Michl Emmerling: Sein Leben war vor 1933 und nach 1945 von einem ununterbrochenen sozialdemokratischen Engagement für Menschen und das Menschliche geprägt

Von Wolf Stegemann

„Michl Emmerling war ein Sozialdemokrat alten Schlages, ein Mann, der seiner Partei die Treue auch unter erschwerten Umständen hielt und der nach dem Zusammenbruch, gleich vielen seiner Parteifreunde, ein hohes Maß an Arbeit zum Aufbau eines freiheitlich-demokratischen Staates geleistet hat. Die SPD darf stolz sein auf einen Mann, wie Michl Emmerling es war; in der Geschichte der örtlichen Parteiorganisation wird sein Name stets in Ehren gehalten werden…“

Mit diesen Sätzen gedachte der „Fränkische Anzeiger“ am 5. April 1977 in einem umfangreichen Nachruf des Mannes, der „durch sein jahrzehntelanges Wirken“ zum Wohl der  Allgemeinheit vor allem in der Nachkriegszeit Rothenburg seinen politischen und sozialen Stempel aufgedrückt hatte. Mal mit mehr und mal mit weniger Erfolg, wie es eben die politischen Verhältnisse in der Tauberstadt dies zuließen. Wenige Wochen vor seinem 84. Geburtstag starb er in seiner Heimatstadt.

Michl Emmerling

Michl Emmerling

Ein Zeitzeuge seines Jahrhunderts mit zwei Kriegen

Michl Emmerling war ein Zeitzeuge des 20. Jahrhundert mit all seinen politischen und sozialen Brüchen. Das waren der schreckliche Ersten Weltkrieg mit dem Ende des Kaiserreichs und dem folgenden halbherzigen und gescheiterten Versuch, Demokratie zu üben, das war die nationalsozialistische Diktatur mit den Verbrechen, an denen so viele in Deutschland beteiligt waren, das waren der in seinen Schrecken und Morden eigentlich nicht zu begreifende Zweite Weltkrieg und dann die Verordnung von Demokratie und Freiheit durch die westlichen Alliierten bis hin zum „Wirtschaftswunder“ aus eigener Kraft und dem Marshallplan. Michl Emmerling, Jahrgang 1893, durchstand diese Zeiten als Sozialdemokrat, sie formten ihn und machten ihn nach dem Krieg auch gegenüber Andersdenkenden und vormals Andershandelnden versöhnlich.

Schutzhaft, Kündigung und Verlust seine Bezüge 

Michl (eigentlich Michael) Emmerling wurde am 14. Mai 1893 in Burgsalach bei Weißenburg geboren, erlernte das Schreinerhandwerk, trat 1911 in die SPD ein, heiratete seine Frau Betty 1916, wurde im Krieg schwer verletzt, arbeitete als Schreiber, gründete danach in Rothenburg die „Freie Volksbühne“, die er jahrelang leitete, wurde 1925 in den Stadtrat gewählt, wurde 1929 in die Arbeitsverwaltung berufen und leitete bis 1933. Die Nebenstelle Rothenburg des Arbeitsamtes Ansbach leitetet er von 1929 bis 1933 kam 1933 in Schutzhaft, verbrachte die NS-Zeit als Versicherungsvertreter und Hilfsarbeiter, bekam 1945 seine alte Stellung beim Arbeitsamt wieder, war auch wieder im Stadtrat, vertrat seine Fraktion von 1956 bis 1966 als 2. bzw. 3. Bürgermeister.

