Rothenburg im Jahr 1933 – Mit der Machtübernahme änderte die Stadt auch optisch ihr Gesicht: Hakenkreuzfahnen, braune Uniformen, Fackelzüge und das übliche NS-Gedröhn

  • Vorbemerkung: Dieser als Überblick aufgebaute Artikel stützt sich im Wesentlichen auf die bemerkenswerte Artikelserie des Redakteurs Dieter Balb im „Fränkischen Anzeiger“, die zwischen Januar und April 1983 in 14 ganzseitigen Fortsetzungen erschienen ist. Dabei bezieht sich Dieter Balb überwiegend auf die Berichterstattung in der Lokalzeitung der Jahre 1920 bis 1933, die er auswertete, auf die Zulassungsarbeit von Ingrid Metzner über den Aufstieg der NSDAP 1920 bis 1933 sowie die vom NSDAP-Propagandaleiter Georg Höfler verfasste Parteichronik.

W. St. – Der Leitartikler des „Fränkischen Anzeigers“ mutmaßte am 29. Januar1933, dass es bereits in Kürze eine neue Reichsregierung geben würde, die „von den Parteien und Kräften der Harzburger Front getragen und parlamentarisch auch vom Zentrum toleriert“ werden wird. Schon zwei Tage später, am 31. Januar meldete die Lokalzeitung Hitlers Ernennung zum Reichskanzler und auch über einen „Kameradschafts- und Werbeabend  der SS“ im vollbesetzten Vereinshaus. Der Rothenburger SS-Sturm unter seinem Führer Kitzinger war damals 40 Mann stark. Der „Fränkische Anzeiger“: „Es ist etwas Großes und Herrliches, der nationalsozialistischen Bewegung die Treue geschworen zu haben.“ An diesem Abend erklärte der NSDAP-Ortsgruppenleiter Karl Zoller seine Solidarität mit Hitler und gegen die von Wilhelm Stegmann entfachte SA-Revolte des „Freikorps Franken“, die den Nationalsozialisten ein „Dorn im Auge“ war. Der NSDAP-Ortsgruppenleiter sagte:

„Ich gebe für die Ortsgruppe Rothenburg der SA und der SS und zivilen Parteigenossen die Erklärung ab: Wir stehen, eingedenk unseres Treueschwures, den wir unserem Führer Adolf Hitler geleistet haben, in unverbrüchlicher Treue hinter ihm. Wir lehnen den Weg des Freikorps Franken als politisch falsch ab.“

Wilhelm Stegmann aus Schillingsfürst wurde aus der Partei ausgeschlossen

Wilhelm Stegmann aus Schillingsfürst wurde aus der Partei ausgeschlossen

Aktiver Nationalist Wilhelm Stegmann aus der NSDAP ausgeschlossen und verhaftet

Am diesem 30. Januar 1933, ein Montag, hingen aus vielen Fenstern in Rothenburg Hakenkreuzfahnen. Hitlerjugend-, SA-, SS- und Parteiuniformen bestimmten an diesem Tag das Stadtbild – und sollten es zwölf Jahre lang bestimmen. Am Abend marschierten die Uniformierten mit Fackeln und unter den Klängen des SA- Trommlerkorps und der Stadtkapelle durch die Rothenburger Gassen.

Die oben erwähnte Erklärung von NSDAP-Ortsgruppenleiter Zoller bezieht sich auf ein innerparteiliches Ereignis. Am 20. Januar ist der überaus aktive Nationalsozialist Wilhelm Stegmann aus Schillingsfürst von Hitler persönlich aus der NSDAP ausgeschlossen, und am 25. März verhaftet worden. Der Duzfreund Heinrich Himmlers gehörte zu den eifrigsten Anhängern Hitlers und war in den 1920er-Jahren Initiator vieler NSDAP-Stützpunkt-Gründungen im Bezirk Rothenburg wie Schillingsfürst, Wettringen und Oestheim, Geslau, Hartershofen, Gastenfelden, Insingen, Brunst und Leuzenbronn sowie in der Stadt Rothenburg selbst. 1932 überwarf sich Stegmann mit Julius Streicher, dem er Korruption vorwarf und im Februar 1933 eine eigenständige Truppe unter dem Namen „Freikorps Franken“ mit 8.000 Mann im Stile der SA aufstellte. Daraufhin schloss ihn Adolf Hitler aus der Partei aus, er wurde verhaftet, kam ins KZ und im Krieg zur Bewährung an die Front, wo er fiel (siehe „Wilhelm Stegmann: Der Gründer der NSDAP-Ortsgruppe Rothenburg und SA-Führer Gausturm Franken geriet 1933 in Ungnade, kam ins KZ und fiel 1944 in einem SS-Strafregiment an der Ostfront“ in dieser Dokumentation).

