Zwischen NSDAP und Staat gab es einen von Hitler gewollten Kompetenzwirrwarr, doch die Partei war mächtiger. Struktur der Nazi-Partei, der 64 Prozent der Rothenburger angehörten

Uniformen der Politischen Leiter der NSDAP udn der angeschlossenen Verbände; Foto: Wikipedia

Uniformen der Politischen Leiter der NSDAP und der angeschlossenen Verbände; Foto: Wikipedia

Von Wolf Stegemann

Die Nationalsozialistische Deutsche Arbeiterpartei (NSDAP) war als zentralistische Führerpartei straff hierarchisch aufgebaut. Sie hatte eigene umfassende Strukturen und konkurrierte in der Zeit des Nationalsozialismus in außergewöhnlich hohem und weltweit einmaligem Maße mit den Strukturen des Staates. In der Praxis entstanden Probleme bei dem Verteilen der Zuständigkeiten. So konkurrierte die Partei oft mit staatlichen Stellen, wie etwa den Ministerien und Verwaltungsstellen. Staatliche Stellen orientierten sich stets an Interessen der NSDAP-(Regional‑)Führung. So hatte die Gauleitung immer Einfluss auf Personalentscheidungen in öffentlichen Ämtern. Rothenburgs Kreisleiter Karl Steinacker holte beispielsweise den NS-Bürgermeister Dr. Friedrich Schmidt nach Rothenburg und „setzte ihn ein“. Hauptgrund für diesen Kompetenzwirrwarr zwischen Staat und Partei war die Zuteilung staatlich-administrativer Tätigkeiten bei den Gauleitungen, was von Hitler durchaus gewollt war.

NSDAP-ParteiabzeichenStreng nach dem Führerprinzip organisiert, konkurrierten die Gauleiter mit den staatlichen Strukturen, die nach Auflösung der Länder die Ministerpräsidenten ersetzten. Sie versuchten sogar, diesen Posten selber zu besetzen, was auch oft gelang. Fast alle Gauleiter bauten sich in ihren Regionen deswegen ein eigenes Machtrefugium auf. Dies ist ein typisches Beispiel für die verwobenen Machtstrukturen des NS-Staates, in dem Partei und Staat mit nicht klar abgegrenzten Zuständigkeitsbereichen gegenseitig um Einfluss konkurrierten.

Führungsstab der Partei mit Verbindungsstäben

An der Spitze der NSDAP stand „Der Führer“; er war mit absoluter Macht ausgestattet und hatte die volle Befehlsgewalt. Alle anderen Parteiämter mussten sich nach seinen Weisungen richten. Der „Führer“ Adolf Hitler hatte als Staatsoberhaupt und aufgrund der Vielzahl seiner Ämter ein eigenes staatliches Organ, die „Kanzlei des Führers“. Diese wurde nach Übernahme des Präsidialamts 1934 gegründet.

Der staatlichen Kanzlei des Führers entsprach in der Partei der Stab des „Stellvertreters des Führers“ (diesen Titel hatte Rudolf Heß von 1933 bis 1941 inne). Der „Stab des Stellvertreters des Führers“ (StdF), der später „Parteikanzlei“ hieß (Leiter ab 1933: Martin Bormann) hatte die Aufgabe, alle Gesetze und Verordnungen, aber auch die Ernennung von Beamten auf ihre Übereinstimmung mit der nationalsozialistischen Ideologie hin zu überprüfen. Ein „Verbindungsstab“ vermittelte die Verbindung zum Staat.

So sahen sie aus: Lagerführerin, Sommertracht, Trommmelbube Jungvolk, Marine-Hitlerjunge, Arbeitsmann RAD

So sahen sie aus: Lagerführerin, Sommertracht, Trommmelbube Jungvolk, Marine-Hitlerjunge, Arbeitsmann RAD (v. l.)

