Endlich „heim zu Muttern“ – Kreisverband Rothenburg der Kriegsheimkehrer mahnte und appellierte, setzte sich für die Not der Familien ein und wurde politisch

Kriegsheimkehrer aus Großbritannien 1948; Foto: Picture Post

Kriegsheimkehrer aus Großbritannien 1948; Foto: Picture Post

Von Wolf Stegemann

Die Frage nach dem Schicksal der Kriegsgefangenen gehörte zu den drängendsten Problemen der deutschen Öffentlichkeit der Nachkriegsjahre. Kriegsheimkehrer oder Heimkehrer wurden  deutsche Soldaten des Zweiten Weltkriegs genannt, die aus der Kriegsgefangenschaft zurückkehren konnten. Schätzungsweise drei Millionen deutsche und österreichische Soldaten waren von 1941 bis 1945 in sowjetische Gefangenschaft geraten und blieben es auch noch zum Teil bis 1955. Die westlichen Alliierten hatten die meisten ihrer Kriegsgefangenen bis Ende 1946 entlassen. In einer Konferenz der alliierten Außenminister zum Thema ein Jahr später wurde beschlossen, dass die bis dahin noch nicht freigelassenen Kriegsgefangenen bis Ende 1948 in ihre Heimat zurückkehren sollten. Das waren zu diesem Zeitpunkt in Großbritannien 435.295 Soldaten, in den USA 30.976, in Frankreich 631.483 und in der Sowjetunion 890.532 Soldaten.

Aus französischem Kriegsgefangenenlager kam Bitte um Musiknoten

Aus dem Kriegsgefangenenlager  Dépot 153, Annexe 1, im französischen La Valetta – Var – schrieb am 5. Mai 1947 der deutsche Kriegsgefangene Oskar Frey (Gef.-Nummer 358914) den Rothenburger Bürgermeister an. Frey war Vertrauensmann der Kriegsgefangenen für Kulturarbeit und bat um Übersendung von Notenblättern für Musikstücke. „Uns fehlt es hauptsächlich an guter deutscher Unterhaltu7ngsmusik“, schrieb Frey dem Bürgermeister. ER dachte dabei an älteren oder neueren Operettenkomponisten, Zusammenstellungen aus Opern und Operetten sowie „bekannte deutsche Schlager volkstümlichen Charakters“. Die Orchesterbesetzung des Gefangenenlagers bestand aus einem Klavier, der 1. und 2. Geige, einem Cello, einer Trompete und Klarinette in B-Harmonika, aus Schlagzeug und Posaune. „Wenn man fast drei Jahre Gefangenschaft hinter sich hat, sehnt man sich nach deutschem Kulturgut ebenso wie nach der Heimat selbst.“
Der zweite Bürgermeister Wünsch schickte am 23. Juni 1947 an Oskar Frey im französischen Gefangenenlager ein kleines Päckchen mit Noten für Unterhaltungsmusik, worauf sich der Empfänger am 21. Juli „im Namen aller Kameraden des Lagers La Valetta“ bedankte. Der Bürgermeister teilte diese Begebenheit in der Ratssitzung vom 15. August 1947 den Stadträten mit.

Die Sowjetunion behielt Kriegsgefangene für Reparationsarbeiten

Ankunft im Lager Friedland

Ankunft im Lager Friedland

Damals gab der sowjetische Außenminister Molotow bekannt, dass über eine Million  Kriegsgefangene bereits in ihre Heimat entlassen worden seien. Die Alliierten einigten sich schließlich auf die Freilassung der restlichen gefangen gehaltenen Wehrmachtsangehörigen. Die Freilassungen aus der Sowjetunion zogen sich bis 1955 hin, als nach dem Besuch von Bundeskanzler Adenauer in Moskau die letzten Kriegsgefangenen nach Hause durften. Vorgeblich hatte man sie wegen der massiven Kriegsschäden, die ihr Territorium erlitten hatte, so lange behalten. Die Kriegsgefangenen waren zu Reparationsarbeiten eingesetzt. Entsprechend dieser Doktrin wurden zunächst vor allem kranke und nicht mehr arbeitsfähige Gefangene freigelassen. 1949 änderte sich die Freilassungspolitik der Sowjets: Nicht mehr die Arbeitsfähigkeit war entscheidend, sondern die politische und ideologische Einstufung aus sowjetischer Sicht. Aus sowjetischer Gefangenschaft kamen im Januar 1949 Klaus Schmidt aus der Weidmannstraße und Hans Goller aus der Mergentheimer Straße nach Rothenburg zurück.

