Dieter Balbs Artikelserie im „Fränkischen Anzeiger“ brachte 1983 erstmals Erkenntnisse über den Nationalsozialismus in Rothenburg – eine Pioniertat

14 Folgen hatte die Serie von Dieter Balb im "Fränkischen Anzeiger" 1983

14 Folgen hatte die Serie von Dieter Balb im „Fränkischen Anzeiger“ 1983

Von Wolf Stegemann

Wer die Geschichte der ehemals freien Reichsstadt Rothenburg ob der Tauber der letzten 150 Jahre kennt, Einblick hat in kleinstädtische Verzahnungen der gesellschaftlichen und kommunalpolitischen Kreise, wer um die lange anhaltende Rechtslastigkeit im Denken und Handeln der Stadt und vieler ihrer Bürger weit über 1945 hinaus weiß, kann gar nicht hoch genug einschätzen, dass der Journalist Dieter Balb (diba) in den 1980er-Jahren eine Artikelserie im „Fränkischen Anzeiger“ über „Rothenburg und der Nationalsozialismus“ veröffentlichte. Das war zu jener Zeit deshalb mutig, weil Balb, um seinen Standort in der Kleinstadt Rothenburg im übertragenden Sinn zu deuten, als Journalist in den oben genannten Verzahnungen eines der Räder ist. Die Aufarbeitung in einer Serie von 14 Artikeln von 1983 – auch wenn sie trotz weiterer Fortsetzungen punktuell geblieben ist – war höchst notwendig. Vielerorts in der Bundesrepublik wurden die Geschehnisse vornehmlich in kleineren Städten und Dörfern unterm Teppich gelassen, über die Beteiligung an Untaten und Verbrechen von Verwandten, Nachbarn und Kollegen geschwiegen. Der Weg vom Schweigen zum Verdrängen ist kurz. Wer das Schweigen störte, wurde als Nestbeschmutzer beschimpft, manchmal auch gesellschaftlich isoliert und beschädigt. Es brauchte das Aufmucken der 1968er und den altersbedingten Abtritt der Generation der (moralisch) schuldig gewordenen Funktionsträger in die Pensionierung, um der nachfolgenden Platz zu machen. Das war die Generation der Fragenden, bestärkt und emotionalisiert durch Anne Franks Tagebuch und diverser emotionalisierender TV-Hollywood-Filme, die das Schicksal jüdischer Familien nachspielten, z. B. „Holocaust“ oder Kinofilme wie „Schindlers Liste“. Weiterlesen

Veröffentlicht unter Aufarbeitung, Reflexionen, Rückschau / Heute, Verdrängen der NS-Zeit | Verschlagwortet mit , | Schreib einen Kommentar

Judengasse in Rothenburg – Schweigen und Staub legten sich auf die Häuser. Ein wichtiges Kulturdenkmal aus dem Mittelalter wurde endlich vor dem Verfall gerettet

Judengasse - romantisch gesehen, aber ohne Juden

Judengasse – romantisch gesehen, aber ohne Juden

Von Wolf Stegemann

Judengassen gab es in den meisten mittelalterlichen Städten des deutschsprachigen Raums. Sie waren das abgeschlossene Wohnviertel der Juden, die meist Händler waren, denn Handwerksberufe durften Juden damals nicht ausüben. Dagegen waren die streng organisierten christlichen Zünfte, die oft das Leben in der Stadt bestimmten und Bürgermeister stellten. Das gemeinsame Wohnen von Juden in einem bestimmten Stadtviertel beruhte im Mittelalter aber auch auf religiösen Prinzipien der Juden selbst, die zum Beispiel dem Gebot nachkommen sollten, nicht weiter als tausend Schritte von der Synagoge zu leben. Das Zusammenleben in einer Straße war jedoch auch begründet in der Notwendigkeit des Schutzes, der in einer Stadt ansässigen Juden (Schutzjuden), die entweder unter dem Schutz der Stadt, des Bischofs als Landesherr oder des Kaisers standen, was damals aber oft kein Hinderungsgrund war, Juden zu ermorden, zu vertreiben, zu berauben. Weiterlesen

Veröffentlicht unter Alte Geschichte, Aufarbeitung, Jüdisches Leben, Vertreibung | Verschlagwortet mit , , | 3 Kommentare

„Jeder Stein ein Leben“ – Rothenburger Bürger erinnerten mit Stolpersteinen an die Vertreibung und das Leiden der Juden in der Tauberstadt