18 Reichsleiter dirigierten den Nationalsozialismus

Im Braunen Haus in München residierte die Reichsleitung der NSDAP, bestehend aus 18 Reichsleitern, die organisatorisch dem Stellvertreter des Führers untergeordnet waren. Einige von ihnen hatten wegen gleichzeitiger Regierungsfunktionen auch Büros in Berlin. Die Reichsleiter wurden von Hitler ernannt und waren ihm direkt unterstellt. Sie sollten die „politische Zielsetzung des deutschen Volkes“ nach seinen Weisungen festlegen und waren in jeweils bestimmten Aufgabengebieten dafür verantwortlich. Des Weiteren sollte sie u. a. für die Sicherstellung der Führerauslese der NSDAP und des Staates sorgen. Zur Reichsleitung gehörten (1940): Der Stellvertreter des Führers (Heß) und sein Stabsleiter (Bormann), Chef der Kanzlei des Führers (Bouhler), der Reichsorganisationsleiter (Ley), der Reichspropagandaleiter (Goebbels), der Reichsschatzmeister (Franz Xaver Schwarz), der Oberste Parteilrichter (Buch), des weiteren Amann,  O. Dietrich, Rosenberg, Darré, H. Frank, Frick und Franz von Epp.

Ein uniformiertes Land: Kreisleiter, SS-Oberscharführer, SA-Standartenführer, Rottenführer, Oberscharführer (v. l.)

Ein uniformiertes Land: Kreisleiter, SS-Oberscharführer, SA-Standartenführer, Rottenführer, Oberscharführer (v. l.)

Einordnung der Verbände, Organisationen und Gliederungen

Angeschlossen waren der Partei die paramilitärischen Verbände der Sturmabteilung (SA) und der Schutzstaffel (SS), das NS-Kraftfahrkorps (NSKK), das NS-Fliegerkorps (NSFK), die Hitlerjugend (HJ), die Deutsche Arbeitsfront (DAF), die NS-Frauenschaft (NSF), der NSD-Studentenbund (NSDStB), der NS-Rechtswahrerbund (NSRB), der Reichsbund der Kinderreichen, der NS-Lehrerbund (NSLB), der NS-Juristenbund, der NS(D)-Dozentenbund (NSDDB), der Reichsluftschutzbund, der Reichsbund der Deutschen Beamten, die NS-Kriegsopferversorgung, der NSD-Ärztebund (NSDÄB), der NS-Reichsbund für Leibesübungen (NSRL); die NS-Betriebszellenorganisation (NSBO), der NS-Bund Deutsche Technik, die NS-Volkswohlfahrt (NSV), die NS-Kulturgemeinde, der Deutsche Gemeindetag und das Deutsche Frauenwerk. Diese Verbände hatten noch eigene Unterorganisationen.

Weitere Organisationen unter nationalsozialistischem Einfluss

Organisationen, die teilweise schon vor der Gründung der NSDAP bestanden und meistens nicht von der NSDAP gegründet wurden, wurden häufig umbenannt und für NSDAP-Zwecke benutzt. Sie unterstanden meistens auch einem Amt in der Verwaltungsapparatur eines Reichsleiters oder direkt einem Verband. Zu diesen Organisationen gehören z. B. (Auswahl): „Deutsche Christen“-Bewegung, Deutsche Glaubensbewegung, Deutsche Jägerschaft, Deutsches Rotes Kreuz, NS-Studenten-Kampfhilfe (nach 1938: NS-Altherrenbund) NS-Reichskriegerbund (bis 1938: Kyffhäuserbund), Opferring, das Rassenpolitische Amt, Reichsarbeitsdienst (RAD), Reichsbund Deutsche Familie (auch Kampfbund für den Kinderreichtum der Erbtüchtigen), Reichskolonialbund, Technische Nothilfe, Volksbund für das Deutschtum im Ausland.

