In Rothenburg stieg die Zustimmung zum Nationalsozialismus stetig an. Von der sozialdemokratischen über die rechtskonservativen zur nationalsozialistischen Vorzeige-Stadt

Nach dem verlorenen Ersten Weltkrieg, als das Kaiserreich in Scherben fiel, zu dem der deutschnationale und konservative Hochmut beitrug, waren es die Sozialdemokraten, die den Staatskarren wieder flott machten, da die, die ihn an die Wand fuhren entweder abtauchten oder ins Exil gingen. Die Wähler hatten genug von den rechten Parteien. Daher war bei den Wahlen Anfang 1919 die SPD reichsweit die wichtigste Partei. Sie erreichte in Wahlkreis Rothenburg über 40 Prozent der Wählerstimmen. In getrennten Kommunalwahlen erhielten die Rothenburger Sozialdemokraten acht von zwanzig Stadtratssitzen. Maria Philipp (SPD) wurde der erste weibliche Stadtrat und Otto Schneider (SPD) einstimmig stellvertretender Bürgermeister, was die Sozialdemokraten zu großem Optimismus anregte, wie Joshua Hagen in seinem Buch „Preservation, Tourism and Nationalism“ schrieb.

Adolf Hitler inmitten seiner bayerischen Kampfgenossen

Adolf Hitler inmitten seiner bayerischen Kampfgenossen

Konservative waren in unmittelbarer Nachkriegszeit noch nicht organisiert

Die NSDAP war nur eine von vielen konservativen Parteien, die nach 1918 entstanden waren, und eine ziemlich kleine dazu. Daher schlug auch die Gründung einer NSDAP-Ortsgruppe im Februar 1920 noch fehl. Ein Jahr später sollte einoffizielles Treffen der NSDAP in Rothenburg dazu helfen, eine Partei-Ortsgruppe doch noch ins Leben zu rufen, was wiederum scheiterte. Doch 1923 führte der Versuch der Gründung einer NSDAP-Ortsgruppe zum Erfolg. Nicht lange, denn das Verbot der Partei als Folge des gescheiterten Hitler-Ludendorff-Putsches in München führte zur Auflösung der Ortsgruppe.

SPD-Wahlplakat 1919

SPD-Wahlplakat 1919

Unzufrieden mit der SPD und Applaus für Rechtskonservative

Nach der Finanzkrise von 1923 gaben die Wähler den Sozialdemokraten Schuld am Wirtschaftsdesaster im Reich. In den Wahlen von 1924 fiel die SPD in Rothenburg mit etwa fünfundzwanzig Prozent der Stimmen auf den dritten Platz zurück und damit hinter der Deutschnationalen Volkspartei (DNVP) und dem völkischen Block. Diese beiden konservativen Parteien standen in Opposition zu der sozialdemokratisch geführten Reichsregierung. Die Niederlage der SPD war in den Rothenburger Landgebieten noch deutlicher. Rothenburger Einwohnerschaft brachte ihre Unzufriedenheit bei den Besuchen politischer SPD-Prominenz zum Ausdruck: Gustav Bauer 1919, Reichspräsidenten Friedrich Ebert 1924 und Reichstagspräsident Paul Loewe 1929. Vertreter der konservativ-rechten Parteien wurden dagegen stürmisch begrüßt, wie der „Fränkische Anzeiger“ am 4. September 1919, 4. Mai 1924 und 26. September 1929 berichtete.

Heinrich Himmler (SS) 1929 in Rothenburg

Heinrich Himmler (SS) 1929 in Rothenburg

Heinrich Himmler sprach vor 2.000 Rothenburgern

Nach Hitlers Entlassung aus dem Gefängnis Landsberg am Lech 1924 organisierte sich die NSDAP neu. In Rothenburg verhinderte vorerst ein Mangel an Interesse den Versuch, die NSDAP-Ortsgruppe neu aufzustellen. Anfang 1926 kam durch benachbarte Ortsgruppen frischer Wind in die Rothenburger Nazi-Szene. Im Dezember 1927 gelang schließlich die Gründung einer kleinen Ortsgruppe in Rothenburg durch den Schillingsfürster Nationalsozialisten Wilhelm Stegmann. Nur 15 Personen nahmen am Gründungstreffen der NSDAP in Rothenburg teil. Die Bevölkerung zeigte zu diesem Zeitpunkt offensichtlich kaum Interesse für diese kleine Hitler-Partei. Denn im August 1928 hatte die NSDAP immer noch nur 15 Mitglieder. Doch als die nächste Runde der Wahlen kam, hatte die Hitler-Anhänger i Grund zum Optimismus. Heinrich Himmler kam im März 1929 nach Rothenburg und sprach vor etwa 2.000 Bürgern. Himmler lobte Rothenburgs wunderbare mittelalterliche Denkmäler. Er erinnerte daran, was erreicht werden könnte, wenn jeder für die Gemeinschaft arbeiten würde. Wenn eine kleine mittelalterliche Gemeinschaft solche imposanten Denkmäler und Festungen bauen konnte, so Himmler, dann hätten Millionen von Deutschen keine Probleme.