In Rothenburg 1948 der Heimkehrer-Verband gegründet

Ab 1950 wurden in der Sowjetunion viele Gefangene in Massenprozessen zu Kriegsverbrechern erklärt und verurteilt. Heimkehrer berichteten darüber, dass Angehörige der SS und der Polizei, „von den Russen besonders gehasst“, von den übrigen Kriegsgefangenen abgesondert und von Tribunalen zu jahrzehntelanger Zwangsarbeit verurteilt würden (FA 14. Jan. 1950). Zur Verurteilung zur Zwangsarbeit war ein Geständnis notwendig, das oft durch Prügel, Entzug von Essen und anderen Methoden erpresst wurde. Die Zahl der Verurteilten schätzten 1950 Heimkehrer auf 500.000.

SPD-Plakat fordert die Entlassung

SPD-Plakat fordert die Entlassung

In Rothenburg wurde im Dezember 1948 von Erich Höcke ein Heimkehrer-Kreisverband gegründet. Ein Jahr darauf übernahm Fritz Fester den Vorsitz und setzte sich mit den verschiedenen Heimkehrerverbänden in Bayern und der gesamten Bi-Zone in Verbindung. In jenem Jahr nahm der Verband auch durch die zurückgekehrten Kriegsgefangenen einen „großen Aufschwung“.
Zwischen September und November 1949 kamen aus der Kriegsgefangenschaft zurück: Erich Maas, Ferdinand Herold, Friedrich Pfeiffer, Ludwig Schneider, Werner Renk, Gunter Altreuter, Walter Hahn, Franz Volknand, Franz Wyrup, Max Hepp, Karl Schmidt, Leonhard Wittmann und Rudolf Oerter.

Jährlich veranstaltete der Rothenburger „Kreisverband der Heimkehrer, Kriegsgefangenen und Vermißten-Angehörigen Deutschlands“, der sein Büro im Rathaus (Südeingang) hatte, im Oktober eine „Kriegsgefangenen-Gedenkwoche“. In dieser Zeit wurde das Thema Kriegsgefangene in Schulen behandelt und vor dem Mahnmal an der Blasiuskapelle im Burggarten fand eine Gedenkstunde mit Fackeln, Gesang und Blasmusik, Ansprachen des Oberbürgermeisters, des Vorsitzenden des Heimkehrerverbandes Fritz Fester und des Stadtpfarrers statt. Kränze und Blumen wurden von den Offiziellen sowie von Vereinen niedergelegt. Anderntags gingen etliche Schulklassen dorthin, wo dann eigens für sie eine Ansprache gehalten wurde. Das Mahnmal für die Kriegsgefangenen stand da, wo heute der Gedenkstein für die gewaltsamen Auslöschungen der jüdischen Gemeinden und Ermordung der Juden in Rothenburg in den vergangenen Jahrhunderten steht.

Heimkehrer erkundigte sich über Rothenburger Stalingradkämpfer

Wieder zusammen

Wieder zusammen

Ein ehemaliger Soldat aus Steinheim, Karl Lucking, der in Stalingrad kämpfte und das Glück hatte, schon 1946 aus der russischen Kriegsgefangenschaft entlassen zu werden, schrieb am 14. Mai den Bürgermeister in Rothenburg mit der Bitte an, ihm Namen der noch vermissten Stalingrad-Kämpfer aus Rothenburg zu nennen, denn er hatte den Namen und die Anschrift vergessen. Er kannte nur noch den Vornamen Leo. Alles Schriftliche wurde ihm bei der Entlassung abgenommen. Jetzt wollte Karl Lucking die Angehörigen seines Rothenburger Kameraden  Leo in Rothenburg davon in Kenntnis setzen, dass dieser im Herbst 1945 im sowjetischen Gefangenenlager Nr. 29, Abt. 2 in Pachte-Azul in Süd-Kasachstan, Nähe von Taschkent, gestorben sei. „Er ist sehr ruhig eingeschlafen.“

„So schwer es ist, den Eltern diese Mitteilung machen zu müssen, aber besser die Tatsache als ewig das Ungewisse. Außerdem ist es auch meine Pflicht, ich habe es doch versprochen. Schicken Sie mir bitte die Namen der in Frage kommenden Personen, damit ich den Eltern Mitteilung machen kann.“