64 Prozent der Einwohner Rothenburgs waren in der NSDAP

Die Mitgliederzahl der Partei wuchs von 6.000 (1922) auf 400.000 (1930) und erreichte bei der Machtübernahme 1933 die Millionengrenze. Bis 1945 stieg die Mitgliederzahl auf 8,5 Millionen Parteigenossen (Pg.). Daniel Bauer wertete die Spruchkammerakten Rothenburger NSDAP-Mitglieder aus und kam zu dem Ergebnis, dass im Schnitt 64 Prozent der Rothenburger Bevölkerung in der Partei war (71 Prozent der Männer und 34 Prozent der Frauen). Der Großteil sei 1933 in die NSDAP eingetreten. Von den in den Akten erfassten Personen seien 36 Prozent in der SA, acht Prozent in der SS, 16 Prozent in der NSV, 12 Prozent in der DAF und sechs Prozent in der HJ gewesen.

NSDAP-Gaukarte

NSDAP-Gaukarte

Administrative Gliederung der NSDAP – Die Gaue

Die NSDAP teilte Deutschland bereits 1925 in zunächst 33, später 43 Gebiete (1941), die in Anlehnung an einen Begriff aus der mittelalterlichen Territorialverfassung Karls des Großen „Gaue“ genannt wurden. Diese Partei-Gaue („Hoheitsgebiete“) entsprachen den damaligen Reichstagswahlkreisen und traten nach 1933 neben die fortbestehenden Länder, welche durch die Gleichschaltungsgesetze der Länder mit dem Reich in ihren Rechten erheblich beschränkt wurden. Den Begriff gab und gibt es noch in deutschen Landschaftsnamen: Kraichgau, Hennegau, Allgäu u. a.

Frankens Gauleiter Julius Streicher in Rednerpose

Frankens Gauleiter Julius Streicher in Rednerpose

Gauleiter hatten eine überwältigende Machtfülle

Jedem Gau stand ein Gauleiter vor. Er war in der Organisationsstruktur der NSDAP der regionale Verantwortliche der Partei und trug damit die politische Verantwortung für seinen Hoheitsbereich. Er erhielt die vollständige Disziplinargewalt und das Aufsichtsrecht über alle parteieigenen Organisationen und Verbände in seinem Gebietsbereich. Dies führte natürlich auch zu Kompetenzstreitigkeiten mit den Reichsleitern, die ja die gesamte Führung der jeweiligen Partei-Organisation bzw. des jeweiligen Partei-Verbandes auf sich vereinigen konnten bzw. wollten. Einige Gauleiter erhielten große Macht in ihren Regionen  Verantwortlich dafür war die Übertragung der regionalen Organisations- und Verbandsleitung auf den Verwaltungsapparat des Leiters des Gauamtes, der dem Gauleiter unterstellt war. Dadurch wurden die Gauleiter unter Umständen ziemlich unwichtig, da die Münchner NSDAP-Reichsleitung ihre fachspezifischen Interessen (etwa die wichtigen wie Propaganda) beim Verwaltungsapparat des Gauamtes durchbringen konnten und der Gauleiter über seine Verwaltung also kaum mehr Befugnisse in diesen Bereichen hatte.

Das partielle Gegenstück zu einem Gau der Partei war im Staatswesen, erst nach 1938 gegründet, der Reichsgau. Hiervon gab es bis 1945 insgesamt zwölf, wie beispielsweise der Sudetengau oder der Warthegau. Nicht jeder NSDAP-Gau war also ein Reichsgau.

