Reichsparteitag Nürnberg 1934: Des Führers Auge ruhte einige Sekunden auf dem Rothenburger Hitlerjungen Helmut Jelden, der ihn in seine Heimatstadt Rothenburg einlud

Sie jubeln dem Führer zu - Jugend auf dem Reichparteitag

Sie jubeln dem Führer zu – Jugend auf dem Reichparteitag

Von Wolf Stegemann

Als Adolf Hitler 1934 das Lager des Reichsarbeitsdienstes in Wulfen bei Dorsten in Westfalen besuchen wollte, dann kurzfristig doch lieber nach Tegernsee fuhr, wo er seinen Kampfgefährten Röhm umbringen ließ, da saßen erwachsene Menschen in den Bäumen an der Straße, auf der Hitlers Fahrzeugtross erwartet wurde, und jubelten laut aus dem Geäst, wenn ein Fahrzeug in Sicht kam. Letztlich erfolglos. Als 1938 der Fabrikant Ludwig Schürholz aus Hervest-Dorsten die Goldene Fahne der Deutschen Arbeitsfront (DAF) in Berlin verliehen bekam, gab Hitler ihm die Hand. In einem Telegramm an seine Familie schrieb er dann voller ehrfürchtiger Begeisterung „Habe dem Führer in die Augen gesehen – Ein erhabener Anblick – Euer stolzer Vater“ so, als hätte er den Messias erblickt. Als einen solchen von Gott Gesandten sahen ihn viele zwischen Maas und Memel, Kiel und Kufstein; 1934 auch in Rothenburg, als die „Gesellschaft für Fränkische Geschichte“ im Wildbad tagte („der vom Himmel in des Volkes schwerster Stunde gesandt wurde.“). Wo Hitler auftrat, bekamen auch Frauen Begeisterungskrämpfe und für Jugendliche war ein Blick auf Hitler das Größte in ihrem jungen Leben. So sah es auch der Rothenburger Hitlerjunge Helmut Jelden im September 1934, als er auf dem Reichsparteitag in Nürnberg mit Adolf Hitler kurz sprechen durfte. Seine Geschichte veröffentlichte der „Fränkische Anzeiger“ unter dem Titel „Wir haben den Führer gesprochen!“, aus der wir hier Auszüge veröffentlichen.

Adolf Hitler einen Einladungsbrief persönlich überreicht

„Wir laden den Führer nach Rothenburg ein!“ – diese Idee hatte der Hitlerjunge Helmut Jelden im Vorfeld des Reichsparteitags 1934 in Nürnberg, zu dem er und fünf Freunde aus der Rothenburger Hitlerjugend fahren wollten.

„Nur wenige nahmen unseren Plan völlig ernst. Man traute es uns nicht zu, dass wir sechs aus dem kleinen Rothenburg bis zum Führer unseres Volkes vordringen würden. Aber wir haben es doch geschafft und damit unserer Heimatstadt gezeigt, dass wir schon auch etwas zu leisten vermögen.“

So fuhren die sechs Hitlerjungs nach Nürnberg. Im Gepäck hatten sie eine mittelalterlich gestaltete Urkunde dabei, die der Stadtarchivar Dr. Martin Schütz verfasste und der Gewerbehauptlehrer Ernst Unbehauen schmuckvoll zu Papier brachte:

„Sintemalen Rothenburg uff der Tauber ist ein gar alt echt deutsch Statt mit vielen Türmen und Basteyen und deutschen Häuslin, sintemalen des Reichs Oberst Führer schon lang nit gewesen zu Rothenburg uff der Tauber, der Pimpfen, jeder aber nit kummen können zu des Reichs großen Tagen nach Nuremberg, thut alles jung Volck dem Führer kund und ze wissen, dass er möge recht balde zu ihnen kummen in die alt deutsch Statt.“

Im Standortkasino waren alle Offiziere begeistert

So ausgestattet fuhren sie an einem Samstag früh um 8.15 Uhr nach Nürnberg, wo sie eine Stunde später an einer abgeriegelten Sperre am Stadtrand ankamen, durchgelassen wurden und weiterfahren konnten.

