„Meine Mutter nahm meine Schwester und mich je an eine Hand … wir rannten“ – Der nicht ganz fünf Jahre alte Klaus Kerndter erlebte die Bombardierung

Die zerstörte Galgengasse nach dem Brand am 31. März 1945

Die zerstörte Galgengasse nach dem Brand am 31. März 1945

„Wie oft es schon Fliegeralarm gegeben hatte, weiß ich nicht mehr. Aber am 31. März 1945 mussten wir wieder in den Keller. Wir, meine Mutter, meine kleine Schwester und ich wohnten in der Galgengasse 22 im Hinterhaus. Vater war an der Ostfront. Offensichtlich war mir die Warterei im Keller zu langweilig und ich rannte nach oben. Hoch droben am Himmel sah ich viele, viele kleine schwarze Punkte, die rasch größer wurden. Dann zischte es auch schon im Wasserbehälter an der Dachrinne. Eine der Brandbomben war eingeschlagen. Da war meine Mutter da, packte mich und zog mich in den Keller.
Die Keller waren mit denen der Nachbarhäuser durch Türen verbunden und der Luftschutzwart versuchte, die Frauen und Kinder zu beruhigen. Wie lange es bis zur Entwarnung dauerte, weiß ich nicht. Doch als wir nach oben kamen, brannte die ganze Galgengasse, beißender Rauch versperrte einem fast die Sicht. Nichts wie weg. Meine Mutter nahm meine Schwester und mich je an eine Hand, wir überquerten die Galgengasse und rannten durch eine Häuserlücke zur Hirtengasse und weiter Richtung Stadtmauer. Hier waren Sicht und Luft etwas besser. Durch das kleine Türchen verließen wir die Altstadt und eilten außen an der Stadtmauer entlang Richtung Klingentor. Vor dem Klingentor war eine Niederlassung der Hürnerbräu und die Keller waren als Luftschutzräume bestimmt. Es waren nicht die Keller des Brauhauses.
Wie lange wir hier ausharrten? Ich weiß es nicht mehr. Aber wo sollten wir jetzt hin? Wir hatten nur noch das, was wir anhatten. In der Hammerschmiede im Schandtaubertal hatten wir Verwandte, dort kamen wir unter. Hier erlebte ich auch den Panzervorstoß der Amerikaner, die die schmale  Steige von Herrnwinden her ins Schandtaubertal herunterfuhren, Wir hatten uns in einem alten, kleinen Steinbruch versteckt.
Nach Kriegsende konnten wir bei den Eltern meiner Mutter mehr recht als schlecht in der Hofbronnengasse wohnen. Mein Vater hatte es von der Ostfront nach Flensburg geschafft und geriet dort in englische Kriegsgefangenschaft. Mitte/Ende Juni glückte ihm die Heimkehr, bis dahin wusste er nicht, ob wir drei noch lebten“

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