Festspiel „Der Meistertrunk“ – NSDAP 1940: Nusch war bereits nationalsozialistisch gesinnt! Oberbürgermeister Hörner 1950: „Rothenburg ohne Festspiel nicht denkbar!“

Festspiel-Umzug unter Hakenkreuzfahnen in er Hafengasse

Festspiel-Umzug unter Hakenkreuzfahnen in der Hafengasse; Foto: Stadtarchiv Rothenburg o. d. Tbr.

Von Wolf Stegemann

Die von Touristen mehrmals täglich mit lauten Ahs und Ohs bedachte Kunst-Uhr an der Ratsherrentrinkstube am Marktplatz weist auf ein geschichtliches Ereignis aus Zeiten des Dreißigjährigen Krieges hin, über das der Glasermeister Adam Hörber ein historisches Festspiel schrieb, das erstmals 1881 in Rothenburg aufgeführt wurde. Die Legende tauchte allerdings schon an der Wende zum 18. Jahrhundert erstmals auf, die der Chronist Heinrich Schaffert aufzeichnete. In einem Fenster der Kunst-Uhr am Marktplatz grüßt der kaiserliche Feldherr Graf Tzerklas Tilly mit seinem Feldherrnstab, im andern hebt Altbürgermeister Georg Nusch den Humpen, den er in einem Zuge austrinkt. Damit rettete er 1631 die protestantische Stadt vor Plünderung und den Stadtrat vor der Hinrichtung. Wenn Passagen des Festspiels auch Legenden sein dürften, so entwickelte sich das Festspiel mit dem jährlichen Biwak zu Pfingsten zu einer großen kulturellen Tradition, die Zeit und Not, Krieg und politische Epochen in den letzten 130 Jahren überdauerte. Heute ist der „Meistertrunk“ berühmt wie nie zuvor. Dafür setzt sich der Verein „Der Meistertrunk“ ein, der ebenfalls im Jahr 1881 gegründet wurde. Mit viel Geschick, Enthusiasmus und Heimatliebe schufen die Laienspieler dieses kulturelle Ereignis, das mittlerweile überregionalen Rang besitzt. Bayern hat das Festspiel neben den Festspielen Dinkelsbühler „Kinderzeche“ und Fürther „Drachenstich“ sowie zehn anderen Kulturveranstaltungen zum „immateriellen Kulturerbe auf Landesebene“ erhoben.

Schirmherr traditionsgemäß der bayerische Ministerpräsident

Postkarte der Kunstuhr 1936

Postkarte der Kunstuhr 1936

Wie aus dem Internet-Auftritt des Vereins zu erfahren ist, besteht der Verein derzeit aus acht Vorstandsmitgliedern, 22 Hauptausschussmitgliedern, 25 historischen Gruppen und über 700 Mitgliedern. Neben den Aufführungen des Festspiels organisiert der Verein jeweils ein umfangreiches Rahmenprogramm zu allen Rothenburger Festtagen. Der Verein unterhält ein eigenes Museum im Lichthof des Rathauses. Dieses „Historiengewölbe“ wird nach Angaben des Vereins jährlich von rund 70.000 Gästen besucht. Ständiger Schirmherr des Vereins und seines Festspiels ist der jeweilige bayerische Ministerpräsident. „Alljährlich betreten Laiendarsteller die Bühne, um die Begebenheit nachzuspielen, während durch die Gassen der Stadt die Truppen der verfeindeten Heere ziehen, um danach in einem großen Heerzug vor der Stadt zuerst den Stadtverräter baumeln zu lassen und anschließend gemeinsam zu zechen, wobei auch der zuvor Gehenkte wieder dabei ist.