Oberbürgermeister Friedrich Hörner schickte am 28. Mai die Liste an Karl Lucking in Steinheim. Darauf standen die zum Zeitpunkt Mai 1946 noch in Stalingrad vermissten Rothenburger Soldaten: Robert Christoph (41 Jahre), Lehmackerstraße 11; Wilhelm Gottschalk (39), Rinkenbergweg 3; August Herrscher (37), Klingengasse 27; Christian Kästner (25), Johannitergasse 9a; Leonhard Korbacher (27); Richard Müller (28); Hafengasse 13; Wilhelm Paulus II (579), Leydigstraße 9; -?- Petschler (Taubertalweg 6); Georg Rübling (44), Johannitergasse 8a; Herbert Schmidtell (24), Klingengasse 38; August Schmieg ((36), Würzburger Straße 1; Wilhelm Schury (37), Alter Keller 8; Wilhelm Trump (45), Gustav-Adolf-Straße 17; Hans Wender (45), Judengasse 39; Leonhard Schöner (25), Plönlein 10; Karl Weiß; Ernst Breiter (beide Gebsattel); aus Gattenhofen: Frank, Präg, Brehm, Oberndörfer.

Bayerischer Landesverband tagte 1949 in Rothenburg

Familien warten auf den Vater

Familien warten auf den Vater

Der Bayerische Landesverband lud zur Jahresversammlung im Oktober 1949 nach Rothenburg ob der Tauber ein. Die Versammlung verabschiedete eine Resolution, die an die Bayerische Staatsregierung geschickt wurde. Sie enthielt eine Reihe von Forderungen der Heimkehrer wie Sicherung des Arbeitsplatzes, gerechte Arbeitsvermittlung, Entschädigung für geleistete Reparationsarbeit, zinslose Kredite zur Existenzgründung, vordringliche Regelung der Rentenansprüche, Berücksichtigung beim Lastenausgleich und gesetzliche Verankerung aller Belange der Heimkehrer sowie der Angehörigen der Kriegsgefangenen, Vermissten und Verschleppten.
Der Vorsitzende dankte der Stadtverwaltung und dem Landratsamt Rothenburg – in persona Oberinspektor Stichler und Inspektor Wagner – für die Hilfsmaßnahmen zur Eingliederung von Heimkehrern sowie die „verständnisvolle Arbeit“ und bat sie, nichts unversucht zu lassen, die Not der Betroffenen zu lindern. „Es gehe nicht an, dass ein Teil 100%ig die Lasten des Krieges trage und ein anderer Teil nichts von diesen Lasten zu spüren bekomme.“
Kreisgeschäftsführer Heinz Clauß berichtete, dass sich fast alle Heimkehrer dem Verband angeschlossen hätten. Doch stünden noch etliche der Jahre 1946 und 1947 abseits. 1949 konnte der Kreisverband 5.000 DM an Beihilfen verteilen. Die Mittel stammten aus Haussammlungen und Spenden. Die Stadt gab 500 DM dazu. Auch konnten in jenem Jahr Sachspenden im Geldwert von 3.000 DM weitergegeben werden.

Eigene Publikationen des Vertriebenenverbandes

Kriegsheimkehrer-51-bN-phXEL„Wir mahnen die Welt“ hieß das Jahrbuch des „Verbandes der Heimkehrer, Kriegsgefangenen und Vermissten-Angehörigen Deutschlands e. V“, das jährlich einen Leistungsbericht des in Bonn ansässigen Verbandes veröffentlichte. Wie in einem Schreiben vom 10. September 1952 an die Stadtverwaltung Rothenburg hervorgeht, soll damit „das Gewissen des deutschen Volkes und der Welt immer wieder aufgerüttelt werden in dem Ruf nach der Freigabe unserer Gefangenen“. Das beigefügte Buch wird darin als „Grünbuch“ des Verbandes bezeichnet. Darin stehen Geleitworte von Bundespräsident Heuss, Bundeskanzler Adenauer, Bundesminister Lukaschek, Kurt Schumacher und vom 1. Vorsitzenden des Verbandes August Fischer. Zahlreiche führe4nde Persönlichkeiten des öffentlichen politischen Lebens behandeln in grundsätzlichen Beiträgen die Bemühungen um die Freilassung der deutschen Kriegsgefangenen und setzten sich für die „Generalamnestie der so genannten Kriegsverbrecher ein“. Nach dieser Formulierung scheint es 1952 im öffentlichen Bewusstsein – auch der Geleitwortschreiber – keine Kriegsverbrechen und somit auch keine Kriegsverbrecher gegeben haben. Und im Jargon, der an die Werbung für Hitlers „Mein Kampf“ erinnert, heißt es dann wortgleich: „Es gehört in die Hand eines jeden Deutschen!“

