Der Verein Alt-Rothenburg tut sich immer noch schwer, seine Tätigkeit während der NS-Zeit frei von Relativierungen zu veröffentlichen – dies täte Not

Eine Vorbemerkung zu diesem Artikel über den Verein Alt-Rothenburg in nationalsozialistischer Zeit ist nötig. Mit dieser Schilderung und Kommentierung über die Tätigkeits-Darstellung des Vereins in jenen zwölf Jahren sollen keinesfalls die großen Verdienste des Vereins vor 1933 und nach 1945, auch nicht die wichtigen Maßnahmen zum Denkmalschutz seit Bestehen des Vereins geschmälert werden. Das ist nicht die Intention dieses Berichts, auch nicht der Herausgeber dieser Online Dokumentation. Die Bemühungen des Vereins, sich heute reflektierend der Zeit des Nationalsozialismus durch Vorträge (Unbehauen) und Herausgabe von Büchern anzunähern, werden durchaus gewürdigt. Weiterlesen

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Über das Vermächtnis des glühenden Nationalsozialisten und Rothenburger Historikers Martin Weigel, das er zwei Jahre vor seinem Tod dem Verein Alt-Rothenburg zugeeignet hat

Titel des Buches, das das nationalsozialistische "Vermächtnis" an die Mitglieder des VAR enthielt, 1941

Titel des Buches, das das nationalsozialistische „Vermächtnis“ an die Mitglieder des VAR enthielt, 1941

Von Wolf Stegemann

Er war bis 1921 Stadtpfarrer und Heimatforscher in Rothenburg, danach Pfarrer in Nürnberg, trat dort 1925 in die NSDAP ein, wurde deren Wahl- und Gauredner, war Inhaber des goldenen Ehrenzeichens und der silbernen Dienstauszeichnung der NSDAP sowie Ehrenmitglied des Vereins Alt-Rothenburg, der offensichtlich stolz auf ihn war, denn Dr. Martin Weigel, von dem die Rede ist, verfasste viele Stadtführer, Schriften und Aufsätze über Rothenburgs Geschichte. 1941 gab der Verein ein Buch heraus, das Martin Weigel geschrieben und der Verlag Gebr. Schneider („Fränkischer Anzeiger“) verlegt hatte. Ein vom Inhalt unverfängliches Buch, das mit dem Titel „Wappen und Siegel“ über deren Zusammenhang mit der Stadtgeschichte informierte. Doch das beigelegte dreiseitige Grußwort des Verfassers an die „lieben Mitglieder des Vereins Alt-Rothenburg“, das einem Vermächtnis gleichzusetzen ist, hat es wegen der starken nationalsozialistischen Sinngebung in sich. Martin Weigel, Gründungsmitglied des Vereins Alt-Rothenburg, sinnt als 75-jähriger Mann darüber nach, dass die bis dahin praktizierte Geschichtsschreibung des Vereins, wenn sie auch „treulich“ war, so doch bislang kein Ziel hatte. Denn erst durch den Nationalsozialismus habe die Geschichtsschreibung der Stadt Rothenburg einen Sinn erhalten. Er schreibt: Weiterlesen

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Festspiel „Der Meistertrunk“ – NSDAP 1940: Nusch war bereits nationalsozialistisch gesinnt! Oberbürgermeister Hörner 1950: „Rothenburg ohne Festspiel nicht denkbar!“

Festspiel-Umzug unter Hakenkreuzfahnen in er Hafengasse

Festspiel-Umzug unter Hakenkreuzfahnen in der Hafengasse; Foto: Stadtarchiv Rothenburg o. d. Tbr.

Von Wolf Stegemann

Die von Touristen mehrmals täglich mit lauten Ahs und Ohs bedachte Kunst-Uhr an der Ratsherrentrinkstube am Marktplatz weist auf ein geschichtliches Ereignis aus Zeiten des Dreißigjährigen Krieges hin, über das der Glasermeister Adam Hörber ein historisches Festspiel schrieb, das erstmals 1881 in Rothenburg aufgeführt wurde. Die Legende tauchte allerdings schon an der Wende zum 18. Jahrhundert erstmals auf, die der Chronist Heinrich Schaffert aufzeichnete. In einem Fenster der Kunst-Uhr am Marktplatz grüßt der kaiserliche Feldherr Graf Tzerklas Tilly mit seinem Feldherrnstab, im andern hebt Altbürgermeister Georg Nusch den Humpen, den er in einem Zuge austrinkt. Damit rettete er 1631 die protestantische Stadt vor Plünderung und den Stadtrat vor der Hinrichtung. Wenn Passagen des Festspiels auch Legenden sein dürften, so entwickelte sich das Festspiel mit dem jährlichen Biwak zu Pfingsten zu einer großen kulturellen Tradition, die Zeit und Not, Krieg und politische Epochen in den letzten 130 Jahren überdauerte. Heute ist der „Meistertrunk“ berühmt wie nie zuvor. Dafür setzt sich der Verein „Der Meistertrunk“ ein, der ebenfalls im Jahr 1881 gegründet wurde. Mit viel Geschick, Enthusiasmus und Heimatliebe schufen die Laienspieler dieses kulturelle Ereignis, das mittlerweile überregionalen Rang besitzt. Bayern hat das Festspiel neben den Festspielen Dinkelsbühler „Kinderzeche“ und Further „Drachenstich“ sowie zehn anderen Kulturveranstaltungen zum „immateriellen Kulturerbe auf Landesebene“ erhoben. Weiterlesen