Seite aus dem NSDAP-Organisationsbuch

Seite aus dem NSDAP-Organisationsbuch

Der Volkssturm war Parteisache und den Gauleitern unterstellt

Fast alle Gauleiter waren Mitglied der SA oder der SS. Die Gauleiter waren in den meisten Fällen schon vor 1933 in der NSDAP vertreten und Hitler persönlich bekannt – sie wurden auch deswegen von ihm ausgewählt. Julius Streicher, Gauleiter von Franken, war ein Duz-Freund Hitlers. Oft waren sie gleichzeitig Reichsstatthalter oder Oberpräsidenten. Mit dem Ausbruch des Zweiten Weltkriegs wurden die meisten Gauleiter zu Reichsverteidigungskommissaren und ab Oktober 1944 auch Verantwortliche für die Aufstellung des Volkssturms. 1941 gab es die Partei-Gaue (alphabetisch): Baden, Bayerische Ostmark, Berlin, Danzig-Westpreußen, Düsseldorf, Essen, Franken, Halle-Merseburg, Hamburg. Hessen-Nassau. Kärnten, Köln-Aachen, Kurhessen, Magdeburg-Anhalt, Mainfranken, Mark Brandenburg, Mecklenburg, Moselland, München-Oberbayern, Niederdonau, Niederschlesien, Oberdonau, Oberschlesien, Osthannover, Ostpreußen, Pommern, Sachsen, Salzburg, Schleswig-Holstein, Schwaben, Steiermark, Sudetenland, Südhannover-Braunschweig, Thüringen, Tirol-Vorarlberg, Wartheland, Weser-Ems, Westfalen-Nord, Westfalen-Süd, Westmark, Wien, Württemberg-Hohenzollern. – Die Gaue Flandern und Wallonien bestanden erst ab Dezember 1944.

Karikatur von Karl Arnold "Das Volk als Masse" (aus Simplizissimus 1932)

Karikatur von Karl Arnold “Das Volk als Masse” (aus Simplizissimus 1932)

Aufteilung der Partei unterhalb der Gaue – Struktur der NSDAP, Mitte 1939

Die Gaue waren unterteilt in Kreise mit Kreisleitung und Kreisleiter, darunter in Ortsgruppen mit Ortsgruppenleitung und Ortsgruppenleiter. Diese waren wiederum in acht Zellen mit je einem Zellenleiter untergliedert. Darunter gab es als kleinste Einheit jeweils vier bis acht so genannte Blocks (etwa 40 bis 60 Haushalte) mit eigenem Leiter, der im Volksmund meist als Blockwart bezeichnet wurde. Wenn man berücksichtigt, dass die NS-Volkswohlfahrt sich an der Parteiorganisation in ihrer eigenen Organisation orientierte, wird bei der bekannten Aufstellung der Strukturen der NS-Volkswohlfahrt deutlich, wie umfangreich die Partei organisiert war. Mitte 1939: 40 Gau-, 813 Kreis-, 26.138 Ortsgruppenleiter (auch Ortswaltungen genannt), 97.161 Zellen und 511.689 Blocks (Mitte 1939).

Kreisleiter waren die „kleinen Hitler“ im großen Reich

1932 wurden alle Gaue im Deutschen Reich in NSDAP-Kreise unterteilt. Auf der neugeschaffenen Ebene fungierte nun ein Kreisleiter als „Hoheitsträger“ der Partei. Dieser wurde zunächst vom Gauleiter berufen und von Hitler endgültig bestätigt.

Der Kreisleiter der NSDAP stand an der Spitze einer eigenen Dienststelle, der Kreisleitung, und hatte einen Stab von Mitarbeitern. Er erhielt seine Befehle vom Gauleiter und bekleidete somit – von der geographischen Verwaltung aus gesehen – den vierthöchsten Posten in der NSDAP nach dem Gauleiter, dem Stellvertreter des Führers und dem Führer selbst. Die Dienststellung des Kreisleiters entsprach der eines stellvertretenden Gauleiters, eines Gauhauptamtsleiters oder eines Reichsamtsleiters.

Der Kreisleiter sollte bei Luftangriffen für die Partei Hilfsmaßnahmen organisieren, indem er Verpflegung und Notquartiere bereitstellte und für die Sicherstellung des Hausrates der Bombenopfer sorgte. Im Verlauf des Bombenkrieges wurde der Kreisleiter in den Städten immer mehr zur zentralen Schaltstelle bei der Bekämpfung von Luftkriegsfolgen. So stellte er Einsatzstäbe der Partei auf, die nach Luftangriffen beim Löschen von Bränden mitwirkten. Zu den weiteren Aufgaben des Kreisleiters gehörten die „Gefallenenehrungsfeiern“ der NSDAP. Ziel dieser Maßnahmen war, die Bevölkerung zum Durchhalten zu bewegen.