"Fränkischer Anzeiger" vom 29./30. Januar 1933

“Fränkischer Anzeiger” vom 29./30. Januar 1933

Auch der „Fränkische Anzeiger“ wurde zum Propagandawerkzeug der Nazis

Mitte Februar meldete der „Fränkische Anzeiger“ die erfolgte Gleichschaltung und die vom Propagandaministerium festgelegten Aufgaben der Presse: „Die Erziehung der ganzen deutschen Presse zum Gedanken des Dienstes am Volke als dem obersten Grundsatz, aus dem die Presse als öffentliche Einrichtung ihre Daseinsberechtigung überhaupt ableiten.“ Das Ziel der Presse sei es, zu einem „getreuen Spiegelbild deutschen Lebens und Geistes zu werden.“ Die Zeitungen, und vor allem auch der „Fränkische Anzeiger“ wurden teils durch Druck teils aber freiwillig zu Propagandaorganen des Nationalsozialismus, die lokalen Zeitungen zum Sprachrohr der NSDAP-Ortsgruppenleiter. Eine freie Berichterstattung war nicht mehr möglich. Die Zeitungsleser wurden ab 1933 von den Journalisten systematisch belogen und waren einer großen politischen Agitation ausgesetzt.

Wahlaufruf der NSDAP im "Fränkischen Anzeiger" 1933

Wahlaufruf der NSDAP im “Fränkischen Anzeiger” 1933

NSDAP: „Mit Adolf Hitler für ein neues Deutschland“

Vor der Reichstagswahl am 5. März berichtete der „Fränkische Anzeiger“ auch über die noch bestehenden anderen Parteien. Die NSDAP-Ortsgruppe Rothenburg eröffnete am 18. Februar ihren Reichstagswahlkampf mit einer Versammlung in der „Glocke“ auf welcher der Münchener NSDAP-Stadtrat Pieler über „Mit Adolf Hitler für ein neues Deutschland“ sprach. Der Redner setzte sich hauptsächlich mit der SPD auseinander, die mit den „Fürsten durch dick und dünn“ gegangen sei und das „Volk belogen und betrogen“ habe, mit dem Versailler „Schmachfrieden“, der von einem SPD- und einem Zentrums-Mann unterschrieben worden sei, und mit dem Judentum. NSDAP-Ortsgruppenleiter Karl Zoller forderte als Versammlungsleiter dazu auf, am 5. März einen Schlussstrich unter das Vergangene zu setzen. Seine Mitteilung, dass der für die nächste Woche benötigte Versammlungssaal im Hotel „Bären“ der NSDAP verweigert wurde, weil er den Marxisten zugesagt worden sei, wurde mit „Pfui-Rufen“ aufgenommen. „Danach wurde die Versammlung mit dem Absingen des Horst-Wessel-Liedes und einem dreifachen Siegheil auf das deutsche Volk und Vaterland und auf den Führer Adolf Hitler geschlossen.“ (FA 44/1933).

„Eiserne Front“ verbot Nazis den Zutritt zur Wahlversammlung

Die „Eiserne Front“, die gegen die Hitler-Hugenberg-Regierung agierte, lud am 22. Februar zur Wahlversammlung in den „Bären“-Saal ein, wo der Landtagsabgeordnete Fritz Endres (SPD) aus München sprach. Er kritisierte die Unterstützung der Regierung für die adligen Großgrundbesitzer: „Millionen für die Junker – nichts für die kleinen Bauern – Phrasen für die Arbeitslosen“. In einer Zeitungsanzeige der „Eisernen Front“ steht: „Wer gegen Hitler und sein Adelskabinett, für Volksrechte, gegen Herrendiktatur ist, nimmt am Aufmarsch und an der Kundgebung teil. Nationalsozialisten haben keinen Zutritt!“