Auch andere prominente Nazis sprachen in Rothenburg vor dicht gedrängten Zuhörern auf dem Marktplatz: Julius Streicher 1929, Herman Göring  1930, Ludwig Siebert, Rothenburgs ehemaliger Bürgermeister und damaliger NS-Bürgermeister von Lindau, 1931. Pfarrer Dr. Martin Weigel, NSDAP-Mitglied seit 1926, sprach mehrmals in seiner Funktion als Parteiredner. 1931 sprach er zum Thema „Nationalsozialismus und Christentum“. Stetig stieg unter den Rothenburgern die Zustimmung zum Nationalsozialismus.

NSDAP-Wahlplakat mit antisemitischer Aussage 1932

NSDAP-Wahlplakat mit antisemitischer Aussage 1932

In Rothenburg größte Zustimmung für die NSDAP im Reich

Trotz vereinzelten Schlägereien, war die Nazi-Machtübernahme in Rothenburg relativ friedlich. Im Dezember 1929 gewann die NSDAP drei Sitze im Stadtrat: Sie bildete mit zwei anderen rechtsgerichteten Parteien eine Mehrheitsfraktion. Die NSDAP legte bei einer Reihe von Wahlen an Stimmen zu. 1928 erhielt sie in Rothenburg knapp über neun Prozent der angegebenen Stimmen, während die SPD 32 Prozent und die DNVP 22 Prozent verzeichnen konnten. Bei den Wahlen von 1930 stieg die NSDAP auf fast 34 Prozent und nahm den ersten Platz unter Rothenburgs Parteien ein. Der Rothenburger Wahlkreis registrierte die größte prozentuale Steigerung der NSDAP-Wählerstimmen im ganzen Land. Während die SPD stabil geblieben war, fiel die rechtsgerichtete Deutschnationale Volkspartei (DNVP), Rivalin der NSDAP, um zehn Prozent. Bis Juli 1932 wurde der Aufstieg der NSDAP sogar noch ausgeprägter. Obwohl die SPD mit 21 Prozent ein respektables Ergebnis holte, kamen die Nationalsozialisten bereits auf 60 Prozent der Rothenburger Wählerstimmen. Dieses Ergebnis lag deutlich über dem Durchschnitt auf Reichsebene von 37 Prozent. In dieser und den November-Wahlen 1932, konnte die NSDAP im gesamten Rothenburger Wahlkreis, Stadt und Land, auf 75,7 Prozent bzw. 68,6 Prozent der Stimmen erreichen. Bis dahin war dieses Ergebnis das stärkste für die NSDAP im Reich und brachte Rothenburg einem damals berühmten und heute berüchtigten nationalsozialistischen Ruhm ein. Bei den Präsidentschaftswahlen zwischen Hitler und Hindenburg im April 1932 wählten die Rothenburger mit erstaunlichen 87 Prozent Hitler. Dieses Rothenburger Ergebnis war Hitlers größer persönlicher Wahlsieg. Doch Paul von Hindenburg gewann die Wahlen reichsweit. Die Rothenburger konnten es als Genugtuung auffassen, dass Hindenburg ein Jahr darauf Hitler, den sie 1932 noch erfolglos gewählt hatten, zum Reichskanzler ernannte.

Franken und Pommern braune Regionen

Der NSDAP-Stimmenanteil in Rothenburg war zu groß, um diesen auf eine einzelne soziale Klasse oder Gruppe zuzuschreiben. Die meisten nationalsozialistischen Hochburgen waren in relativ ländlichen, protestantischen und wirtschaftlich unterentwickelten Gebieten zu finden. Daher hatte die NSDAP in weiten Teilen Frankens und Pommerns außergewöhnlich gute Ergebnisse erzielt. Dies deutet darauf hin, dass einige der Gründe für die Attraktivität des Nationalsozialismus in Rothenburg über seine mittelalterlichen Mauern und Häusern, Symbole einer nationalsozialistischen Vision von urbaner Gemeinschaft, hinausgingen und Rothenburgs rechts stehende Bürgerlichkeit nachhaltig prägte – über 1945 hinaus.

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Quelle: Im Wesentlichen nach Josua Hagen „Preservation, Tourism and Nationalism. The Jewel of the German Past“, Ashgate Publishing Limited, 2006
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