Rechtsruck in den 1950er-Jahren II: Die Stadtrats- und Bürgermeisterwahl 1952 brachten in Rothenburg Altnazis wieder in Amt und Würden

Rechtsruck-Wahlergebnis im "Fränkischen Anzeiger"

Rechtsruck-Wahlergebnis im „Fränkischen Anzeiger“ vom 2. April 1952

Von Wolf Stegemann

Die Ergebnisse der Bürgermeister- und Stadtratswahlen des Jahres 1952 machen deutlich, wie stark der Rechtsruck in Rothenburg ob der Tauber gewesen war, den sowohl die Kommunalpolitik wie auch die Wählern wollten. Der Himmel quittierte das Geschehen an jenem Wahlsonntag, den 30. März 1952 mit einem lieblichen Sonnenschein. Noch am Samstag stürmte, regnete und schneite es. Dies ließ die Rats- und Bürgermeisterkandidaten nicht davon abhalten, an diesem Samstag noch einmal ihre politischen Thesen zugespitzt unters Wahlvolk zu bringen. Weiterlesen

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Als Parteiloser wurde der ehemalige Nationalsozialist Dr. Erich Lauterbach 1952 Oberbürgermeister

W. St. – Von 1952 bis 1964 war er Oberbürgermeister von Rothenburg ob der Tauber. Da war der Verwaltungsbeamte bereits acht Jahre lang parteilos. Vor diesen acht Jahren war er zwölf Jahre lang Mitglied der NSDAP. Weiterlesen

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NSDAP-Mitglieder mussten 1945 für Flüchtlinge Kleidung und Leibwäsche abgeben – Emilie Meißner, Frau des NS-Landrats, verlangte 13 Jahre später von der Stadt Entschädigung

Von Wolf Stegemann

Zur Behebung des allerdringlichsten Bedarfs an Kleidungsstücken für Flüchtlinge und entlassene KZ-Gefangene wurden in der unmittelbaren Nachkriegszeit alle Art von Bekleidung, darunter auch Unterhosen, Strümpfe, Bettwäsche bei früheren NSDAP-Mitgliedern beschlagnahmt und an hilfsbedürftige Flüchtlinge verteilt. Zehn Jahre danach und teils noch später stellten die ehemaligen Nazi-Funktionäre bei den Gemeinden Schadenersatzansprüche für abgegebene Wäsche. Dabei gab es auch eine Reihe von Zivilprozessen. Die Gemeinden waren für Regressansprüche nicht zuständig, sondern der bayerische Staat. Dieser prüfte die Rechtsgrundlage in aufwändigen Rechtsgutachten und stellte fest, dass „Haftungsansprüche der von der Ablieferungsaktion Betroffenen gemäß Art. 125 Abs. 1 Satz 2 des Bayer. Ausführungsgesetzes zum Bürgerlichen Gesetzbuch (AGBGB) vom 9. Juni 1899 inzwischen erloschen seien“. Weiterlesen

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Statistische Zahlen spiegeln die Lebenssituation 1951 wider: Flüchtlinge, Wohnraummangel, Tourismus, Bautätigkeit, Tanz, Bildungshunger, Schweineauftrieb

Wiederaufbau in der Röderschütt - Georg Tripps, Fritz Klenk, Hans Ehrmann

Wiederaufbau in der Röderschütt – Georg Tripps, Fritz Klenk, Hans Ehrmann

W. St. – „Die Zahl“, sagte der Philosoph und Mathematiker Pythagoras im 6. Jahrhundert vor Christi, „ist das Maß aller Dinge.“ Dem widersprach der Schriftsteller und Politiker Coudenhoven-Kalergi von der Paneuropa-Bewegung im 20. Jahrhundert nach Christi nicht unbedingt, als er sagte, dass der Kult der Zahlen und der Quantität das sicherste Zeichen von Primitivität und Brutalität sei. Darüber ließe sich jetzt nachdenken. Halten wir es daher lieber mit den Journalisten, die sagen, dass Namen und Zahlen Nachrichten seien! Das wissen auch die Politiker. In einer Stadtratssitzung Ende des Jahres 1951 gab Oberbürgermeister Friedrich Hörner Zahlen bekannt, aus denen sich interessante Zusammenhänge und eine Bestandsaufnahme des Lebensalltags der Rothenburger Anfang der 1950er-Jahre herauslesen lassen können.