Zurückgekehrte Heimkehrer wurden namentlich erfasst und im jeweiligen Amtsblatt veröffentlicht. Diese Namenslisten waren lang. Der „Fränkische Anzeiger“ druckte herzliche Willkommensgrüße und bot allen Heimkehrern an, die noch keine Arbeitsstelle hatten, für sie kostenlos Stellenanzeigen zu veröffentlichen.

Registrierung von Kriegsgefangenen und Vermissten im März 1950

Wieder zuhause!

Wieder zuhause!

Im Oktober 1949 trafen sich auch die Vertreter aller westdeutschen Heimatverbände in Frankfurt und gründeten dort die Bundesarbeitsgemeinschaft der Heimkehrer. Die Bonner Bundesregierung reagierte auf die Forderungen und verabschiedete ein entsprechendes Gesetz des Bundesarbeitsministeriums. Im März 1950 startete eine bundesweit vorgeschriebene Registrierung der Kriegsgefangenen und Vermissten, mit der das Statistische Bundesamt in Wiesbaden beauftragt wurde. Diese Registrierung erstreckte sich auf Kriegsgefangene und Internierte der ehemaligen Wehrmacht und ihres Gefolges wie Wehrmachtshelferinnen, Rotes Kreuz, Reichsarbeitsdienst, auf im Ausland inhaftierte Untersuchungs- und Strafgefangene, auf vermisste Wehrmachtsangehörige und Gefolge, wo noch keine Todesnachricht vorlag, auf Vermisste der Zivilbevölkerung, die während des Krieges oder später von ihrem Wohnsitz entfernt wurden und deren Aufenthaltsort unbekannt war. Nicht registriert wurden Angehörige von Heimatvertriebenen, die in den Ausweisungsgebieten zurückgeblieben waren, ehemalige Kriegsgefangene, die ein ziviles Arbeitsverhältnis in Engeland, Frankreich und Belgien abgeschlossen hatten sowie angenommene Luftkrieg-Opfer. Wer Vermisstenmeldungen abgeben durfte, war festgelegt: nur die nächsten Angehörigen in der Reihenfolge Ehegatten, Eltern, Kinder und Geschwister des Abwesenden. Für die Registrierung in Rothenburg und für den Bezirk wurde im Einwohnermeldeamt in der Herrngasse 17 ein Raum eingerichtet. Der erste Meldetag war der 1. März 1950 und der letzte am 11. März. Das Ergebnis für Rothenburg gab das Statistische Landesamt Bayern bereits am der 3. April. Registriert wurden 258 noch kriegsgefangene Personen, davon fünf weibliche; Straf- und Untersuchungsgefangene zwölf, davon eine weibliche Gefangene; Vermisste der ehemaligen Wehrmacht gab es 235, davon eine weibliche; vermisste Zivilpersonen elf, davon drei weibliche.

Mitte Februar 1950 wurden im Amtsblatt folgende Kriegheimkehrer in den Landkreis genannt: Josef Lohasz (Adelshofen), Ernst Boß (Binzwangen), Georg Hinnerkopf (Dombühl), Lazar Keinrath (Kreuth), Josef Lorenz (Gebsattel), Ernst Breiter (Gebsattel), Georg Krebelder (Habelsee), Karl Freund (Kirnberg), Willi Schopf (Leuzenbronn), Fritz Dingfelder (Hemmendorf), Leonhard Glas (Neusitz), Hans Hein (Neustett), Leonhard Balbach (Steinach a. d. Ens), Karl Strauß (Leopoldsberg), Ernst Brümmer (Kloster Sulz), Leonhard Hermann (Tauberzell) und Leonhard Krauß (Tauberzell).

