„Reichsflagge“, „Reichskriegsflagge“, „Altreichsflagge“ und andere rechtradikale und antisemitische Verbände in Franken und Rothenburg ob der Tauber

Schwarz-weiß-rote Reichsflagge

Schwarz-weiß-rote Reichsflagge

Von Wolf Stegemann

Zu den frühen Antisemiten gehört vor allem der militärische Wehrverband „Bund Reichsflagge“, der im Frühsommer 1919 in Nürnberg entstand und seinen regionalen Schwerpunkt in Franken hatte. Zu seinen Spitzenzeiten hatte er bis zu 20.000 Mitglieder. Geführt wurde der Bund von dem aktiven Reichswehr-Hauptmann Adolf Heiß (1882-1945), der den Wehrverband während des Kapp-Putsches gegen revolutionierende Arbeiter in Nürnberg einsetzte und ihn dann mit Hilfe des Nürnberger Polizeichefs Heinrich Gareis (1878-1951) zu einer besonders straff organisierten Truppe ausbaute. Das Programm war antirepublikanisch und monarchistisch. Erkennungszeichen war eine gepanzerte Faust, die nach der kaiserlichen Reichsflagge greift. 1927 trat der Verband geschlossen dem „Stahlhelm. Bund der Frontsoldaten“ bei.

Julius Streicher in SA-Uniform vor 1933

Julius Streicher in SA-Uniform vor 1933

Eine Vielzahl rechtsradikaler Gruppierungen

Besondere Unterstützung erhielt der Verband durch Industrielle und Gewerbetreibende der mittel- und oberfränkischen Region im national-protestantischen Umfeld. Ernst Röhm, späterer SA-Stabschef, war Leiter der 1921 gegründeten Münchener Ortsgruppe. Auch in Rothenburg gründete sich im April 1919 eine Volkswehr gegen „linke Umtriebe“, die aus etwa 300 Mann bestand. Zudem hatten sich etwa 79 Männer dem „Freikorps Franken“ sowie dem „Bund Oberland“ angeschlossen, nachdem die NSDAP zeitweise verboten war. Auch fand der „Deutschvölkische Schutz- und Trutzbund“ Anhänger in Rothenburg und in Westmittelfranken. Dagegen fand Julius Streichers „Deutsch-Sozialistische Partei“ in Rothenburg kaum eine Anhängerschaft. Eine NSDAP-Ortsgruppe bestand schon Anfang der 1920er-Jahre, war zerstritten und wurde wieder aufgelöst. 1923 fand die zweite Gründung der „Hitleristen“ in Rothenburg statt, die nach dem Hitlerputsch verboten wurde. Die erfolgreiche Neugründung kam in Rothenburg daher erst 1927 zustande. Die Rothenburger Ortsgruppe „Bund Reichsflagge“, geführt von dem praktischen Arzt Dr. Friedrich Beck, war seit 1922 der stärkste nationale Verband in Rothenburg ob der Tauber. Beck kam aus dem Deutschvölkischen Schutz- und Trutzbund. Er war 1921 Führer der von Julius Streicher gegründeten Nürnberger Ortsgruppe der „Deutschen Werkgemeinschaft“. Die ständige Radikalisierung des Kampfes gegen die Judenschaft durch Streicher veranlasste Dr. Beck, sich ab Juli 1922 von dieser Form des Antisemitismus zu distanzieren. Beck: „In unserer Bewegung hat sich ein Radikalismus aufgetan, der verschwinden muss. Die Judenfrage muss mehr in den Hintergrund treten.“ Daraufhin trat Streicher am 19. September 1922 aus der Deutschen Werkgemeinschaft aus und näherte sich der NSDAP an. Interne Streitigkeiten zwangen dann auch Beck zum Austritt.

Einladung zum antisemitischen Vortrag

Einladung zum antisemitischen Vortrag

„Wie ist Juda schuld an Deutschlands Unglück?“

Die Ortsgruppe „Bund Reichsflagge“ wurde von angesehenen Rothenburger Bürgern unterstützt. Eine auch in Schillingsfürst und Rothenburg als Rednerin agierende Antisemitin war Andrea Ellendt, die als prominente deutschvölkische „Wanderpredigerin“ in die damaligen Polizeiberichte einging. Der „Fränkische Anzeiger“ berichtete am 19. Dezember 1923: „Der Vortragsabend Ellendts […] hatte einen Massenbesuch aufzuweisen.“ Denn das Thema, über das die Referentin sprach, hieß „Wie ist Juda schuld an Deutschlands Unglück?“ Sie schilderte, wie der Kaiser während des Krieges von Juden umgeben war, griff besonders Rathenau an und erklärte, dass 90 Prozent der gesamten Weltpresse in jüdischer Hand seien. Zu letzterer Behauptung konterte der „Fränkische Anzeiger“ mit der Anmerkung:

„Die Behauptung der Rednerin ist etwas kühn, ob sie auch Beweise dafür hat? In Fachkreisen der deutschen Presse gibt es Beweise dafür, dass dem nicht so ist, soweit es Deutschland betrifft.“

Versailler Friedensvertrag ist ein „Judenschwindel“

Die Rednerin der „Reichsflagge“ wies jede Schuld Deutschlands am Ersten Weltkrieg zurück und bezeichnete den Versailler  Friedensvertrag als „Judenschwindel“. Der „Fränkische Anzeiger“ zitierte die Rednerin Ellendt:

„Alle die kleinen Fähnlein, ganz gleich, welchen Namen sie tragen, müssen sich unter der großen Fahne Deutschlands zusammenscharen zum Kampf um die christlich-germanische Weltanschauung. Der 9. November 1923 hat die Erkenntnis gebracht, dass es sich nicht darum handeln kann, ob Windjacke oder Hakenkreuz, denn davor hatte der Jude keine Angst, sondern darum, dass es gilt den Kampf um unser Deutschtum, für die christlich-germanische Weltanschauung aufzunehmen.“

Die Rednerin bezeichnete die Sozialdemokratie als „Schutztruppe der Juden“. Rothenburg hatte damals mit M. Reichel einen sozialdemokratischen Bürgermeister, der – wie auch Michael Emmerling – schon 1921 auf die Gefahr der politischen Rechtslastigkeit hinwies. Als sich Frankens Rechte im Oktober 1922 mit Hitler zum „Deutschen Tag“ in Coburg trafen, und Hitler den „Deutschen Tag“ als NSDAP-Propagandafeldzug umzufunktionieren verstand, meinte Rothenburgs Bürgermeister vor dem Hintergrund, dass etliche Rothenburger nach Coburg gefahren sind, falls es „die Leute der Hitlergarde gelüsten sollte, auch hierher zu kommen,“ werde die Sozialdemokratie der Tauberstadt nicht tatenlos zusehen (FA vom 2. Dezember 1922). Andrea Ellendt war zusammen mit Streicher und Hitler auch Rednerin am „Deutschen Tag“ in Coburg (siehe: „Die Deutsch-Mexikanerin Andrea Ellendt rief Anfang der 20er-Jahre in ihren Versammlungen in Franken zur Gewalt gegen Juden auf – auch in Rothenburg und Schillingsfürst. Wer war sie?“ in dieser Dokumentation).

Anzeige vom 29. Juli 1919 im "Fränkischen Anzeiger", mit der sich die Juden gegen den verstärkten Antisemitismus wehren

Anzeige vom 29. Juli 1919 im “Fränkischen Anzeiger”, mit der sich die Juden gegen den verstärkten Antisemitismus wehren

Leserbrief „von jüdischer Seite“ wendet sich gegen die Lügen der Rednerin

Von „hiesiger israelitischer Seite“ traf beim „Fränkischen Anzeiger“ ein Leserbrief ein, der zu den Ausführungen von Andrea Ellendt Stellung nahm. Die Lokalzeitung druckte ihn am 3. Januar 1924 ab – wie damals üblich ohne Absendernamen. Darin bezeichnet der Briefeschreiber neben Julius Streicher die Rednerin als „Hauptverbreiterin der antisemitischen Propaganda in Nordbayern:

„Das Auftreten von Frau Ellendt hat in hiesigen jüdischen Kreisen begreiflicherweise Erregung verursacht. Von Ort zu Ort hält sie ihre Versammlungen ab und überall heften sich an ihre Sohlen Unfriede, Hass und Verhetzung und nicht selten auch Gewalttat. In der hiesigen Stadt wurde bisher der konfessionelle Friede nicht gestört;  soll jetzt der Unfriede auch hierher getragen werden? Der Vortrag der Rednerin ist ein Musterbeispiel dessen, wie man Wahres und Unwahres, schöne nationale Worte und phantastische Erfindungen durcheinander bringen kann. Manches, was Frau Ellendt sagt, so über die Schuldlosigkeit Deutschlands am Krieg, ist so selbstverständlich, dass es ja jeder vernünftige Mensch in ganz Deutschland unterschreiben wird. Was aber die Rednerin von der geheimnisvollen Weltmacht ,Juda’ erzählt, die sie sich  eingebildet hat, und die an altem Unrecht und Unglück schuld sein soll, von der Ermordung des österreichischen Thronfolgers  bis zur Revolution in Mexiko. Das ist ein so blanker Unsinn, dass die Beleidigung gegen uns Juden nicht größer ist, als die gegen die Hörer, denen zugemutet wird, so etwas zu glauben. Aber freilich, Frau Ellendt weiß so viel durcheinander zu erzählen, eine ins Gegenteil verdrehte Äußerung von Rathenau, der angeblich mit dem Kaiser immer telefonisch verbunden gewesen sein soll und dann von den 90 Prozent der Presse, die in jüdischen Händen sein sollen (was die Schriftleitung selbst zurück gewiesen hat) und so vieles andere, dass die Leute gar nicht Zeit zum Nachdenken haben…