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Hans-Sachs-Gilde: Rothenburger Mimen brachten mit derben Bauernschwänken die Zuschauer zum Lachen. Vor, während und nach dem Krieg – bis heute

Hans Sachs-Szene

Spielszene mit Max Schreglmann, Paul Wild und Willi Assel (v. l.); Fotosammlung Rolf Schreglmann

Von Wolf Stegemann

Nachdem Theodor Schletterer 1911 den Schäfertanz wiederbelebte hatte, hob er zehn Jahre später die Hans-Sachs-Gilde aus der Taufe. Denn die humoristischen und deftigen Schwänke des Nürnberger Schuhmacher-Poeten Hans Sachs (1494 bis 1576) hatten es ihm angetan. Der „Fränkische Anzeiger“ schrieb darüber 1970, dass nach dem ersten Auftritt der „Hans-Sachser“, wie sie kurz genannt wurden und werden, bereits feststand, dass „Theodor Schletterer mit zu den besten Interpreten der Werke von Hans Sachs zählte“.  Aus dem großen Repertoire der Schwänke hatte sich die Gilde folgende Stücke ausgesucht, wie Rolf Schreglmann, Sohn des späteren Vorsitzenden der Gilde, herausfand: Das heiße Eisen, Der gestohlene Schinken, Der Krämerskorb, Der Roßdieb zu Fünsing, Das Kälberbrüten, St. Peter auf Erden und Das böse Weib mit Worten, Kräutern und Steinen wieder gut zu machen. Gespielt wurde vor allem im Kaisersaal. Die Hans-Sachs-Gilde konnte zusammen mit dem Schäfertanz zum „Weltkongress für Freizeit und Erholung“ fahren, der vom 23. bis 30. Juli 1936 in Hamburg stattfand. Weiterlesen

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Verein Historischer Schäfertanz: Sie tanzten vor dem Bischof von Canterbury und vor Nazigrößen in Hamburg, wo Theodor Schletterer zum Tee bei Joseph Goebbels eingeladen war

Der Rothenburger Schäfertanz 1936 in Hamburg

Der Rothenburger Schäfertanz 1936 in Hamburg; Foto: Stadtarchiv Rothenburg o. d. Tbr.

Von Wolf Stegemann

Noch in den 1950er-Jahren lernten Rothenburger Volksschüler – so auch der Autor – im Heimatkundeunterricht in der 3./4. Klasse bei Lehrer Hornn, dass die Juden das Wasser des Herterichsbrunnen vergiftet hätten, um die Rothenburger Einwohner zu töten. Dies hätte ein Schäfer beobachtet und somit die Stadt gerettet. Daher hätten die Schäfer ihre Wolfgangs- bzw. Schäferskirche in der Klingenbastei verlassen dürfen, um einmal im Jahr in die Stadt zu ziehen und um den Brunnen zu tanzen. So sei der Schäfertanz entstanden. Das ist natürlich eine Legende, die der Rothenburger Antijudaismus im 18. Jahrhundert verbreitete, als Archidiakon Seyboth eine reichlich ausgeschmückte Predigt darüber hielt, wie die Juden Ende des 14. Jahrhunderts durch Tötung der Einwohner aus Rothenburg ihr altes Jerusalem entstehen lassen wollten. Dafür wurden sie verbrannt und „die Stadt auf ewig von den Juden geräumt“. Martin Weigel, evangelischer Stadtpfarrer und Stadtchronist (1866 bis 1943), aber auch Antisemit und Nationalsozialist, verbreitete diese Predigt in seiner Stadtchronik und in anderen Schriften auch schon lange vor der NS-Zeit. In der Ausgabe 1935 „Führer durch Rothenburg ob der Tauber“ geht Dr. Martin Weigel ausführlich darauf ein. Der Stadtarchivar und Antisemit Dr. Martin Schütz („Eine Reichsstadt wehrt sich. Rothenburg ob der Tauber im Kampf gegen das Judentum“ 1938) verbreitete im Nationalsozialismus diese Legende als Wahrheit weiter, so dass sie über das Kriegsende hinaus noch im Schulunterricht erzählt wurde. Doch in den Stadtführern für Touristen findet sich diese Legende nach 1945 nicht mehr. Lapidar heißt es in dem von Baurat Eger bearbeiteten „Rothenburger Führer“ (o. J.) über den Herterichsbrunnen: „Bei den Schäfertänzen hat er einstens eine große Rolle gespielt.“ Und an anderer Stelle steht: „Alljährlich am Namenstag des Heiligen (Wolfgang, Patron der Schäfer) pilgerten einstmals die Schäfer zur Kirche, wo sie nach dem Gottesdienst auf dem Marktplatz ins Gasthaus zum Lamm und nach dem Essen zum Herterichsbrunnen zogen. Den Festtag beschlossen sie durch einen Schäfertanz um den Brunnen.“ Im bekannteren Schnizlein-„Rothenburg-Führer“ (42. Aufl. 1963) steht ebenso nur ein Satz dazu. Dass der Schäfertanz 1911 durch den Kunstgärtner Theodor Schletterer zu neuem Leben erweckt wurde. Weiterlesen

