Wegen der antisemitischen Vergangenheit des Rothenburger Heimatforschers Martin Schütz wurde die nach ihm benannte Straße in Schnaittach 2010 umbenannt

Von Wolf Stegemann

Die Marktgemeinde Schnaittach in Mittelfranken brauchte viele Jahre, um endlich die Konsequenz zu ziehen, die Straße „Martin-Schütz-Ring“ umzubenennen. Das war im Jahr 2010. Denn erst aufgrund von Recherchen zur Eintausendjahrfeier der Gemeinde mussten Bürgermeister und Gemeinderäte einsehen, dass der 1967 mit der Straßenbenennung geehrte Lehrer und Heimatforscher Martin Schütz, der sich um die Aufarbeitung der Schnaittacher Geschichte verdient gemacht hatte, im Dritten Reich ein unappetitlicher Antisemit und Judenhetzer gewesen war.

Bis 2010 ehrte Schnaittach Martin Schütz mit der Benennung einer Straße

Bis 2010 ehrte die Gemeinde  Schnaittach den früheren Rothenburger Archivar und Studienrat Martin Schütz mit der Benennung einer Straße; Foto: Michael Scholz (Pegnitz-Zeitung)

In Rothenburg wäre die nationalsozialistische und antisemitische Vergangenheit von Martin Schütz nicht zu vertuschen gewesen. Denn hier hatte er im Dritten Reich ein großes und exponiertes Aufgabengebiet, wo er seinen Antisemitismus voll ausleben konnte: Im Verein Alt-Rothenburg genauso wie als Redakteur der Zeitungsbeilage „Die Linde“, die er auf antisemitischen Kurs brachte, wie in der ihm applaudierenden Öffentlichkeit überhaupt. Denn Martin Schütz legte 1938 das Buch „Eine Reichsstadt wehrt sich. Rothenburg ob der Tauber im Kampfe gegen das Judentum“ vor. Das Nachwort schrieb der NS-Ideologe und NSDAP-Gauamtsleiter Fritz Fink aus Nürnberg. Schütz bekam für dieses geschichtlich verdrehende bis verlogene Machwerk Applaus nicht nur vom Frankenführer Julius Streicher, der zu diesem Buch angeregt hatte, sondern auch von höher angesiedelten Paladinen des Führers.

Die antisemitische NS-Vergangenheit vertuscht und verschwiegen

Wie der 1900 in Fürth geborene Martin Schütz nach Schnaittach gekommen war, konnten die beiden Historiker der Gemeinde, Ina Schönwald und Martin Schieber, nicht klären, schreibt Michael Scholz in der „Pegnitz-Zeitung“. Die Recherchen ergaben allerdings, dass Martin Schütz nie in Schnaittach gelebt hatte und dennoch in den 1920er-Jahren dort hin und wieder als Organist für die evangelische Kirchengemeinde tätig war. In Schnaittach war lediglich bekannt, dass Schütz vermeintlich ein einziges großes Werk geschrieben hatte, nämlich seine unverfängliche Dissertation mit dem Titel „Die Ganerbenschaft vom Rothenberg in ihrer politischen, wirtschaftlichen und juristischen Bedeutung“, die er 1924 an der Universität Erlangen eingereicht hatte. Darüber hinaus machte sich der Lehrer Martin Schütz nach dem Krieg mit Arbeiten über Pfarreien und Kirchen rund um Schnaittach verdient.

Dr. Martin Schütz

Dr. Martin Schütz (1900-1958)

Martin Schütz, der von 1926 bis 1933 nebenamtlicher Stadtarchivar in Rothenburg war, verstand es nach dem Krieg, seine antisemitische Vergangenheit zu vertuschen. Denn in seiner Entnazifizierungsakte im Hauptstaatsarchiv Nürnberg ist über seine nationalsozialistische Tätigkeit nicht zu finden. Vielleicht deshalb, weil er seinen Rufnamen mit Heinrich, seinen Zweitnamen als Martin angegeben hatte und somit als „der Antisemit Martin Schütz“ unentdeckt blieb und deshalb als unbelastet galt.

In Schnaittach gab es ein blühende jüdische Gemeinde, mehrere alte jüdische Friedhöfe und eine Synagoge, in deren Anbau eine jüdische Sargtischlerei untergebracht war. Den Hinweis auf den NS-Antisemitismus von Martin Schütz, dem die Gemeinde die Straße gewidmet hatte, erfuhr die Gemeinde erst im Frühjahr 2010 durch den neu erschienenen „Synagogengedenkband Bayern“.

Leserbriefschreiber hatten kein Verständnis für die Straßenumbenennung

Als der „Martin-Schütz-Ring“ dann nach einer Flurbezeichnung in „Am Bubich“ umbenannt worden war, die Lokalzeitung darüber berichtete, bekam die Redaktion Leserbriefe. Eine meinte, dass hier eine Namensverwechslung vorliege. Martin Schütz sei 1958 in Schwabach gestorben, sei Germanist und Oberstudiendirektor gewesen: „Wieso soll dieser Martin Schütz nebenamtlicher Stadtarchivar von Rothenburg ob der Tauber gewesen sein? Ich habe da so meine Zweifel…“ Und weiter schreibt der Leser aus Schwaig: „Die andere Frage ist, wie Hetzschriften in jener Zeit entstanden. In einem totalitären System kann sich ein Autor nicht dagegen wehren, wenn seine Arbeit in eine Hetzschrift oder in eine Lobeshymne auf das umfunktioniert wird …“

Und ein anderer Leserbriefschreiber aus Nürnberg meinte zur Umbenennung u. a.:  „Darüber hinaus bin ich der Meinung, dass man die Zeit des Nationalsozialismus insofern auf sich beruhen lassen sollte, dass man nicht mehr die Nachkriegs-Generation mit Dingen aus dem NS konfrontiert, die eine Belastung finanzieller oder zeitlicher Natur darstellen, also wie eine Straßenumbenennung…“

Ein Dritter, auch aus Schwaig, schrieb dazu: „Ist es wirklich notwendig, den Namen zu ändern? Wenn sich jemand um Schnaittach verdient gemacht hat, dann wurde er auch wie hier geehrt. Das jemand in der Zeit des Nationalsozialismus sich antisemitisch oder besser was man heute darunter versteht, geäußert hat, ist aus meiner Sicht nachvollziehbar. Es galt und gilt noch immer der Leitsatz: Wess Brot ich ess, des Lied ich sing! Das galt im Dritten Reich, in der DDR und gilt auch in abgemilderter Form in der Bundesrepublik…“

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Quelle: Michael Scholz „Schütz stürzt vom Sockel“ in der Pegnitz-Zeitung vom 27. Juli 2010.

 

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