Plakat der "Eisernen Front" gegen Adolf Hitler

Plakat der “Eisernen Front” gegen Adolf Hitler

Vom Judenkirchhof (Schrannenplatz) marschierten die Anhänger der „Eisernen Front“ mit der Stadtkapelle und einer schwarz-rot-goldenen Fahne durch die Stadt. Mehrere andere Vereine hatten sich dem Zug angeschlossen. Auf dem Marktplatz ertönten Freiheits-Rufe. Das Ende des Zuges bildete die KPD, deren Mitglieder, so der „Fränkische Anzeiger“ in Hochrufe auf das „kommende Sowjet-Deutschland und auf den Führer Ernst Thälmann“ ausbrachen. Die Kundgebung im „Bären“ leitete der Rothenburger Bohn, der bei der Eröffnung sagte, dass der Aufmarsch beweise, dass der Marxismus in der Tauberstadt noch lebe. In der Rede des Landtagsabgeordneten ging es um Arbeitslosigkeit und Krankenhausgebühren. Im Versammlungsbericht des „Fränkischen Anzeigers“ heißt es:

„Die Sozialdemokraten und Gewerkschaften haben den Boden des Rechts nicht verlassen. Sie verteidigen die Verfassung, die von anderen besudelt wird. Wenn die Regierung sich über die Verfassung hinwegsetze und damit den Marxismus vernichten wolle, werde die Arbeiterklasse nicht weniger tapfer sein, als sie es im Weltkrieg war.“

Kampfbund Schwarz-Weiß-Rot: Hindenburg ist ein Meisterstück gelungen

Der „Kampfbund Schwarz-Weiß-Rot“ lud am 27. Februar in den Gasthof „Ochsen“ ein. Diesem Kampfbund gehörten die Deutschnationale Volkspartei (DNVP), der „Stahlhelm“ und der „Bayerische Landbund“ an. In der Ausgabe Nr. 55/1933 berichtet der „Fränkische Anzeiger“ über diese Wahlveranstaltung:

„Dr. Julius Wünsch eröffnete die Versammlung. Die Kampffront werde von nationalen Kreisen getragen. Der Redner Staatsminister Dr. Dehlinger, Stuttgart, führte aus, dass Reichspräsident von Hindenburg am 30. Januar ein Meisterwerk geschaffen habe. Zum ersten Mal seit 1918 habe man eine Regierung ohne Mitwirkung von Parteien der Linken und des Zentrums. Mit Willen habe Hugenberg das Ziel der nationalen Sammlung im Auge behalten.“

Letzte Appelle der SPD und Eisernen Front vor der Reichstagswahl

Am Tag vor der Wahl, es war der 4. März, stieg die Spannung in der Stadt. Dazu trugen der Wahlkampf der Parteien mit Umzügen und Versammlungen sowie die tagelang veröffentlichten Wahlaufrufe in der Lokalzeitung bei. Aus den Fenstern der Häuser hingen zwischen den bayerischen Landesfarben vor allem Hakenkreuzfahnen, was auf die überwiegend nationalsozialistische Gesinnung der Rothenburger schließen ließ. Die „Eiserne Front“ und Michael Emmerling von der SPD richteten letzte Wahl-Appelle an die Einwohner der Stadt. Abends wurde die Führerrede zur Wahl im Radio übertragen. Etliche Rothenburger vor allem in der Oberen und Unteren Schmiedgasse stellten ihre Radiogeräte in die geöffneten Fenster, so dass Hitlers markante Stimme durch die Straßen dröhnte. Hitlerjugend, SA und SS versammelten sich an der Roßmühle. Von dort marschierten sie geschlossen in einem langen Fackelzug  zum Marktplatz und weiter zum Judenkirchhof (Schrannenplatz).

