Prügelei zwischen zwei Fähnlein der Rothenburger Hitlerjugend auf dem Marktplatz – Erinnerungen eines damals Neunjährigen, der unbedingt in die Hitlerjugend wollte

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Es ist ein grautrüber Samstagnachmittag zur Zeit der Herbstmesse im fünften Kriegsjahr 1944. Das Fähnlein 1 der Hitlerjugend mar­schiert im zackigen Gleichschritt von der Hafengasse kommend auf den Marktplatz zu. Als der Zug im dunkelblauen Uniformtuch und leuchtenden Hakenkreuzbinden mit dem Fähnleinführer voran unterhalb der hohen Patrizierhäuser vorbei defiliert, erklingt plötzlich ein schauerlicher Schlachtruf von der Oberen Schmiedgasse her. Eh’ ich mich als unbeteiligter Zuschauer auf die Treppen des Rathauses flüchten kann, begann eine wüste Keilerei zwischen dem Fähnlein 1 und dem hinterrücks angreifenden Fähnlein 2. Fähn­lein 1, das sind meine strahlenden Vorbilder. Sie haben den Spielmannszug mit den bun­ten Trommeln und den schmetternden Fanfaren, sie haben die schneidigeren, die flot­teren Jungs. Fähnlein 2 dagegen, das sind die ruppigeren, die grobschlächtigeren Kerle. Nun fallen sie mit wildem Geschrei über das Fähnlein 1 her, als hätten sie einen Haufen „bolschewistischer Untermenschen“ vor sich. Sie ringen und raufen ohne Rücksicht auf die zwischen die Fronten geratenen al­ten Leute, die fluchend und auf die Hitlerju­gend schimpfend – was damals nicht unge­fährlich war – auseinander stieben. Sie prü­geln sich auf dem schräg abfallenden Marktplatzpflaster was das Zeug hält. Ich stehe unter der Altane des Rathauses und sehe mit Entsetzen, wie in diesem Kampfgetümmel meine Favoriten vom Fähnlein 1 von den Schlägertypen des Fähnlein 2 grün und blau geschlagen werden.

ufa-Film-Plakat "Kadetten"

ufa-Film-Plakat “Kadetten”

Im Topplerkino wurde der Durchhalte-Film „Kadetten“ gezeigt

Und dennoch wollte ich zu keinem anderem als dem Fähnlein 1. Nach einem halben Jahr war es dann soweit: Im April 1945 durfte ich mit meinen Schulkameraden, obwohl selbst noch keine zehn Jahre alt, zum ersten Heima­bend des Jungvolks beim Fähnlein 1 im Mar­kusturm. Wir lernten und sangen begeistert das Lied „Ich habe Lust im weiten Feld zu streiten mit dem Feind“. Die Melodie dieses Liedes schwirrt mir noch heute „im Kopf herum“, nicht zuletzt dadurch, dass es in dem Preußenfilm „Kadetten“ zum musikalischen Leitmotiv hochstilisiert wurde. Und es muss wohl im Rahmen eines der Heimabende ge­wesen sein, als uns im Topplerkino dieser „Durchhalte“-Film „Kadetten“ vorgeführt wur­de. Auch einige Bildszenen sind mir bis heu­te unauslöschlich in mein emotionales Ge­dächtnis gebrannt: von den Russen gefange­ne Kadetten, mit einem Tau zusammen ge­bunden, umgeben von Kosaken-Reitern mit Pelzmützen; ein Kadett, der mit einer Bot­schaft durch eine Katakombe stürmt, als ein Geschoß einschlägt und herabstürzendes Mauerwerk ihn unter sich begräbt; russische Offiziere mit Pelzmützen hoch zu Ross, die mit einem Preußenführer über die Aufgabe einer Festung verhandeln. Unter den neun Jugendspielfilmen, die zwischen 1933 und 1945 produziert wurden – über 1.000 wurden in dieser Zeit insgesamt gedreht – ist „Kadetten“ der einzige, der einen historischen Stoff beinhaltet: Hundert Kadetten Friedrich des Großen und das schwere Schicksal ihrer Gefangennahme durch die Russen und ihre Bewährung. Der Film bein­haltete eindeutig politisch-propagandistische Tendenzen und bot uns Kindern und den Jugendlichen Identifikationsangebote: die Verherrlichung des großen Einzelnen (der große König – unbewusste Übertragung auf den großen Führer Adolf Hitler), das Verurteilen jeder Kritik an einem Führer, die Verteufelung des Gegners, der als Unmensch (wilder Kosak) charakterisiert wird, der Krieg als Normalzustand und das bürgerliche Leben als uninteressante Neben­sache. Und nicht zuletzt verherrlicht das Kampflied das apokalyptische Geschehen des zur Zeit der Filmvorführung gerade tobenden Endkampfes, des totalen Krieges.“

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