Hitler-Obsessionen – „Hitleritis“ – in den Medien? Guido Knopps ZDF-Zeitgeschichte mit Millionen von Zuschauern und „Spiegel“-Titel mit hohen Auflagen

Das Buch zur letzten ZDF-Dokumentation Guido Knopps

Das Buch zur letzten ZDF-Dokumentation Guido Knopps

W. St. – Je weniger Augenzeugen noch über das Dritte Reich und den Nationalsozialismus berichten können, weil viele von ihnen mittlerweile nicht mehr leben, desto vermehrter – so hat es den Anschein – wird die Zeit des Nationalsozialismus und vor allem Kriegsereignisse an allen Fronten und in allen Situationen in zusammengestellten Dokumentarfilmen gezeigt und abendfüllend gesendet. Das ist wichtig, denn kein anderer Krieg hatte in der europäischen Geschichte solche Auswirkungen gehabt wie der Zweite Weltkrieg mit allen seinen mörderischen Geschehnissen im Namen Deutschlands. Nie zuvor in der deutschen Geschichte hatte der deutsche Staat die eigenen Landsleute und die Menschen in den besetzten Gebiete mit so viel Leid, Verbrechen und Massenmord überzogen, wie der nationalsozialistische deutsche Staat zwischen 1933 und 1945. Von Ausnahmen abgesehen wird diese Zeit erst seit Ende der 1970er-Jahre in der Breite und in den Städten und Gemeinden dokumentiert. Die Forschungsgruppe „Dorsten unterm Hakenkreuz“ fing Anfang der 1980er-Jahre mit ihrer Arbeit an, brachte in den folgenden Jahren fünf Bände zum Nationalsozialismus vor Ort heraus. Diese Internet-Dokumentation ist die Version dieser damaligen Arbeit und zugleich eine Weiterschreibung für Rothenburg ob der Tauber.

Der Historiker Guido Knopp trat im Februar 2013 als ZDF-Redakteur in den Ruhestand; Foto: Pressestelle ZDF

Der Historiker Guido Knopp trat im Februar 2013 als ZDF-Redakteur in den Ruhestand; Foto: Pressestelle ZDF

Guido Knopp brachte Geschichte ins Pantoffelkino

Einer der im Fernsehen Dokumentationen über die NS-Zeit und den Krieg populär in die Wohnzimmer ausstrahlte und ein Millionenpublikum erreichte, war Guido Knopp, Historiker des ZDF. Er machte damit Karriere. 1978 ging Guido Knopp zum ZDF. 1980 übernahm er die wöchentliche Sendereihe „Fragen zur Zeit“. Seit 1984 leitete er die ZDF-Redaktion „Zeitgeschichte“, deren Gründung er initiierte und die er im ZDF als eigenständigen Programmbereich verantwortete. Dort wurden seit den 1980er-Jahren zeitgeschichtliche Fernsehreihen und Dokumentationen wie „Hitler – Eine Bilanz“, „Unser Jahrhundert – Deutsche Schicksalstage“, „Hitlers Helfer“, „Hitlers Frauen“, „Hitlers Kinder“, „Hitlers Krieger“ (SPIEGEL sarkastisch: „Fehlt nur noch ,Hitlers Hunde!’“), „Holokaust und Die Deutschen“ produziert. Auch die von Knopp moderierten wöchentlichen Geschichtssendungen „Damals“ (bis 2000) und „History“ (seit 2000) wurden von seiner Redaktion verantwortet. Zu den Fernsehdokumentationen veröffentlichte Knopp auch regelmäßig Begleitbücher und -DVDs, von denen einige zu Bestsellern wurden. Am 3. Februar 2013 beendete Knopp mit Erreichen der Altersgrenze seine Arbeit als Leiter des ZDF-Programmbereichs Zeitgeschichte. Für seine verdienstvolle Arbeit wurde Dr. Guido Knopp Guide mit vielen Preisen und Orden ausgezeichnet, darunter das Bundesverdienstkreuz.