Spätheimkehrer bekamen 30 DM pro Monat der Gefangenschaft

Als „Spätheimkehrer“ wurden vom Gesetzgeber alle ehemaligen Kriegsgefangenen bezeichnet, die nach dem 31. Dezember 1946 entlassen wurden. Für diesen Personenkreis gab es gemäß Kriegsgefangenenentschädigungsgesetz eine Entschädigung von 30 DM je Gefangenschaftsmonat ab dem 1. Januar 1947; dieser Betrag stieg für spätere Jahre nach 1949 immer weiter an.

Heimkehrer-Verband wurde zunehmend politisch aggressiver

Demonstration für die Freilassung aus der UdSSR 1950

Demonstration für die Freilassung 1950

Der Bundesverband der Heimkehrer protestierte Mitte Mai 1950 bundesweit für die Freilassung der Kriegsgefangenen in der Sowjetunion, die zu Reparationsarbeiten zurückgehalten wurden. Diesem Protest schloss sich auch der Kreisverband Rothenburg ob der Tauber an, der zwei Resolution an die Bundesregierung verlas. In der ersten stellte der Kreisverband die bereits bekannten Forderungen nach gesetzlicher Unterstützung für heimgekehrte Kriegsgefangene auf, die andere befasste sich mit der Situation in der Sowjetunion. Zustimmung der Anwesenden erhielt der Rothenburger Kreisvorsitzender Fester, als er in der Versammlung an die Verantwortung der Westalliierten appellierte:

„Die Westmächte, die mit Russland zusammen e i n e n Krieg gegen Deutschland geführt haben, (müssen sich) für die Rückführung aller Kriegsgefangenen, Zivilisten, Frauen und Kinder einsetzen. … An alle wahrhaft freiheitlich und demokratisch gesinnten Mächte richten wir nochmals einen dringlichen Appell: Veranlasst die Sowjetregierung, die berechtigten Forderungen der Mütter, Väter und Kinder unverzüglich zu erfüllen! Denn: wir Frauen und Kinder warten auf unsere Männer und Väter! Wir Mütter und Väter warten auf unsere Söhne und Töchter. Freiheit für alle! Auch für unsere Angehörigen in der Gefangenschaft.“

Übrigens: Dass die Alliierten „gegen Deutschland“ Krieg geführt haben, mag faktisch richtig sein, sprachlich ist diese Formulierung propagandistisch aus der Zeit von vor 1945 übernommen. Denn der Krieg wurde von Deutschland gewollt und angefangen. In der Sowjetunion hinterließen die deutschen Soldaten rund 20 Millionen tote Russen und in den deutschen Kriegsgefangenenlagern ließ man sie zu Hunderttausenden verhungern.

Rothenburger stellten 101 Anträge auf Todeserklärungen

Suchdienst des Roten Kreuzes

Suchdienst des Roten Kreuzes

Die Jahre nach dem Krieg waren für viele Familie Jahre der Ungewissheit. Hunderttausende von Frauen warteten auf ihre vermissten Männer zwischen Hoffnung und Furcht. Dieses Warten brachte den Frauen nicht nur seelischen Qualen, sondern führte auch zivilrechtlich zu harten Konsequenzen, die für viele auf Dauer untragbar waren. Daher schuf der Gesetzgeber die Möglichkeit, jahrelang verschollene Personen für tot erklären zu lassen. Von dieser Möglichkeit machten auch etliche Rothenburger vor dem Amtsgericht Gebrauch. Die meisten im Krieg oder unmittelbar nach dem Krieg gestellten Anträge auf Todeserklärungen verschollener Soldaten mussten vom Amtsgericht zurückwiesen werden, weil zu jener Zeit die gesetzlichen Voraussetzungen nach dem Verschollenheitsgesetz 1939 nicht gegeben waren. So schuf erst die Verordnung vom 1. Juli 1949 die Möglichkeit, im Zusammenhang mit Kriegsereignissen vermisste deutsche Wehrmachtsangehörige für tot erklären zu lassen.

Waren es in Rothenburg 1948 nur 31 Anträge auf Todeserklärungen, so wurden aufgrund dieser Verordnung 1949 insgesamt 43 und ein Jahr darauf 27 Anträge gestellt. Von diesen 101 Anträgen wurden 89 Toderklärungen vom Amtsgericht ausgesprochen, während die restlichen zwölf noch unerledigt geblieben waren. Das Verfahren dauerte in der Regel etwa ein halbes Jahr, weil das Gericht noch einmal alle Suchdienste wie das Rote Kreuz, die Gefallenenlisten überprüfte, um jede Wahrscheinlichkeit auszuschalten, dass der Vermisste noch am Leben sein könnte. Die Todeserklärungen waren kostenfrei. Grund für Toderklärungen war häufig der Wunsch der Ehefrau, eine neue Ehe eingehen zu wollen.