„Mein Gott, er trinkt ihn aus!“ – Ein Mythos ward geboren

Meistertrunk-Gedenkmedaille 1931 (Weinmuseum Deitesheim)

Meistertrunk-Gedenkmedaille 1931 (Weinmuseum Deitesheim)

Zurück zum „Meistertrunk“ des Jahres 1631: Rothenburg stand damals auf der Seite der protestantischen Union. Tilly belagerte die Stadt mit 60.000  Mann. Nach drei Tagen gelang es den kaiserlichen Truppen die Stadt zu erobern, die marodierend und plündernd durch die Gassen zogen. Wie damals üblich, wurde eine Stadt, die dem Feind Widerstand entgegenbrachte im Falle ihrer Eroberung gebrandschatzt. So auch Rothenburg ob der Tauber. Dem Eroberer wurde trotz dieses bevorstehenden Schicksals ein „Willkommenstrunk“ gereicht, obwohl Tilly nicht willkommen war. (Heute bekommen besondere Gäste, die natürlich willkommen sind, den Willkommenstrunk.) Nusch soll dann das schier Unmögliche vom Rat gefordert haben. Seinen Willkommenshumpen mit über drei Liter Wein in der Hand haltend, fragte er: „Ist wer von euch im Stande, ihn zu leeren in einem Zug? Dann soll euch Gnade sein!“ Dem oben erwähnten Altbürgermeister Nusch sei dies gelungen. Tilly: „Mein Gott, er trinkt ihn aus!“ Somit wurde dieser Mythos, eingebettet in dem historischen Festspiel, zu einem Teil der Rothenburger Tourismusgeschichte.

Inserat im "Fränkischen Anzeiger" vom 12. August 1933

Inserat im “Fränkischen Anzeiger” vom 12. August 1933

Bislang keine Informationen über den Verein in er NS-Zeit

Diese war auch ein wichtiger Bestandteil in nationalsozialistischer Zeit, wo die Stadt als eine Vorzeigestadt des Nationalsozialismus reichsweit gepriesen wurde und Massen von „Kraft durch Freude“-Touristen aus allen Winkeln des Reiches mit Bussen und der Eisenbahn nach Rothenburg gefahren wurden. Über den Verein und sein Festspiel in nationalsozialistischer Zeit, über die Gleichschaltung und die übliche Hinwendung zum Nationalsozialismus 1933/34 und die „Bräunung“ des Vereinsgeschehens in den zwölf Jahren ist bislang nicht viel zu erfahren. Die Informationen darüber liegen im vereinseigenen Archiv. Versuche, dort Einsicht zu nehmen, scheiterten bislang.

Festspiel und Umzug mit Biwak stets im Dienste des Tourismus

Die NSDAP widerruft für den Pg. Beyer (Vorstandsmitglied des Festspiels) ein Gerücht (8. Aug. 1933)

Die NSDAP widerruft für den Pg. Beyer (Vorstandsmitglied des Festspiels) ein angebliches Gerücht (Fränkischer Anzeiger vom 8. Aug. 1933)

Aus der Lokalzeitung „Fränkischer Anzeiger“ ist zu entnehmen, dass das Festspiel auch aufgeführt wurde, wenn besonders Prominente wie NS-Paladine, Staatsgäste – Militärs, Diplomaten – die Stadt besuchten. Dann wurden sie von den Reitern des Festspielzugs und Hellebardieren empfangen und zum Marktplatz bzw. ins Hotel Eisenhut geleitet wie beispielsweise im Juli 1939 der italienische Generalsekretär des Industriearbeiterverbandes Cavalliere Ciancola und so viele andere. Dabei arbeiteten die drei Rothenburger Heimatspiele „Der Meistertrunk“, der Schäfertanz und die Hans-Sachs-Spiele mit der NS-Gemeinschaft „Kraft durch Freude“ und deren Kreisdienststellenleiter Pg. Lunz eng zusammen, was immer wieder zu Dankschreiben von großen Touristengruppen, Militäreinheiten, NSDAP-Kreisleitungen aus dem gesamten Reich und sogar 1938 von der „Hitlerbewegung“ im Gau Niederösterreich sowie von Botschaften und Konsulaten für die ausgezeichneten Auf- und Vorführungen führte. So schrieb die NSDAP-Kreisleitung Hall im Gau Württemberg-Hohenzollern am 5. August (Z. OB/B) an Pg. Lunz:

„Unsere Verwundeten und die ihnen beigegebenen Betreuer sind froh und befriedigt von dem großen Erlebnis in Rothenburg nach Hall zurückgekehrt. Sie haben uns allen schöne Stunden der Freude in dem herrlichen Rothenburg beschert. Wir konnten Eintauchen in die Jahrhunderte und feststellen, dass Rothenburg mit Nusch bereits einen nationalsozialistisch gesinnten Bürgermeister hatte. Dafür und für die Übersendung der Rothenburger Zeitung danke ich Ihnen herzlich…“