Rothenburgs Kreisleiter Karl Steinacker beim Eintopfessen 1937

Rothenburgs Kreisleiter Karl Steinacker beim Eintopfessen 1937; entnommen FA

Der Kreisleiter war in Rothenburg der mächtigste Mann

Wer die Ausgaben des„Fränkischen Anzeigers“ in der NS-Zeit durchblättert, dem wird bald gewahr, dass der Kreisleiter der am häufigsten zitierte und auch mächtigste Mann in Rothenburg war, weit hinter dem Oberbürgermeister der Stadt. In Rothenburg übernahm 1932 Fritz Mägerlein die Kreisleitung, die er bis 1934 ausübte. Sein Nachfolger Karl Zoller, Mitbegründer der NSDAP-Ortsgruppe Rothenburg und der SA, war bis Mitte Juli 1935 Kreisleiter. Am 1. August 1935 übertrug Gauleiter Streicher die Leitung des Kreises an Karl Steinacker. Streicher wörtlich:

„Wir holten Parteigenossen Steinacker als Kreisleiter hierher [...] einen Mann, der einst als junger Parteigenosse, ganz auf sich allein gestellt, ohne Auftrag in Dinkelsbühl den Kampf aufgenommen hat.“

Der Gauleiter mahnte: „Er hat an der Front sich das Recht geholt, daß man an ihn denkt in dieser Stunde [...]. Wer ihm nicht gehorcht, gehorcht mir nicht und damit nicht dem Führer“ (FA vom 3. August 1935). Der Gauleiter berief 1943 Erich Höllfritsch zum Kreisleiter in Rothenburg, der aus dem Nationalsozialistischen Deutschen Studentenbund (NSDStB) kam. Zum Stab der Kreisleiter in Rothenburg gehörten noch die Leiter der untergeordneten Organisationen, wie Theodor Beyerl vom NSV, Heinrich Erhard von der Deutschen Arbeitsfront, Eugen Haas von Reichsbund der Deutschen Beamten, Georg Schmidt von NS-Lehrerbund, Friedrich Koch vom NSKOV und Otto Friedrich vom NS-Rechtswahrerbund..

Anzeige der Partei zum Jahreswechsel 1935/36

Anzeige der Partei zum Jahreswechsel 1935/36

Ortsgruppenleiter – ihm waren Zellen- und Blockleiter unterstellt

Er gehörte dem „Korps der Politischen Leiter“ an und war nebenberuflicher „Amtswalter“ der Partei. Der Ortsgruppenleiter stand in der pyramidenförmigen Leitungsstruktur der NSDAP auf der dritten Ebene von unten über dem Zellenleiter und dem darunter stehendem Blockleiter (Blockwart). Ihm unterstanden nicht nur die NSDAP-Parteimitglieder (mindestens 50 und höchstens 500), sondern alle Haushalte (mindestens 150 und höchstens 1.500) in der Ortsgruppe. Auch waren dem Ortsgruppenführer die Zellen- und Blockleiter unterstellt. Er selbst war dem Kreisleiter der Partei verantwortlich und wurde von diesem dem Gauleiter zur Ernennung vorgeschlagen. Als Stellvertreter verfügte der Ortsgruppenleiter über einen Adjutanten, den Stützpunktleiter, dessen Amt 1939 aufgelöst wurde. Die Ortsgruppe bestand meistens aus acht Zellen und sollte möglichst nicht die Grenzen einer Gemeinde überschreiten; dennoch konnte in ländlichen Gebieten eine NSDAP-Ortsgruppe durchaus mehrere Gemeinden umfassen.