Wenn Toterklärte noch lebten

Heimkehrer

Heimkehrer

Tragische Fälle, dass der für tot erklärte Ehemann wieder in der Heimat auftauchte, waren selten. Sie kamen aber vor. In Rothenburg ist nur ein Fall bekannt, dass eine für tot erklärte Frau noch am Leben war und feststellen musste, dass ihr Mann eine neue Ehe eingegangen war. Der Gesetzgeber hat auch in diesem Fall Vorsorge getroffen und bestimmt, dass die neue Ehe nicht deshalb nichtig ist, weil der für tot erklärte Gatte noch lebt. Allerdings konnte der für tot erklärte Ehegatte die Auflösung der neuen Ehe begehren. Wer eine noch lebende Person wissentlich für tot erklären ließ, konnte strafrechtlich zur Verantwortung gezogen werden.

Heimkehrerverband setzte sich für „Nürnberger“ Kriegsverbrecher ein

Der Verband der Heimkehrer rückte in den politischen Ansichten seiner Sprecher, gefolgt auch vom Rothenburger Kreisverband, immer mehr nach rechts. Vermutlich hat dies in Rothenburg mit dem um 1950 beginnenden und bemerkbaren gesellschaftspolitischen Rechtsruck zu tun, der sich in der Bürgermeister- und Stadtratswahl 1952 manifestierte. Der Vorsitzende des „Verbands der Heimkehrer, Kriegsgefangenen- und Vermisstenangehörigen“ appellierte in einem Zeitungsbeitrag im „Fränkischen Anzeiger“ 1952 („Moskau und Nürnberg“) nicht nur an Moskau, die Kriegsgefangenen in den „Sibirischen Weiten“ freizugeben, sondern auch an die Alliierten, die in Nürnberg verurteilten und im Gefängnis einsitzenden Kriegsverbrecher freizulassen.

„Der erste und hauptsächlichste Punkt unserer Satzungen ist der unbedingten und sofortigen Freigabe aller Kriegsgefangenen gewidmet. Diesem obersten Ziel unserer Forderungen ordnen sich alle übrigen Forderungen, seien sie rechtlicher oder moralischer Art, unter. Der Verband der Heimkehrer verkennt nicht die Sorge derjenigen, die ihre Angehörigen in den Gefängnissen von Werl, Landsberg, Wittich usw. wissen. Mit diesen Angehörigen, vereint mit dem gesamten deutschen Volk, fordern wir und fordern weiter die Freigabe derer, die nichts anderes verbrochen haben, als dass sie damals ihre militärische Pflicht erfüllt hatten. … Wir haben als Verband dafür zu sorgen, dass unsere Kameraden in Freiheit gesetzt werden. Die Achtung vor der Menschlichkeit, die Wahrung der Rechte des Einzelnen müssen durch alle vermeintlichen Siegermächte gewahrt werden, wollen sie sich nicht der Gefahr aussetzen, Unrecht als Recht auf die Dauer gelten zu lassen.“

"Fränkischer Anzeiger" vom 17. September 1951 (Ausriss)

“Fränkischer Anzeiger” vom 17. September 1951 (Ausriss)

„Neue Zeitung“ kritisierte die rechte Position des Heimkehrerverbandes

Solche Aussagen wurden auch kritisiert. Mitglieder des Verbandes distanzierten sich von ihrem Vorstand. Die von der amerikanischen Militärregierung in München herausgegebene „Neue Zeitung“ schilderte in ihrer Ausgabe Nr. 213 (Ende August 1952) unter der Schlagzeile „Heimkehrer distanzieren sich von ihren nazistischen Sprechern“ die Vorgänge. Daraufhin gab der Vorsitzende des „Kreisverband Rothenburg im Verband der Heimkehrer, Kriegsgefangenen- und Vermisstenangehörigen e. V.“, Fritz Fester, mit Zustimmung der im Kreisverband zusammengeschlossenen Ortsverbände im „Fränkischen Anzeiger“ eine Erklärung ab, da die Ausführungen in der „Neue Zeitung“ so „nicht unwidersprochen hingenommen bleiben“ konnten.