Die Hindenburg-Hitler-Allianz 1933

Die Hindenburg-Hitler-Allianz 1933

NSDAP-Wahlerfolg mit großem Aufmarsch gefeiert

Dieter Balb: „Am Abend des Wahlsonntags drängten sich Rothenburger vor der Redaktion des Fränkischen Anzeigers, um die ersten Ergebnisse zu erfahren.“ Rothenburgs Stadtbevölkerung wählte am 5. März von 5.868 abgegebenen Stimmen: NSDAP 3.671 Stimmen, SDP 1.172.Stimmen, KPD 115 Stimmen, DNVP (Kampffront Schwarz-Weiß-Rot) 428 Stimmen, Bayerische Volkspartei (BVP) 273 Stimmen, Deutsche Volkspartei (DVP) 22 Stimmen, Christlich-Sozialer Volksdienst 117 Stimmen, Deutsche Staatspartei (DDP) 65 Stimmen, Bauernbund 5 Stimmen. Die Wahlbeteiligung lag bei knapp 96 Prozent. Im Landkreis Rothenburg hatten die Nationalsozialisten ebenso große Erfolge. Von 11.851 abgegebenen Stimmen erhielt die NSDAP 9.837 Stimmen, die SPD gerade 127. In manchen Gemeinden bekam die SPD keine einzige Stimme. Einzige Ausnahmen waren Gebsattel und Schillingsfürst.

Die NSDAP feierte ihren Erfolg mit einem großen Aufmarsch. Die NS- und Stahlhelmführer begaben sich ins Rathaus zu Oberbürgermeister Dr. Liebermann und ließen unter Heil-Rufen die Hakenkreuzfahne am Rathaus hissen. Stahlhelm-Führer Dr. Beck brachte ein dreifaches Heil auf die alten Reichsfarben aus.

Fränkischer Anzeiger: Nachrichten vom 11. März und die unterste vom 13. April 1933

Fränkischer Anzeiger: Nachrichten vom 11. März und die unterste vom 13. April 1933

Rothenburger verhaftet

Der „Fränkische Anzeiger“ meldete am 11. März, dass etliche Rothenburger in „Schutzhaft“ genommen worden seien:

„Wurden auch hier im Laufe des gestrigen Tages mehrere Personen, die als Führer des Reichsbanners (SPD und linke Gruppierungen) und alle Agitatoren für die hochverräterischen Ziele des Kommunismus tätig sind, in Schutzhaft genommen. Bei den vorgenommenen Haussuchungen soll verschiedenes belastende Material, darunter auch Waffen gefunden worden seien.“

Wie normale Rothenburger Bürger und Zeitungsleser diese und die Meldung vom 13. April aufgenommen haben, derzufolge Siegmund Marx, Lehrer der jüdischen Gemeinde in Rothenburg, in Schutzhaft [KZ] genommen wurde, ist nicht bekannt. Die Meldung unter dem Titel „Schutzhaft!“ im „Fränkischen Anzeiger“ lautete:

„In Schutzhaft genommen wurde der Lehrer der israelitischen Kultusgemeinde Siegmund Marx. Durch SS wurden am gestrigen Abend ca. 15 Mann, teils Angehörige der aufgelösten Eisernen Front, teils Kommunisten, der Polizei zugeführt. Sie wurden bei einem geschlossenen Aufzug und einem angeblichen Geländespiel im Siechhauswäldchen beobachtet, was auf Grund der Verordnungen verboten ist. (sic!) Nachdem auf der Polizeiwache ihre Personalien festgestellt waren, wurde der größte Teil von ihnen wieder auf freien Fuß gesetzt, während 2 Mann, die als Rädelsführer und Anstifter dieses Aufzuges anzusehen sind, in Schutzhaft genommen wurden.“

Unter den 15 Festgenommenen befanden sich: Konrad Schöffel, Fritz Hörner, Adolf Bohn, Fritz Appler und Michael Emmerling (alle SPD). Außerdem Georg Lindner von der KPD. Die Festgenommenen kamen zunächst ins Rothenburger Gefängnis in der Burggasse, dann nach Uffenheim. Der Kommunist Karl Lindner ist vom Gefängnis Uffenheim direkt in das KZ Dachau gekommen, wo er bis Kriegsende inhaftiert gewesen war. Kurt Emmerling meinte im Gespräch mit Dieter Balb vom „Fränkischen Anzeiger“ 1983, das Bohn und Appler etwa zehn Tage inhaftiert gewesen waren. Sein Vater Michael Emmerling vier Wochen lang in Rothenburg und noch einmal so lange in Uffenheim. Nur die Schwerkriegsbeschädigung seines Vaters und eine Eingabe des Nazi und Berufsschullehrers Konrad Rahner hätten die Einweisung in das KZ Dachau verhindert.