Ausscheren aus der radikalen Front und die Spaltung des Verbandes 1923

Bürgerliche Kreise forderten am 1. Oktober 1923 den Führer des „Bundes Reichsflagge“ ultimativ auf, das Bündnis mit Rechtsradikalen zu verlassen. Daraufhin trat der Vorsitzende Heiß aus dem Kampfbund aus. Dies veranlasste wiederum die südbayerischen Ortsgruppen unter Röhm, sich am 7. Oktober 1923 von Heiß loszusagen und sich als Bund „Reichskriegsflagge“ neu zu konstituieren. In der weiteren Entwicklung des Herbstes 1923 war die „Reichsflagge“ zwar noch in die Aufstellung des „Grenzschutzes Nord“ involviert; sie blieb aber – anders als ihr Ableger „Reichskriegsflagge“ – am Hitlerputsch des 8./9. November 1923 vollkommen unbeteiligt. Immer wieder forderte Heiß erfolglos zur Errichtung einer nationalen Diktatur auf. Und wieder gab es eine Abspaltung, die sich „Altreichsflagge“ nannte. Führer dieses im Wesentlichen auf Franken beschränkten Bundes war der spätere Nürnberger NS-Oberbürgermeister Willy Liebel (1897-1945).

Vereidigung von Mitgliedern des Stahlhelm auf die alte Flagge

Vereidigung von Mitgliedern des Stahlhelm auf die alte Flagge

Eintritt in den Stahlhelm 1927

Ab Mitte der 1920er-Jahre verlor mit der allgemeinen Beruhigung der politischen Lage auch die „Reichsflagge“ wie alle Wehrorganisationen zunehmend an Dynamik. Dem Zwang zur Bündelung der verbleibenden Kräfte entsprach es daher, dass Heiß Vereinigungsverhandlungen mit dem ebenfalls vergleichsweise gemäßigten „Stahlhelm – Bund der Frontsoldaten“ aufnahm. Am 1. Dezember 1927 gliederte er die Reichsflagge unter Wahrung ihrer Strukturen in den Frontsoldatenbund ein. Obwohl der „Stahlhelm“ in den Jahren 1930 bis 1935 ein neues Bündnis mit den Nationalsozialisten schloss und mit ihnen zusammen 1933 die Reichsregierung bildete, verziehen die alten Kameraden des Kampfbundes Heiß sein „Umfallen“ von 1923 nicht und führten eine lang andauernde Pressefehde gegen ihn. Während der NS-Zeit spielte er daher politisch keine Rolle mehr. – Der Nationalsozialismus vereinigte spätestens ab 1933 alle rechtradikalen Gruppen und Grüppchen in der NSDAP. Der Stahlhelm ging 1933/34 in der SA auf.

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Quellen/Literatur: Christian Hübner: „Reichsflagge, 1919-1927“ in Historisches Lexikon Bayerns. – Ernst Deuerlein (Hg.): Der Hitlerputsch. Bayerische Dokumente zum 9. November 1923, Stuttgart 1962. – Rainer Hambrecht: „Der Aufstieg der NSDAP in Mittel- und Oberfranken (1925-1933)“, Nürnberger Werkstücke zur Stadt- und Landesgeschichte 17, Nürnberg 1976. –  Dieter Balb „Antisemitische Rechts-Parteien als Vorläufer“ in „Fränkischer Anzeiger“ vom 19./20. Februar1983. – Ders. im FA „Juden fühlen als Deutsche“ vom 26./27. Februar 1983 (Faksimile eines Leserbriefs vom 4. Januar 1924). – Hans Fenske „Konservativismus und Rechtsradikalismus in Bayern nach 1918“, Bad Homburg u. a. 1969.

 

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