105 Hochzeiten und ein reger Wohnungsbau

Heute werden allenthalben rückläufige Bevölkerungszahlen beklagt. 1951 war das noch anders. Da standen 158 Sterbefällen 220 Geburten gegenüber, was einen Geburtenüberschuss von 62 entspricht. 105 Paare gaben sich das Ja-Wort. Wenn sie vermutlich glücklich waren, so konnten doch nicht alle Getrauten für sich ein gemütliches Heim einrichten, denn trotz Wiederaufbauprogramme fehlte es katastrophal an Wohnraum. 1951 wurden 163.000  DM für 37 Wohnungen ausgeworfen, wobei die Stadt selbst mit 70.000 DM für 14 Wohnungen und der Versehrtenhilfsverein mit 40.000 DM für zehn Wohnungen beteiligt waren. Ende 1951 waren noch drei weitere Darlehensanträge in Höhe von 48.000 DM für zwölf Wohnungen in Bearbeitung. Es fehlte an ersten Hypotheken, so dass das aufgelegte Wohnungsbauprogramm in jenem Jahr nicht völlig durchgezogen werden konnte. 1951 wurde dennoch l72 Wohnungen fertig gestellt, von denen 29 nicht der Wohnraumbewirtschaftung unterlagen. Es handelte sich um 17 Neubau-, 49 Wiederaufbau und sechs Ausbauwohnungen.

1951 konnten 161 Familien mit 506 Personen Wohnraum zur Verfügung gestellt und 140 Einzelpersonen in Untermiete vermittelt werden. Die Wohnungsdichte hat sich gegenüber 1950 unwesentlich von 1,83 auf 1,74 verbessert. Ende des Jahres waren immer noch 493 Familien mit 1.540 Personen als Wohnungssuchende vorgemerkt.

Tanz- und Badevergnügen

Nicht nur die Wohnungsnot war groß; sechs Jahre nach dem entbehrungsreichen Krieg auch die Sehnsucht nach Vergnügungen. Statistisch gesehen gab es mit 79 Tanzveranstaltungen jede Woche anderthalb. Einfach waren solche Veranstaltungen nicht zu bewerkstelligen, denn jedes öffentliche Tanzvergnügen musste vorher beantragt und behördlicherseits genehmigt werden. Vergnügen sichten die Rothenburger auch im Bad. 17.325 Besuche konnten für das städtische Volksbad für ein Wannenbad oder eine Dusche registriert werden. Im Waldschwimmbad tummelten sich den Sommer über 44.000 Personen.

Vor dem Sühneamt des Amtsgerichts stritten sich lediglich 34 Parteien. Das war sicherlich wenig, bedenkt man, dass es damals viele Streitpunkt im nachbarschaftlichen Bereich gegeben haben mag. 920 Personen haben Rothenburg den Rücken gekehrt, 874 haben sich als Einwohner angemeldet, so dass die Einwohnerzahl Ende 1951 genau 11.179 betrug (Ende 2013: 10.926). Darunter gab es 1.556 Heimatvertriebene, 584 Evakuierte und 56 Ausländer, die vom Flüchtlingsamt der Stadt betreut wurden. Somit waren rund 20 Prozent der Einwohner Rothenburgs durch den Krieg Zugezogene. Sechs Flüchtlingsbetriebe mit 172 Beschäftigten erhielten so genannte Flüchtlingsproduktivkredite in Höhe von 345.000 DM, die das Flüchtlingsamt vermittelte. Fünf neu angesiedelte Flüchtlingsbauern bekamen 35.000 Dm Kredite nach dem Flüchtlingssiedlungsgesetz.

20 Einwohner auf ein Kraftfahrzeug

Beim Fürsorge- und Soforthilfeamt standen 198 Parteien mit 388 Personen in laufender öffentlicher Fürsorge. An Soforthilfemitteln für Flüchtlinge. Währungs- und Sachgeschädigte wurden 407.865,50 DM aufgewandt.