Viele Jahre im Stadtrat

Viele Jahre im Stadtrat

Bedenken gegen Straßenwidmung, dann doch zugestimmt

Im Stadtrat und ab 1956 als ehrenamtlicher Bürgermeister (Stellvertreter des Oberbürgermeisters) musste er in Rothenburg mit denen zusammensitzen und -arbeiten, die nach 1945 noch jahrelang dem alten und zu überwindenden Gedankengut anhafteten. Das mag für ihn, den die Nazis in seiner Stadt mit Hausdurchsuchungen und Schutzhaft verfolgt hatten, sicherlich nicht immer leicht gewesen sein. Das belegt auch sein Verhalten bei dem 1955 vom Stadtrat ergangenen Beschluss, die Obere Bahnhofstraße wieder in Ludwig-Siebert-Straße umzubenennen, nach einem überzeugten Nationalsozialisten in hoher Parteifunktion und politischem Amt als bayerischer Ministerpräsident (1933 bis 1942). Auf Befehl der Amerikaner musste dem 1942 verstorbenen Siebert 1945 der Straßenname entzogen werden. Als die Amerikaner darauf keinen Einfluss mehr hatten, benannte der Stadtrat 1955 die Straße wieder nach dem nationalsozialistischen Amtsträger mit der Begründung, dass Siebert (in seiner Funktion als hochrangiger Nationalsozialist) viel für die damalige „Kraft durch Freude“-Touristenstadt Rothenburg getan hatte. Allein Michl Emmerling meldete Bedenken an, stimmte dann aber zu. Im Ratsprotokoll steht: Die Stadtratsfraktion der SPD zog sich zur Beratung zurück, anschließend erklärte sich auch Emmerlings Fraktion „einstimmig mit der Umbenennung dieser Straße in Anerkennung der Verdienste Ludwig Sieberts einverstanden“. Der Beschluss wurde am 29.  Juli 1955 in nichtöffentlicher Sitzung gefällt (StaRbg, Abt. NS 024.5 Stadtrat 1955-1956. Beschluss Nr. 4237 vom 29. Juli 1955). Das kommentierte anderntags der „Fränkische Anzeiger“ als „eine selbstverständliche Ehrenpflicht“. Wie mag es Michl Emmerling zumute gewesen sein, als er dies las? Er, den die Nationalsozialisten ins Gefängnis sperrten, sollte mit seiner Zustimmung zur so genannten ehrenpflichtigen Rehabilitation des hohen Nationalisten beigetragen haben? Hat er das mit seiner Zustimmung?

Michl Emmerling in jungen Jahren

Michl Emmerling in jungen Jahren

Sohn pfiff vor dem Gefängnis „Brüder zur Sonne, zur Freiheit“

Nachdem die Verwaltung und der Rat der Stadt 1933 nationalsozialistisch geworden waren, blieb Emmerling seiner sozialdemokratischen Überzeugung treu und agierte nach seinem Verständnis mit der Erfahrung eines damals 40-jährigen Kommunalpolitikers, der 1911 schon mit 18 Jahren in die SPD eingetreten war. Die SPD-Ortsgruppe in Rothenburg löste sich selbst auf und die Stadträte der SPD-Fraktion traten geschlossen zurück, bevor ihnen die Mandate abgenommen werden sollten, wie bereits den Kommunisten. Schon am 10. März wurde Michl Emmerling mit anderen Rothenburgern, wie dem Kommunisten Georg Lindner, verhaftet und ins Rothenburger Gefängnis gebracht. Dort verblieb er vier Wochen und weitere vier Wochen im Uffenheimer Gefängnis. Da Michl Emmerling schwerkriegsbeschädigt war, kam er nicht ins Konzentrationslager Dachau, wie Georg Lindner (KPD), erinnert sich Emmerlings Sohn Kurt im Gespräch mit Dieter Balb vom Fränkischen Anzeiger: „Wir Kinder standen oft unten am Gefängnis und pfiffen das Lied ,Brüder zur Sonne, zur Freiheit’, dann kam der Vater ans vergitterte Fenster.“ Und weiter heißt es bei Balb: „Michl Emmerling ließ sich durch die Schikanen der neuen Machthaber nicht beirren. Kurt war damals gerade elf Jahre alt, als er zusehen musste, wie man seinen Vater vom Gefängnis in Rothenburg mit einem offenen Lastwagen zusammen mit anderen abtransportierte“ (FA vom 7./8. Mai 1983).

Fadenscheinige Begründungen für den Schutzhaftbefehl

Ein so genannter „Schutzhaftbefehl“ wurde am 29. März 1933 vom „Sonderkommissar der Obersten SA-Führung des BA“ (Bezirksamt Rothenburg. Erlassen wurde der Schutzhaftbefehl mit der Begründung, Emmerling habe als Arbeitsvermittler des Arbeitsamts Ansbach, Nebenstelle Rothenburg ob der Tauber, Kirchgasse 5, „seine Parteigenossen gegenüber Andersdenkenden bevorzugt“. Dies habe letztere verbittert. „Die Erwerbslosen aus der nationalen Bewegung können es nicht verstehen, dass dieser Mann gerade in der Jetztzeit noch dazu berufen sein soll, die Auszahlung der Erwerbslosenunterstützungen an unsere Mitglieder [SA] vorzunehmen.“ Da die Stimmung der Unterstützten so groß sei, müsse befürchtet werden, so heißt es weiter, dass sie gegen Emmerling Gewalt anwenden würden. „Da Ausschreitungen zu verhindern, die selbstverständlich von der SA-Leitung nicht gebilligt werden aber umso mehr auch deshalb noch zu befürchten sind, als die Frau des Emmerling äußerte: ,In 3 Wochen ist es wieder anders, da werden die ,Anderen’ (Nationalsozialisten an die Wand gestellt’ und dieser Ausspruch auch in der Öffentlichkeit bekannt ist, stellen wir den Antrag auf Inschutzhaftnahme des eingangs Genannten…“