Adolf Hitler wurde Ehrenbürger der Stadt

Der spätere Zusammentritt der neuen Reichsregierung unter der Kanzlerschaft Hitlers wurde in Rothenburg wieder mit großen Aufmärschen der Schuljugend, von Vereinen und Organisationen gefeiert. Eduard Holstein hatte als Obmann der militärischen Vereine das Kommando. Der „Fränkische Anzeiger“ titelte am 22. März: „Wiederum dröhnten Rothenburgs Straßen von den Marschtritten und einem Schwure gleich erklangen von Alt und Jung die Freiheitslieder.“ Die Stadt machte Adolf Hitler am 27. März zu ihrem Ehrenbürger. Ein Jahr später auch Reichspräsident Paul von Hindenburg, Ministerpräsident Ludwig Siebert und Gauleiter Julius Streicher.

Rothenburger Stadtrat wurde zum NSDAP-Gremium verkleinert

Im April wurde auf Anordnung des Reichskommissars der 20-köpfige Rothenburger Stadtrat auf 16 Mandatsträger reduziert, zunächst aus elf Mitgliedern der NSDAP, drei der SPD und einem Mitglied der DNVP. Der NSDAP gehörten an: Schuldirektor Konrad Rahner, Kaufmann Gottfried Imhof, Revierförster Karl Zoller, Fabrikarbeiter Georg Arlt, Uhrmachermeister Hans Bayerlein, Landwirt Leonhard Hörner, Fabrikschreiber Friedrich Heckmann, Angestellter Gottfried von Harsdorf, Sattlermeister Heinrich Erhard, Landwirt Karl Junker, Gärtnereibesitzer Anton Reuter. Mitglieder der SPD-Fraktion waren Gastwirt Friedrich Hörner, Angestellter Michael Emmerling, Holzbildhauer Otto Schneider. Für die Deutschnationale Volkspartei (DNVP) war der Kaufmann Fritz Reinert im Stadtrat.

Wahlplakat der Deutschnationalen Volkspartei (DNVP)

Wahlplakat der Deutschnationalen Volkspartei (DNVP)

Die erste Sitzung fand am 24. April statt, an der lediglich Michael Emmerling (SPD) fehlte. Friedrich Hörner erklärte für seine Fraktion, dass sie keine große Politik machen, vielmehr die Bürgerinteressen vor Ort vertreten wolle. Alle Fraktionsmitglieder hätten im Weltkrieg gekämpft, so Hörner. Daraus könne man die „nationale Gesinnung“ der Partei erkennen, die im neuen Stadtrat auch zur Zusammenarbeit mit der NSDAP-Fraktion bereit sei. Als Beleg dafür ist die Zustimmung der SPD zur Wahl der Bürgermeister zu bewerten, die alle von der NSDAP gestellt waren. Stadtrat Reinert von der Deutschnationalen Volkspartei stellte „freudig“ die nationalen Gemeinsamkeiten mit der NSDAP fest. Er sagte:

(Ich stelle freudig fest), „dass ich hier an der Seite führender Männer der NSDAP zu kämpfen habe. Mit denen zusammen ich schon vor einem Jahrzehnt kämpfte, da noch Mut dazu gehörte, sich deutsch und national zu bekennen, mit denen ich heute noch für das gleiche Ziel kämpfe, obwohl die Anmarschstraßen getrennt worden sind, und auch mit Männern der Sozialdemokratie zusammen, die trotz anderer politischer Einstellung nicht nur das Recht haben mitzutun, sondern auch bestimmt die Pflicht in sich fühlen, das Trennende hintanzustellen.“ Er beendete seine Rede mit dem Satz, den er an die NSDAP-Fraktion richtete: „So oft Sie Ihren Schlachtruf ,Heil Hitler’ erschallen lassen, möchte ich ergänzend beipflichten ,Heil Deutschland! Heil Rothenburg!’“

