Aus dem 30. Januar 1933, dem Tag der Ernennung Hitlers zum Reichskanzler, machte die NS-Propaganda einen Gedenktag der „Machtergreifung“ und feierte ihn mit Pomp und Lügen

Hitler wird Reichskanzler und "Goebbels räumt auf"

Hitler wird Reichskanzler und Goebbels macht “reinen Tisch!”

Von Wolf Stegemann

In vielen der nationalen Staatsfeier- und Gedenktagen gedachte man in den Jahren des Nationalsozialismus des Nationalsozialismus’ selbst. So auch jedes Jahr am 30. Januar, dem von der NS-Propaganda hochstilisierten „Tag der Machtergreifung“. Will man eine geschichtliche Entwicklung an Tagen festmachen, so ist der 30. Januar 1933 in der deutschen Geschichte ein historischer Tag von herausragender Bedeutung. Die Wirkungen sind auf Generationen hinweg spürbar und werden es weiterhin sein. Denn an diesem Tag vollzogen sich in Deutschland durch die Ernennung Hitlers zum Reichskanzler die Einleitung der in einigen Schritten vollzogenen Zerschlagung der mühsamen Demokratie der Weimarer Republik und die Hinwendung zur „Führer“-Diktatur des Nationalsozialismus. Symbolisch dargestellt durch den Handschlag des Reichspräsidenten Paul von Hindenburg und dem Führer der Nationalsozialisten Adolf Hitler, der an diesem Tag Chef einer „Regierung der nationalen Konzentration“ wurde. Sie bestand aus drei Nationalsozialisten und acht deutschnationalen oder parteilosen konservativ-nationalen Ministern. Der Plan des parteilosen (früher Zentrum) Konstrukteurs dieser Regierung, Franz von Papens, war, durch diese starke „Einrahmung“ der nationalsozialistischen Regierungsmitglieder Hitler und seine Partei zu zähmen. Wenig später wurde dieser Handschlag vor der Garnisonskirche in Potsdam öffentlichkeitswirksamer zelebriert („Tag von Potsdam“). Von Papens  Ausspruch „Wir haben ihn uns engagiert“ war auf Hitler gemünzt und selbstsicher behauptete er: „In zwei Monaten haben wir Hitler in die Ecke gedrückt, dass er quietscht.“ Hitler quietschte nicht, von Papen quietschte.

Hitler ließ sich trotz bürgerlicher Verstellung nicht zähmen

Hitler hat sich verkleidet (Postkarte)

Hitler hat sich verkleidet (Postkarte)

Dass Hitler sich nicht zähmen lassen wollte, bewies er noch kurz vor seiner Vereidigung: Entgegen einer Vereinbarung zwischen der DNVP und der NSDAP in den Koalitionsverhandlungen forderte Hitler nun die Auflösung des Reichstags und Neuwahlen. Solche Neuwahlen – das war allen klar, würden vor allem Hitler nutzen. Hitler setzte sich in dieser Frage gegen den DNVP-Führer Hugenberg durch, der offenbar vor allem deshalb zustimmte, weil ansonsten die Regierungsbildung gefährdet schien und man den – im Wortsinne – bereit stehenden Reichspräsidenten nicht länger warten lassen wollte.

Das NS-Schlagwort „Machtergreifung“ wird bis heute verwendet, genauere Betrachter aber unterscheiden die Machtübernahme 1933 von der folgenden Machergreifung durch die Ausschaltung aller Widerstände bis hin zur Vereinigung der Ämter des Regierungschefs und des Reichskanzlers zum „Führer“ im August 1934.

Die Rothenburger feierten ihren 30. Januar immer mit dem gewohnten Pomp mit Fahnen, Blasmusik, Reden, Fackeln und „Heil Hitler“-Rufen im Kaisersaal, denn draußen war es in dieser Jahreszeit offensichtlich zu kalt. Die Reden und Zeitungsberichte mit den Lobgesängen auf Adolf Hitler waren wegen der kalendarischen Nähe zum letzten Jahr immer auch verbunden mit einem Rückblick auf die „Erfolge“ des vergangenen Jahres und zukunftsgerichtet auf das neue Jahr. 1939 beispielsweise wurde dieser Tag als ein „Tag der deutschen Schicksalswende“ genannt:

„Der 30. Januar ist jedes Jahr ein Tag der Rückschau und Besinnung, der Erkenntnis und des Stolzes über diese Wende deutschen Schicksals. … Und diesem 30. Januar müssen wir erst recht in Treue und Dankbarkeit gedenken, denn er beendet ein politisches Jahr – das größte in tausend Jahren deutscher Geschichte.“

Feierstunde zum 30. Januar im Jahr 1939 in Rothenburg ob der Tauber (FA)

Feierstunde zum 30. Januar im Jahr 1939 in Rothenburg ob der Tauber (FA)

Im Rückblick auf das vergangene Jahr 1938 erinnerte der „Fränkische Anzeiger“ an die Einverleibung Österreichs und das Werden Deutschlands zu „Großdeutschland“:

„Es gibt kein sinnfälligeres Bild der gewaltigen Zunahme an Macht und Größe, die das Jahr 1938 unter der Führung Adolf Hitlers Reich und Volk gebracht hat. Und es gibt auch kein stärkeres Symbol des schicksalhaften 30. Januar 1933. … Die Erfüllung der großdeutschen Sehnsucht (ist) Adolf Hitler vorbehalten geblieben. Denn er hat, wie Hermann Göring mit Recht sagt, Deutschland geführt aus Elend und Schmach zum glanzvollsten Aufstieg seiner Geschichte. … Statt eine Beute des Bolschewismus zu sein, ist Deutschland heute die anerkannte Vormacht im Kampf gegen die Weltzerstörer Bolschewismus und Judentum. … Die Genialität Adolf Hitlers, sein Wille und unsere Gemeinschaft, seine Zielsetzung und unser Glaube, seine Staatskunst und unsere Treue haben das Wert und Wunder dieser sechs Jahre geschaffen. Die Macht und Größe des Großdeutschen Reiches erhebt sich vor unseren stolzen Augen. Nun gehen wir in das siebte Jahr des nationalsozialistischen Reiches. Wir wissen, es gibt keinen anderen Weg in seine Zukunft als den, den Führer und Volk in diesen sechs Jahren gleichen Schritts und gleichen Sinns gegangen.“

„Fränkischer“ Durchhaltewillen und Jubel über Propagandasprüche

Mit solchen schwülstigen Phrasen wurde kaschiert, was eigentlich dahinter steckte: Gewalt, Unrecht, staatlicher Mord an tausenden Geisteskranken, Mord und Inhaftierung in Konzentrationslagern. Obwohl dies alles nicht im Verborgenen geschah, jubelten die Deutschen diesen immer wiederkehrenden Propagandasprüchen der Nazis zu und glaubten ihnen, und das zum Teil auch noch über 1945 hinaus, wie in etlichen Erinnerungsliteraturen auch von Rothenburgern nachzulesen ist. Die Realität des 1939 beginnenden Krieges, die Bombardierungen der deutschen Städte und die Rücknahme von Fronten, die man im „Sturmschritt“ in Europa vorangetrieben hatte, stand in den letzten Kriegsjahren sichtbar im Gegensatz zu den überschwänglichen Propagandasprüchen der Nazis. Ohne davon Abstand zu nehmen, ging die Propaganda jetzt mehr auf den Durchhaltewillen nicht nur der Deutschen allgemein, sondern auch der Heimatregionen ein. In Rothenburg war es 1944 der „fränkische“ Durchhaltewillen, wie der Artikel im „Fränkischen Anzeiger“ vom 29. Januar 1944 zeigt:

„Gerade wir fränkischen Nationalsozialisten haben seit dem 30. Januar 1933 einen Weg zurückgelegt, der uns jetzt in die Zeit der höchsten Bewährungsprobe immer wieder Kraftquell sein kann für den Kampf um die Zukunft der Deutschen Nation.“

Plakat vom 30 Januar 1939  fordert Kampf und Sieg

Plakat vom 30 Januar 1939 fordert Kampf und Sieg

Der Artikelschreiber erinnerte an den 30. Januar 1933, als im Rundfunk die Meldung kam, dass Adolf Hitler zum Reichskanzler ernannt worden war:

„(Und) wir Nationalsozialisten (hörten) am Abend aus dem Munde unseres Stellvertretenden Gauleiters Karl Holz in der gerade für uns Franken so ernste Stunde, dass jetzt erst recht der Kampf beginne, der Kampf um die deutsche Seele. Der Jude saß noch mitten unter uns, beutete deutsche Menschen in seinen Geschäften aus, betrog in seinen Ramschläden und hatte um den Hals manches fränkischen Bauern bereits den Strick gelegt. In elf Jahren nationalsozialistischer Staatsführung wurde dieses furchtbare Treiben nicht nur beseitigt, sondern der Jude wurde aus dem Frankenland für immer verjagt. Ein wunderbarer Aufstieg begann… Fränkische Arbeiter der Stirne und der Faust zogen im Jahr 1939 aus Stadt und Land mit den anderen deutschen Stämmen in den Kampf um die Heimat, um die sozialen Errungenschaften gegen jenen zu verteidigen, den wir aus unserem Land vertrieben hatten und der nun in seinem maßlosen jüdischen Hass, seinem Neid, seiner Missgunst die Völker dieser Erde gegen uns in den Krieg hetzte. Fränkische Soldaten haben sich überall bewährt. Das Wissen um die letzten Dinge des Weltkampfes, das ihnen die nationalsozialistische Bewegung in die Herzen legte, ließ sie auch in den härtesten Situationen bestehen. Franken fochten vor Jahresfrist bei dem Heldenkampf von Stalingrad mit. Sie standen aber genauso in den Kämpfen in den Wüsten Afrikas. … Die Männer unseres Gaues wissen, dass sie Schrittmacher der sozialen Revolution sind … Es war erst der Anfang und doch war dieser dem Weltjudentum so gefährlich, dass er mit um ihretwillen den Krieg gegen uns vom Zaume brach…“

Vertrauen in den Endsieg und Blick empor zum Führer

Weiter erklärte der Schreiber, dass Hitler dem deutschen Führer schon zeitig die gewaltigste Rüstung geschmiedet hätte und deshalb alle sozialen Probleme erst einmal im Hintergrund stehen müssten. So auch die soziale Weiterentwicklung der deutschen Städteherrlichkeit der „wunderbaren Städte Nürnberg, Dinkelsbühl und Rothenburg“.

„Wenn wir jetzt erst die härteste Bewährungsprobe bestehen, wenn wir in den Stunden der Gefahr stark bleiben, immer auf dem Marsch unserer Bewegung sehen und mit Vertrauen zum Führer emporblicken, dann wird nach dem großen deutsche Siege [gemeint der propagierte Endsieg], der seit dem 30. Januar 1933 begonnene soziale Aufstieg erst zur vollen Entfaltung kommen. … (Und) es wird wieder der fränkische Arbeiter, der fränkische Bauer, der jetzt irgendwo in der Welt tapfer, treu und entschlossen wie das ganze Deutsche Volk für diese soziale Revolution kämpft, bezeugen, wenn er mit den Kameraden anderer deutschen Gaue nach dem deutschen Siege als Angehöriger des ersten Sozialstaates auf eigenen Schiffen über die Meere der Welt fährt.“

Anmerkung: Eigentlich sollten nationalsozialistische Texte aus heutiger Sicht kommentiert werden, doch diese hier wiedergegebenen Textpassagen sind so hanebüchen, so erkennbar gelogen, verdreht und trotz einer geschickt gesteuerten Propagandamaschinerie so unsäglich dumm, dass sie auch unkommentiert entlarvend sind.

Siehe auch andere themenbezogene Artikel:
Der gewählte Weg in die Diktatur – Wahlen vor dem Ende der Weimarer Republik stärkten die NSDAP, Politik und Presse zogen daraus falsche Schlüsse

Rothenburg im Jahr 1933 – Mit der Machtübernahme änderte die Stadt auch optisch ihr Gesicht: Hakenkreuzfahnen, braune Uniformen, Fackelzüge und das übliche NS-Gedröhn

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Quellen: „Der Tag der Wende“ in „Fränkischer Anzeiger“ vom 30. Januar 1939. – „Zum 30. Januar 1944. Der Marsch der Bewegung gibt uns die Gewissheit des Endsieges“ in „Fränkischer Anzeiger“ vom 29. Januar 1944.
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