Erinnerung an die Familie Wurzinger in der Herrngasse 21

Erinnerung an die Familie Wurzinger in der Herrngasse 21

Von Wolf Stegemann

„Hier wohnte Ida Wurzinger, Jahrgang 1872, unfreiwillig verzogen, 1938 Nürnberg, deportiert 1942, Theresienstadt, ermordet 18. 5. 1944 Auschwitz“ steht auf einem der Metallplatten aus Messing, die seit etlichen Jahren in Städten und Landgemeinden Deutschlands als „Stolpersteine“ im Boden der Gehwege vor den Häusern eingelassen sind. In ihnen wohnten einst Juden, die daraus vertrieben bzw. deportiert wurden – meist in den Tod. Weiterlesen

Veröffentlicht unter Jüdisches Leben, Rückschau / Heute, Stolpersteine | Verschlagwortet mit , , | Ein Kommentar

Peter Loeser in Stockholm – Schicksalsschwere Spuren seiner jüdischen Familie führen nach Rothenburg. 2017 besuchte er die Stadt, aus der seine Mutter 1938 vertrieben wurde

Peter Loeser zu Besuch in Rothenburg

Von Dieter Balb

Unter den vielen Touristen, die Rothenburg besuchen, fällt er nicht auf: Peter Loeser aus Stockholm mietet sich für einige Nächte in einem namhaften Hotel ein und könnte eigentlich die mittelalterliche Stadt genießen, um mit romantischen Urlaubseindrücken zurückzufliegen. Aber für den 73-Jährigen ist dies eine schmerzliche Wegmarke: Er schläft in dem Haus, das drei Generationen der jüdischen Familie Löwenthal gehörte, aus der er stammt – und die man misshandelt, enteignet und vertrieben hat. Rothenburg und die jüdische Gemeinde, das ist eine Geschichte, die im 13. Jahrhundert beginnt und von jüdischer Hochkultur über das Pogrom 1298 in der Burg durch viele Höhen und Tiefen bis 22. Oktober 1938 reicht, als die nationalsozialistische Vorzeige-Stadt sich rühmte „judenfrei“ zu sein. Jahrzehnte hat es nach dem Krieg gedauert, ehe man sich mit dem dunklen Kapitel der Stadtgeschichte befasste. Erst heute ergibt sich dank wissenschaftlicher Dokumentationen ein detailliertes Bild.

Nachbarn wurden plötzlich zu Feinden erklärt

Peter Loeser ist der Enkel von Ludwig Löwenthal, der im Haus Herrngasse 26 gestorben ist, in dem auch seine Mutter aufwuchs. Daten sind für ihn zwar erhellend, aber erstmal spielen Gefühle die entscheidende Rolle. Er ist ein sympathischer, abgeklärt wirkender Mann, der nicht von Hass, sondern eher von Trauer erfüllt ist und sich immer wieder fragt, wie es geschehen konnte, dass man gute Nachbarn plötzlich zu Feinden erklärte und bedrohte? „Das sind sehr viele Eindrücke und Gefühle, die ich habe, das alles macht mich ziemlich schwach” sagt der 1944 in Stockholm geborene Peter Loeser. Vieles muss er in aller Stille auf sich wirken lassen. Da ist der Besuch des jüdischen Friedhofs, den die Nazis verwüstet hatten und der nach 1945 wieder hergerichtet wurde. Die Grabsteine seiner Familie lässt er jetzt dort erneuern. Seine Eltern konnten noch 1939 dank geschäftlicher Beziehungen (der Vater Paul Loeser hatte in Pforzheim ein Schmuckgeschäft) nach Schweden auswandern. Das Foto zeigt die Löwenthal-Familie in Rothenburg.