SPD legte nach Verbot der Partei Ratsmandate nieder

Der Stadtrat blieb nicht lange in dieser Besetzung bestehen. Bereits am 2. Mai wurden reichsweit die Gewerkschaften aufgelöst, ihr Vermögen beschlagnahmt. Zum 17. Mai löste sich der Rothenburger Ortsverein der SPD auf und kam somit dem reichsweiten Verbot vom 22. Juni zuvor. SPD-Stadtrat Michael Emmerling schrieb für seine Fraktion an Oberbürgermeister Dr. Liebermann, dass er sowie  Friedrich Hörner und Otto Schneider ihre Mandate „aus Gründen des Anstandes“ niederlegten, um auch dazu beizutragen, „am Ort alle Gegensätze beizulegen“. Der Oberbürgermeister verlas dieses Schreiben in der Ratssitzung am 29. Juli und würdigte die Arbeit der gewesenen SPD-Fraktion, die durch das Parteienverbot keine Mitglieder mehr gehabt hatte. Drei Ersatzleute wurden von der „Staatsaufsichtsbehörde in Benehmen mit der NSDAP“ neu bestellt. Aufgefüllt wurde der Stadtrat mit NSDAP-Mitgliedern; Fritz Mägerlein wurde Fraktionsvorsitzender.

Der jüdische Kaufmann Westheimer wird von der Polizei , SA und Hitlerjungs am 6. August 1933 durch die Gassen geführt und dabei getreten

Der jüdische Kaufmann Westheimer wird von der Polizei , SA und Hitlerjungs am 6. August 1933 durch die Gassen geführt und dabei getreten (auf dem Bild am Marktplatz)

Szene zeigt, wozu Bürger im Nationalsozialismus fähig waren

Eine der schlimmsten, bedrückendsten und menschlich abartigsten Rothenburger Szenen des Jahres 1933 – und überhaupt – fand am 6. August statt, als Rothenburger in Uniform und zivil einen anderen Rothenburger Bürger jüdischen Glaubens, Leopold Westheimer, öffentlich und barfuß durch die Gassen der Stadt führten und ihn demütigten. Vorneweg Hitlerjungs mit Trommeln auf die sie schlugen. Ein Polizist hält Westheimer am Arm fest. Augenzeugen berichteten, dass die Männer den älteren Herrn auf die nackten Füße getreten hätten. Um den Hals hatte er ein Schild, auf dem stand „Ich bin ein Judenschwein, ich habe ein deutsches Mädchen geschändet!“ Andere Rothenburger standen am Straßenrand und schauten zu. Leopold Westheimer kam später in das Konzentrationslager Theresienstadt und wurde dort ermordet. – Wie stolz mussten die Rothenburger sein, die sich auf der Fotografie wieder erkannt haben.

Ein Rothenburger Geschäft war vom Nationalsozialismus offensichtlich so begeistert, dass es das Firmenlogo mit dem Hakenkreuz verband

Ein Rothenburger Geschäft war vom Nationalsozialismus offensichtlich so begeistert, dass es das Firmenlogo mit dem Hakenkreuz verband

99 Prozent der Rothenburger für den NS-Staat

In wenigen Monaten hat die NSDAP das politische Leben in Rothenburg – wie überall im Reich – verändert. Als Zeichen der neuen Zeit wurde bereits am 1. Mai im Rothenburger Burggarten eine „Hitler-Eiche“ gepflanzt und am 7. Mai nach dem Gottesdienst nahe der Detwanger Kirche. Andere „Hitler-Eichen“ in den Dörfern des Kreises folgten. Zug um Zug übernahm die NSDAP bis Ende 1933 die Kommunalpolitik, das öffentliche Leben und schließlich auch das Denken. Die Bevölkerung war begeistert, zumal die Arbeitslosigkeit im Reich vom 5,75 auf 3,7 Millionen zurückging. Bei der Reichstagswahl am 12. November 1933  stimmten im Kreis 12.325 Wähler für die NSDAP (36 dagegen), in der Stadt Rothenburg waren es 6.369 Ja-Stimmen (44 Gegenstimmen). Somit bekannten sich über 99 Prozent für den NS-Staat.

Die Arbeitslosigkeit in Rothenburg reduzierte sich innerhalb eines knappen Jahres von 623 auf 348 Personen. In der Tauberstadt seien alle Bürger „von neuem Geist erfüllt“, berichtete Oberbürgermeister Liebermann in der Ratssitzung vom 28. Dezember 1933. Er sagte:

„Mit dem Dritten Reich ist eine neue Epoche angebrochen, in der das Einzelschicksal, auch das Schicksal der einzelnen Gemeinden bis zu einem hohen Grade bedeutungslos wird gegenüber dem des ganzen Volkes, eine Episode, über der als Leitstern das Wort des Führers steht: Gemeinnutz vor Eigennutz!“


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