Dabei ging es auch um die Deutung des Soldaten-Eides der Wehrmacht, mit dem sich nach dem Krieg viele Kriegsverbrecher herauszureden versucht hatten. Die „Neue Zeitung“, die auch die nationalsozialistischen Bilder Ernst Unbehauens in der 1950 errichteten Topplerschule gerügt hatte, kritisierte jetzt, dass der Soldaten-Eid zu stark auf die Person Hitlers ausgerichtet gewesen sei. Obwohl dies stimmte, mochten die Rothenburger Heimkehrer das so nicht stehen lassen, sondern argumentierten, dass der Soldaten-Eid viel zu hoch gehalten werde, um späteren politischen Ressentiments ausgesetzt zu werden. Mit anderen Worten, wenn dieser Satz so interpretiert werden kann, sei der Soldaten-Eid  sakrosankt. Dem Vorwurf der von der US-Militärbehörde herausgegebenen „Neuen Zeitung“, der Heimkehrerverband gebärde sich als „neofaschistische Organisation“, wurde von der Rothenburger Erklärung zurückgewiesen, wobei sich der Verband ins politische Fahrwasser begeben hatte:

„Wir sind keine Neofaschisten. … Der Verband der Heimkehrer ist keine neofaschistische Organisation. Der Verband wird jederzeit gegen den Stellung nehmen, der aus egoistischen, materiellen oder weltanschaulichen Gründen die Einigkeit des deutschen Volkes, seine Sicherheit und Selbstständigkeit gefährden könnte. Der Verband der Heimkehrer ist ein auf kameradschaftlicher, ethischer Grundlage aufgebauter Verband, der allen seinen Mitgliedern uneigennützig, d. h. ohne Entgelt mit Rat und Tat zur Seite steht.“

Daher können die Heimkehrer  das Recht beanspruchen, am „Aufbau des Staates in einer gesitteten Welt“ mitzuwirken. Und weiter hieß es:

„Wir hätten einen Verrat an denen geübt, die uns ihr Vertrauen geschenkt haben, wenn wir zu allem Ja und Amen sagen würden; dann hätten wir eine verfehlte Position eingenommen.“

Heimkehrer-Funktionär fand in der DG eine neue politische Heimat

Kriegsheimkehrer-Fester

Vorsitzender Fritz Fester; Foto: FA

Der 1. Kreisvorsitzende der Rothenburger Kriegsheimkehrer Fritz Fester, 1896 in Labiau/Ostpreußen geboren, war in Königsberg städtischer Beamter und stand auch im Dienst der Kirche, wurde 1933 als Regierungs-Oberinspektor ins Reichsarbeitsministerium berufen, war 1943/44 als Kreisdienststellenleiter in Wilkowischken/Litauen, kam als Flüchtling nach Rothenburg, konnte aufgrund von politischer Belastung seinem Beruf in den ersten Nachkriegsjahren nicht wieder nachgehen, wurde Hilfsarbeiter in der Firma Heinrichmeier & Wünsch, 1949 Betriebsrat und war bei den Wahlen 1950 und 1952 Stimmkreisbewerber für den rechts-nationalen Parteienblock „Bund der Heimatvertriebenen und Entrechteten“ und der „Deutschen Gemeinschaft“ (DG). Bei der Stadtratswahl 1952 wurden er und sein DG-Parteifreund, der ehemalige NSDAP-Ortsgruppenleiter Siegfried Wobst, Ersatzmänner, der ehemalige NS-Bürgermeister Dr. Friedrich Schmidt, damals ebenfalls in der „Deutschen Gemeinschaft“, wurde mit den meisten von Rothenburgern abgegebenen Stimmen in den Stadtrat gewählt.

Das öffentliche Interesse an den Heimkehrern ließ langsam nach

Die Behandlung der Heimkehrer in Deutschland erfuhr einen Wandel. Während die ersten Freigelassenen aus der Sowjetunion noch meist feierlich empfangen wurden, ließ die Aufmerksamkeit schnell nach. Ein besonders emotionales Thema war 1955 die „Heimkehr der Zehntausend“ (ab 7. Oktober 1955) aus sowjetischer Gefangenschaft über die Lager Friedland und Herleshausen, nachdem es im Herbst 1955 Bundeskanzler Adenauer gelungen war, die letzten deutschen Kriegsgefangenen aus der Sowjetunion zurück zu holen.