Buch zur TV-Dokumentation

Buch zur TV-Dokumentation

Kontroversen über Knopps Recherche-Stil und Entpolitisierung

Allerdings gab es auch Kontroversen. In einem Gespräch des „SPIEGEL“ mit Guido Knopp 2012 wurde auch über die Obsession mit Adolf Hitler in ihren Medien gesprochen. Im Ergebnis stellten die Gesprächspartner fest, dass „die größte Fixierung auf den Mann […] weder der eine noch der andere [hat], sondern angeblich – das Publikum“. Knopp meinte in dem Gespräch, dass bei ihm „rein quantitativ“ Hitler vielleicht fünf Prozent seiner Arbeit ausmache, aber es sei „ein interessantes Phänomen und fast schon neurotisch“, dass das so beachtet werde. In Wikipedia ist über Knopp-Kontroversen zu lesen:

Thomas Leif schildert in seinem Buch „Leidenschaft: Recherche“ die Auseinandersetzung zwischen dem Journalisten Thomas Schuler und Guido Knopp als Beispiel für mögliche Komplikationen bei Recherchen. Schuler hatte im Jahr 2000 Knopps Professorentitel als unseriös eingestuft, da er ihn von der Gustav-Siewerth-Akademie habe, deren Führungspersonal laut Schuler unter anderem mit der rechten Organisation „Verein zur Förderung der Psychologischen Menschenkenntnis“ verbunden sei. Es wurden gegen den Artikel von Personen der Gustav-Siewerth-Akademie zahlreiche Rechtsmaßnahmen ergriffen und obwohl Schuler vor Gericht gewann, veröffentlichte die Berliner Zeitung den Artikel daraufhin vorsichtshalber nicht im öffentlich verfügbaren Archiv.

Peter Kümmel fasst amerikanische und deutsche Kritiker der Dokumentationen von Knopp (in DIE ZEIT vom 26. Februar 2004) so zusammen: Knopps Filme funktionierten wie „Rollenspiele, mit deren Hilfe sich die Deutschen mit ihren Großvätern versöhnen könnten“. Die Filme würden das „Wir“-Gefühl mehr ansprechen als die Fakten. Erinnerung sei bei ihm emphatisch geladen, zu wohlwollend. Der Historiker Wulf Kansteiner bescheinigt zwar, dass die gesprochenen Kommentare und Botschaften korrekt seien. Der „visuelle Sog“ der teils auch nachgestellten und mit Ton unterlegten Szenen überlagere jedoch oftmals den Off-Kommentar und schaffe eine raffinierte Identifikationsmöglichkeit etwa mit einem Militäridol und lasse gegensätzliche Perspektiven von Tätern und Opfern außen vor (in „Zeitschrift für Geschichtswissenschaft“ Nr. 51, 2003).

Knopp-Buch zur Sendung

Knopp-Buch zur Sendung

Nur wenige wissenschaftliche Auseinandersetzungen

Jenseits der Kritik in den Feuilletons finden sich nur wenige geschichtswissenschaftliche, ausführliche Auseinandersetzungen mit den Produktionen der ZDF-Redaktion Zeitgeschichte. Eine umfassende Auseinandersetzung liefert z. B. Oliver Näpel in der „Zeitschrift für Geschichtsdidaktik“. Hierbei handelt es sich um eine systematische Aufarbeitung der Funktionen und Wirkung der unterschiedlichen Bausteine von Guido Knopps Dokutainment-Sendungen, deren Hauptaugenmerk auf den Sendereihen zum Dritten Reich liegt. Die verharmlosenden oder emotionalisierenden Zeitzeugeninterviews würden historisch brisante Tatsachen verdecken, kritisiert Evelyn Finger die Dokureihe „Kinder der Flucht“ des ZDF aus dem Herbst 2006. Es sei entpolitisierend, Einzelschicksale zu zeigen und historische Beurteilung zu verschweigen, wenn mit dem Anspruch aufgetreten werde, eine ganze Epoche darzustellen. So erwähne Knopp in seiner Einleitung dieser Trilogie mit keinem Wort die von deutschen Armeen über Polen, Russland und weitere Teile Europas gebrachten Vertreibungen, Umsiedlung genannte Massenmorde, individuelle Angst, Schmerzen, Hunger und heute oft verdrängte Lasten. Auch diese nicht zu vergessen hieße nicht, sie gegenseitig aufzurechnen. Michael Jeismann in der FAZ vertrat hingegen die Ansicht, dass ein Extra-Hinweis über den Vernichtungskrieg vom Deutschen Reich im Osten unnötig sei und sich aus den Einzelinterviews relevante Erkenntnisse ergeben. Die Erkenntnisse seien allerdings kein Verdienst Knopps, sondern des Regisseurs Blumenberg. In der Online-Enzyklopädie Wikipedia ist über Knopp zu lesen:

„In den Medien und der Fachwelt wird kontrovers über die Frage der Autorenschaft diskutiert. Jede Dokumentation oder Sendereihe entstand durch einen in seiner Größe wechselnden Stab aus Koautoren, wissenschaftlichen Beratern und Cuttern. Dies trifft, nach eigener Aussage Knopps, ebenso auf seine vielen Begleitbücher zur Sendung zu. Auch Zeitzeugen spielen in den Dokumentationen eine große, mitwirkende Rolle. Oft war Guido Knopp nur Initiator, aber nicht an der Durchführung beteiligt. Allerdings zeichnet er als Redaktionsleiter verantwortlich für den größten Teil der Dokumentationen. Darüber hinaus hat sich der Name Guido Knopp im Laufe der Zeit zu einem Markenzeichen entwickelt, das für eine ganz eigene Form historischer Dokumentationen steht – ein Star-Kult, der durch einen eigenständigen ästhetischen Stil zwar weltweiten Erfolg, aber eben keine eindeutige Autorenschaft garantiert“.

Nachgestellte Filmszene aus Guido Knopps mehrteilige Dokumentation „Weltenbrand“; Foto: Pressestelle ZDF

Nachgestellte Filmszene aus Guido Knopps mehrteilige Dokumentation „Weltenbrand“; Foto: Pressestelle ZDF

Zum Abschied brachte das ZDF den mehrteiligen „Weltenbrand“

Nach drei Jahrzehnten nahm 2013 der „oberste Geschichtslehrer der ZDF“ (Ostthüringer Zeitung (OTZ) seinen Hut. Zum Abschied hatte der 64-Jährige noch einmal einen echten „Knopp“ hingelegt: Die mehrteilige Serie „Weltenbrand“ über die Zeit zwischen 1914 und 1945 war sein Abschiedsgeschenk – ein Fest für seine Fans und ein Ärgernis für seine Kritiker. Also alles wie gehabt?  Knopp wäre nicht Knopp, wenn er seine letzte Arbeit als ZDF-Redakteur nicht großartig fände: „Ein würdiger Abschluss“ sei die neue Kriegsserie, das „bestmögliche“ Geschichtsfernsehen. Auf Augenhöhe mit der BBC.  Sein Sender hatte extra den Hörsaal des Deutschen Historischen Museums in Berlin gemietet, um die Filmreihe im September 2012 im ZDF vorzustellen. Und natürlich regten sich die Journalisten wieder auf, fanden die Serie gefährlich banal, gefühlig und zu populär gemacht. Julia Emmrich in der Ostthüringer Zeitung (OTZ):

„Guido Knopp spaltet. Seine Filme erreichen ein Millionenpublikum, seine Serien sind stilbildend. Seine Kritiker dagegen werfen ihm vor, er organisiere Pauschalreisen in die Vergangenheit komfortabel und ohne beunruhigende Nebenwirkungen.“

Guido Knopp sieht das naturgemäß anders: „Geschichte muss so gezeigt werden, dass sie Millionen von Menschen sehen wollen, die normalerweise kein Interesse für Geschichtsfernsehen haben. Der Arbeiter an der Werkbank, aber auch junge Leute.“ Histotainment? „Nein“, sagt Knopp, „das ist keine Unterhaltung. Wenn andere das Unterhaltung nennen wollen, mögen sie das tun.“ Sein Credo: Keine Angst vor Emotionen!

In „Weltenbrand“ wurde deswegen auch wenig über die Kriegsursachen gesagt, dafür ausführlich erzählt, wie deutsche und englische Soldaten Weihnachten 1914 aus ihren Schützengräben kletterten und zusammen Schnaps tranken. Ein kleiner Frieden im großen Krieg.

SPIEGEL-Titel mit Hitler; Foto: Spiegelblog

SPIEGEL-Titel mit Hitler; Foto: Spiegelblog

Mit Hitler-Titeln steigerte der SPIEGEL die Auflagen einzelner Hefte zum Bestseller.

