehr mitmachte, hatte man den Gärtner Johann Rößler ermordet, die Würdigung seines Widerstandes kam zwar um Jahrzehnte zu spät, aber sie hat für heutige Generationen umso mehr Gewicht.

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Quelle und Anmerkung: Dieser Artikel wurde mit freundlicher Genehmigung des Autors dem Fränkischen Anzeiger vom 9. April 2015 entnommen: http://www.fraenkischer-anzeiger.de/archive/7096.  Mehr über Johann Rößler und themenverwandte Artikel in dieser Online-Dokumentation:

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