Und im Rothenburger Ratskeller stand 1935 der Spruch:

„Heil Rothenburg!
Du deutsche Stadt,
die nirgends ihresgleichen hat!
Nusch war ein Bester deiner Geister,
heut fehlen solche Bürgermeister.“

Der „Völkische Beobachter“, Organ der NSDAP, schrieb am 10. Juni 1935 in Bezug auf den Meistertrunk des „alten Bürgermeisters Nusch, dessen Bildnis heute noch im Rathause zu sehen ist“:

„Und im Festspiel wird ,Der Meistertrunk’ gefeiert… Ist das Spiel zu Ende, so sammelt sich Freund und Feind, Ratsherr und Landsknecht, Henker und Trossmagd, Marschall und Gemeiner, um im festlichen Zug vor das Tor zu ziehen… Da erwacht das Wort Heinrich Riehls, dass Rothenburg vorwiegend dass Spiegelbild der Glanzzeit des alten Reiches, des ersten Reiches, bietet. Dem hinzuzufügen ist heute, es sie auch die Glanzzeit des heutigen Reiches darstellt…“

Der erste „Meistertrunk“ nach dem Krieg – eine erschütternde Aufführung

Biwak vor den Toren 1934

Biwak vor den Toren 1934

Pfingsten 1945 erlaubte die amerikanische Militärregierung die Aufführung des historischen Fest­spiels „Der Meistertrunk“. Die Rothenburger dankten damit den Amerikanern, weil sie  für den Wiederaufbau der historischen Stadt Finanzmittel in Aussicht stellten. Anwesend waren Vertreter der US-Militärregierung in Bayern und der bayerischen Staatsregierung München sowie der Kreisregierung von Mittel- und Oberfranken. Über diese Veranstaltung in den Trümmern der Stadt erinnert sich der Rothenburger Kunstmaler Willi Förster in seinem Aufsatz „Zwischen Tod und Auferstehen“ in dem o. g. Buch von 1950:

„Wir konnten zu Pfingsten das Spiel in der erschütterndsten Aufführung seiner Geschichte erleben. Noch stand man mitten in den seelischen Zuständen des Kriegsgeschehens, der Dreißigjährige Krieg war Gegenwart, die meisten Darsteller hatten wenige Wochen vorher durch den Brand der Stadt Hab und Gut verloren, durch die teilweise verbrannte Decke des Kaisersaals schaute der blaue Himmel auf die Zuschauer. In den Kaisersaal konnte man nur über mehrere Meter hohen Schutt im ersten Stock des ausgebrannten Rathauses gelangen. Mit dem Jeep hatten amerikanische Truppen deutsche Musiker aus weitem Umkreis auf den von Granaten umgepflügten Straßen herbeigeholt. Im Orchester saßen nach Rothenburg verschlagene bedeutende Musiker, der Kaisersaal war überfüllt. Die Aufführung fand begeisterten Beifall.“

Festspielreiter mit Touristen vor dem Rathaus

Festspielreiter mit Touristen vor dem Rathaus, 1938

Als nach dem Krieg das Historische Festspiel wieder Tritt fasste, lobte der „Fränkische Anzeiger“ (FA) am 11. Dezember 1950 in einem Bericht über die Jahreshauptversammlung, dass die Veranstaltung wieder erfüllt sei, „von jenem in unserer Zeit leider so selten gewordenen Geist echter Eintracht und Hingabe.“ Dieser Geist der Eintracht sei nun wieder eingezogen. Auch wenn Oberbürgermeister Friedrich Hörner für das kommende Jahr (1951)  „drohende Gewitterwolken am politischen Horizont“ (welcher Art diese waren, steht nicht im FA) ausmachte, so brachte er zum Ausdruck, dass „Rothenburg ohne das Festspiel überhaupt nicht denkbar wäre“. In der Jahreshauptversammlung 1950 wurde auf Empfehlung von Oberlehrer Burkhard die Devise ausgegeben, dass sich alle die, die im darauffolgenden Jubiläumsjahr Ratsherren und Generäle spielten, sich nicht mehr rasieren durften!