Die Löwenthals, eine seit Generation angesehene Familie in Rothenburg

„Mein Vater war sogar als Kriegsfreiwilliger für Deutschland im Ersten Weltkrieg“, erzählt Peter Loeser – viele Juden dienten so überzeugt dem Deutschen Reich, dass sie die Vertreibungs- und Mordabsichten des NS-Regimes einfach nicht wahrhaben wollten. Noch 1937 hatten sich Vater und Mutter in Rothenburg im elterlichen Anwesen Herrngasse 26 verlobt. Das war damals als Wohnhaus mit zugehörigem Waschhaus und Stall sowie Scheune mit großem Hof und Garten im Grundbuch eingetragen. Das Foto zeigt die Mutter als junge FRau im Garten des Anwesens. Im Mittelalter wohnte Bürgermeister Bezold in dem Haus, der heute im folkloristischen Festspiel eine Rolle spielt. Auch das kleinere Nachbar-Wohnhaus Nr. 23 gehörte der Familie Löwenthal. Schräg gegenüber befand sich die jüdische Synagoge, die 1938 von den Nazis zerstört wurde, eine Tafel erinnert daran. Die Nazis vertrieben schon vor der Reichskristallnacht die letzten noch geduldeten jüdischen Bürger. Die Autorin Gertrud Schubart, 90, war als junge Schülerin gezwungen mit ihrer Klasse bei der Schändung des Betsaals dabei zu sein. „Jetzt schreit alle laut: Juden raus!” hatte ihr Lehrer am 22. Oktober 1938 befohlen. Danach hätten sich Buben ihrer Klasse „gebrüstet, auch ins gegenüberliegende Haus der Löwenthals eingedrungen zu sein, wo man in der gepflasterten Tenne die Chaise umwarf und antisemitische Parolen grölte“. Die Löwenthals gehörten zu den angesehenen jüdischen Familien, um 1926 waren 24 Familien gemeldet, darunter viele Viehhändler, aber auch Textil- und Lederwarenhändler, ein Metzger und Lehrer, es gab eine jüdische Kultusgemeinde. In der Herrngasse, in der einst die Patrizier lebten, lagen mehrere jüdische Geschäfte. Heumann & Strauß und Westheimer sind bekannte Namen. Peter Loesers Großeltern Ludwig und Fanny Löwenthal hatten die Töchter Minna und Else. Von seiner Mutter Minna weiß er die traurige Geschichte, die er nun am Ort des einstigen Geschehens erzählt: „Meinen Großvater Ludwig Löwenthal haben die Nazis auf der Straße angegriffen und geschlagen, dann versuchte man den Arzt zu holen, der aber einen Juden nicht behandeln wollte. So kam er zurück in dieses Haus und starb am 11. Februar 1936 an einem Herzinfarkt!”

Ab 1933 Demütigung, Misshandlung, Arisierung, Vertreibung

Gewalttätig verfolgt wurden Juden ab 1933, als der jüdische Lederwarenhändler Leopold Westheimer wie am Pranger mit einem Schild um den Hals als vermeintlicher „Rassenschänder“ durch die Gassen getrieben wurde. Im nahen Creglingen haben SA-Leute damals 16 jüdische Männer so misshandelt, dass zwei davon starben. Zwei Jahre nach dem Tod ihres Mannes hat man die Witwe Fanny Löwenthal gezwungen ihren Besitz zu verkaufen. So wurde das Anwesen im Oktober 1938 wie alle anderen jüdischen Häuser auch „arisiert“ wie man das umschrieb. Erwerber war in diesem Fall ein örtlicher Druckereibetrieb, mit dem 30.500 Reichsmark vereinbart waren, die dann jedoch die NS-„Preisbehörde“ auf 21.000 RM herabgesetzt hat. Das Geld landete wie meist in solchen Fällen erstmal auf Sperrkonten und über bürokratische Raffinessen wie z. B. einer „Reichsfluchtsteuer” sorgte der NS-Staat häufig dafür, dass den Juden am Ende nichts mehr blieb.

Aus dem „arisierten“ Wohnhaus wurde die Gastwirtschaft „Meistertrunk“

Fanny Löwenthal konnte nach England emigrieren, ihre Tochter Minna mit der Familie Loeser 1939 nach Stockholm-Solna, wo dann nach dem Krieg wieder alle vereint waren. Nach 1945 stellte die Militärregierung ehemals jüdischen Besitz zunächst generell unter Treuhandschaft. In einem langen Prozess wurde die Herrngasse 26 zwar Fanny Löwenthal wieder zugesprochen, aber sie konnte die Rücknahme nicht mehr realisieren, denn die Belastungen (Bauauflagen und Kosten) waren zu groß. Das nebenstehende Foto zeigt das Haus im Jahr 1924. Auch die Rückgabe der von den Nazis vereinnahmten den Löwenthals gestohlenen Gegenstände wurde zum peinlichen Nachkriegs-Schauspiel wie die Akten belegen. Bis die Stadt einen antiken Schrank endlich 1956 herausgab, war Fanny Löwenthal schon zwei Jahre tot. Schließlich ging das Anwesen Herrngasse 26 anfangs der fünfziger Jahre vom Treuhänder an einen neuen Eigentümer, der das Gasthaus „Meistertrunk“ daraus machte. Heute ist es ein renommierter Hotelbetrieb, zu dem das Restaurant gehört. Dessen bereits dritter Nachkriegs-Eigentümer führte nun den 73-jährigen Enkel des einstmals jüdischen Besitzers durch das historische, aber zweckgebunden gegenüber der Vorkriegszeit erheblich veränderte Haus.