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NS-Kunstpolitik: Alles wurde kontrolliert – Malerei und Film, Theater und Architektur, Zeitungen und Bücher …

Perfekt gemalte Menschen, Tiere und Landschaften galten als Inbegriffe "deutscher Kunst" (Max Bergmann. "Die Scholle")

Perfekt gemalte Menschen, Tiere und Landschaften galten als Inbegriffe „deutscher Kunst“ (Max Bergmann. „Die Scholle“)

LW – Ein Jahr vor dem Erscheinen seines Hauptwerks „Der Mythus des 20. Jahrhunderts“, in dem die völkisch-nationale Kunst- und Kulturtheorie einen breiten Raum einnimmt, gründete NS-Mythologe Alfred Rosenberg 1929 mit dem „Kampfbund für deutsche Kultur“ die erste kunstpolitische Organisation der Nationalsozialisten. Rosenberg, der „Beauftragte des Führers für die Überwachung der gesamten geistigen und weltanschaulichen Schulung und Erziehung der NSDAP“, hatte mit seiner Organisation jedoch weniger Erfolg als erhofft. Nach der Umbenennung 1934 in „Nationalsozialistische Kulturgemeinde“ ging sein Kampfbund allmählich in Robert Leys Organisation „Kraft durch Freude“ (KdF) auf. Aber auch Ley schaffte es nicht, sich kunstpolitisch durchzusetzen. Nur aufgrund seiner Verständigung mit Rosenbergs Gegenspieler Joseph Goebbels gelang es ihm, seiner allmählich in den Freizeitbereich abdriftenden Organisation größeren Spielraum zu bewahren. Weiterlesen

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Wie die NS-Kulturpropaganda deutsche Dichter der Klassik für ihre Ideologie vereinnahmte und dafür Handlanger in Literatur und Wissenschaft fand (I): Goethe

0-Goethe-obenVorwort. In den zwölf Jahren nationalsozialistischer Diktatur war auch die gegenwärtige deutsche Literatur ganz und gar vom Staat gelenkt und die Sichtweisen auf die deutsche Dichtung vergangener Jahrhunderte ebenso vom Nationalsozialismus verbogen wurden. Namhafte Professoren, Literaturwissenschaftler, Deutschlehrer und Schriftsteller stellten die Dichter des Sturm und Drang sowie des Klassizismus – Goethe, Schiller, Storm, Kleist, Lessing – als wahre Nationalsozialisten und Nordmannsgeister hin, die Germanentum und Wikingertum schon immer in sich hatten. Literatur und Publizistik wurden systematisch in den Dienst der Unterdrückung gestellt. Das Verhalten vieler Schriftsteller, die trotz oder gerade wegen der öffentlichen Bücherverbrennung 1933 in Deutschland blieben und veröffentlichten, ist dies das düsterste Kapitel deutscher Literaturgeschichte. Und dem nicht genug. Namhafte Professoren, Studienräte sowie Literatur- und Theaterwissenschaftler versuchten in Gutachten und Veröffentlichungen die Dichter für den Nationalsozialismus, für das Nordmännerdenken und „Wikingertum“ zu verbiegen. Schiller war schon immer Nationalsozialist und Lessings Tellheim ein nordischer Typ. Und der Schriftsteller Will Vesper schrieb: „Wenn ein deutsches Mädchen ein Verhältnis mit einem Juden hat, so werden beide wegen Rassenschande mit Recht verurteilt. Wenn ein deutscher Schriftsteller und eine deutscher Buchhändler ein Verhältnis mit einem jüdischen Verleger eingeht – ist das nicht eine weit schlimmere und gefährlichere Rassenschande? Es genügt aber nun keineswegs, dass man eine einzelne Ratte erwischt und hinauswirft!“ Wie ein Spuk muten heute jene Jahre an, in denen es hieß: „Schiller als Nationalsozialist! Mit Stolz dürfen wir ihn als solchen grüßen!“ Oder: „Mit Recht feiert man Heinrich von Kleist als den Klassiker des Nationalsozialismus.“ Weiterlesen

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