Wolfgang Borcherts „Draußen vor der Tür“
Schicksal eines Kriegsheimkehrers

Programm-Ankündigung 1949

Programm-Ankündigung 1947

Bereits am 13. Februar 1947 strahlte der Nordwestdeutsche Rundfunk eine Hörspielfassung des Dramas „Draußen vor der Tür“ aus und verlieh der desillusionierten Generation der Kriegsheimkehrer eine eindringliche Stimme, die in ihrer Wahrheit viele Hörer ergriff und befreite, aber in ihrer unmissverständlichen Direktheit auch abschreckte. Ein Schrei ging durch die Reihen der Verzweifelten, Verlassenen und Verstümmelten, die aus ihrer aufgezwungenen Apathie aufschreckten und sich plötzlich mit ihrer Situation konfrontiert sahen. Der Protagonist Beckmann fungiert in „Draußen vor der Tür“ als Stellvertreter der Kriegsheimkehrer, die nach Antwort verlangen, Antwort auf Fragen nach dem Sinn ihres Lebens, „Wozu? Für wen? Für was?“. So steht denn auch Borcherts Schlusssatz als anklagender Hilfeschrei im Raum: „Gibt denn keiner, keiner Antwort?“

Kriegsheimkehrer – Die Generation der Desillusionierten

Borchert, der kriegsverletzt am Ende seiner Kräfte Vegetierende, wagte diese Anklage, denn der Stoff seines Lebens war der Stoff vieler vom Krieg gebeutelter Soldaten – er war jahrelang an der Front gefangen und schließlich schwerstverwundet nach Hause geschickt worden. Die Tragik seines Lebens und der Wille, dieser Gehör zu verschaffen, befähigten ihn, an das Krankenbett gefesselt, in nur acht Tagen die Geschichte Beckmanns zu verfassen, der nach einem gescheiterten Selbstmordversuch einem Mann, genannt „der Andere“, die Hölle seiner vorangegangenen dreijährigen Kriegsgefangenschaft in Russland schildert.

Die Hoffnungen auf ein „heiles Zuhause“ werden auf grausamste Art und Weise zerschlagen, denn heil ist in der ehemaligen Heimat nahezu nichts geblieben: überall zerstörte Städte, Trümmerfelder. Die nach Geborgenheit Lechzenden finden sich aber nicht nur äußerlich ihrer Behausung beraubt, auch innerlich fühlen sie sich wie einer „Draußen vor der Tür“. Auch der einzige Hoffnungsschimmer, an den man sich geklammert hat, die liebende Ehefrau, hat sich nicht selten einem Anderen zugewandt. Beckmann muss diese schmerzliche Erfahrung ebenfalls machen: „Als ich jetzt nach Hause kam, da war mein Bett besetzt.“

Kollektive Verarbeitung des Krieges

Rasend und gehetzt erfolgte die Niederschrift seines Dramas, dessen Uraufführung in den Hamburger Kammerspielen am 21. November 1947 er nicht mehr miterlebte. Einen Tag zuvor erlag er 26-jährig seinen im Krieg erlittenen Verletzungen. Die Frage nach der Schuld und die Schuldverteilung charakterisiert die Figuren des Stückes und spaltet sie in diejenigen „draußen vor der Tür“, in die junge Generation, die durch ihr Schuldbewusstsein von ihrer Mitschuld entlastet wird und in diejenigen der älteren Generation, drinnen, satt und aufgehoben, ohne Schuldbewusstsein. Die außerordentliche Resonanz auf Borcherts Drama resultiert nicht zuletzt daraus, dass es dem betroffenen Publikum durch die Identifikation mit Beckmann die Verarbeitung ihrer eigenen Kriegserfahrungen ermöglichte.

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Quellen: „Fränkischer Anzeiger“ vom 11. Nov. 1949, 14. Jan., 18. Jan., 1. Febr., 18. Febr., 8. März, 3. April, 15. Mai, 15. Aug. 1950, 13. Juni 1951, 17. Sept. 1951, 17. Sept. 1952. – Stadtarchiv Rothenburg Nr. 060-4 N. – Borchert-Text entnommen: Wolf Stegemann (Hg.) „Dorsten nach der Stunde Null“ (Forschungsgruppe 1987).
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