„In unserem Quartier angekommen, stand für uns das eine fest: Wir mussten so bald wie möglich zum Führer kommen oder wenigstens eine einflussreiche Vermittlungsstelle erreichen. So machten wir uns zu dritt in Zivil zum ,Deutschen Hof’ auf, aber die Absperrung hielt uns auf. Flugs ging’s zum Grand-Hotel, um Herrn Ministerpräsidenten Siebert zu erreichen; er war jedoch nicht zu treffen. Im Grand-Hotel passierten wir alle Räume und sahen da Herrn General Daluege, Herrn Admiral Raeder und manchen anderen hohen Führer der SA oder SS. Da Herr Ministerpräsident Siebert nicht zu treffen war, reifte in mir der kühne Entschluß, eine andere Persönlichkeit anzusprechen und um Beihilfe für unseren Plan zu bitten.“

Alsdann der Reichswehrminister [von Blomberg] im Hotel auftauchte, traten die Rothenburger Hitlerjungs „auf die hohe, wuchtige Gestalt des Reichwehrführers“ zu und trugen ihm ihre Bitte vor, Hitler die Einladungsurkunde übergeben zu dürfen. Daraufhin bekamen die Jungs von ihm einen handschriftlichen Zettel ausgehändigt, mit dem sie das Standortkasino betreten durften. Auf dem Zettel stand: „Jelden-Rothenburg hat die Erlaubnis, Montags um 12.30 Uhr das Standortkasino zu betreten.“ Pünktlich betraten die Jungs am Montag das Kasino und erzählten den Anwesenden, was sie vorhatten. „Alle Offiziere waren für unseren Plan begeistert.“ Dann kam er, der „heißersehnte Führer“ in Begleitung des Generals Fritsch, Chef der Heeresleitung.

„Ein einziger Jubel erscholl. Da wollte einem schon der Mut entsinken, aber bald fingen wir uns wieder. Nun kam Adolf Hitler auf uns zu. Rasch trat ich vor und sagte: ,Mein Führer! Ich überbringe Ihnen im Namen der Rothenburger Jugend diese Einladungsurkunde’. Einige Sekunden ruhten seine Augen auf uns, dann dankte er uns rasch und schritt weiter. Wir aber standen immer noch ein wenig erstaunt da. Der große Eindruck war zu rasch gewesen. Außer dem Führer begrüßten uns noch viele andere hohe Führer, so Ministerpräsident [von Preußen] Göring, Gauleiter Julius Streicher und viele hohe Reichswehroffiziere. Es war wundervoll. Außer der Urkunde überreichte eine Fahrtkameradin dem Führer einen schönen Nelkenstrauß. Sie war sehr erfreut, als der Kanzler ihr sogar die Hand drückte. Als der letzte Begleiter verschwunden war, wurden wir scharf unter Photofeuer genommen, sogar gefilmt wurden wir. Dann machten wir uns zu Fuß zurück in unser Quartier.“

Die Rothenburger Hitlerjungs fuhren nach Hause mit der Hoffnung, den Führer bald wiedersehen zu werden.

„Nun sind wir wieder in unserer kleinen, aber schönen Heimatstadt, vor uns aber steht im Geiste immer noch das klare Führerauge Adolf Hitlers und wir hoffen, dass unser Unternehmen dazu beitrug, dass alle Rothenburger unser Erlebnis noch teilen können.“

Adolf Hitler war 1935 nur einziges Mal auf der Durchfahrt in Rothenburg, um im Hotel Eisenhut zu Mittag zu essen. Nach einer Stunde war er wieder weg.

  • In dem Bericht Helmut Jeldens im „Fränkischen Anzeiger“ bedankte er sich bei Johann M. Friedle mit den Worten: „Das Hauptverdienst am Gelingen unseres wahrlich kühnen Unternehmens aber hat Herr John Friedle. Er tat wirklich alles, was er uns tun konnte und seine Freundlichkeit kannte keine Grenzen.“ – Dazu die Information: Der Detwanger John Friedle war mittlerweile US-Bürger und wohnte in Rothenburg. Jahre später wurde er unter fadenscheinigen Gründen wegen Devisenvergehens angeklagt und kam ins Gefängnis. Er starb 1950 in San Francisco. Wie er den Hitlerjungs geholfen hat, ist leider nicht bekannt.

Siehe weiterführende Artikel:
„Nürnberger Reichsparteitage brachten viele Besucher nach Rothenburg…“
„Liebesschwüre an Adolf Hitler…“
„Der Fall Friedle – Wie einem US-Bürger mit dem Argument des Devisenvergehens sein Haus weggenommen wurde…“
„Adolf Hitlers überraschender Besuch 1935…“

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Quelle: „Fränkischer Anzeiger“ vom 11. September 1934

 

 

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