Einladung zur Kundgebung der Partei in Rothenburg (FA 2. Dez. 1938).

Einladung zur Grußkundgebung der Partei in Rothenburg (FA 2. Dez. 1938).

Die Partei konnte sich gegenüber der Kommune über Gesetze hinwegsetzen

Faktisch kontrollierte der jeweilige Ortsgruppenleiter sogar den Bürgermeister oder Oberbürgermeister und durfte sich ihm gegenüber unter Missachtung von Recht und Gesetz Weisungsbefugnisse anmaßen, wobei die Zuständigkeiten zwischen der staatlichen Organisation und der Parteigliederung keineswegs klar abgegrenzt waren. Die Funktionsträger – einerseits der Bürgermeister und andererseits der Ortsgruppenleiter – verfolgten häufig unterschiedliche Ziele und agierten teils miteinander, teils gegeneinander. Die fehlende Abgrenzung der Zuständigkeiten führte mitunter zu chaotischen Zuständen, welche die Verunsicherung der Bevölkerung beförderten, was die Durchsetzung radikaler Ziele erleichterte.

Es war Aufgabe des Ortsgruppenleiters, „durch geeignete Veranstaltungen die Bevölkerung nationalsozialistisch auszurichten“ und „sich durch die der Gemeindevertretung angehörenden Politischen Leiter seines Stabes über kommunale Vorhaben und Beschlüsse Bericht erstatten zu lassen und nötigenfalls Meldungen an den Beauftragten der Partei zu machen“. Dieser „Beauftragte der Partei“ war in der Regel der übergeordnete NSDAP-Kreisleiter. Der Ortsgruppenführer war für die „Belange der gesamten Bevölkerung eines Ortes“ und nicht nur für die Partei-Mitglieder verantwortlich. Der Ortsgruppenleiter war beauftragt, Fragebögen nicht nur über Mitglieder der NSDAP, sondern auch über alle Einwohner eines Ortes anzufertigen: In 45 Fragen wurde die politische Zuverlässigkeit im Sinne des Nationalsozialismus überprüft.

Demütigung und Erniedrigung war bei der NSDAP Programm (Foto nicht Rothenburg)

Demütigung und Erniedrigung war bei der NSDAP Programm (Foto nicht Rothenburg)

Die Überwachungsfunktion der NSDAP

Somit hatte die NSDAP eine Überwachungsfunktion der gesamten Bevölkerung. Dazu schreibt der US-Historiker Robert Gellately in„Die Gestapo und die deutsche Gesellschaft”, dass die Partei nach 1933 einen Platz im Polizeisystem eingenommen habe. Eine detaillierte Untersuchung darüber stünde aber noch aus. Allerdings könne man sich von der Überwachungsfunktion der NSDAP bereits eine ungefähre Vorstellung machen. Wer mit der NSDAP irgendwie verbunden war, sollte die Lehren des Regimes auch unterstützen, indem er abweichende Meinungen und Opposition zu Kenntnis nahm und direkt der Gestapo oder eher seinem Vorgesetzten meldete, die dann die Information an die Polizei weitergaben, so Gellately.

„Die NS-Blockleiter und Zellenleiter sollten die Bevölkerung systematisch überwachen. 1934/35 betrug die Zahl der Funktionäre, die es seit 1933 gab, 204.359 bzw. 54.976; im Januar waren es 463.048 Blockleiter und 89.378 Zellenleiter. Sowohl vor als auch nach 1933 erfüllten die meisten von ihnen (ehrenamtliche) Aufgaben, die einen erheblichen Zeitaufwand erforderten. Man hat behauptet, diese kleinen Leute hätten durch ihre unscheinbaren Tätigkeiten –etwa die Führung einer ,Haushaltskartei’ für alle Bewohner ihres Blocks, die Durchführung von NS-Haussammlungen und (später im Krieg) durch die Verteilung von Lebensmittel- und Kleiderkarten usw. – mehr zur Stärkung des Regimes beigetragen als die Geheime Staatspolizei mit ihren ständigen Fahndungen nach tatsächlichen oder vermeintlichen Systemfeinden.“

Vor seinem „oft harmlosen Blockleiter oder Blockwart“ etwas geheim zu halten, so Gellately, war erheblich schwieriger, als die Gestapo zu täuschen.