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Das Porträt:
Bernhard Beyer führte jahrzehntelang seine wüsten Kroaten an

Eine der vielen großen Figuren, die den „Meistertrunk“ mit Leben füllten, auf der Bühne wie auf der Festwiese und im Verein, war Bernhard Beyer, jener wild aussehende Kroaten-Anführer zu Pferd. Seine Kroaten „plünderten“ Jahr für Jahr im Heer Tillys zu Pfingsten die Geschäfte. Nachmittags zogen sie beladen mit Getränken, toten Hühnern, Tauben und Würsten und Geselchtem im Festzug zum Feldlager vor die Mauern. Dort kochten die Kroaten ihre Hühner und Fleischwaren in großen Kesseln und gaben den Jungs, die um die Feuer herumstanden und zusahen, oft die fertige Hühnersuppe in dicken Bierkrügen des Rothenburger Brauhauses weiter. Meistertrunk-Beyer an der Spitze er Kroaten-DSCI7618Bereits nach dem Ersten Weltkrieg übernahm Beyer im Vorstand des Vereins das Amt des Schatzmeisters, das er bis zu seinem Wegzug 1936 innehatte. Seine ihm wie auf den Leib geschnittene Rolle als Kroaten-Oberst behielt er auch nach seinem Wegzug. Jedes Jahr kam er zu Pfingsten nach Rothenburg. Als nach dem Brand des Ochsenbaus 1922 die gesamte Ausrüstung für den Festzug verlorenging, besorgte Beyer Ersatz. Später wurde er Ehrenschatzmeister des Vereins.
Seine Eltern entstammten Rothenburger Familien, lebten in Wien, wo Bernhard Beyer geboren wurde, kam mit seinen Eltern 1895 nach Rothenburg, besuchte die Volksschule und Realschule und absolvierte in der Kinderwagenfabrik Heinrichmaier & Wünsch eine kaufmännische Lehre, ging nach Nürnberg. Den Ersten Weltkrieg verbrachte er als Quartiermacher und Dolmetscher im Hauptquartier des Generalfeldmarschalls Kronprinz Rupprecht von Bayern.
Nach dem Krieg übernahm er in der Georgengasse das elterliche Geschäft. 1932 heiratete Beyer Mathilde Schunck, Tochter des Direktors der Aichacher Aktien-Kunstmühle, nach dessen Tod er 1936 die Direktion übernahm.  1933 kam das Gerücht auf, dass er als NSDAP-Mitglied an der Beerdigung der Rothenburger Jüdin Löwenthal teilgenommen haben soll. Die Partei dementierte dies als Verleumdung (siehe Zeitungsanzeige oben).
Als 1951 anlässlich des Jubiläums nach langer Zeit erstmals wieder der historische Festzug durch die Straßen zog, war Bernhard Beyer wieder dabei und ritt an der Spitze seiner Kroaten. Er starb am 2. Februar 1952 in Nürnberg. Seine Urne wurde im Beyerschen Familiengrab auf dem Rothenburger Friedhof beigesetzt. Die Stadtkapelle spielte zum Abschluss der Trauerfeier einen Choral aus dem Festspiel.

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Anmerkung: Zum Vorstand, der das Festspiel nach dem Krieg wieder in Gang brachte, gehörten: Stadtrat Fritz Huhn (1. Vorsitzender), Ehrenschatzmeister Bernhard Beyer, Schriftführer Hans Schneider, die Regisseure Fritz Streng (bis 1950), danach Martha Faber. Ehrenmitglieder wurden 1950: Gottlieb Albig, Michael Benz, Willi Henninger, Georg Kößer, Christian Krauß, Agnes Kurzius, Fritz Mahr, Heinrich Meixner, Albrecht Rauschert und Georg Stoll.

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Quellen: Sondernummer „Allgemeine Rundschau – Generalanzeiger für Nordbayern“ vom 14. September 1929. – „Völkischer Beobachter“ vom 21. Februar 1935 und 10. Juni 1935. –  „Fränkischer Anzeiger“ vom 9. August 1939 und 11. Dezember 1950. – Hellmuth Moehring: Der Meistertrunk, in: Rupp, Horst F. /Borchardt, Karl  (Hgg.): Rothenburg ob der Tauber. Geschichte der Stadt und ihres Umlandes, Konrad Theiss Verlag, Darmstadt 2016, S. 502–509. – Weitere Quellen im Text genannt. – Stadtarchiv Rothenburg ob er Tauber.
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