Als der SPIEGEL Guido Knopp fragte, ob die Faustregel von Medienmachern noch stimme, dass man mit Hitler immer noch gut verkaufen könne, konterte Knopp: „Manche SPIEGEL-Titel scheinen das zu zeigen.“

In der Tat: Heft 24/2011, „Hitler gegen Stalin: Bruder Todfeind“, war das am zweitbesten verkaufte Heft im Jahr 2011. Ebenso im Jahr zuvor die Ausgabe 33/2010, „Allein gegen Hitler: Wie Winston Churchill die Nazis stoppte“. Und das Heft 35/2009, „Der Krieg der Deutschen. 1939: Als ein Volk die Welt überfiel“, war sogar das mit Abstand meistverkaufte des Jahres – allerdings war Hitler selbst ausnahmsweise gar nicht auf dem Cover abgebildet. Auch „Hitlers Vollstrecker. SS-Chef Heinrich Himmler: Aus dem Leben eines Massenmörders“ (45/2008), „Der Anfang vom Untergang. Hitlers Machtergreifung“ (3/2008) und „Hitlers Ende“ (35/2004) waren Bestseller.

2009 eröffnete das Deutsche Historische Museum in Berlin 2009 eine große Ausstellung über Adolf Hitler und zeigte auch etliche SPIEGEL-Titel mit und über den NS-Diktator. Die Berliner Hip-Hopper K.I.Z. rappten in ihrem Frühwerk „Hurensohn“: „Jeder wär gern mein Spiegel, denn ich bin schöner und schicker / irgendwann auf dem Cover des SPIEGELs wie Adolf Hitler.“ Über die vielen erschienenen SPIEGEL-Titel mit dem Konterfei Hitlers regte sich auch die Twitter-Gemeinde auf: Da ist von „Hitleritis“, von „Verkaufsförderer Hitler“ und „Oh, ein Hitler-Spiegel. Wie originell!“ die kritisch und sarkastisch die Rede. Der SPIEGEL listete die Titel auf, die in den letzten 20 Jahren einen Bezug zu Hitler hatten:

44/2012: Des Teufels Feldmarschall
24/2011: Hitler gegen Stalin: Bruder Todfeind
47/2010: Der Hetzer: Joseph Goebbels. Der Mann, der Hitler machte
33/2010: Allein gegen Hitler: Wie Winston Churchill die Nazis stoppte
35/2009: Der Krieg der Deutschen. 1939: Als ein Volk die Welt überfiel
21/2009: Die Komplizen. Hitlers europäische Helfer beim Judenmord
45/2008: Hitlers Vollstrecker. SS-Chef Heinrich Himmler: Aus dem Leben eines Massenmörders
11/2008: Die Täter. Warum so viele Deutsche zu Mördern wurden.
03/2008: Der Anfang vom Untergang. Hitlers Machtergreifung
18/2005: Albert Speer und sein Führer. Der Manager des Bösen
05/2005: Als der Krieg nach Deutschland kam
35/2004: Hitlers Ende
29/2004: 20. Juli 1944. Protokoll eines Staatsstreichs
08/2004: Der zweite Dreißigjährige Krieg
02/2003: Als Feuer vom Himmel fiel. Der Bombenkrieg gegen die Deutschen
51/2002: Hitlers Stalingrad
23/2002: Das Spiel mit dem Feuer
26/2001: Der barbarische Krieg
19/2001: Hitlers langer Schatten
04/2001: Preußen
25/2000: Marlene
43/1999: Hitler
45/1998: Das 20. Jahrhundert
22/1998: Umzug in die Geschichte
07/1998: 1848: Die halbe Revolution
30/1997: Wagners Mythen, Hitlers Wahn
25/1997: Stasi-Spione aus dem Nazi-Lebensborn
11/1997: Verbrechen der Wehrmacht
10/1997: Der Sündenfall
33/1996: Hitler: Vollstrecker des Volkswillens?
21/1996: Die Deutschen: Hitlers willige Mordgesellen?
08/1996: Wie komisch sind die Deutschen?
06/1996: Aggressor Hitler, Aggressor Stalin?
19/1995: Bewältigte Vergangenheit
14/1995: Hitlers letzte Tage
04/1995: Auschwitz. Die letzten Tage
21/1994: Der Todesstoß. Normandie 1944.
08/1994: Der gute Deutsche
02/1994: Der Hetzer

Stefan Niggemeier: „Das macht einen Schnitt von knapp zwei Hitler pro Jahr, was natürlich die Frage noch nicht beantwortet, ob das noch ein gesundes Interesse, schon eine beunruhigende Obsession oder bloß eine nahe liegende Fixiertheit auf einen Auflagenbringer darstellt.“

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Quellen: Ostthüringer Zeitung vom 8. September 2012. – Wikipedia, Online-Enzyklopädie (zu Guido Knopp). – Stefan Niggemeier: „Wie viel Hitler ist der SPIEGEL?“ (Spiegel-online, SPIEGELblog vom  2. November 2012).

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