Der "Fränkische Anzeiger" war das offizielle Nachrichtenblatt der NSDAP (12. Sept. 1936)

Der “Fränkische Anzeiger” war das offizielle Nachrichtenblatt der NSDAP (12. Sept. 1936)

Die 20 Ortsgruppenleiter im Bezirk Rothenburg waren ehrenamtlich tätig

Schon 1933 verfügte die Partei über ein dichtes und gut funktionierendes Netz von etwa 20 NSDAP-Ortgruppen in der Stadt (Ortsgruppenleiter Friedrich Götz) und im Bezirk Rothenburg. Vorträge in den monatlichen Mitgliederversammlungen sollten die Parteigenossen politisch und  ideologisch weiterbilden und stärker an die Partei binden. Zudem wurden organisatorische Regelungen weitergegeben, wie die Forderung der Partei, dass an Festtagen aus mindestens einem Fenster eines jeden Hauses eine Hakenkreuzfahne herauszuhängen hatte. Bei Zuwiderhandlung drohte der Ortsgruppenleiter mit Sanktionen.

Nicht nur die Kreisleiter, auch die Ortsgruppenleiter konnten auf frühe Parteieintritte ab 1927 und aktive Beteiligung in NS-Berufsverbänden oder anderen Unterorganisationen verweisen. verweisen. Der Historiker Daniel Bauer:

„Selbst wenn die meisten Ortsgruppenführer Landwirte oder Selbstständige waren, fanden sich darunter auch Akademiker, wie der Arzt Friedrich Haas oder der Lehrer Friedrich Götz. Im Kreis Rothenburg war die Ortsgruppenorganisation eine tragende Stütze zur Aufrechterhaltung der nationalsozialistischen Herrschaft… Ab 1934 kontrollierte die NSDAP mit ihren angeschlossenen Organisationen und Verbänden das öffentliche Leben in der Stadt und im Bezirksamt Rothenburg. Konkret bedeutete dies, dass sich die Bürger nicht politisch frei äußern konnten, gegebenenfalls wirtschaftlichem oder gesellschaftli­chem Boykott ausgesetzt waren, bedroht oder misshandelt wurden.“

Zellenleiter informierten den Ortsgruppenleiter über Missstände

Der Zellenleiter stand an sechster Stelle in der Rangliste der NSDAP-Funktionäre. Er musste sich um die Verwaltung von etwa vier bis acht Blocks kümmern, die jeweils von einem Blockleiter geführt wurden. Vor allem bei geringer Siedlungsdichte im ländlichen Raum wurde die Funktionsebene des Zellenleiters auch eingespart und die Aufgaben vom Ortsgruppenleiter selbst übernommen. Der Zellenleiter nahm an den monatlichen Besprechungen teil, die die Blockleiter mit ihren Helfern abhielten. Zellenleiter sollten dem Ortsgruppenleiter regelmäßig einen mündlichen Stimmungsbericht geben und ihn über Missstände informieren.

Blockleiter (Blockwart) – der Treppenterrier

Der Blockleiter der NSDAP war der rangniedrigste Parteifunktionär innerhalb der NSDAP. Er war für etwa 40 bis 60 Haushalte zuständig. Im Volksmund hieß er auch „Treppenterrier“, weil er die Haushalte kontrollieren musste, ob sie im Krieg richtig verdunkelt haben und dann den so genannten Eintopfsonntagen an den Türen riechen musste, ob vielleicht nicht doch Bratengeruch aus der Wohnung strömte.