1951 traf der Stadtrat 27-mal zu Sitzungen zusammen, in denen 483 Beschlüsse gefasst wurden. Wie viele dieser Sitzungen nichtöffentlich waren, darüber schweigt die Statistik.

Strom war (und ist) eine der Lebensquellen. Der Umsatz des städtischen E-Werkes hatte drei Millionen kwh-Stunden überschritten. Die KFZ-Stelle meldete die Neu- oder Wiederzulassung von 243 Kraftfahrzeugen. Auf rund 20 Einwohner kam ein Kraftfahrzeug. 64 Gewerbeanmeldungen blieben bei 62 Abmeldungen nahezu in der Waage; in 175 Fällen musste die Preisbehörde einschreiten.

Neue Berufsschule und VHS-Bildungshunger

Wie oben beim Wohnungsbau bereits erwähnt, war im Jahr 1951 die öffentliche Bautätigkeit erfreulich rege. Die städtische Grundstücksverwaltung musste zu diesem Zweck 40.000 qm Gelände neu erwerben oder tauschen. Größere Bauprojekte waren in diesem Jahr der Wiederaufbau der Präparandenschule (die Präparandenschule war von 1866-1933 am Milchmarkt 8: Vorbereitung für den Besuch eines Lehrerseminars), die Erstellung eines Betriebsgebäudes für die Strumpffabrik, Hochwasserfreilegung im Steinbachtal und Kanalisation. Daneben wurden rund dreieinhalb Kilometer Straßen gebaut. Die städtische Berufsschule bekam ein neues Gebäude und verschiedene Sondereinrichtungen für Demonstrationszwecke. Sie umfasste 45 Klassen mit 1.106 Schülern. Die Volkshochschule hatten 348 Hörer, während 2.000 Personen die 43 Einzelveranstaltungen besuchten.

Steigende Übernachtungszahlen in Hotels und Gaststätten

Wie sollte es in Rothenburg auch anders sein: Der Fremdenverkehr meldete eine besonders erfreuliche Bilanz. Die Übernachtungszahlen in den Hotels und Gaststätten hatten sich gegenüber dem Vorjahr um 20 Prozent erhöht und belief sich auf rund 60.000. Bei der Jugendherberge stieg die Übernachtungsziffer sogar um 30 Prozent. Neben dem Einzeltourismus brachten 26 Sonderzüge, 36 Betriebsausflüge und 160 Reisegruppen Übernachtungsgäste nach Rothenburg.

Straftaten blieben konstant – Schweineauftrieb mit steigender Tendenz

Die Polizei meldete, dass 495 Straftaten mit denen im Vorjahr konstant geblieben waren. Davon wurden 67,8 Prozent aufgeklärt. Die Zahl der Verkehrsunfälle blieb 1951 weiterhin verhältnismäßig hoch; zwei davon verliefen tödlich. 16 Personen wurden festgenommen und blieben fünf Tage lang in polizeilichem Gewahrsam. In 36 Streitfällen musste die Polizei auf Ersuchen der Beteiligten einschreiten.

Schweine gehörten nur bedingt zum Glück der Rothenburger, vielmehr zur deftigen Essensversorgung. Bei 29 Märkten gab es einen Auftrieb von 6.684 Stück Borstenvieh. Die Tendenz war steigend.

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Quelle: Stadtarchiv Rothenburg ob der Tauber: Ratsprotokolle

 

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Auswanderung I: US-Kommission informierte im „Gasthaus zur Glocke“ 1951 auswanderungswillige Rothenburger aus Stadt und Bezirk – und nahm deren Fingerabdrücke ab

Die Freiheisstatue im Hafen von New York - Für Auswanderer das Symbol eines besseren Lebens

Die Freiheisstatue im Hafen von New York – Für Auswanderer das Symbol eines besseren Lebens