Der Jubilar

Der Jubilar; Fotos (4): Stadtarchiv

Als Vertreter und Hilfsarbeiter die Familie recht und schlecht durchgebracht

Michl Emmerling blieb acht Wochen in Schutzhaft. In dieser Zeit verlor er zum 31. März 1933 seinen Arbeitsplatz als Nebenstellenleiter des Arbeitsamtes mit sofortiger Zwangsbeurlaubung. Sein Einspruch hatte keinen Erfolg. Die SA-Standarte 19 der Rothenburger NSDAP sprach sich gegen den Einspruch aus. SA-Sonderkommissar und Standardartenführer Rahner zitierte Michl Emmerling mit den Worten, die dieser anlässlich einer Rede im Stadtrat wenige Wochen vor der Machtübernahme Hitlers gebrauchte: „Der Traum vom 3. Reich ist ausgeträumt!“ Rahner bestätigte in dem Schreiben, dass Emmerling nur wegen seiner Kriegsverletzung „nicht nach Dachau überwiesen wurde“.

Michl Emmerling kam im Mai 1933 wieder frei. Augrund des Gesetzes zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums wurde ihm der Beamtenstatus wegen politischer Unzuverlässigkeit endgültig entzogen. Damit verlor er zum 1. Juli 1933 auch alle Bezüge. Die Kriegsbeschädigten-Rente wurde halbiert und ab 1938 erhielt er nur noch 30 Prozent davon. Emmerling hielt sich mit einer Versicherungsvertretung halbwegs über Wasser. 1938 konnte er als Hilfsarbeiter in der Sportartikelfirma L. Erhard & Söhne als Hilfsarbeiter tätig werden und übernahm, da er das Schreinerhandwerk erlernt hatte, die Schreinerei für Schi-Herstellung. Heinrich Erhard, exponiertes NSDAP-Mitglied in Rothenburg, sagte bei der Einstellung am 12. August 1938 zu Michl Emmerling wörtlich, wie dieser am 12. November 1946 für Erhard bei dessen Entnazifizierung entlastend schrieb, „dass die Firma das an mir begangene Unrecht gutzumachen versuche“.

Am 4. Oktober 1945 schrieb Michl Emmerling ein Gedicht, das sich mit den Trümmern befasst, die der Nationalsozialismus und der Krieg hinterlassen haben. Es heißt: „Wir müssen Trümmer ernten…“

Nun lasst die Herzen glühen
In unsre große Not,
Laßt aus Ruinen blühen,
Was übrig blieb vom Tod!
Oh, achtet nicht der Schwiele
Und grabet, grabet aus,
Und haltet stets am Ziele;
Es geht um Euer Haus!
Und schreckt Euch noch ein Dröhnen,
So bleibet stehn im Licht!
Die Welt will sich versöhnen
Und wandeln ihr Gesicht;
Es wird der Ungeist sterben
Und Not und Neid vergehn…
Wir mussten Trümmer erben,
Um unsern Weg zu sehn.

Zeitweise Vorsitzender des Entnazifizierungsausschusses Rothenburg

Michl Emmerling bekam nach dem Krieg seine Funktion als Leiter der Arbeitsamtsnebenstelle Rothenburg zurück, übernahm 1945 wieder sozialdemokratische Verantwortung im Stadtrat, dem er schon 1925 angehörte, wurde 1956 Bürgermeister und Träger der Rothenburger Bürger-Medaille. In der Zeit der Entnazifizierung war er zeitweise Vorsitzender des Ausschusses Rothenburg ob der Tauber und nebenbei gründete er am Ort sämtliche bestehenden Industriegewerkschaften.

„Bis ins hohe Alter hat er seine Kraft überall dort zur Verfügung gestellt, wo es galt, der fränkischen, der Rothenburger Heimat zu dienen, und alle, die mit ihm je zu tun hatten, durften seiner Unterstützung sicher sein, wenn er ihr Vorhaben als rechtens und aus menschlichen Gründen erkannt hatte… Mit Michl Emmerling starb ein Mann, dessen ganzes Leben dem Wohl des arbeitenden Menschen galt…“ (Auszug aus dem Nachruf im „Fränkischen Anzeiger).

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Quellen: „Michel Emmerling ist tot“ im „Fränkischen Anzeiger“ vom 5. April 1977. – Dieter Balb „Die SS durchwühlt Wohnungen. Gegner kommen in Schutzhaft“ im Fränkischen Anzeiger vom 7./8. Mai 1983. – Entlastendes Zeugnis Emmerlings für seine Ex-Sekretärin vom Arbeitsamt Frl. Libertas Hintze vom 18. August 1951 (Stadtarchiv Rothenburg, Nachlass Hinze Nr. 1). – Andere Quellen im Text angegeben.

 

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