Kragensplegel der Politischen Leiter: Bereichsleiter (20), Oberbereichsleiter (21), Hauptbereichsleiter (22), Dienstleiter (23), Oberdienstleiter (24), Hauptdienstleiter (25), Befehlsleiter (26), Oberbefehlsleiter (27), Hauptbefehlsleiter (28), Gauleiter (29), Reichsleiter (30)

Kragensplegel der Politischen Leiter: Bereichsleiter (20), Oberbereichsleiter (21), Hauptbereichsleiter (22), Dienstleiter (23), Oberdienstleiter (24), Hauptdienstleiter (25), Befehlsleiter (26), Oberbefehlsleiter (27), Hauptbefehlsleiter (28), Gauleiter (29), Reichsleiter (30)

Dienstgrade, Kragenspiegel, Kraftwagenflaggen und Abzeichen der NSDAP

Parteiamtliche Uniformen, Uniformteile, Gewebe, Fahnen und Abzeichen wurden von Reichsschatzmeister vergeben und im Heimtückegesetz vor Missbrauch geschützt. Die einzelnen Uniformteile konnten in der veröffentlichten Bekanntmachung vom 16. Januar 1935 nachgelesen werden. Wegen der braunen Uniform mit Goldlitzen wurden die Politischen Leiter im Volksmund spöttisch auch „Goldfasane“ genannt. Im NSDAP-Gau Westfalen Nord durften an vorgeschriebenen Tagen der Karnevalszeit Politische Leiter keine Uniform tragen. Anlass dieser Verordnung war ein Vorfall, demnach ein Ortsgruppenleiter von angetrunkenen und verkleideten Jecken auf der Straße gefragt wurde, als was für ein Narr er sich verkleidet habe. – Weiterhin gab es als Auszeichnungen das Goldene Ehrenzeichen der NSDAP (gestiftet 1933), inoffiziell als das Goldene Parteiabzeichen der NSDAP bezeichnet, sowie das Parteiabzeichen der NSDAP für Ausländer. Sehr selten war der Deutsche Orden 1. bis 3. Klasse (gest. 1942) als höchste Parteiauszeichnung. Selten war das Ehrenzeichen vom 9. November 1923 (gest. 1934), der so genannte Blutorden. Schließlich gab es für Hauptamtliche die Dienstauszeichnung der NSDAP in drei Stufen (gestiftet 1939).

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Themenähnliche Artikel in dieser Dokumentation: „Der NSDAP-Gau Franken“. – „Who’s who in nationalsozialistischen Rothenburg“. – Wilhelm Stegmann, Gründer der NSDAP-Gruppe Rothenburg…“ – und etliche Artikel zu den Gliederungen der NSDAP wie SA, SS, Hitlerjugend und andere (siehe Inhaltsverzeichnis).
Quellen: Teilweise wörtlich, im Wesentlichen aber umformuliert bzw. gekürzte Passagen übernommen aus Wikipedia zu „Struktur der NSDAP“ (12.5.2014). – Daniel Bauer: „Formen nationalsozialistischer Herrschaft in Rothenburg ob der Tauber“, „Jahrbuch für fränkische Landesforschung“ 70/ 2010, 191–212. – Friedemann Bedürftig: „Drittes Reich und Zweiter Weltkrieg. Das Lexikon“, Piper, München 2002. –  Zentner/Bedürftig: „Das große Lexikon des Drittes Reiches“, Südwest 1985. – Rainer Hambrecht: „Der Aufstieg der NSDAP in Mittel- und Oberfranken (1925-1933), Diss., Nürnberg 1976. Robert Gellately: „Die Gestapo und die deutsche Gesellschaft. Die Durchsetzung der Rassenpolitik 1933-1945“, aus dem Englischen von Karl und heidi Nicolai, Ferdinand Schöningh Verlag, Paderborn 1993. – Ders. „Hingeschaut und weggeschaut. Hitler und sein Volk“, DVA2002.
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