Von Wolf Stegemann

Eine neue und bessere Existenz zu finden, war fast immer der Grund für Auswanderungen, als Deutsche nach Russland, nach Rumänien und ab dem 19. Jahrhundert nach Nord- und Südamerika auswanderten. Nur in nationalsozialistischer Zeit stand es mit der Auswanderung anders. Da kamen viele ausgewanderte Deutsche zurück, um den neuen Staat Deutschland mit aufzubauen. Dafür sorgte die Auslandsorganisation der NSDAP. Wenn ihr die Heimholung nicht gelang, versuchte sie, mit den Auslandsdeutschen nationalsozialistisches Gedankengut zu exportieren. Auslandsdeutsche nannte man die im Ausland lebenden deutschen Staatsbürger im Gegensatz zu den Volksdeutschen im Ausland ohne deutsche Staatsbürgerschaft. Dann gab es im nationalsozialistischen Deutschland die gezwungene Auswanderung der Juden. Anfangs wurde deren Auswanderung vom Staat „gefördert“ und später unter Zwang organisiert, um Deutschland zu „entjuden“, wobei die Juden einen nicht unerheblichen Teil ihres Vermögens in Deutschland lassen mussten. Die Reichsstelle für Auswanderung beriet die Juden über mögliche Zielländer, in die sie auswandern konnten. 1941 wurde aber ein generelles Auswanderungsverbot für Juden verhängt und sie zur Ermordung in Todeslager gebracht. Weiterlesen

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Auswanderung II: Nach dem Krieg zog es 20.000 „deutsche Froilleins“ an der Seite westalliierter Soldaten nach Amerika und England

No fraternization! US-Soldaten und deutsche Fräuleins in einem amerikanischen Club

No fraternization! US-Soldaten und deutsche Fräuleins in einem amerikanischen Club

Von Wolf Stegemann

Neben den Auswanderungsgruppen wie Flüchtlinge, DPs, Bauern und Handwerker kam noch eine hinzu, deren Motivation zur Auswanderung ganz anderer Art war: das „deutsche Froillein“ oder die Frauen, die sich in GIs verliebten, diese heirateten und mit ihnen in die Staaten zogen. Der Kontakt deutscher Frauen der Nachkriegszeit zu alliierten Soldaten stand jedoch im gesellschaftlichen Zwielicht. Zum einen, weil sich der Kontakt über das anfängliche Fraternisierungsverbot der US-Armee (siehe unten) hinwegsetzte, zum anderen, weil er sich im Dunstkreis der Prostitution abzuspielen schien, was  nicht stimmte, damals aber so gesehen wurde, wie historische Forschungen ergeben haben. Im Gedächtnis geblieben ist von der Liebelei zwischen Siegern und Besiegten vor allem der bereits erwähnte Begriff „Froillein“. Nach historischen Schätzungen hatte jede vierte deutsche Frau in der Zeit unmittelbar nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs losen oder dauerhaften Kontakt zu einem Soldaten der alliierten Truppen. Weiterlesen

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Endlich „heim zu Muttern“ – Kreisverband Rothenburg der Kriegsheimkehrer mahnte und appellierte, setzte sich für die Not der Familien ein und wurde politisch

Kriegsheimkehrer aus Großbritannien 1948; Foto: Picture Post

Kriegsheimkehrer aus Großbritannien 1948; Foto: Picture Post

Von Wolf Stegemann

Die Frage nach dem Schicksal der Kriegsgefangenen gehörte zu den drängendsten Problemen der deutschen Öffentlichkeit der Nachkriegsjahre. Kriegsheimkehrer oder Heimkehrer wurden  deutsche Soldaten des Zweiten Weltkriegs genannt, die aus der Kriegsgefangenschaft zurückkehren konnten. Schätzungsweise drei Millionen deutsche und österreichische Soldaten waren von 1941 bis 1945 in sowjetische Gefangenschaft geraten und blieben es auch noch zum Teil bis 1955. Die westlichen Alliierten hatten die meisten ihrer Kriegsgefangenen bis Ende 1946 entlassen. In einer Konferenz der alliierten Außenminister zum Thema ein Jahr später wurde beschlossen, dass die bis dahin noch nicht freigelassenen Kriegsgefangenen bis Ende 1948 in ihre Heimat zurückkehren sollten. Das waren zu diesem Zeitpunkt in Großbritannien 435.295 Soldaten, in den USA 30.976, in Frankreich 631.483 und in der Sowjetunion 890.532 Soldaten. Weiterlesen

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