Peter Loeser möchte wiederkommen

Stolpersteine in den Gassen Rothenburgs künden davon wie viele Juden vertrieben wurden und im KZ umgekommen sind, einige konnten noch rechtzeitig auswandern. Die letzten 17 Juden wurden am 22. Oktober 1938 aus der Stadt vertrieben, man hat ihnen alles genommen. Für Peter Loeser ist es ein Stück weit Genugtuung, wenn er nach seinem Besuch feststellt: „Ich habe gesehen, dass es hier viele Menschen gibt, die sich um das Andenken der Juden kümmern und dass man jetzt wirklich versucht die jüdische Geschichte von Rothenburg zu erzählen”. Er möchte wiederkommen.

Siehe auch: Wiedergutmachung (3) Löwenthal
Siehe auch: Die jüdischen Bürger Rothenburgs – eine Übersicht

_______________________________________________________________

Text entnommen der Online-Seite Dieter Balbs: http://www.dibas.de/rolf-diba; die Fotos stammen aus dem Familienalbum Peter Loesers.
Veröffentlicht unter Flüchtlinge/Vertriebene, Holocaust, Jüdisches Leben, Personen, Reflexionen, Religionsgemeinschaften, Vertreibung | Verschlagwortet mit , , | Schreib einen Kommentar

70 Jahre danach: Das Evangelische Bildungswerk Rothenburg erinnerte an die brutale Vertreibung der jüdischen Bürger 1938

„Wir können nichts ungeschehen machen“, aber man könne über die Beschäftigung mit dem Thema eine Mahnung bewirken, dass sich Ähnliches nicht wiederhole, sagte Oberbürgermeister Walter Hartl in seiner Begrüßungsrede zur Gedenkfeier an die vor 70 Jahren aus Rothenburg vertriebenen jüdischen Bürger. Der Abend des Evangelischen Erwachsenenbildungswerkes in der Franziskanerkirche erinnerte eindringlich und in tiefem Respekt an die Opfer der Menschenhatz, die sich wie an vielen Orten Hitler-Deutschlands auch in Rothenburg zutrug. Weiterlesen

Veröffentlicht unter Antisemitismus, Aufarbeitung, Gemeinde 1933-38, Jüdisches Leben, Jüdisches Leben, Nach 1945, Rückschau / Heute, Vertreibung | Verschlagwortet mit , | Schreib einen Kommentar

Gestapo- und SS-Leute arbeiteten als Beamte für den BND der 50er- und 60er-Jahre. Bundeskanzler Konrad Adenauer billigte das höchstpersönlich

Von Dr. Malte Herwig

Carl Theodor Schütz schien ein ehrenwerter Mann zu sein. Der Agent mit dem Decknamen „Scherhag“ hatte sich „in menschlicher und politischer Hin­sicht voll bewährt. Seine Haltung war zu je­der Zeit beweisbar untadelig.“ Schütz sei ei­ne „charakterlich einwandfreie, ausgereif­te, sensible, temperamentvolle Persönlichkeit mit ausgeprägtem Willen, die jederzeit ein Vorbild für ihre Mitarbeiter ist“. Weiterlesen

Veröffentlicht unter Rückschau / Heute | Verschlagwortet mit , , , , | Schreib einen Kommentar

Zwangssterilisierung – Deutsches Ärzteblatt Heft 1/2 – 2007: Ächtung erst nach 74 Jahren aufgehoben (Auszug)

Von Thomas Gerst

Abgeordnete der CDU und SPD wollen einen Bundestagsbeschluss herbeiführen, wonach das Erbgesundheitsgesetz als nationalsozialistisches Unrecht geächtet wird. Für die meisten Betroffenen kommt ein solcher Beschluss zu spät. […] Reichlich merkwürdig erscheint vor diesem Hintergrund, in welcher Weise diese Angelegenheit am 13. April 1961 im Bundestagsausschuss für Wiedergutmachung verhandelt wurde. (Sachverständiger) Prof. Villinger verstieg sich zu der Behauptung, durch eine Entschädigung den Zwangssterilisierten erst recht zu schaden: Weiterlesen

Veröffentlicht unter Euthansie / Sterilisierung, Rückschau / Heute | Verschlagwortet mit , , , | Schreib einen Kommentar